Prognosen über Chinas Zukunft

Gast­bei­trag: Leser ***, ein in der Schweiz leben­der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler mit gro­ßer chi­ne­si­scher Ver­wandt­schaft, reagiert auf Gun­nar Hein­sohn (Acta diur­na vom 28. Dezem­ber 2020)

Man darf Chi­ne­sen im Wes­ten nicht mit Chi­ne­sen in Chi­na ver­wech­seln, und bei letz­te­ren muss man unbe­dingt unter­schei­den zwi­schen der (oder inzwi­schen den) „Grün­der­ge­nera­tio­nen”, also die­je­ni­gen, die nach Deng Xiao­pings wirt­schaft­li­cher Öff­nung „in die Hän­de gespuckt und das Brut­to­so­zi­al­pro­dukt gestei­gert” haben – und der jet­zi­gen Generation.
Chi­ne­sen sind abso­lu­te Meis­ter im Klar­kom­men unter wid­ri­gen Umstän­den, ganz ähn­lich wie Ita­lie­ner (die Men­ta­li­täts­ähn­lich­kei­ten bei­der Völ­ker sind wirk­lich frap­pie­rend, alle Chi­ne­sen, die ich durch Süd­ita­li­en geführt habe, oder die sich län­ge­re Zeit dort auf­hiel­ten, fühl­ten sich dort wie zuhau­se in Chi­na). Das bes­te Bei­spiel dafür ist, wie sie mit den teils unsin­ni­gen Regeln und Geset­zen der KP in Chi­na zurecht­kom­men. Ein biss­chen Bezie­hun­gen hier, ein biss­chen Bestechung da, und das läuft schon. Wenn sie im Aus­land sind, pas­sen sie sich dort per­fekt an – sie sind das Anpas­sen eben gewöhnt.
Das chi­ne­si­sche Wirt­schafts­wun­der pas­sier­te nicht auf­grund der klu­gen Poli­tik der KP (wenn man vom „Urknall” der prak­ti­schen Abschaf­fung des Kom­mu­nis­mus absieht), son­dern trotz der KP. Und es pas­sier­te auch nicht auf­grund des chi­ne­si­schen Bil­dungs­sys­tems. Das ist näm­lich unter­ir­disch. Sicher haben Sie dar­über die gän­gi­gen Kri­ti­ken gele­sen – und davon ist jedes Wort wahr, nur sind die west­li­chen Kri­ti­ken dar­an noch untertrieben.
Das chi­ne­si­sche Bil­dungs­sys­tem ist eigent­lich Kin­des­miss­hand­lung – ich habe eini­gen klei­nen chi­ne­si­schen Ver­wand­ten von mir per Sky­pe und per WeChat Nach­hil­fe gege­ben und weiss, was man denen zumu­tet. Kin­des­miss­hand­lung ist eigent­lich noch zu schwach aus­ge­drückt, es ist geis­ti­ge Ver­stüm­me­lung. Die haben im Nor­mal­fall abso­lut NULL Frei­zeit – wirk­lich null! Kein Spie­len, kei­ne Hob­bies, kein Aus­span­nen. Es geht mor­gens in aller Frü­he los, wenn sie zur Schu­le müs­sen. Leben sie auf dem Land, haben sie das Pro­blem, dass die Schu­len dort schlecht sind (die chi­ne­si­schen Schu­len, von der Grund­schu­le an, sind im Niveau enorm unter­schied­lich). Leben sie in der Stadt, müs­sen sie lan­ge Anfahrts­we­ge in Kauf neh­men. Im Unter­richt wird „gebimst”, was das Zeug hält. Da gibt es kei­nen Schul­un­ter­richt, wie wir ihn ken­nen. Es wird nach­ge­plap­pert, was der Leh­rer sagt, Din­ge wer­den ein­fach aus­wen­dig gelernt. Das ist noch wie vor Jahrzehnten.
Fra­gen sind nicht üblich – Kri­tik und Dis­kus­si­on sind west­li­cher Schwein­kram. Dem­entspre­chend ist das „Inter­es­se” der Schü­ler. Sie wer­den dres­siert wie Tie­re, nicht mehr und nicht weni­ger. Dazu muss man wis­sen, dass Lob in Chi­na unüb­lich ist – man schimpft lie­ber auf auf die Leis­tun­gen der Schü­ler oder, wenn die wirk­lich gut sind, spielt man das so gut es geht, her­un­ter. Was das in den See­len der jun­gen Leu­te anrich­tet, kann man sich vorstellen.
Das Ergeb­nis ist: Die pau­ken wie ver­rückt für die zahl­rei­chen und regel­mäs­si­gen Prü­fun­gen – und genau auf die­se Prü­fun­gen hin. Das Beherr­schen, gar das Anwen­den des Lehr­stoffs inter­es­siert wirk­lich nie­man­den. Die Leh­rer erst recht nicht. Denn die wer­den nur danach beur­teilt, wie vie­le ihrer Schü­ler durch die Prü­fun­gen kommen.
Wenn die Schü­ler nach einem lan­gen Schul­tag nach Hau­se kom­men, wird kurz etwas geges­sen, dann wird ein dicker Packen Haus­auf­ga­ben erle­digt. Sie dür­fen damit rech­nen, dass ein durch­schnitt­li­cher chi­ne­si­scher Schü­ler, von der ers­ten Klas­se an, zwi­schen 10 und 11 Uhr abends ins Bett kommt. Mor­gens um 6 oder spä­tes­tens 7 muss er wie­der aus den Federn. Die­se Kin­der sind nach kur­zer Zeit völ­lig fertig.
Samstag/Sonntag frei? Ver­ges­sen Sie das! Dann geht es in Nach­hil­fe­kur­se. Nein, kei­nes­wegs nur die schlech­ten Schü­ler, son­dern so gut wie alle! Die Leh­rer ach­ten schon dar­auf. Vie­le las­sen sogar im Unter­richt regu­lä­ren Stoff weg, damit die Schü­ler in die Nach­hil­fe MÜSSEN. War­um? Weil die Leh­rer die Nach­hil­fe pri­vat gegen Bezah­lung durch die Eltern organisieren.
An der Uni­ver­si­tät das­sel­be. Es wird sinn­los gepaukt, Inter­es­se für den Stoff kommt so nicht auf.
Das Nach­hil­fe­sys­tem kos­tet die meis­ten Eltern mit nor­ma­lem Ver­dienst ihre zweit­letz­ten Spar­gro­schen (die letz­ten gehen dann für die Hoch­zeit ihrer Söh­ne drauf, dar­auf kom­me ich gleich). Chi­ne­si­sche Eltern set­zen ihren gan­zen Ehr­geiz in die schu­li­sche „Kar­rie­re” ihrer Kin­der. Des­halb nütz­te es auch für die Gebur­ten­ra­te über­haupt nichts, als die Ein-Kind-Poli­tik auf­ge­ge­ben wur­de. Mehr als ein Kind kön­nen sich die weit­aus meis­ten Eltern näm­lich gar nicht leis­ten – die Schu­le ist zu teu­er (man muss wis­sen, dass vie­le Eltern mit Geld „nach­hel­fen”, damit ihre Kin­der auf bes­se­re Schu­len gehen kön­nen). Und selbst, wenn die Finan­zen aus­rei­chen wür­den, man hält die­sen Schlauch nerv­lich nur bei einem Kind durch.
Die Schü­ler und Stu­den­ten, die die­ses Sys­tem durch­lau­fen haben, sind als Per­sön­lich­kei­ten in den meis­ten Fäl­len unbrauch­bar gemacht wor­den. Mei­ne Frau, die als Indus­tri­el­le Ein­käu­fe­rin und Spe­zia­lis­tin für den chi­ne­si­schen Markt arbei­tet, hat hau­fen­wei­se mit die­sen einer­seits ver­zo­ge­nen, ande­rer­seits gequäl­ten Ver­sa­gern zu tun, die sich mit Geld einen Job in einer Fir­ma gekauft haben oder dort arbei­ten dür­fen, weil sie einen Freund oder Ver­wand­ten in der Fir­ma haben, der „ein gutes Wort für sie ein­ge­legt hat”. Man nennt die­se Kin­der „Klei­ne Köni­ge”, weil sich wäh­rend ihrer Schul­zeit alles um sie dreht – die gan­ze Fami­lie steu­ert Geld bei und redet auf die Klei­nen ein, doch mehr zu ler­nen. Aber so geknech­te­te Köni­ge hat es wohl sel­ten gege­ben. König­lich ist aller­dings das Anspruchs­den­ken die­ser Spröss­lin­ge, wenn sie die Tret­müh­le über­stan­den haben. Sie erwar­ten, dass ihnen die Welt offen­steht. Eige­ne Leis­tungs­be­reit­schaft? Null. Erwar­tungs­hal­tung? Gigantisch.
(Bei­sei­te: Die Chi­ne­sen haben ein gros­ses Pro­blem, weil es tra­di­tio­nell so ist, dass Kin­der sich um ihre alten Eltern küm­mern. Alters­hei­me gibt es viel zu weni­ge, und da kom­men im Prin­zip nur Kin­der­lo­se rein. Nun hat sich aber in den letz­ten Jah­ren zuneh­mend ein­ge­bür­gert, dass die „klei­nen Köni­ge” schlicht und ein­fach kei­ne Lust haben, sich um die Pfle­ge ihrer alten Eltern zu küm­mern. Chi­ne­si­sche Zei­tun­gen sind voll von empör­ten Berich­ten über sol­che Fäl­le. Auch wegen sol­cher Din­ge wur­de das „Sozi­al­kre­dit­sys­tem” ein­ge­führt. Ich weiss von einem Fra­ge­bo­gen, in dem die Kate­go­rie „küm­mert sich/kümmert sich nicht um sei­ne alten Eltern” als Bewer­tungs­kri­te­ri­um ent­hal­ten ist.)

Und: Was kön­nen die jun­gen Leu­te nach Schu­le und Stu­di­um? Sehr wenig. Als mein Sohn im Alter von 15 aus Chi­na nach Deutsch­land kam, dach­te er, dass ihm die Schu­le hier leicht fal­len wür­de, denn als er auf den Lehr­plan Mathe und ähn­li­ches schau­te, fand er, dass er das alles in Chi­na schon weit­aus frü­her gemacht hat­te. Nur: Er war nicht dar­auf vor­be­rei­tet, mit den schö­nen mathe­ma­ti­schen For­meln auch rea­le Pro­ble­me anhand von Bei­spie­len lösen zu müs­sen. Das war völ­lig neu für ihn, und er ver­sag­te zunächst auf gan­zer Linie.

Wenn Sie als Tou­rist in Chi­na Ein­hei­mi­sche in Eng­lisch anspre­chen, wer­den sie auf sehr vie­le Chi­ne­sen tref­fen, die kein Wort Eng­lisch mit Ihnen spre­chen kön­nen. Der Gedan­ke, dass die alle kein Eng­lisch an der Schu­le gemacht haben, wäre aller­dings weit ver­fehlt. Die haben Eng­lisch bis zum Abwin­ken gepaukt – aller­dings fast nur Gram­ma­tik­re­geln. Spre­chen ist für die Leh­rer über­flüs­si­ges Bei­werk und sie kön­nen es meist selbst nicht. Mein klei­ner Nef­fe hat­te drei Jah­re Eng­lisch, als ich ihm Nach­hil­fe gab. Der Jun­ge ist hoch­in­tel­li­gent und hat Best­no­ten. Aber er bekam kei­nen ein­zi­gen eng­li­schen Satz her­aus. Ähn­li­ches gilt für ande­re Fächer. Chi­ne­si­sches Ler­nen ist Theo­rie-Ler­nen. Das Ziel ist, wie gesagt, durch die Prü­fung zu kom­men. Der prak­ti­sche Nähr­wert des Gepauk­ten inter­es­siert nicht.

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Wenn nach der „Schul­kar­rie­re” des männ­li­chen Spröss­lings noch Geld übrig ist, dann kann er irgend­wann hei­ra­ten. Bezie­hun­gen ohne Trau­schein wer­den von der Ver­wandt­schaft extrem ungern gese­hen – und der Druck kommt dann schon, wie das Amen in der Kir­che. Und Geld braucht der jun­ge Mann zum Hei­ra­ten. Denn es ist nicht wie bei uns, zwei gehen ein­fach vors Amt und ver­ban­deln sich. Nicht in Chi­na. Dort ist die Ehe ers­tens eine Ange­le­gen­heit der gan­zen Fami­lie – die muss hel­fen, und die muss zur opu­len­ten Hoch­zeits­fei­er natür­lich auch ein­ge­la­den wer­den. Sie kön­nen das am ehes­ten mit tür­ki­schen oder ara­bi­schen Hoch­zei­ten ver­glei­chen, chi­ne­si­sche sind ähn­lich, nur womög­lich noch aufwändiger.

Mei­ne Lieb­lings­nich­te hat gera­de gehei­ra­tet, einen Mon­go­len. Da es nicht zu machen war, dass alle Mit­glie­der bei­der Fami­li­en sich an ihrem Wohn­ort Hang­zhou zum Fei­ern tref­fen konn­ten, muss­ten drei rie­si­ge Fes­te orga­ni­siert wer­den: Eines in der Mon­go­lei, bei den Ver­wand­ten des Bräu­ti­gams, eines in Hang­zhou, bei Freun­den und Kol­le­gen, und eines in Lanz­hou (Pro­vinz Gan­su), wo die meis­ten Ver­wand­ten mei­ner Nich­te woh­nen. Die Kos­ten stie­gen ins Irr­wit­zi­ge – aber das „muss­te sein”.
Trotz­dem sind das ver­gleichs­wei­se Lap­pa­li­en. Denn das dicke Ende – zumin­dest für den Bräu­ti­gam – kommt dann noch: Er muss für die Braut ein Haus oder zumin­dest eine Woh­nung, ein Auto, und am bes­ten noch Schmuck (Schwei­zer Uhren sind beliebt) zur Ver­fü­gung stel­len. Dafür plün­dert dann die gan­ze Ver­wandt­schaft ihre Spar­kon­ten. Aber das reicht meist nicht aus, also ver­schul­det man sich bei der Bank. Wie eine Stu­die der Federal Reser­ve Bank of San Fran­cis­co vor eini­gen Jah­ren nach­ge­wie­sen hat, ist Chi­na eines der Län­der, in dem die pri­va­te Ver­schul­dung in beängs­ti­gen­der Steil­heit ansteigt.
(Bei­sei­te: Seit vie­len Jah­re war­ten west­li­che Exper­ten dar­auf, dass die Bla­se im chi­ne­si­schen Immo­bi­li­en­markt platzt. Sie tut es bis­lang nicht aus dem ein­zi­gen Grund, weil zur Ehe eben eine Woh­nung oder ein Haus gekauft wer­den muss.)
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Jeder jun­ge Chi­ne­se soll mög­lichst stu­die­ren. Die Eltern set­zen alles, wirk­lich alles dar­an. Wer nicht stu­diert hat, hat nur zwei Mög­lich­kei­ten, sozia­les Pres­ti­ge zu gewin­nen: Ent­we­der er bekommt eine Macht­po­si­ti­on in Par­tei oder Ver­wal­tung, oder er ver­dient viel Geld. Auf Par­ties ist Geld fast der ein­zi­ge Gesprächs­stoff – Geld, und was man sich gera­de erst wie­der dafür geleis­tet hat. Das aller­neu­es­te Smart­pho­ne muss sein, selbst für Stu­den­ten. Nie­mand will Hand­wer­ker wer­den. Es gibt auch so gut wie kei­ne Aus­bil­dung in unse­rem Sin­ne dazu. Wer Klemp­ner wer­den will, muss sich einen arri­vier­ten Klemp­ner suchen, Berufs­schu­len unse­rer Art gibt es nicht. Das Ergeb­nis ist, dass chi­ne­si­sche Arbei­ter in Fabri­ken auch an ein­fa­chen Her­aus­for­de­run­gen schei­tern. Es sind meis­tens Bau­ern, die zwi­schen den Ern­ten als Wan­der­ar­bei­ter in die gros­sen Städ­te kom­men. Mei­ne Frau, obwohl selbst Chi­ne­sin, hat schon eini­ge Ner­ven­kos­tü­me ver­schlis­sen, weil die Arbei­ter­schaft ihrer chi­ne­si­schen Lie­fe­ran­ten zu dumm war, selbst ad nau­seam erklär­te und beschrie­be­ne Pro­duk­te sau­ber herzustellen.
Wie­so ist der chi­ne­si­sche Erfolg auf dem Welt­markt dann aber unter die­sen Bedin­gun­gen möglich?
Wer sind denn die Leu­te, die für das chi­ne­si­sche Wirt­schafts­wun­der ver­ant­wort­lich sind? Wer hat das bewerk­stel­ligt? Nun, die Genera­ti­on vor der jet­zi­gen (seit Deng Xiao­ping). Die sind unter völ­lig ande­ren Bedin­gun­gen aufgewachsen.
Es gibt ein Chi­na unmit­tel­bar nach Deng, und es gibt ein Chi­na in der Nach­fol­ge-Genera­ti­on (also unse­rer heutigen). 
Das geht so weit, man könn­te regel­recht von „zwei Chi­nas” spre­chen. Nur, das eine, das neue­re, das ist noch nicht sehr sicht­bar, weil die „Alten” zum gros­sen Teil noch an den Schalt­stel­len sit­zen. Die Genera­ti­on, die Deng aus dem Mao­is­mus her­aus­führ­te, war nicht ver­wöhnt. Ein gros­ser Teil ihrer Eltern war nach dem ‚Gros­sen Sprung’ ver­hun­gert, und in ihrer Jugend war jede Schüs­sel Essen, die ergat­tert wer­den konn­te, ein Fest.
Die­ses Chi­na ver­schwin­det rapi­de. Mein Sohn glaubt kaum die alten Geschich­ten, die mein Schwie­ger­va­ter (sein Gross­va­ter) ihm von den 50er und 60er Jah­ren erzählt. Es klingt auch zu unglaub­wür­dig (mei­ne Frau muss­te sich als Kind mit ihren drei Geschwis­tern oft einen ein­zi­gen Apfel – damals eine Kost­bar­keit – tei­len). Kei­ner mei­ner drei Schwa­ger durf­te stu­die­ren. Die Leh­rer in die­ser Zeit hat­ten – aus­ser eini­gen alten, die die Säu­be­run­gen über­lebt hat­ten – selbst das Niveau von Schü­lern. Bücher gab es kaum, und wenn, dann nur eins oder zwei. Der Schul­all­tag war damals völ­lig anders als heu­te. Mei­ne Schwa­ger und ihre männ­li­chen Alters­ge­nos­sen streif­ten nach der Schu­le her­um und ver­üb­ten Strei­che oder ver­such­ten, Ess­ba­res auf­zu­trei­ben, wenn es sein muss­te, per Dieb­stahl. Für Prü­fun­gen inter­es­sier­te sich so kurz nach der Ver­teu­fe­lung aller Intel­lek­tu­el­len kein Mensch.
Also lern­te mein Schwa­ger Nr. 3 (ich nume­rie­re sie durch), Last­wa­gen, Krä­ne, und alle Arten von Maschi­nen zu fah­ren und zu bedie­nen. Teils durch Pro­bie­ren, teils mit Rat­schlä­gen von Àlte­ren. Mein Schwa­ger Nr. 2 ver­such­te sich an diver­sen Geschäf­ten, bis er erfolg­reich – sehr erfolg­reich – eine Bau­fir­ma auf­bau­en konn­te, Schwa­ger 3, der ein guter Orga­ni­sa­tor und Hand­wer­ker ist, wur­de bei ihm Bau­lei­ter. Das sind kei­ne Ein­zel­fäl­le, sol­che Lebens­läu­fe waren in Chi­na typisch. Die Chefs eini­ge der gröss­ten chi­ne­si­schen Fir­men hat­ten ursprüng­lich Beru­fe wie Taxi­fah­rer oder Leh­rer. Jack Ma, der Grün­der von Ali­b­a­ba, führ­te Tou­ris­ten durch sei­ne Hei­mat­stadt, um Eng­lisch zu ler­nen, dann wur­de er Eng­lisch­leh­rer (erst spä­ter stu­dier­te er Wirt­schaft). Da er im Wirt­schafts­be­reich kei­nen Job fand, unter­rich­te­te er wei­ter Eng­lisch und grün­de­te neben­her eine Asso­zia­ti­on pen­sio­nier­ter Eng­lisch­leh­rer. Ein Freund zeig­te ihm, wie ein Com­pu­ter funk­tio­niert und wie man eine E‑Mail ver­schickt. Wenig spä­ter grün­de­te er sein ers­tes Inter­net-Unter­neh­men. Das ist so chi­ne­sisch, chi­ne­si­scher geht es kaum. Die kämpf­ten und wursch­tel­ten sich durch.
Die­se Genera­ti­on, die­se Men­ta­li­tät stirbt aus.
Man kann den Genera­tio­nen- und Kul­tur­bruch in Chi­na am ehes­ten ver­glei­chen mit unse­rer deut­schen unmit­tel­ba­ren Nach­kriegs­ge­nera­ti­on und den ver­zo­ge­nen grü­nen Gre­ta-Schrei­häl­sen unse­rer Zeit, die ein bis zum Gigan­ti­schen auf­ge­bla­se­nes Anspruchs­den­ken, kein Inter­es­se am Ler­nen har­ter Fak­ten haben, aber dafür hau­fen­wei­se Flau­sen im Kopf. Nein, in Chi­na sind sie nicht grün, und die Welt- und Kli­ma­ret­tung inter­es­siert sie nicht, aber ihr ein­zi­ges Inter­es­se gilt Schmuck, Klei­dern, Autos, Luxus-Uhren, teu­ren Han­dies, etc. Das soll man ihnen irgend­wie zur Ver­fü­gung stel­len; zu die­sem Zweck wer­den die Eltern bis aufs Blut gemol­ken. In Chi­na dau­er­te es bis zum Auf­tau­chen von deka­den­ten Erschei­nungs­for­men nicht meh­re­re Genera­tio­nen, wie bei uns, sie brauch­ten auch kei­ne 68er Ereig­nis­se, es ging von allein, und das rasend schnell. Man könn­te es „Neu­rei­chen-Syn­drom” nen­nen. Denn im Ver­gleich zur Genera­ti­on vor ihnen oder ihren Gross­el­tern leben die jun­gen Leu­te wirk­lich wie Könige.
Soll­ten Sie jetzt glau­ben, ich ratio­na­li­sie­re hier nur Pro­ble­me in mei­ner eige­nen Fami­lie, dann muss ich sagen: Nein. Ich habe sol­che Bei­spie­le in mei­ner an die 120 Per­so­nen zäh­len­den Ver­wandt­schaft, aber eher sind es ent­fern­te­re Ver­wand­te, etwa der eine Sohn von Schwa­ger Nr. 2. Mein Sohn hat die Kur­ve gekriegt und ist mitt­ler­wei­le sehr gut bezahl­ter Inge­nieur in Süd­deutsch­land, mei­ne Nich­te hat einen Top-Job bei einer Han­dels­fir­ma und küm­mert sich vor­bild­lich um ihre kör­per­be­hin­der­te Mut­ter. Aber ich sehe ja, was los ist, und was in unse­rem – vor­wie­gend chi­ne­si­schen – Ver­wand­ten- und Freun­des­kreis so pas­siert. Chi­ne­si­sche Netz­wer­ke sind mit nor­ma­len deut­schen nicht ver­gleich­bar, sie sind sehr viel grös­ser, der Infor­ma­ti­ons­fluss ist riesig.
Noch ein Pro­blem: die Justiz.

Bis vor weni­gen Jah­ren waren chi­ne­si­sche Rich­ter teil­wei­se noch Leu­te, die nie ein juris­ti­sches Semi­nar an einer Uni. von innen gese­hen hat­ten. Viel­fach stell­te man ein­fach alte Sol­da­ten als Rich­ter ein. Das hat sich ver­bes­sert. Aber es blei­ben gra­vie­rends­te Pro­ble­me (wen das inter­es­siert, der goo­ge­le bit­te unter dem Namen Prof. Knut Piß­ler, das ist unse­re bes­te Kory­phäe für das chi­ne­si­sche Rechts­sys­tem). In Chi­na ist es unfass­bar schwer, vor Gericht sein Recht zu bekommen.

Zunächst ein­mal zieht der nor­ma­le, anstän­di­ge Chi­ne­se sowie­so nicht vor Gericht. Man tut das ein­fach nicht, denn es ist ein Zei­chen sozia­len Ver­sa­gens. Der nor­ma­le Chi­ne­se arran­giert sich, wenn er mit einem ande­ren einen Kon­flikt hat. Ich muss­te mei­nen Schwa­ger Nr. 2, den Inha­ber der Bau­fir­ma, mona­te­lang beknien, bis er vor Gericht zog, um sei­ne aus­ste­hen­den Gel­der ein­zu­kla­gen (er hat­te dann Glück, dass der Schuld­ner sich ein­schüch­tern liess). Aber ein sol­ches Ver­fah­ren, wenn jemand Ihnen Geld schul­det, führt wirk­lich nur mit Glück zum Erfolg. Meh­re­re Umstän­de ste­hen dem ent­ge­gen. Ers­tens kann Ihr Pro­zess­geg­ner behaup­ten, dass er plei­te sei – kei­ne Instanz, kei­ne Insti­tu­ti­on wird sich die Mühe machen, sei­ne Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se genau unter die Lupe zu neh­men. Wenn das Gericht Ihnen Recht gege­ben hat und Ihr Schuld­ner hat offen­bar Geld, besteht das nächs­te Pro­blem dar­in, dass es in Chi­na kein funk­tio­nie­ren­des Voll­stre­ckungs­sys­tem (hier in der Schweiz sagen wir „Betrei­bung”) gibt. Der Gerichts­voll­zie­her kommt nicht zu Ihrem Schuld­ner, und wenn doch, dann rich­tet er nichts aus (man lese hier­zu „Chi­nas raf­fi­nier­ter Kampf gegen die Lao Lai Pla­ge”, ‚Die Welt’, 18.11.2015. Aber egal, wie „raf­fi­niert” man vor­ging, Lao Lai hält sich hartnäckig).
Das Sozi­al­kre­dit­sys­tem ist auch ein Mit­tel gegen die Pla­ge der schlech­ten Zah­lungs­mo­ral, und nach Euler/Hermes gehö­ren die Chi­ne­sen zu den schlech­tes­ten Schuld­nern welt­weit. (Noch vor kur­zem dekre­tier­te das Obers­te Volks­ge­richt, dass in sol­chen Ver­fah­ren die Inter­es­sen bei­der Par­tei­en, die des Gläu­bi­gers und die des Schuld­ners, „aus­zu­ta­rie­ren” sei­en – anstatt fest­zu­stel­len, dass gekauf­te Waren schlicht und ein­fach zu bezah­len sind.).
Chi­ne­si­sche Fir­men füh­ren einen stän­di­gen, zer­mür­ben­den Kampf, ihre Rech­nun­gen bezahlt zu bekom­men, und zwar in einem Aus­mass, wie man es sich hier­zu­lan­de nicht vor­stel­len kann. Man bekommt sein Geld, wenn man schmei­chelt, fleht, gemein­sa­me Bekann­te oder Auto­ri­tä­ten ein­schal­tet, droht, oder Gewalt anwen­det. Chi­na hat prak­tisch kaum das, was man „social credit” nennt, jenes kul­tu­rel­le Schmier­mit­tel, jene unge­schrie­be­nen Nor­man und Ver­hal­tens­wei­sen, die das rei­bungs­lo­se Funk­tio­nie­ren einer Wirt­schaft garan­tie­ren. Chi­na ist eher „Wil­der Osten”.
Das ging bis­her gut, weil die Chi­ne­sen eben gebo­re­ne Durch­wurst­ler sind, weil die chi­ne­si­sche Wirt­schaft immer noch (!) von Nach­hol-Effek­ten pro­fi­tiert (man kommt von sehr weit unten), und weil die Struk­tur des chi­ne­si­schen Wirt­schafts­sys­tems noch ver­gleichs­wei­se ein­fach gestrickt ist. 
Dies wird aber nicht so blei­ben. Auch die chi­ne­si­sche Wirt­schaft ver­kom­pli­ziert sich. Und da wird ein funk­tio­nie­ren­des Rechts­sys­tem mit Rechts­si­cher­heit für die Wirt­schaf­ten­den abso­lut essen­ti­ell sein.

Ich fas­se kurz zusammen:

„Cul­tu­re mat­ters”, wie Hun­ting­ton zu recht fest­stell­te. Kul­tur bestimmt das Wirt­schaf­ten. Und Chi­na hat, neben sei­nen bana­len Pro­ble­men wie Gebur­ten­rück­gang und Über­al­te­rung (die chi­ne­si­sche Lebens­er­war­tung steigt schnell) drei tief­grei­fen­de Pro­ble­me: das völ­lig unzu­rei­chen­de Rechts­sys­tem, das z.T. dar­an krankt, dass Chi­ne­sen Gerichts­ver­fah­ren als unfein anse­hen, und vor allem das Auf­kom­men einer Genera­ti­on, die meta­li­täts­mäs­sig mit den Grün­der­vä­tern (die auch heu­te noch weit­ge­hend den Betrieb am Lau­fen hal­ten) nichts mehr gemein­sam hat.
Als Drit­tes kommt die aus­ufern­de pri­va­te Ver­schul­dung hin­zu, die auf der rela­tiv neu­en Unsit­te der „con­spi­cuous Con­sump­ti­on”, vor allem beim Hei­ra­ten, beruht.
Die­se Gemenge­la­ge wird Peking noch extrems­te Kopf­schmer­zen bereiten

 

Nach­schrift:

Ich habe Hein­sohns Buch vom Wett­kampf um die Klu­gen nicht gele­sen, nur eine Zusam­men­fas­sung. Im fol­gen­den wei­te­re Erklä­run­gen mei­ner Sicht der chi­ne­si­schen Zukunft.
Dass die Ost-Asia­ten es bei den inter­na­tio­na­len Mathe-Tests in die Spit­zen­grup­pe schaf­fen, ist kein Wun­der, so wie sie gedrillt wer­den. Aber Drill allei­ne ist kei­ne Garan­tie für die effek­ti­ve Anwen­dung des Gelern­ten. Dazu gehö­ren ande­re Fähig­kei­ten sowie ein güns­ti­ges Umfeld. In Japan, wo man ein ähn­li­ches Sys­tem wie in Chi­na hat­te, hat man das eher begrif­fen, und die dor­ti­gen Schul­re­for­men der 90er und 2000er Jah­re leg­ten mehr Wert auf die Indi­vi­dua­li­tät der Schü­ler, auf frei­wil­li­ge Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten und auf weni­ger Drill. Um das, was man „Prü­fungs­höl­le” bezeich­net hat­te, bes­ser zu bewäl­ti­gen, wur­de eigens eine sechs­jäh­ri­ge Sekun­dar­schu­le ein­ge­rich­tet. Im Zuge die­ser Refor­men, auf­ge­schreckt durch zahl­rei­che Selbst­mor­de von Schü­lern, hat man den aka­de­mi­schen Inhalt der Lehr­plä­ne redu­ziert (sie­he ‚USJP.org/Japanese edu­ca­ti­on’).
Intel­li­genz­tests mes­sen nor­ma­ler­wei­se nur die Intel­li­genz einer sehr klei­nen Per­so­nen­grup­pe: näm­lich die meist sehr nied­ri­ge ihrer Erfin­der; Cogni­ti­ve Abi­li­ty Tests sol­len vali­der sein, da sie gute Vor­her­sa­gen über die spä­te­re Leis­tung in Stu­di­um und Beruf abge­ben. Inter­es­sant ist aber, was aus der „Mathe­ma­tik­be­ga­bung” (die ja im Grun­de nicht gemes­sen wird, sonst dürf­te man aus­schliess­lich Kin­der vor dem Kin­der­gar­ten­al­ter tes­ten, es wird die ange­lern­te Mathe­ma­tik­kom­pe­tenz fest­ge­stellt) in der Pra­xis gemacht wird.
Im Jahr 2015 betrug die Anzahl der pro Mil­li­on Ein­woh­ner ange­mel­de­ten Paten­te laut patent-pilot.com in Japan 276 (gerun­det), in Süd­ko­rea 240, in Isra­el (drit­ter auf der Lis­te) 155, … in den USA (5.) 129, Deutsch­land (6.) 123, Schweiz 116. Län­der wie Aus­tra­li­en, Kana­da, Bel­gi­en, Neu­see­land kreb­sen im 50er Bereich her­um, Russ­land liegt bei 4, die meis­ten Län­der (wie z.B. Indi­en) unter 1. In einer Lis­te von 35 Län­dern lag Chi­na im Jahr 2015 mit knapp 16 Paten­ten pro Mil­li­on Ein­woh­ner auf Platz 24, hin­ter dem Durch­schnitts­wert von 28, und weit hin­ter Län­dern wie Öster­reich (71), Ita­li­en (44), oder sogar Spa­ni­en (24).
Nun kommt es zwar nicht immer auf Erfin­dungs­reich­tum an – Japan hat auch als Pla­gia­tor ange­fan­gen, und gut geklaut ist ja oft bes­ser als schlecht erfun­den. Ein wesent­li­cher Fak­tor beim Erfolg ist natür­lich die Fra­ge, wie ver­markt­bar die Erfin­dun­gen sind – also wird irgend­wel­cher Pipi­fax erfun­den, oder wirk­lich brauch­ba­re Din­ge? Zudem muss neben der rela­ti­ven Zahl natür­lich die abso­lu­te berück­sich­tigt wer­den: Wenn ein Fuss­ball­team mit 11 Spie­lern der Klas­se Ronal­do oder Mes­si antritt, wird es trotz­dem gegen ein Team Pro­ble­me haben, das mit 44 Spie­lern der Klas­se Schal­ke 04 statt mit elfen auf den Platz kommt.
Betrach­ten wir also das Bild in abso­lu­ten Zah­len. Im Jahr 2019 wur­den in Chi­na knapp 59.000 Paten­te ange­mel­det (Deut­sches Patent- und Mar­ken­amt, WIPO-Bericht). In den USA etwas weni­ger, näm­lich 57.840. In der EU (ohne GB und Schweiz) waren es im glei­chen Zeit­raum 66.343, wobei ich die Län­der mit unter 100 Anmel­dun­gen nicht ein­mal mit­ge­zählt habe. Japan allein hat 52.660 Anmeldungen.
Natür­lich sind Patent­an­mel­dun­gen nicht regis­trier­te Paten­te, und über die Ver­markt­bar­keit ist nichts gesagt. Schau­en wir uns also den ‚Glo­bal Inno­va­ti­on Index’ an, der von der Cor­nell Univ., dem fran­zö­si­schen INSEAD und der ‚World Intel­lec­tu­al Pro­per­ty Orga­niz­a­ti­on’ (WIPO) anhand von rund 80 Indi­ka­to­ren aus ver­schie­de­nen Berei­chen erstellt wird. Er wird von Volks­wir­ten häu­fig zu Rate gezo­gen. Im Jahr 2013 figu­rier­te die VR Chi­na auf Platz 35 in die­ser Lis­te (Hong­kong auf Platz 7), Deutsch­land auf Platz 15, die USA auf Platz 5 und die Schweiz auf 1. Im Jahr 2020 steht Chi­na auf Platz 14, Deutsch­land auf 9, die USA auf 3, und die Schweiz auf 1 (da steht sie immer).
Es ist kei­ne Fra­ge, dass Chi­na sich stark ver­bes­sert hat; aller­dings kom­men sie eben von ziem­lich weit unten. Ich habe schon den „Auf­hol­ef­fekt” (catch-up effect) kurz erwähnt, der Chi­na bei sei­nen Ver­bes­se­run­gen zugu­te kommt. Es ist ein Kenn­zei­chen gering ent­wi­ckel­ter Wirt­schafts­sys­te­me, dass mit recht beschei­de­nen Inves­ti­tio­nen schon gros­se zah­len­mäs­si­ge Effek­te erzielt wer­den kön­nen, in gros­sen Wirt­schaf­ten ist ein ähn­li­cher Fort­schritt nur mit viel mehr Auf­wand zu errei­chen. (Mein Geo­gra­phie­leh­rer am Gym­na­si­um ver­an­schau­lich­te das mit dem Bei­spiel: Wenn in einem Ent­wick­lungs­land im Jahr ein LKW pro­du­ziert wird, und im nächs­ten Jahr derer zwei, dann ist das eben eine Stei­ge­rung um 100%.) Ent­wi­ckelt ein Wirt­schafts­sys­tem sich wei­ter, sin­ken auto­ma­tisch die Wachs­tums­ra­ten. (Es ist eben schwie­ri­ger eine LKW-Pro­duk­ti­on von einer Mil­li­on auf zwei Mil­lio­nen zu erhö­hen, als von einem LKW auf zwei.)
Dem­entspre­chend „nor­ma­li­sier­ten” sich die Wachs­tums­ra­ten der chi­ne­si­schen Wirt­schaft von einem Rekord­hoch von ca. 15% Anfang der 90iger Jah­re auf jetzt knapp 5% .
Nun braucht Chi­na, auf­grund des mit 0,5% gerin­gen Bevöl­ke­rungs­wachs­tums (nied­ri­ger als das der USA, die 0,6% haben) nicht mehr, wie frü­her, min­des­tens 7% Wachs­tum, um die Arbeits­lo­sig­keit klein zu hal­ten. Aber bei unter 5% wird es eng, auch wenn der Migra­ti­ons­drang vom Land in die Städ­te etwas nach­ge­las­sen haben soll (genau ist das nicht fest­zu­stel­len, weil vie­le Wan­der­ar­bei­ter natür­lich kei­nen „huk­ou” an ihren Arbeits­or­ten haben und damit durchs Ras­ter der Sta­tis­tik fallen).
Betrach­ten wir das kauf­kraft­be­zo­ge­ne BIP pro Kopf im inter­na­tio­na­len Ver­gleich (Bezugs­jahr 2019). Ich weiss, die­se Zah­len sind unzu­ver­läs­sig im Detail, auf­grund von Ver­gleich­bar­keits­pro­ble­men der jewei­li­gen Waren­kör­be, aber sie geben doch wenigs­tens unge­fähr den Stand eines Lan­des an. Auf den ers­ten Plät­zen der (kauf­kraft­be­rei­nig­ten) Lis­te fin­den sich die übli­chen Ver­däch­ti­gen, also Luxem­burg, Macao, die Schweiz, Katar, Sin­ga­pur; die USA figu­rie­ren auf Platz 8, Öster­reich und Deutsch­land auf 16 und 17. Tai­wan fin­den wir auf Platz 20. Chi­na (ohne Hong­kong) düm­pelt auf dem erbärm­li­chen Platz 80, in der Nähe von Bots­wa­na und Gabun. In Dol­lar wäre das Pro-Kopf-Ein­kom­men ca. 16.700 (Schweiz: 72.000, Deutsch­land 56.200, USA 65.250). Wohl­ge­merkt, es han­delt sich jeweils um den Durch­schnitt, nicht um den Medi­an (Schät­zun­gen des IWF). In Wirk­lich­keit dürf­te das kauf­kraft­be­rei­nig­te Ein­kom­men in Chi­na nied­ri­ger sein, weil in den letz­ten Jah­ren die Prei­se ins­be­son­de­re für Nah­rungs­mit­tel gera­de­zu explo­diert sind (in den offi­zi­el­len Infla­ti­ons­zah­len taucht das nur bowd­le­ri­siert auf, die sind offen­sicht­lich getürkt); wenn das so wei­ter­geht, ent­steht da erheb­li­cher sozia­ler Spreng­stoff, denn beim Essen hört für die Chi­ne­sen jeder Spass auf. Prak­tisch jeder grös­se­re Auf­stand der chi­ne­si­schen Geschich­te hat­te mit Essen zu tun.
Lynet­te Ong und Chris­ti­an Göbel („Social Unrest in Chi­na”, ‚Ecran’, 2012) haben in ihrer gründ­li­chen Stu­die das sehr star­ke Anwach­sen gewalt­sa­mer Pro­tes­te in Main­land Chi­na unter­sucht. Sie kamen zu dem Schluss, dass trotz des star­ken Anstiegs sol­cher Vor­fäl­le die Legi­ti­mi­tät der KP-Herr­schaft nicht gefähr­det erschei­ne, und dass die loka­len Auf­stän­de eher wenig mit all­ge­mei­nen öko­no­mi­schen Fra­gen zu tun hät­ten. R. Kel­ly-Mey­rick („Social Unrest in Chi­na – a thre­at to regime legi­ti­ma­cy and the eoco­no­my?”, ‚Glo­bal Risks Insights’, July 10, 2017) bekräf­tigt die Sta­bi­li­tät des Pekin­ger Regimes und stellt fest, dass Unru­hen eher auf­grund von Umwelt­skan­da­len und Kon­flik­ten über Land­be­sitz ent­ste­hen als über ande­re Fra­gen. Aller­dings kön­nen loka­le Pro­tes­te jeder­zeit umschla­gen in grös­se­re, und sie kön­nen sich ande­re The­men und Zie­le suchen. Das Bei­spiel Hong­kong muss den Pekin­ger Herr­schern wie ein war­nen­des Mene­te­kel für den Rest Chi­nas erscheinen.
Der Chi­naspe­zia­list Rogier Cree­mers („Dis­rup­t­ing the Chi­ne­se sta­te – new actors and new fac­tors”, ‚SSRN’ [social sci­ence rese­arch net­work], May 2016) ver­weist auf die zuneh­men­de Sym­bio­se von pri­va­ten Inter­net-Rie­sen wie Ali­b­a­ba und der Zen­tral­re­gie­rung. Wel­che Effek­te für die Regie­rungs­macht aus die­ser Sym­bio­se ent­ste­hen wer­den, hält er aller­dings für offen.
Ich glau­be, dass die Ent­wick­lung der chi­ne­si­schen Wirt­schaft, bei der die zuneh­men­de Anzahl von Mil­li­ar­dä­ren nur ein Aspekt ist, erheb­li­che Pro­ble­me für die Zen­tra­le berei­ten wird. Denn öko­no­mi­sche Macht ver­wan­delt sich leicht in poli­ti­sche Macht, und durch das Ent­ste­hen so zahl­rei­cher Gross­kon­zer­ne erwach­sen neue Her­aus­for­de­run­gen für die Par­tei. Einer­seits bie­tet das Inter­net eine ganz neue Kon­troll­mög­lich­keit über die Bür­ger. Ande­rer­seits bringt die Fül­le von Daten, die so gesam­melt wer­den, die Gefahr der Über­las­tung des Sys­tems mit sich. Schon die Sowjet­uni­on krank­te in ihrem sam­mel­wü­ti­gen Infor­ma­ti­ons­sys­tem dar­an, dass die viel­fäl­ti­gen Infor­ma­tio­nen nicht effi­zi­ent aus­ge­wer­tet, kana­li­siert und den Ent­schei­dungs­trä­gern als ver­dau­li­che Infos zur Poli­tik­fin­dung vor­ge­legt wer­den konnten.
Die regio­na­len „Pro­vinz­fürs­ten”, die im chi­ne­si­schen Kor­rup­ti­ons- und Vet­tern­wirt­schafts­sys­tem leben wie die Maden im Speck, wer­den durch die Prä­senz von Gross­fir­men in ihrem Macht­be­reich gestärkt, was der Zen­tra­li­sie­rung der Macht durch Peking zuwiderläuft. 
Schau­en wir kurz auf das aus­sen­po­li­ti­sche Gesamt­bild. Chi­na hat sich Russ­land im Rah­men des ‚One Belt, One Road’-Projektes qua­si als Juni­or­part­ner zur Ener­gie­si­che­rung und als Tran­sit­land nach Euro­pa unter den Nagel geris­sen, was vie­le Rus­sen nur zäh­ne­knir­schend schlu­cken. Ansons­ten steht Chi­na fast ohne Ver­bün­de­te da, im Gegen­teil, die expan­si­ve chi­ne­si­sche Aus­sen­po­li­tik, beson­ders im Süd­chi­ne­si­schen Meer, hat dazu geführt, dass das Land im Osten, Süd­os­ten, und Süden von Fein­den umge­ben ist, vom gros­sen Kon­kur­ren­ten Indi­en im Süd­wes­ten müs­sen wir gar nicht erst reden.
Schau­en wir kurz auf die Bevöl­ke­rungs­zah­len, nicht, weil die ent­schei­dend sind, son­dern weil sie immer ange­führt wer­den. Chi­na hat, wie wir wis­sen, rund 1,4 Mil­li­ar­den Ein­woh­ner, Russ­land (wenn man es als Ver­bün­de­ten Chi­nas anse­hen darf) etwa 148 Mil­lio­nen. Das Chi­na nicht freund­lich geson­ne­ne Indi­en – auch ato­ma­re Macht – hat kaum weni­ger: näm­lich 1,35 Mil­li­ar­den. Die USA haben ca. 330 Mil­lio­nen Ein­woh­ner, die EU (ohne GB) 450 Mil­lio­nen. Japan etwa 126 Mil­lio­nen. Damit rela­ti­viert sich die Grös­se Chi­nas nach Bevöl­ke­rungs­zah­len schon.
Das Glück der Akteu­re, die sich Sor­gen um Chi­nas Macht­hun­ger machen, ist die Tat­sa­che, dass Chi­na aus­ser­or­dent­lich gut dar­in ist, sich Fein­de zu machen.
Von Aus­tra­li­en bis Indo­ne­si­en, Malay­sia und Viet­nam – über­all ist man äus­serst besorgt und ver­är­gert über die chi­ne­si­sche Gross­macht­po­li­tik im Süd­chi­ne­si­schen Meer, die offen­bar auf die Kon­trol­le der Schif­fahrts­we­ge abzielt.
Die USA, die einen zwei­ten Fall „Japan in Welt­krieg II” ver­hin­dern wol­len, dies­mal mit Blick auf Chi­na, haben meh­re­re bila­te­ra­le Ver­tei­di­gungs­pak­te geschlos­sen, näm­lich mit den Phil­ip­pi­nen, mit Japan, mit Süd­ko­rea sowie mit Aus­tra­li­en und Neu­see­land. Zudem gibt es noch das ‚Five Power Defence Arran­ge­ment’ zwi­schen Gross­bri­tan­ni­en, Malay­sia, Sin­ga­pur, Aus­tra­li­en und Neu­see­land. Chi­nas aus­sen­po­li­ti­sche Situa­ti­on ist also durch­aus nicht unver­gleich­bar mit der Deutsch­lands nach der Bis­marck-Ära, nach dem Aus­lau­fen des Rück­ver­si­che­rungs­pakts. Chi­na steht mit Russ­land und den klei­ne­ren Staa­ten der Shang­hai Coope­ra­ti­on Orga­niz­a­ti­on (SCO) allein da (Thai­land, Kam­bo­dscha und Paki­stan sind viel­leicht bis zu einem gewis­sen Grad Aus­nah­men), so wie Ber­lin damals mit Öster­reich-Ungarn im wesent­li­chen allein dastand. Man darf nicht ver­ges­sen: Die SCO ist kei­nes­wegs ein for­ma­ler mili­tä­ri­scher Pakt, und die rus­si­sche Rück­ver­si­che­rung ist unsi­cher (sie­he auch Derek Gross­man, „China’s friends are few and unre­li­able”, in: ‚Nik­kei Asia’, Oct 11, 2020).
Hal­ten wir fest: Im Inne­ren hat Chi­na diver­se gros­se Pro­ble­me, von denen der Kul­tur­bruch durch die jun­ge Genera­ti­on mei­ner Ansicht nach das gröss­te ist. Die pri­va­te Ver­schul­dung der Haus­hal­te und das für einen Indus­trie­staat völ­lig unzu­rei­chen­de Rechts­sys­tem sind ande­re erns­te Pro­ble­me. Aus­sen­po­li­tisch ist die Lage Pekings alles ande­re als beneidenswert.

Chi­na läuft in eine Scyl­la-und-Cha­ryb­dis-Pro­ble­ma­tik hin­ein. Ent­we­der man ent­schliesst sich, die Digi­ta­li­sie­rung der Wirt­schaft zu einer Aus­wei­tung der Regie­rungs­kon­trol­le zu nut­zen – dies wür­de mei­ner Ansicht nach in eine inne­re „over-exten­si­on” des Staa­tes mün­den. Oder man lässt kon­kur­rie­ren­de inne­re Macht­zen­tren zu. Bei­des wäre für die Pekin­ger Herr­schaft dys­funk­tio­nal. Wir sehen hier, dass tota­li­tä­re Regimes, wenn ihre Wirt­schaf­ten wach­sen, in eine qua­si „kyber­ne­ti­sche” Fal­le lau­fen: Die Kom­ple­xi­tät des Sys­tems wird irgend­wann so gross, dass eine zen­tra­le Steue­rung ent­we­der auf­ge­ge­ben oder zu einer Art „Organ­ver­sa­gen” füh­ren muss.

 

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