2. Februar 2022

„Die ein­zi­ge Kir­che, der ich ange­hö­ren möch­te, ist die, die man im Dorf läßt.”
Her­mann L. Grem­li­za, durch­aus selbstironisch

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Es mel­det die Zeit:

Der Text ist lust- und elan­los von der dpa über­nom­men: „Unbe­kann­te haben am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de auf dem Dresd­ner Hei­de­fried­hof eine Bron­ze­skulp­tur zur Erin­ne­rung an die Opfer der Bom­ben­an­grif­fe auf die Stadt im Febru­ar 1945 beschä­digt. Die Poli­zei geht von Van­da­lis­mus aus – ein ent­spre­chen­des ‚Beken­ner­schrei­ben’ wur­de an meh­re­re Redak­tio­nen geschickt, wie ein Spre­cher am Mon­tag sag­te. Der Staats­schutz ermit­telt. Nach Poli­zei­an­ga­ben wur­de die Figur vom Stein­po­dest gesto­ßen, es ent­stand ein Sach­scha­den von rund 5000 Euro. Das ‚Trau­ern­de Mäd­chen am Trä­nen­meer’ wur­de von der in Dres­den leben­den Bild­haue­rin Mal­gorz­a­ta Cho­d­a­kow­s­ka geschaf­fen und steht seit 2010 vor einer gro­ßen schwar­zen Mar­mor­scha­le mit Blick auf den Ehrenhain.”

„Ober­bür­ger­meis­ter Dirk Hil­bert (FDP) ver­ur­teil­te die Akti­on. ‚Die Beschä­di­gung oder Zer­stö­rung von Gedenk­or­ten ist nie poli­tisch, son­dern ein­fach nur Van­da­lis­mus’, sag­te er. ‚Egal ob aus dem links- oder rechts­ra­di­ka­len Spek­trum: Wer sich an sol­chen Aktio­nen betei­ligt, ver­lässt den demo­kra­ti­schen und zivil­ge­sell­schaft­li­chen Dis­kurs um eine viel­fäl­ti­ge Erinnerungskultur.’ ”

Obwohl er qua­si vom Band kommt, han­delt es sich um einen für die Wahr­heits- und Qua­li­täts­pres­se sehr typi­schen Text. Zunächst ein­mal steht die abwie­geln­de, des­in­for­mie­ren­de Über­schrift in offen­sicht­li­chem Wider­spruch zur Nachricht.

„Schmie­re­rei­en” am sel­ben Ort sahen, neben­bei, bei frü­he­rer Gele­gen­heit so aus.

Sodann ent­rollt sich die Mel­dung in der Rei­hen­fol­ge: beschmiert – beschä­digt – vom Podest gesto­ßen – nach­hal­tig zer­stört; die meis­ten Leser wer­den ja hof­fent­lich schon ange­sichts der Über­schrift aus­ge­stie­gen sein. Zwei­mal wird in dem Text unter­stellt, die Täter sei­en „Van­da­len” gewe­sen – also die Tat ent­po­li­ti­siert –; das Beken­ner­schrei­ben, das auf Indy­m­e­dia auf­tauch­te, ord­nen die Autoren kei­nem kon­kre­ten poli­ti­schen Lager zu, weil sich, ers­tens, auf die­ser Web­sei­te, deren Exis­tenz von den Main­stream­m­edi­en nie skan­da­li­siert wird, ja auch der Ku-Klux-Klan, die His­bol­lah und die IRA beken­nen, sowie, zwei­tens, das Motiv der Herostra­ten dun­kel und rät­sel­haft ist. Und der Bür­ger­meis­ter ver­ur­teilt anlass­un­spe­zi­fisch jeden Extre­mis­mus, um ja auf der siche­ren Sei­te zu sein.

Ein­zig Bild lie­fer­te ein Bild und nann­te Ross und Reiter.

Der Dresd­ner Busch­funk raunt, die edlen See­len hät­ten sich einer Flex-Kreis­sä­ge bedient, um der Bron­ze­maid die Fes­seln zu durch­tren­nen. Die wer­den sie doch nicht sel­ber bezahlt haben müssen?

Mer­ke: Ver­brann­te deut­sche Kin­der sind kei­ne Opfer!

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Mit­un­ter gerinnt die neue Welt­ord­nung in einer ein­zi­gen Frage.

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Urhe­ber die­ser Ent­schei­dung war wie­der der Ers­te Senat mit Mer­kels grund­rechts­fa­na­ti­schem Pro­te­gé Har­b­arth an der Tete.

Die Geschwin­dig­keit, mit wel­cher im bes­ten Deutsch­land ever der Rechts­staat geschleift wird, ist beein­dru­ckend. Auf die nächs­ten zwei, drei Jah­re extra­po­liert, wer­den sie die Grund­rech­te in ein staat­li­ches Ziel­set­zungs­recht ver­wan­delt haben.

Die Durch­set­zung der Mas­ken­pflicht mit der Schuss­waf­fe wird einem dann als nor­ma­le, gesit­te­te Maß­nah­me erscheinen.

Bischof, ich kann schießen,
Sag­te der Büt­tel zum Bischof
Pass auf, wie ich’s mach!

(Brecht, „Der Büt­tel von Ulm”)

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Wenn Sie jetzt noch das lesen:

Und das:

Und das:

Dann stim­men Sie dem Gevat­ter Grem­li­za, er ruhe nach wie vor in Frie­den, bestimmt zu, der geschrie­ben hat:

„Annah­men über Täter und Her­gang einer Tat, die von Unbe­fug­ten geäu­ßert wer­den, hei­ßen Verschwörungstheorien.”

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Ein guter Bekann­ter ver­brach­te eini­ge Tage in Buda­pest und berich­tet sehr ange­tan von der ent­spann­ten Stim­mung in der Haupt­stadt des euro­päi­schen Sach­sens. Das öffent­li­che Leben sei durch kei­ner­lei Ver­bo­te ein­ge­schränkt, man kön­ne Geschäf­te, Restau­rants und Bars besu­chen, ohne einen Impf- oder Gene­sen­s­eins­nach­weis prä­sen­tie­ren zu müs­sen, und es herr­sche nir­gend­wo Mas­ken­pflicht. Ein Teil der Men­schen tra­ge eine Mas­ke, die ande­ren eben nicht, das sei dort so frei­wil­lig wie die Imp­fung, wobei eine Mehr­heit geimpft sei, aber kein Mensch Anstoß dar­an neh­me, wenn man es nicht ist. Jeder tref­fen sei­ne Ent­schei­dung für sich und akzep­tie­re jene des anderen.

Eine Kryp­to­dik­ta­tur eben.

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Im frei­en Vor­bil­di­stan dage­gen gilt: Die Unver­sehrt­heit des Kol­lek­tivs erfor­dert die Ver­seh­rung des Einzelnen.

(Video anbei)

Also prak­tisch:

Zur Erin­ne­rung schnell noch ein Blick ins vul­gär­ju­ris­ti­sche Antiquariat.

Lindh hat immer Lun­te. Ver­fas­sungs Grund­ge­setz­feind­lich­keit ist längst kein Pro­blem mehr. Grund­rech­te sind ein­fach nicht mehr zeitgemäß.

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Jemand sag­te: „Sie wer­den die Impf­pflicht durch­zie­hen, nicht weil es irgend­ei­nen medi­zi­ni­schen Sinn hät­te, son­dern ein­fach, um zu bewei­sen, dass sie es kön­nen. Als Dres­sur­maß­nah­me, zur Vor­be­rei­tung auf Kommendes.”

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Hin­ge­bungs­voll wer­kelt Leser *** an rot-grün-gel­ben Image­pla­ka­ten. Probe:

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Ein Vor­ge­schmack auf kom­men­de gro­ße Transformationen.

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SED-Offi­zi­el­le kün­di­gen Rei­se­er­leich­te­run­gen an (nicht wegen der Montagsdemonstranten)!

Pas­send dazu ein Bei­spiel sinn­vol­ler Identitätspolitik.

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Zu mei­nen wie­der­holt unter­nom­me­nen Anläu­fen, das NS-Regime rück­wir­kend zu rela­ti­vie­ren und zu ver­harm­lo­sen, indem ich eine Ver­bin­dung von Natio­nal­so­zia­lis­mus und Sozia­lis­mus behaup­te­te und aus­ge­rech­net Natio­nal­so­zia­lis­ten als Kron­zeu­gen dafür her­bei­zi­tier­te, als ob die­se Figu­ren nicht immer nur gelo­gen hät­ten und über ihre Moti­ve über­haupt aus­kunfts­fä­hig gewe­sen wären – woher soll denn ein Natio­nal­so­zia­list wis­sen, ob er ein Sozia­list ist? –, hat Leser *** nun eine wei­te­re fal­sche Selbst­iden­ti­fi­ka­ti­on bei­gesteu­ert, die zu allem Übel auch noch von einem kom­mu­nis­ti­schen Rene­ga­ten stammt.

Der mir bis­lang unbe­kann­te Mann hieß Karl Iwa­no­witsch Albrecht, eigent­lich Karl Mat­thä­us Löw, leb­te von 1897 bis 1969, war Welt­kriegs­teil­neh­mer, KPD-Mit­glied, emi­grier­te 1924 in die Sowjet­uni­on, enga­gier­te sich in der KPdSU, wur­de als „Trotz­kist” 1932 aus­ge­schlos­sen, zum Tode ver­uteilt, spä­ter nach Deutsch­land abge­scho­ben, wo er sogleich im Gesta­po-Gefäng­nis lan­de­te, auf frei­en Fuß kam, neu­er­lich ins Aus­land floh und nach eini­gen Irrun­gen durch die Tür­kei und die Schweiz – es gab Zei­ten, da hat­ten Men­schen noch Bio­gra­phien, kei­ne Lebens­läu­fe – das anti­kom­mu­nis­ti­sche Buch „Der ver­ra­te­ne Sozia­lis­mus” schrieb, mit dem er sich gewis­ser­ma­ßen bei den Nazis habilitierte.

Es war der ers­te Fall, dass ein pro­mi­nen­ter sowje­ti­scher Funk­tio­när zu ihnen über­ge­lau­fen war. Das Buch wur­de von der NS-Pro­pa­gan­da geprie­sen und im Reich zum Best­sel­ler. 1944 über­stieg die Gesamt­auf­la­ge die Zwei-Mil­lio­nen-Gren­ze. Zuletzt dien­te Albrecht als Adju­tant bei Gene­ral Andrej Andre­je­witsch Wlas­sow, dem Kom­man­deur der rus­si­schen Frei­wil­li­gen­ar­mee, die an der Sei­te des Teu­fels für die Befrei­ung ihrer Hei­mat von der Herr­schaft Satans kämpf­te (leb­te Sopho­kles noch, er fän­de allein dar­in Stoff für min­des­tens eine Tri­lo­gie). Nach dem Krieg setz­ten die Kom­mu­nis­ten in der Ost­zo­ne das Buch aus Inzest­scheu auf den Index.

Leser *** schick­te mir eine Kopie der letz­ten Sei­te des Vorworts.

Es möge den Beweis­stü­cken hin­zu­ge­fügt werden.

***

Apro­pos Beweis­stü­cke. Regel­mä­ßi­ge Besu­cher des klei­nen Eck­la­dens befin­den sich im Bil­de dar­über, dass des­sen splee­ni­ger Betrei­ber einen hei­li­gen Rechts­streit nicht gera­de gegen die Natur, aber gegen ihre Lieb­ha­ber und Ver­klä­rer führt. Auf einer popu­lär­wis­sen­schaft­li­chen Web­sei­te stieß ich auf die­se Schil­de­rung roman­ti­schen natur­haf­ten Getändels.

Was soll’s, nur die Son­ne war Zeu­ge. Anders bei einem Kro­ko­di­l­an­griff auf eine Her­de Zebras in Kenia; da film­ten Men­schen mit. Ich habe noch nie ein leben­des und ver­zwei­felt um die­ses Leben kämp­fen­des Wesen gese­hen, des­sen Schä­del samt Kie­fer bis auf die Kno­chen frei­lag. Wer’s mag, es ist ja Natur, nichts als Natur, hier ent­lang. Aber Vor­sicht, das ver­gisst sich nicht so schnell.

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„Ein ver­track­tes Gesetz will, daß leich­ter schreibt, wer’s nicht kann.”
(Noch­mals Gremliza)

 

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