Es gibt nur zwei Geschlechter (und das ist gut so)

Es folgt der Text mei­nes vier­ten Pod­casts vom 19. Juli (zu sehen ist er nach wie vor hier).

 

Wenn Sie einen ande­ren Men­schen zum ers­ten Mal sehen, läuft in Ihrem Kopf spon­tan, unbe­wusst und ganz unwill­kür­lich ein Klas­si­fi­zie­rungs­me­cha­nis­mus ab. Die­ser Mecha­nis­mus ver­sucht, zwei Fra­gen zu beant­wor­ten, die bei­de von so exis­ten­ti­el­ler Art sind, dass es töricht wäre, sie dem Groß­hirn für eine län­ge­re Refle­xi­on zu über­ant­wor­ten; sie müs­sen sofort geklärt wer­den, näm­lich: Ist der ande­re eine Gefahr für mich? Und: Ist er ein mög­li­cher Sexualpartner?

Natür­lich fällt die Gewich­tung die­ser bei­den Gen­res je nach dem Ort der Erst­be­geg­nung unter­schied­lich aus. Als Frau neh­men Sie ein und den­sel­ben Mann in einer dunk­len Stra­ße eines anrü­chi­gen Vier­tels anders wahr als auf einer Par­ty. Auf Letz­te­rer kön­nen Sie sich ganz unge­stört der Attrak­ti­vi­täts­fra­ge wid­men. Ab einem gewis­sen Alter, heißt es, erlischt die­se Fra­ge im prak­ti­schen Sin­ne, doch die auto­ma­ti­sche Unter­schei­dung in attrak­tiv-unat­trak­tiv endet wohl nie.

Um beur­tei­len zu kön­nen, ob der ande­re eine mög­li­che Bedro­hung dar­stellt oder als poten­ti­el­ler Fort­pflan­zungs­part­ner in Fra­ge kommt, ermit­teln Sie – immer noch auto­ma­tisch und unbe­wusst – in Sekun­den­bruch­tei­len des­sen Geschlecht, des­sen Eth­nie und des­sen Alter. Das tut jeder Mensch auf Erden, auch alle, die Ihnen heu­te etwas über Gen­der und Tran­s­i­den­ti­tä­ten erzäh­len. In 99,9 Pro­zent aller Fäl­le gelan­gen Sie beim Geschlecht zu einem ein­deu­ti­gen Resul­tat. Die dahin­ter ablau­fen­den Pro­zes­se sind Mil­lio­nen Jah­re alt, sie waren für das Über­le­ben der Spe­zi­es unent­behr­lich, und so schnell wird sie nie­mand abstel­len. Das heißt, alle Men­schen – außer viel­leicht Jesus Chris­tus – beur­tei­len ihre Gegen­über spon­tan nach Kri­te­ri­en, die heut­zu­ta­ge als sexis­tisch und ras­sis­tisch der pflicht­schul­di­gen Ver­dam­mung ver­fal­len. Wenn man sich das vor Augen führt, ver­steht man auch die tie­fe­ren Moti­ve der Hys­te­rie, mit wel­cher die­ses The­ma in der Öffent­lich­keit trak­tiert wird. Es ist ein Chor von Klep­to­ma­nen, der ruft: Hal­tet den Dieb!

Es gehört zum Wesen exis­ten­ti­el­ler Fra­gen, dass die fal­sche Ant­wort ver­häng­nis­vol­le Fol­gen haben kann. Bei der Fehl­ein­schät­zung der Gefähr­lich­keit eines Gegen­übers ist das ein­deu­tig. Die Wahl des fal­schen Sexu­al­part­ners zählt dage­gen zu den sta­tis­tisch unum­gäng­li­chen, meis­tens harm­los enden­den Miss­ge­schi­cken im Leben eines Men­schen. Die Fol­gen kön­nen zwar auch hier gefähr­lich sein, im All­ge­mei­nen aber sind sie nur pein­lich, frus­trie­rend, eklig oder kuri­os. Zum Bei­spiel, wenn ein euro­päi­scher Tou­rist in Thai­land einen Lady­boy für eine Frau hält. Ist der Lady­boy, dem unser Euro­pä­er in sei­nem dunk­len Dran­ge folg­te, aber nun ein Mann oder eine Frau? Er ist natür­lich ein Mann. Des­we­gen war die Begeg­nung am Ende auch pein­lich. Die ver­meint­li­che Frau hat sich als Kerl ent­puppt, und der Frei­er ist nicht schwul.

In den Küns­ten und beim Kar­ne­val ist die bewuss­te Ver­tau­schung der Geschlech­ter ein alter Topos bzw. Hut. Ins­be­son­de­re als Män­ner ver­klei­de­te Frau­en haben seit Jahr­hun­der­ten in der Lite­ra­tur und auf der Büh­ne ero­ti­sche Span­nung pro­du­ziert und die Rol­len­tausch-Phan­ta­sien des Publi­kums bedient. Kein Gerin­ge­rer als Achil­leus ver­klei­de­te sich als Mäd­chen, um dem Gestel­lungs­be­fehl zum Tro­ja­ni­schen Krieg zu ent­ge­hen (das war natür­lich nicht ero­tisch kon­no­tiert). Es ist dem Men­schen­ge­schlecht seit Olims Zei­ten bewusst, dass es Män­ner gibt, die Män­ner lie­ben, und Frau­en, die Frau­en begeh­ren; die anti­ken Grie­chen haben gera­de­zu einen Kult dar­aus gemacht, ohne aber gleich die Fort­pflan­zung einzustellen.

Mit Sap­pho erhebt die weib­li­che Homo­se­xua­li­tät bereits im 7. vor­christ­li­chen Jahr­hun­dert ihre Stim­me; die Her­kunfts­in­sel der Dich­te­rin, Les­bos, ver­lieh dem gesam­ten Phä­no­men ihren Namen. Straus­sens „Rosen­ka­va­lier“ erfreut sich wegen der Hosen­rol­le des Octa­vi­an bis heu­te gro­ßer Popu­la­ri­tät bei gebil­de­ten Les­ben – eine Frau spielt dar­in einen Mann, der mit einer Frau schläft und sich spä­ter als Frau ver­klei­det, um einen ande­ren Mann her­ein­zu­le­gen. Aber kein Homo­se­xu­el­ler kam und kommt auf die Idee, sich wegen sei­ner Ori­en­tie­rung ein drit­tes Geschlecht zuzu­schrei­ben, im Gegen­teil: Die Homo­se­xua­li­tät folgt der Hete­ro­nor­ma­ti­vi­tät, der schö­nen Nor­ma­li­tät der Zwei­ge­schlecht­lich­keit. Auch Geschlechts­um­wand­lun­gen fin­den nach den Kri­te­ri­en der Hete­ro­nor­ma­ti­vi­tät statt, mit wel­chem beschei­de­nen Erfolg auch immer. Nie­mand lässt sich in ein drit­tes oder sieb­zehn­tes Geschlecht umwan­deln, weil weder er noch der Chir­urg wis­sen, was das ist.

Jetzt ist das Wort gefal­len, um das in den letz­ten Jah­ren ein veri­ta­bler Kul­tur­kampf ent­brannt ist: Zwei­ge­schlecht­lich­keit. Es ist in der Tat ein Kul­turkampf – für die Natur ist die Sache son­nen­klar: Es gibt nur zwei Geschlech­ter. Kein Bio­lo­ge wird Ihnen etwas ande­res sagen, es sei denn, er bekommt Geld dafür oder er hat Angst. Geschlecht ist untrenn­bar ver­bun­den mit Fort­pflan­zung. In die­ser Basi­s­tat­sa­che des Lebens hat sich die Natur ein­deu­tig fest­ge­legt, immer­hin geht es um die Bereit­stel­lung der nächs­ten Genera­ti­on, also um Alles. Des­we­gen gibt es nur zwei bio­lo­gi­sche Geschlech­ter, auch bei Zwit­tern übri­gens, von denen das Tier­reich eini­ge kennt und die Pflan­zen­welt voll ist. Ent­we­der Samen­zel­le oder Eizel­le; bei Zwit­tern bei­des in einem Orga­nis­mus, aber es gibt kein Drit­tes, allen­falls das Feh­len von Fort­pflan­zungs­zel­len, also eine Dys­funk­ti­on. Nie­mals ist eine drit­te Game­ten­form ent­deckt wor­den, bei­spiels­wei­se eine Kom­bi­na­ti­on aus Sper­mi­en und Eizellen.

Pri­mä­re Geschlechts­or­ga­ne sind dadurch defi­niert, dass sie unmit­tel­bar der Fort­pflan­zung die­nen: Vul­va, Vagi­na, Ute­rus, Ova­ri­en auf der einen, Penis, Samen­we­ge, Hoden auf der ande­ren Sei­te. Wenn man es ganz eng fasst, blei­ben als pri­mä­re Geschlechts­or­ga­ne nur Ova­ri­en und Hoden übrig. Sie sind prak­tisch das, was der Motor beim Auto ist. Ohne sie wäre der Rest überflüssig.

Man las zuletzt in den Gazet­ten oft die rhe­to­ri­sche Fra­ge, was eine Frau aus­macht und was einen Mann. Mit ver­läss­lich mani­pu­la­ti­ven, also fal­schen Ant­wor­ten, die so weit füh­ren, dass beson­ders expo­nier­te Tat­sa­chen­ver­dre­her behaup­ten, Män­ner könn­ten schwan­ger wer­den oder men­stru­ie­ren. Die Uni­ver­si­tät Bonn ver­sucht gera­de, sich mit einem „Pilot­pro­jekt“ an die Spit­ze die­ser Zeit­geis­te­rei zu set­zen: Sie stellt nicht nur Tam­pons und Bin­den gra­tis (also auf Steu­er­zah­ler­kos­ten) zur Ver­fü­gung, son­dern will bei­des auch auf den Her­ren­toi­let­ten anbie­ten. „Denn auch männ­li­che Stu­die­ren­de men­stru­ie­ren”, ver­si­cher­te ein AStA-Funk­tio­när auf der Web­sei­te der Uni.

Tun sie nicht. Nicht ein­mal beim Bon­ner AStA.

Also noch­mals: Was ist eine Frau? Eine Frau ist eine Per­son, die Kin­der gebä­ren kann. Was ist ein Mann? Eine Per­son, die Kin­der zeu­gen kann. Eine Frau ist ein Wesen, das Eizel­len pro­du­ziert, ein Mann dage­gen pro­du­ziert Samen­zel­len. Umge­kehrt for­mu­liert: Ein Wesen, das Eizel­len pro­du­ziert, ist weib­lich, ein Wesen, das Samen­zel­len pro­du­ziert, männ­lich. Das ist alles. Die­se bei­den Aus­sa­gen wer­den dem­nächst wahr­schein­lich bei Stra­fe ver­bo­ten sein, doch aufs Gan­ze der Geschich­te gese­hen scheint das ein nor­ma­les Schick­sal von Wahr­hei­ten zu sein.

Um es noch etwas genau­er zu for­mu­lie­ren und blö­den Ein­wän­den zu ent­ge­hen:  Eine Frau ist ein mensch­li­ches Wesen, das wäh­rend einer bestimm­ten Zeit sei­nes Lebens befrucht­ba­re Eizel­len bereit­stellt, ein Mann ist ein Wesen, das wäh­rend einer bestimm­ten Zeit sei­nes Lebens Samen­zel­len pro­du­ziert. Ein Mäd­chen ist eine Frau in sta­tu nas­cen­di, eine Grei­sin bleibt eben­so eine Frau wie eine weib­li­che Per­son, der die Gebär­mut­ter ent­fernt wur­de, weil sie Krebs hat­te. Auch ein kas­trier­ter Mann bleibt als ein männ­li­ches Wesen übrig. Zwar sind sei­ne pri­mä­ren Geschlechts­or­ga­ne ent­fernt wor­den, aber er bleibt auf­grund sei­ner Gehirn­struk­tur ein Mann. Das männ­li­che Gehirn ent­wi­ckelt sich näm­lich hor­mo­nell bedingt – man könn­te auch sagen: hoden­be­dingt – nach weni­gen Tagen aus dem ursprüng­lich weib­li­chen Gehirn.

Jemand, der sich für eine Frau hält, Perü­cke und Frau­en­klei­der trägt, sich Brüs­te bau­en, viel­leicht sogar den Penis ent­fer­nen lässt, wird damit nicht in die Lage ver­setzt, Eizel­len zu pro­du­zie­ren und Kin­der zu gebä­ren. Kein Mensch kann Hoden in Eier­stö­cke ver­wan­deln oder umge­kehrt. Es hat noch nie ein Mann ein Kind bekom­men und noch nie eine Frau ein Kind gezeugt. Es hat noch nie ein Mensch sein bio­lo­gi­sches Geschlecht gewech­selt, so wie noch nie ein Mensch sei­ne Ras­se gewech­selt hat, auch der streb­sa­me Micha­el Jack­son nicht, und alle wohl­mei­nen­den Ver­su­che der Grün­ro­ten, den Begriff Ras­se aus dem Grund­ge­setz zu strei­chen, wer­den das nicht ändern – genau des­we­gen wol­len sie den Begriff ja strei­chen. Wäre es tat­säch­lich mög­lich, sein Geschlecht und sei­ne Ras­se zu wech­seln, gäbe es das gan­ze anti­se­xis­ti­sche, anti­ras­sis­ti­sche Geplärr nicht. Die Lin­ke hat seit jeher ein gewal­ti­ges Pro­blem mit der Bio­lo­gie – eigent­lich: mit dem Bios, den der Logos ja nur beschreibt –, weil die Bio­lo­gie ver­läss­lich alle lin­ken Gleich­heits­vor­stel­lun­gen unter­läuft, unter­mi­niert, zertrümmert.

Und das ist der wah­re Grund für den gan­zen Lärm um die angeb­li­che Exis­tenz belie­big vie­ler Geschlech­ter. Es gibt ja nicht mal ein drit­tes. Der in Stan­ford leh­ren­de und for­schen­de Bio­lo­ge Ulrich Kut­sche­ra hat die­se Tat­sa­che in das ent­zü­cken­de Bon­mot geklei­det: „Die Bio­lo­gen suchen  seit über 300 Jah­ren nach dem drit­ten Geschlecht, und die Juris­ten haben es gefun­den.“ Hal­ten wir hier schon ein­mal fest: Das drit­te Geschlecht ist eine juris­ti­sche Zuschrei­bung, kein bio­lo­gi­sches Phänomen.

Lie­be und geschätz­te Zuhö­rer, wie vie­le Men­schen ken­nen Sie per­sön­lich, die sich weder als Mann noch als Frau ver­ste­hen? Es ist nicht so ein­fach, eine sol­che Per­son ken­nen­zu­ler­nen. Stand Febru­ar ver­gan­ge­nen Jah­res hat­ten knapp 1600 Men­schen in Deutsch­land die Neu­fas­sung des Per­so­nen­stands­ge­set­zes von 2018 zum Anlass genom­men, ihren Geschlechts­ein­trag zu ändern, sie haben ihr Geschlecht also neu defi­niert, die meis­ten davon aller­dings kon­ven­tio­nell hete­ro­nor­ma­tiv, von männ­lich zu weib­lich oder umge­kehrt. Nur ca. 400 Men­schen hat­ten sich bis Febru­ar 2021 in Kein-schö­ner-Land als „divers“ regis­trie­ren las­sen. 400 von 83,7 Mil­lio­nen, das ent­spricht 0,00047 Pro­zent der Bevöl­ke­rung. Am 2. Mai die­ses Jah­res mel­de­te der rbb, dass in Ber­lin 106 Men­schen im Mel­de­re­gis­ter als „divers“ ein­ge­tra­gen sei­en, 0,0028 Pro­zent der Berliner.

Was die Regis­trie­rung des Geschlechts bei der Geburt betrifft, gilt: Ist das Kind auf­grund sei­ner äuße­ren Geschlechts­merk­ma­le nicht zuor­den­bar, kann „weib­lich“ oder „männ­lich“ oder gar nichts ein­ge­tra­gen wer­den, seit 2018 besteht die Mög­lich­keit, „divers“ ein­zu­set­zen. Beim Ein­tritt der Voll­jäh­rig­keit kön­nen sol­che Men­schen selbst ent­schei­den, wohin sie gehö­ren wol­len. Das ist übri­gens hier­zu­lan­de seit lan­gem Pra­xis; im Preu­ßi­schen All­ge­mei­nen Land­recht von 1794 heißt es dazu:

„Wenn Zwit­ter gebo­ren wer­den, so bestim­men die Eltern, zu wel­chem Geschlech­te sie erzo­gen wer­den sol­len. Jedoch steht einem sol­chen Men­schen, nach zurück­ge­leg­tem acht­zehn­ten Jah­re, die Wahl frei, zu wel­chem Geschlech­te er sich hal­ten wolle.“

Inter­se­xu­el­le Men­schen sind übri­gens kei­ne Zwit­ter, son­dern meis­tens Per­so­nen mit einer gestör­ten Geschlechts­ent­wick­lung. Es gibt in Über­see Gen­der-Iden­ti­ty-Kli­ni­ken für Men­schen, die an Gen­der Dys­pho­rie lei­den, dort wer­den die see­li­schen Belas­tun­gen und psy­chi­schen Beschwer­den von Pati­en­ten behan­delt, die mit ihrer kör­per­li­chen Geschlechts­iden­ti­tät nicht über­ein­stim­men. Mit der hier in Rede ste­hen­den klei­nen Min­der­heit wür­den sich nor­ma­ler­wei­se ledig­lich ein paar Exper­ten beschäf­ti­gen, Psy­cho­lo­gen, The­ra­peu­ten, Chir­ur­gen, spe­cial inte­rest-Jour­na­lis­ten. Wir haben uns zwar in der spä­ten BRD dar­an gewöh­nen müs­sen, wie unter lin­ker Dis­kurs­he­ge­mo­nie eine Min­der­heit nach der ande­ren ent­deckt wur­de und vom Steu­er­zah­ler gepam­pert wer­den muss­te, doch wie konn­te es dazu kom­men, dass eine der­ma­ßen klei­ne, exo­ti­sche Rand­grup­pe ins Zen­trum aller west­li­chen Gesell­schaf­ten vor­zu­drin­gen vermochte?

An der Rand­grup­pe selbst lag es, wie gewohnt, eher nicht. Dafür sind ihre Anwäl­te ver­ant­wort­lich, die sich das Man­dat, eben­falls wie gewohnt, selbst erteilt haben. Bei die­sen Anwäl­ten, die das The­ma mit einem unglaub­li­chen mora­li­schen Erpres­sungs­druck in sämt­li­che Kapil­la­ren der west­li­chen Öffent­lich­keit pres­sen, han­delt es sich um woke Lin­ke mit einer kla­ren poli­ti­schen Agen­da. Sie wol­len der Bio­lo­gie das Geschlech­ter-The­ma weg­neh­men, um es als Waf­fe im poli­ti­schen Kampf ein­zu­set­zen. Seit Jah­ren dre­hen sie das gesell­schaft­li­che Debat­ten­kli­ma in die­se Rich­tung. Eine sol­che Kli­ma­än­de­rung betrifft natür­lich auch die Wis­sen­schaft. Die Wis­sen­schaft hat bis­lang noch in allen auto­ri­tä­ren Gesell­schaf­ten mit­ge­spielt, nach Han­nah Arendt ist die Beru­fung auf die Wis­sen­schaft sogar ein Haupt­kenn­zei­chen des moder­nen Totalitarismus.

Ich fas­se Arendts Theo­rie der Ele­men­te tota­li­tä­rer Herr­schaft hier in extre­mer Kür­ze zusam­men, sie trifft ver­blüf­fend gut auf die heu­ti­ge Lage zu.

Die Gesell­schaft ist ato­mi­siert und zugleich homo­ge­ni­siert – das nennt sich heu­te „Diver­si­ty“. Aus der Ori­en­tie­rungs- und Bin­dungs­lo­sig­keit der Ein­zel­nen resul­tiert ein kol­lek­ti­ver Man­gel an Urteils­kraft. Arendt schreibt – wir sind im Jahr 1951 –: „Die Men­ta­li­tät moder­ner Mas­sen (…) beruht dar­auf, daß sie an die Rea­li­tät der sicht­ba­ren Welt nicht glau­ben, sich auf eige­ne, kon­trol­lier­ba­re Erfah­run­gen nie ver­las­sen, ihren fünf Sin­nen miß­trau­en und dar­um eine Ein­bil­dungs­kraft ent­wi­ckeln, die durch jeg­li­ches in Bewe­gung gesetzt wer­den kann, was schein­bar uni­ver­sel­le Bedeu­tung hat.”

Die intel­lek­tu­el­len Eli­ten haben sich frei­wil­lig gleich­ge­schal­tet und betrei­ben mehr­heit­lich Sys­tem­pro­pa­gan­da. Gera­de sie hegen eine „Nei­gung für die abs­trak­tes­ten Vor­stel­lun­gen, die­se lei­den­schaft­li­che Vor­lie­be, ihr Leben nach sinn­lo­sen Begrif­fen zu gestal­ten, wenn sie dadurch nur dem All­tag und dem gesun­den Men­schen­ver­stand, den sie mehr ver­ach­ten als irgend etwas sonst, ent­ge­hen konn­ten”. Alex­an­der Wendt defi­niert die­ses Phä­no­men als „kul­tu­rel­le Ver­ach­tung“: Jener gesun­de Men­schen­ver­stand, der sieht, dass es zwei Geschlech­ter gibt, und sich die­se Tat­sa­che des­halb nicht aus­re­den lässt, ent­stammt dem Den­ken der ein­fa­chen, sess­haf­ten, malo­chen­den, nie­mals en vogue und fern­ab der urba­nen Schi­cke­ria leben­den Men­schen, und die sind es, die der kul­tu­rel­len Ver­ach­tung der soge­nann­ten Eli­ten ver­fal­len. Die Mehr­heit der ein­fa­chen Men­schen über­nimmt gleich­wohl die Ansich­ten der Eli­ten. Vor zwei Wochen ver­mel­de­te die Bild-Zei­tung eine Insa-Umfra­ge, der zufol­ge 49 Pro­zent der Deut­schen mei­nen, es gebe mehr als zwei Geschlech­ter, wäh­rend 38 Pro­zent wei­ter ihren fünf Sin­nen trau­en wollen.

Das heißt, ich fol­ge wei­ter Han­nah Arendt, dass frei erfun­de­ne, aber in sich logi­sche Sys­te­me das Den­ken der Men­schen beherr­schen und eine Hyper­rea­li­tät erzeu­gen. Des­we­gen ähneln sich über­zeug­te Kom­mu­nis­ten, über­zeug­te Nazis und über­zeug­te Woke in ihrem heils­durch­glüh­ten Eska­pis­mus auch so sehr. Die Mas­sen wer­den mit soge­nann­ten wis­sen­schaft­li­chen Bewei­sen von der Stich­hal­tig­keit der staat­li­chen Maß­nah­men über­zeugt. Arendt schreibt: „Die­se ideo­lo­gisch ver­an­ker­ten Lügen (sind) unan­tast­bar. Sie wer­den mit sorg­fäl­tig aus­ge­ar­bei­te­ten Sys­te­men pseu­do­wis­sen­schaft­li­cher Bewei­se geschützt.” Und: „Im Gegen­satz zu älte­ren For­men poli­ti­scher Pro­pa­gan­da, die dazu neigt, sich auf die Ver­gan­gen­heit zu beru­fen, um Gegen­wär­ti­ges zu recht­fer­ti­gen, benutzt tota­li­tä­re Pro­pa­gan­da die Wis­sen­schaft, um die Zukunft zu prophezeien.”

Gemäß dem strik­ten Deter­mi­nis­mus jeder Ideo­lo­gie steht am Ende des ein­ge­schla­ge­nen Weges eine Trans­for­ma­ti­on der mensch­li­chen Natur, das Errei­chen einer neu­en Gat­tungs­qua­li­tät. Soweit die inzwi­schen auch schon der Ver­damm­nis über­ant­wor­te­te Han­nah Arendt, damals janus­köp­fig zugleich in die Ver­gan­gen­heit und die Zukunft blickend.

Ein wesent­li­ches Glied in der tota­li­tä­ren Sym­ptom­ket­te ist also das Miss­trau­en gegen die eige­ne Wahr­neh­mung und deren Erset­zung durch staat­lich ver­brei­te­te soge­nann­te wis­sen­schaft­li­che Theo­rien. Keh­ren wir zu unse­rem The­ma zurück und schau­en wir, wie die Leu­te, die den Zeit­geist in eine Hyper­rea­li­tät dre­hen wol­len, sich dabei der Wis­sen­schaft bedienen.

Schon vor eini­gen Jah­ren erschien auf der Web­sei­te Spektrum.de, dem online-Able­ger der Zeit­schrift Spek­trum der Wis­sen­schaft, ein ursprüng­lich in Natu­re ver­öf­fent­lich­ter Arti­kel unter dem Abra­ka­da­bra-Titel „Inter­se­xua­li­tät: Die Neu­de­fi­ni­ti­on des Geschlechts“. „Immer mehr Stu­di­en zei­gen“, heißt es dort, „unse­re Vor­stel­lung von zwei Geschlech­tern ist all­zu sim­pel – nicht nur aus ana­to­mi­scher, son­dern auch aus gene­ti­scher Sicht.“

Die Autorin, eine eng­li­sche Wis­sen­schafts­jour­na­lis­tin, lehnt die binä­re Defi­ni­ti­on des Geschlechts ab und zitiert als Bele­ge eine Rei­he von Bei­spie­len, Men­schen mit Chro­mo­so­men-Ano­ma­lien oder ‑Bizar­re­ri­en, die sich aus der An- oder Abwe­sen­heit oder Über­zäh­lig­keit von Chro­mo­so­men erge­ben. Es han­delt sich also um Aus­nah­men und Ein­zel­fäl­le. Anders als die Ein­zel­fäl­le auf nächt­li­chen deut­schen Stra­ßen und obwohl sie weit sel­te­ner vor­kom­men, addie­ren sich sol­che Ein­zel­fäl­le und Aus­nah­men offen­bar zu einer Struk­tur, die das Gesamt­bild beein­flusst. Fas­zi­nie­rend, wür­de Mr. Spock sagen. Weil es Aus­nah­men gibt, ist unse­re „Vor­stel­lung“ von zwei Geschlech­tern zu sim­pel. Auch die Men­schen mit Chro­mo­so­men-Ano­ma­lien sind übri­gens ent­we­der männ­lich oder weib­lich, pro­du­zie­ren also ent­we­der Ova­ri­en oder Sper­mi­en, nichts Drit­tes, allen­falls über­haupt nichts.

Wer aber die bio­lo­gi­schen Bin­sen der Zwei­ge­schlecht­lich­keit öffent­lich vor­tra­gen will, erlei­det heu­te die Won­nen des Boy­kot­tiert­wer­dens, wie die Bio­lo­gin Marie-Lui­se Voll­brecht an der Ber­li­ner Hum­boldt-Uni, unter den hie­si­gen almae matres eine der hei­ßes­ten Kan­di­da­tin­nen auf den Titel: „Epi­zen­trum der Wokeness“.

In der Ber­li­ner Zei­tung kom­men­tier­te ein Gast­au­tor, ein Phi­lo­soph – also stu­dier­ter Phi­lo­soph – namens Mar­tin Krohs, die­sen Vor­gang mit den Wor­ten: „XX ver­sus XY: Das ist zwar in der Tat Bio­lo­gie, aber es ist, in die­ser rohen Form, die Bio­lo­gie von vor vier­zig Jahren.“

Hui, das war knapp. Stel­len Sie sich vor, es wäre die Bio­lo­ge von vor acht­zig Jah­ren gewesen!

Tat­säch­lich ist es die Bio­lo­gie der Jahr­mil­lio­nen, ohne die es uns nicht gäbe, aber unser Phi­lo­soph will, wie alle, die in die­ser Debat­te das Wort füh­ren, nicht auf die Regel, son­dern auf die weni­gen Aus­nah­men hin­aus. Als Freund der Aus­nah­me wäre ich übri­gens ganz bei ihm, wenn die­se Aus­nah­me­prä­fe­rie­rung nicht längst Main­stream wäre. Krohs fährt fort:

„Die aktu­el­le For­schung sieht die Fra­gen von Chro­mo­so­men und Geschlecht deut­lich sub­ti­ler. Sie betrach­tet das Genom nicht als star­ren Bau­plan für den Orga­nis­mus.“ Das Vor­lie­gen der bei­den Chro­mo­so­men­sät­ze eröff­ne „ledig­lich Ent­wick­lungs­pfa­de für Zel­len und Gewe­be, die dann in den meis­ten Fäl­len zu einer cha­rak­te­ris­ti­schen Organ­aus­stat­tung füh­ren. Aber da die Bio­lo­gie bekannt­lich wet and mes­sy ist, eine feuch­te und unor­dent­li­che Ange­le­gen­heit und kei­ne schwä­bi­sche Inge­nieurs­kunst, sind die­se Pfa­de offen für Varia­ti­on: Man hat schon bei kin­der­rei­chen Vätern Gebär­müt­ter gefun­den, außer­dem gibt es nicht weni­ge Indi­vi­du­en, die gene­ti­sche Chi­mä­ren sind, also sowohl XX als auch XY-Zel­len auf­wei­sen – und so wei­ter und so fort.“

Man hat schon bei kin­der­rei­chen Vätern Gebär­müt­ter gefun­den. Man ach­te auf den Plu­ral: bei Vätern Gebär­müt­ter gefun­den. Viel­leicht bei einem Jack the Rip­per-Nach­ah­mer daheim in der Tief­kühl­tru­he? Im Früh­jahr 2009 wur­de ein sol­cher Fall tat­säch­lich aus der süd­in­di­schen Stadt Tiru­varur berich­tet. Chir­ur­gen hat­ten bei einer Her­ni­en-Ope­ra­ti­on im Bauch eines 70jährigen Man­nes eine Gebär­mut­ter ent­deckt. Der Mann war vier­fa­cher Vater, besaß also ein funk­ti­ons­tüch­ti­ges männ­li­ches Geni­tal, wäh­rend der Ute­rus in sei­nem Bauch ein funk­ti­ons­un­tüch­ti­ger Irr­läu­fer war, eine Art blin­der Pas­sa­gier. „Such cases are uni­que“, gab der behan­deln­de Arzt denn auch stracks zu Pro­to­koll. Es gibt bio­lo­gi­sche Skur­ri­li­tä­ten und Fehl­bil­dun­gen, Men­schen mit pri­ma­ten­haf­ter Gesichts­be­haa­rung etwa oder sechs Fin­gern an jeder Hand, Ele­fan­ten­men­schen, sia­me­si­sche Zwil­lin­ge, und in die­se Wun­der­kam­mer gehört auch die Gebär­mut­ter des kin­der­rei­chen Pen­sio­närs. Für die Regel bedeu­tet das – nichts.

Das weiß unser stu­dier­ter Phi­lo­soph natür­lich selbst, er woll­te nur ein biss­chen Tro­cken­ne­bel auf die Büh­ne brin­gen, bevor die Illu­si­ons­show beginnt, für die er ein­fach den betrach­te­ten Gegen­stand wech­selt. Auf ein­mal kommt er näm­lich zum Gehirn. „Inner­halb ein und des­sel­ben Hirns sind die ver­schie­dens­ten Kom­bi­na­tio­nen von Weib­lich­keit und Männ­lich­keit mög­lich und kön­nen sich auch wäh­rend des indi­vi­du­el­len Lebens, je nach Tätig­keit und ‚Trai­ning‘, recht kurz­fris­tig ver­än­dern“, behaup­tet er unter Beru­fung auf zwei For­sche­rin­nen, von deren einer gleich die Rede sein wird (die zwei­te ist bei nähe­rer Betrach­tung nur eine Buch­au­torin). „Und da“, fährt er fort, „sind wir bereits mit­ten in der Gen­der-The­ma­tik, beim Sozio-Geschlecht.“

Es ist ein Hüt­chen­spie­ler­trick: Eben waren wir noch beim bio­lo­gi­schen Geschlecht, dann plötz­lich beim Gehirn, und nun sind wir in der „Gen­der-The­ma­tik“, die mit dem bio­lo­gi­schen Geschlecht noch weni­ger zu tun hat als das Kama­su­tra mit dem Kate­chis­mus. Aber die Gen­der-The­ma­tik hat immer­hin eine Gemein­sam­keit mit der aka­de­mi­schen Phi­lo­so­phie: Es gibt in ihr kei­ne ein­zi­ge im stren­gen Sin­ne wis­sen­schaft­li­che Arbeit. Das ist alles Sprach­spiel, Feuil­le­ton, Geplau­der, unüber­prüf­bar, mor­gen schon ver­ges­sen und durch neu­es Geplau­der ersetzt, who cares? Wenn sich so etwas mit der Wis­sen­schaft ver­mischt, um so zu tun, als sei es sel­ber Wis­sen­schaft, lei­det dar­un­ter immer nur – die Wissenschaft.

„Es wäre der größ­te Irr­tum, zu mei­nen, es kön­ne nur ent­we­der Sex oder Gen­der als ‚eigent­li­che‘ Kate­go­rie geben und man habe dann das jeweils ande­re als irrele­vant abzu­tun“, dekre­tiert der Ber­li­ner Zei­tung-Gast­au­tor; er könn­te eben­so gut schrei­ben, es wäre der größ­te Irr­tum, zu mei­nen, es kön­ne nur ent­we­der Astro­no­mie oder Astro­lo­gie als „eigent­li­che“ Kate­go­rie geben.

Der seman­ti­sche Trick besteht dar­in, angeb­lich von Geschlecht zu spre­chen, aber die pri­mä­ren Geschlechts­or­ga­ne bei­sei­te zu las­sen, um statt­des­sen beim Gehirn zu lan­den. Unser Phi­lo­soph beruft sich auf „die weg­wei­sen­den For­schun­gen“ der israe­li­schen Neu­ro­wis­sen­schaft­le­rin Daph­na Joel und deren The­se, das Gehirn habe kein Geschlecht. Die­se The­se ist alles ande­re als akzep­tiert, aber in unse­rem Kon­text wäre das voll­kom­men egal, denn das Gehirn ist kein Geschlechts­or­gan und inso­fern für die Zwei­ge­schlecht­lich­keit irrele­vant. Dass sich männ­li­che und weib­li­che Gehir­ne unter­schei­den, gilt als gut gesi­chert, wir stel­len ja auch täg­lich fest, dass sich Män­ner und Frau­en unter­schei­den. Allein die Wir­kungs­lo­sig­keit der Frau­en­för­de­rung wür­de als Bestä­ti­gung genü­gen. Eben mel­de­te der Syd­ney Morning Herald, dass trotz aller För­de­rung der Anteil der Frau­en in den MINT-Fächern in Down Under abneh­me. Wor­an mag’s lie­gen? Eher am Patri­ar­chat, oder eher am Unter­schied? Und wenn am Unter­schied, wo mag er sich verstecken?

Im Deutsch­land­funk begann ein Bei­trag über die Israe­lin mit der Fra­ge: „War­um erschei­nen Frau­en und Män­ner so unter­schied­lich? ‚Die Ant­wort liegt in der Ein­tei­lung der Men­schen in eben jene zwei sozia­le Kate­go­rien: Frau­en und Män­ner‘, sagt Daph­ne Joel. Es geht nicht um Bio­lo­gie, son­dern um Gesellschaft.“

Wer teilt ein? Nicht die Bio­lo­gie, son­dern die Gesell­schaft. So redet kei­ne Natur­wis­sen­schaft­le­rin, son­dern eher eine femi­nis­ti­sche Akti­vis­tin. In der eng­li­schen Wiki­pe­dia fir­miert Daph­na Joel übri­gens als „Anwäl­tin für Neurofeminismus“.

„Ich hof­fe“, erklärt sie wei­ter, „dass Kin­der, wenn das The­ma Gen­der auf­kommt, ihre Eltern (oder Groß­el­tern) bit­ten müs­sen, ihnen zu erklä­ren, was um Him­mels wil­len man sich frü­her ein­mal dabei gedacht hat, Men­schen nach der Form ihrer Geni­ta­li­en einzuteilen.“

Also ich habe Men­schen nie pri­mär nach der Form ihrer Geni­ta­li­en ein­ge­teilt, son­dern vor allem nach der Grö­ße und der Leis­tungs­kraft. Deal?

Ernst bei­sei­te. Von Aus­nah­men in homöo­pa­thi­scher Grö­ßen­ord­nung abge­se­hen, iden­ti­fi­ziert jeder Mensch sein Geschlecht schon in frü­her Kind­heit anhand sei­ner Geschlechts­or­ga­ne und derer des jeweils ande­ren Geschlechts. Nicht Mama und Papa brin­gen den Kin­dern bei, dass sie Jun­ge oder Mäd­chen sind, son­dern die Kin­der sehen anhand von Mama und Papa, dass es zwei Geschlech­ter gibt. Eine der ers­ten Fra­gen, die sich Kin­der unter­ein­an­der stel­len, lau­tet: Bist du ein Jun­ge oder ein Mäd­chen? – sofern es nicht eh klar ist. Dass sich bereits Kin­der ent­spre­chend ihres Geschlechts ver­schie­den ver­hal­ten, ist nicht nur empi­risch belegt, son­dern son­nen­klar. Das bio­lo­gi­sche Geschlecht ist die fun­da­men­tals­te Erfah­rung des Men­schen, zumin­dest des gesun­den Men­schen. Die Erkennt­nis­pro­ble­me vie­ler Femi­nis­tin­nen und Gen­de­ris­tas haben mit ihrem feh­len­den Rea­li­täts­be­zug als bekla­gens­wer­te Fol­ge von Kin­der­lo­sig­keit zu tun.

Aber will ich etwa bestrei­ten, dass es ein sozia­les Geschlecht gibt? Dass es Gen­der gibt? Die­se Fra­ge liegt unge­fähr auf der Ebe­ne wie die, ob ich der Ansicht sei, die Hei­sen­berg­sche Unschär­fe­re­la­ti­on gel­te auch für Gesprä­che, gera­de mit Sozi­al­wis­sen­schaft­lern, oder emo­tio­na­le Intel­li­genz sei genau­so mess- und ska­lier­bar wie kogni­ti­ve Intel­li­genz. Kann man alles machen, im Feuil­le­ton, in der Uni oder auf der Büh­ne, aber beson­ders seri­ös und aus­sa­ge­kräf­tig ist es nicht. Es gibt kei­ne exak­te sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Defi­ni­ti­on von „Gen­der“.

Der Begriff wur­de übri­gens bereits um 1880 ein­ge­führt, erfuhr ich bei Ulrich Kut­sche­ra, und zwar in einem zunächst rein bio­lo­gi­schen Kon­text, bei Zwit­tern wie dem Blut­egel. Zwit­ter erfül­len erst die männ­li­che, befruch­ten­de, danach die weib­li­che, gebä­ren­de Rol­le, und die­se Rol­len nann­te man damals „Gen­der“. Erst sehr viel spä­ter präg­ten ihn pro­gres­si­ve Sozialwissenschaftler_*:Innen zu den soge­nann­ten Geschlech­ter­rol­len um, die Män­nern und vor allem Frau­en von der Gesell­schaft mehr oder weni­ger auf­ge­zwun­gen wer­den. Die bio­lo­gi­sche Deter­mi­niert­heit sol­cher Rol­len ist übri­gens der blin­de Fleck der Gen­de­ris­tas. Gleich­sam unter der Hand ver­wan­del­te sich die Tat­sa­che, dass es Geschlech­ter­rol­len gibt, in die Behaup­tung, Geschlecht sei nur eine Rolle.

Die­ser Behaup­tung heu­te nicht zuzu­stim­men, kann das Ende der aka­de­mi­schen Kar­rie­re bedeu­ten, auch in den har­ten Wis­sen­schaf­ten. Auch Natur­wis­sen­schaft­ler brau­chen Publi­ci­ty, sie benö­ti­gen Dritt­mit­tel für ihre For­schung, und sie möch­ten kei­ne Boy­kot­te ihrer Vor­le­sun­gen. Es geht, wie gesagt, bei die­sem The­ma nicht um Wis­sen­schaft, son­dern um Poli­tik, um eine Macht­de­mons­tra­ti­on durch die Unter­wer­fung Anders­mei­nen­der unter das Regime von Zivil­ge­sell­schaft und Twittermob.

Es ist von einer tie­fen Sym­bo­lik, dass an der Ber­li­ner Hum­boldt-Uni ein Arbeits­kreis soge­nann­ter „kri­ti­scher Jurist*innen“ den Vor­trag der Bio­lo­gin Marie-Lui­se Voll­brecht boy­kot­tiert hat. Vie­le Bio­lo­gen und ande­re Natur­wis­sen­schaft­ler, sag­te Frau Voll­brecht spä­ter, hät­ten ihr nach den Ber­li­ner Vor­fäl­len geschrie­ben, dass ihnen Ähn­li­ches wider­fah­ren sei und sie Angst hät­ten, öffent­lich auf­zu­tre­ten. Die Wis­sen­schaft, und zwar jede Wis­sen­schaft, ist der natür­li­che Feind der Wokeness, zum einen wegen ihrer dis­kri­mi­nie­ren­den Erkennt­nis­se, zum ande­ren durch den nicht weni­ger dis­kri­mi­nie­ren­den Mecha­nis­mus der Begab­ten­aus­le­se. Des­we­gen haben die Real­so­zia­lis­ten des Ost­blocks den Wis­sen­schaf­ten eine Kon­troll­in­stanz über­ge­ord­net: die Par­tei. Heu­te gibt es kei­ne Ein­heits­par­tei mehr, son­dern ein Kar­tell aus Ein­heits­par­tei­en, eng ver­zahnt mit der eben erwähn­ten Zivil­ge­sell­schaft, die sich vor allem aus der Medi­en- und Kul­tur­sze­ne, den sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Fakul­tä­ten sowie soge­nann­ten NGOs rekru­tiert. Zusam­men bil­den sie die woke Par­tei neu­en Typs. Die­se Par­tei will das Geschlech­ter­the­ma nicht den Bio­lo­gen über­las­sen. Die Juris­ten – also die­je­ni­gen unter ihnen, die schon zuver­läs­sig auf Linie urtei­len – sol­len es den Bio­lo­gen weg­neh­men. Mit der Erfin­dung des drit­ten Geschlech­tes haben sie bereits gelie­fert, par­al­lel dazu wer­den Juris­ten die For­schungs- und Mei­nungs­frei­heit so weit ram­po­nie­ren, dass Kri­tik an der Auf­wei­chung der Hete­ro­nor­ma­ti­vi­tät als Het­ze bestraft wer­den kann. Als nächs­tes wer­den sie den Bio­lo­gen das Ver­er­bungs­the­ma und das Intel­li­genz­the­ma, über­haupt gene­ti­sche The­men mit einer Ten­denz zur Dis­kri­mi­nie­rung, aus den Hän­den neh­men und in jene der Zivil­ge­sell­schaft legen.

Wie sich sol­che zivil­ge­sell­schaft­li­chen Betreu­er der Wis­sen­schaf­ten anhö­ren wer­den, hat der Spie­gel-Kolum­nist Ste­fan Kuz­ma­ny vor­ge­führt, der Frau Voll­brecht beschei­nig­te, sie habe als Bio­lo­gin eben „eine sehr ver­eng­te Sicht­wei­se“ auf das The­ma. Anders als Kuz­ma­ny selbst, der besitzt den Drauf- und Durch­blick, den ihm ein Abschluss der Deut­schen Jour­na­lis­ten­schu­le in Mün­chen ver­leiht. Es wird wohl nicht mehr lan­ge dau­ern, bis Jour­na­lis­ten, Uni­ver­si­täts­phi­lo­so­phen und Queer­be­auf­trag­te den Bio­lo­gen erklä­ren, wie die Natur funk­tio­niert, so wie unse­re Völ­ker­recht­le­rin der Her­zen und Außen­amts­chefin bereits den Phy­si­kern ver­kli­cker­te, dass das Netz als Strom­spei­cher arbeitet.

Wie über­all, wo geho­belt wird, fal­len auch in der Schö­nen Quee­ren Welt ein paar Spä­ne. Ges­tern schick­te mir ein Leser eine Zei­tungs­mel­dung zu, sie stammt aus einem Frau­en­gefäng­nis in Tren­ton, New Jer­sey. Eine 27jährige Trans­frau namens Demi Minor, wegen Tot­schlags zu 30 Jah­ren Gefäng­nis ver­ur­teilt, hat dort zwei Mit­in­sas­sin­nen geschwän­gert. Ein im ver­gan­ge­nen Jahr in New Jer­sey ver­ab­schie­de­tes Gesetz erlaubt es, als Trans­frau sei­ne – sei­ne! – Stra­fe in einer Haft­an­stalt für Frau­en abzu­sit­zen. Das dem Text bei­gefüg­te Foto zeigt einen schwar­zen Mann mit feschen Zöpf­chen. An die Kon­ter­feis sol­cher „Ladys“ hat sich der zeit­ge­nös­si­sche Medi­en­kon­su­ment vor allem durch Nach­rich­ten aus dem Frau­en­sport gewöhnt, wo ehe­ma­li­ge Män­ner ihren von Natur aus weib­li­chen Kon­kur­ren­tin­nen davon­schwim­men oder ‑lau­fen, ihnen das Gesicht blu­tig schla­gen, den Kie­fer bre­chen oder sie beim Hand­ball ein­fach umren­nen. Der Trans­gen­der-Schwim­mer Lia Tho­mas, ein Drit­tel grö­ßer, schwe­rer und mus­ku­lö­ser als sei­ne Kon­kur­ren­tin­nen, wur­de gera­de von irgend­ei­nem Gre­mi­um als „Woman of the Year“ nomi­niert. So spuckt man der Mehr­heits­ge­sell­schaft tri­um­phie­rend ins Gesicht.

Das mag für den einen oder ande­ren Zuschau­er noch ulkig sein. Nicht mehr komisch sind die Aus­wir­kun­gen die­ses Kul­tes auf vie­le Min­der­jäh­ri­ge. Die tris­ten Figu­ren, die der­zeit vor allem jun­gen Leu­te ein­re­den, sie leb­ten im fal­schen Kör­per, die Puber­tie­ren­den die Lösung aller ihrer Pro­ble­me durch eine Geschlechts­um­wand­lung ver­hei­ßen und sämt­li­chen Kri­ti­kern irgend­wel­che Pho­bien unter­stel­len und sie mit Kla­gen über­zie­hen, das sind durch­aus Kri­mi­nel­le. Kri­mi­nell ist es eben­falls, wenn Regie­run­gen Min­der­jäh­ri­gen erlau­ben wol­len, ohne Zustim­mung der Eltern ihr Geschlecht zu ändern. Die­se kri­mi­nel­le Ener­gie lässt sich wahr­schein­lich nur aus dem ideo­lo­gi­schen Tod­hass der Lin­ken auf die bür­ger­li­che Fami­lie erklären.

Über­all, wo das Ver­sa­li­e­nun­ge­tüm LGBTQ und-weiß-die-Geierin-was-noch auf­taucht, wird ja nicht nur die Geschlechts­iden­ti­tät der Mehr­heit in Fra­ge gestellt, son­dern auch die Fami­lie als Schutz­raum gegen den staat­li­chen und zivil­ge­sell­schaft­li­chen Zugriff. Bekannt­lich hat bereits das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest die Abschaf­fung der Fami­lie als Ziel for­mu­liert, und die Neo‑, Kryp­to- und Kul­turm­ar­xis­ten haben die­ses Ziel nicht auf­ge­ge­ben. Das soge­nann­te neue Fami­li­en­bild der Ampel weist in die­se Rich­tung. Kin­der sol­len bis zu vier Eltern haben kön­nen. Jedes Kind hat aber zwei Eltern, eine Mut­ter und einen Vater. Auch ein Kind, das, sagen wir, bei einem schwu­len Paar auf­wächst, das sich eine Leih­mut­ter genom­men hat, hat zwei Eltern. Nur haben die bei­den Papis ihm die Mama weg­ge­nom­men. Aus Ego­is­mus. Des­we­gen muss das Kind zeit­le­bens auf das Ele­men­tars­te ver­zich­ten, was ein Kind besitzt: sei­ne Mut­ter. Viel­leicht soll­te ich bei die­ser Gele­gen­heit dar­an erin­nern, dass es kein Recht auf ein Kind gibt.

Ich kom­me zum Schluss und fas­se zusam­men. Es gibt zwei bio­lo­gi­sche Geschlech­ter. Die klit­ze­klei­nen Abweich­ler­grup­pen wer­fen das Gesamt­bild nicht um; sie sind inter­es­sant, aber nicht reprä­sen­ta­tiv. Jeder Wis­sen­schaft­ler oder Wis­sen­schafts­jour­na­list, der aus Grün­den von Publi­ci­ty und Trend­set­te­rei bei ihrer Ido­li­sie­rung zu gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Vor- und Leit­bil­dern mit­tut, wird sich fra­gen las­sen müs­sen, inwie­weit er sich zum Hel­fers­hel­fer von Puber­tie­ren­den­ver­stümm­lern und Fami­li­en­zer­stö­rern macht.

 

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