28. August 2022

Vor 120 Jah­ren lasen Gym­na­si­as­ten die „Ili­as“ und die „Odys­see“ im Ori­gi­nal, eine Genera­ti­on spä­ter dann nur noch in deut­scher Über­set­zung, aber in Hexa­me­tern. Eine wei­te­re Genera­ti­on spä­ter bevor­zug­ten sie ein­fa­che Pro­sa­fas­sun­gen, die schließ­lich mit text­ver­ständ­nis­för­dern­den Illus­tra­tio­nen ver­se­hen wur­den. Heu­te lesen sie die Epen, wenn über­haupt noch, als Comics.

PS: „Also wir haben am staat­li­chen Kna­ben-Gym­na­si­um zu Emme­rich am Rhein die Ili­as und die Odys­see in den Sieb­zi­ger Jah­ren noch im Ori­gi­nal gele­sen. Zur Anfer­ti­gung der Haus­auf­ga­ben haben wir aller­dings ille­ga­ler­wei­se die Über­set­zung von Hein­rich Voß als pons benutzt.”
(Leser ***)

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Was macht eigent­lich die DDR-Pres­se? Zum Bei­spiel Über­schrif­ten wie diese:

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Neue Ehren­äm­ter: Dusch­zeit­kon­trol­leur. Ver­dun­ke­lungs­durch­set­zungs­hel­fer. Maskensitzkorrektor.

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„Damit das Posi­ti­ve nicht zu kurz kommt”, möch­te Leser *** zu mei­nem Erleb­nis mit der plötz­li­chen Mas­ken­pflicht beim Über­que­ren der deut­schen Gren­ze in einer schwei­ze­ri­schen Eisen­bahn (Acta vom 26. August) „Gegen­tei­li­ges bei­tra­gen: Auf zwei grenz­über­que­ren­den Bahn­fahr­ten der ver­gan­ge­nen Woche mit einer nicht­deut­schen Gesell­schaft (So viel sei ver­ra­ten: Tu, felix Aus­tria…) gab es Kaf­fee­fil­ter­tra­ge­an­ord­nun­gen weder per Laut­spre­cher, noch durch das Bahn­per­so­nal. Und da die Moti­va­ti­on der gemisch­t­na­tio­na­len Fahr­gäs­te (Ita­lie­ner waren zu iden­ti­fi­zie­ren, Öster­rei­cher natür­lich, min­des­tens ein Nor­we­ger und, ja, auch Deut­sche waren an Bord) zum frei­wil­li­gen Anle­gen des Gess­ler­lap­pens offen­bar gegen Null ten­dier­te, blieb die Fahrt bis Han­no­ver mas­ken­frei. Dort begab es sich dann aber, dass ich in mei­nem ansons­ten lee­ren Abteil dadurch aus mei­nem süßen Schlum­mer geris­sen wur­de, dass die­ses von drei Deutsch*innen Ende 50 geen­tert wur­de, ein­an­der unbe­kannt, aber Schwes­tern im Geis­te, weil pflicht­schul­digst bemaskt. Weder die Tat­sa­che, dass sie mich ohne Lap­pen vor­fan­den, noch jene, dass der bald auf­tau­chen­de Schaff­ner gänz­lich unver­hüllt erschien, bewog das Trio zu Ver­hal­tens­än­de­rung. Und so blie­ben die Pap­pen brav vor ihren Visa­gen, bis wir Ham­burg erreich­ten (ich blieb selbst­ver­ständ­lich unbemaskt).”
(Netz­fund)

„ ‚Haben Sie kei­ne Mas­ke? Wir haben näm­lich noch immer Kar­ne­val’, sag­te die ost­deut­sche Schaff­ne­rin und wand­te sich auf dem Absatz um, ohne zu kon­trol­lie­ren, ob der ange­spro­che­ne Fahr­gast auch wirk­lich eine Mas­ke auf­setz­te. Er lach­te und tat es nicht.”
Berich­tet Freund *** aus einer Eisen­bahn im Harz.

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Wenn Ver­schwö­rungs­theo­rien wahr werden.

Es han­delt sich um den merk­wür­di­gen „Medi­en-Black­out über alles, was Hun­ter Biden anging”, wie Weg­ner schreibt.

„Mark Zucker­berg, der Grün­der und Chef von Face­book, hat es öffent­lich gesagt: Das ame­ri­ka­ni­sche FBI hat in die letz­ten US-Wah­len ein­ge­grif­fen, und zwar (min­des­tens) via ‚War­nun­gen’ an Face­book, im Effekt zuguns­ten von Joe Biden und gegen Donald J. Trump. (…)

In einem neu­en Inter­view mit Joe Rogan beschrieb nun Zucker­berg in scho­ckie­ren­der Non­cha­lance, wie auch Face­book die­se für Biden schäd­li­che Infor­ma­ti­on zensierte. (…)

Twit­ter mach­te es schlicht tech­nisch unmög­lich, den Arti­kel über den Lap­top des Biden-Soh­nes zu tei­len. Face­book dage­gen reagier­te etwas sub­ti­ler auf die ‚War­nung’ des FBI. Man redu­zier­te die Wahr­schein­lich­keit signi­fi­kant, dass der Arti­kel im News­feed der Leser auf­taucht. Auf gewis­se Wei­se ist sol­che sanf­te Zen­sur per­fi­der als har­te und also sicht­ba­re Verbote.

Der Arti­kel selbst ent­hielt Ent­hül­lun­gen vom Lap­top, was der offen­bar vom Dro­gen­kon­sum ver­wirr­te Joe-Biden-Sohn bei einer PC-Repa­ra­tur-Werk­statt ver­ges­sen hat­te. Das Lap­top aber ent­hielt nicht nur sehr anzüg­li­che Fotos zu Hun­ter Biden, wohl mit Dro­gen und Pro­sti­tu­ier­ten, son­dern auch Doku­men­te zu den Geschäf­ten der Biden-Fami­lie, etwa zu den Deals in der Ukraine.”

Es sind die­sel­ben glo­ba­lis­tisch ori­en­tier­ten bzw. geschmier­ten Klün­gel des „Deep Sta­te” – ihre Schreib­ku­lis nen­nen auch die­ses Phä­no­men eine Ver­schwö­rungs­theo­rie –, die in allen Län­dern des Wes­tens ihre immer dich­te­ren Net­ze spin­nen. Trump hat­te also nicht nur den eigent­li­chen poli­ti­schen Geg­ner sowie die gesam­te Kul­tur- und Medi­en­welt inclu­si­ve der online-Mono­po­lis­ten gegen sich – Twit­ter hat den „mäch­tigs­ten Mann der Welt” bekannt­lich gesperrt (die Tali­ban nicht) –, son­dern auch den Inlands­ge­heim­dienst. Kennt man aus ’schland. Und nicht nur beim VS: „Wir haben die gesam­te Füh­rung fast aller Ber­li­ner Sicher­heits­be­hör­den aus­ge­tauscht und dort ziem­lich gute Leu­te rein­ge­bracht. Bei der Feu­er­wehr, der Poli­zei, der Gene­ral­staats­an­walt­schaft und auch beim Ver­fas­sungs­schutz. Ich hof­fe sehr, dass sich das in Zukunft bemerk­bar macht.” (Bene­dikt Lux, Grü­ne, zum Gro­ßen Aus­tausch.)

***

Die Pro­duk­te des soge­nann­ten Regie­thea­ters sind meis­tens absto­ßend, ver­k­as­pert und dumm, doch wie über­all gibt es auch hier Aus­nah­men. Auf eine sol­che mach­te mich ges­tern zu spä­ter Stun­de Freund *** auf­merk­sam: Chris­tof Loys Insze­nie­rung der „Salo­me” an der Fin­ni­schen Natio­nal­oper Helsinki.

Zunächst ein­mal: Ich lie­be die­ses Werk. Das Text­buch ist, neben jenem der „Meis­ter­sin­ger” und dem des „Rosen­ka­va­lier”, das bes­te des gesam­ten Gen­res. Es han­delt sich bekannt­lich um eine gestraff­te Ver­si­on von Oscar Wil­des gleich­na­mi­gem Thea­ter­stück. Wil­de befand sich, wenn die For­mu­lie­rung gestat­tet ist, ober­halb sei­nes eige­nen Niveaus, als er „Salo­me” schrieb (übri­gens auf fran­zö­sisch). Man lese ein­fach den Pas­sus im Mar­kus-Evan­ge­li­um und male sich aus, man müs­se sich nun nach die­ser Vor­la­ge ein Thea­ter­stück aus den Fin­gern saugen.

Wil­des Ver­si­on ist abgrund­tief ver­dor­ben, gran­di­os per­vers, über­wäl­ti­gend abar­tig, von einer schwü­len, mor­bi­den, gewalt­tä­ti­gen Ero­tik. Sämt­li­che Akteu­re sind schwerst­pa­tho­lo­gi­sche Cha­rak­te­re. Wir befin­den uns am Hof des lüs­ter­nen und von den umher­schwir­ren­den prächrist­li­chen Heils­bot­schaf­ten zutiefst beun­ru­hig­ten Königs Hero­des. Sei­ne Frau Hero­di­as ist eine Hure, ihre Toch­ter lei­det unter des Stief­va­ters per­ma­nen­ter Anma­che; zugleich ist die­ser ego­zen­tri­sche, mono­ma­ne Back­fisch wirk­lich gemein­ge­fähr­lich. Da sich die Akteu­re im Grun­de nicht ver­stän­di­gen kön­nen, sind es die Bli­cke, die in die­sem Stück die Haupt­rol­le spie­len (es lohnt sich, allein unter die­sem Aspekt das Text­buch zu stu­die­ren). Ein Ver­rück­ter ist auch der Pro­phet Joch­a­na­an, den Hero­des in der Zis­ter­ne gefan­gen­hält, ein heils­durch­glüh­ter, keu­scher (und blick­scheu­er) Out­law. Die kapri­ziö­se Salo­me begehrt ihn, und was sie nicht bekommt, das macht sie halt kaputt.

So weit, so bekannt. Loy ändert nun die Hand­lung, aber nicht ins Wider­sin­ni­ge wie etwa jener „Carmen”-Regisseur, der am Ende nicht den unglück­li­chen Don José sei­ne Ange­be­te­te erste­chen, son­dern die Zigeu­ne­rin ihren Stal­ker erschie­ßen lässt; es geht eher in die Rich­tung von Ponel­les „Tristan”-Inszenierung, in wel­cher der waid­wun­de Heros den gesam­ten Drit­ten Auf­zug ledig­lich fie­ber­träumt und in Wirk­lich­keit gar kein Schiff und folg­lich auch kei­ne Isol­de kommt. Der Pro­phet wird nicht ent­haup­tet. Salo­me schmeckt die Bit­ter­keit leben­di­ger Lip­pen. Sie tanzt den Tanz der sie­ben Schlei­er nicht, sie erzielt die gewünsch­te Wir­kung auch so. Hero­des will sie am Ende nicht töten las­sen, weil er über ihre nekro­phi­le Abar­tig­keit ent­setzt, son­dern weil er eifer­süch­tig ist.

Wie aber ver­hält es sich mit Joch­a­na­an? Ich muss für zar­te­re Gemü­ter unter den Eck­la­den­be­su­chern eine soge­nann­te Trig­ger­war­nung aus­spre­chen: In Loys Ver­si­on zieht sich zwar Salo­me zur Abwechs­lung nicht aus – in frü­he­ren Insze­nie­run­gen war­te­te man immer in anti­zi­pa­to­ri­scher Pikiert­heit auf die­se Sze­ne und freu­te sich auf den fina­len Gesang der Titel­fi­gur, heu­te, in Zei­ten schlan­ke­rer, trai­nier­te­rer Sopra­nis­tin­nen, ist es meis­tens umge­kehrt –; dafür kommt Joch­a­na­an tat­säch­lich split­ter­nackt auf die Büh­ne. Nor­ma­ler­wei­se wäre ich an die­ser Stel­le aus­ge­stie­gen, doch der Freund beteu­er­te, die Sache habe schon ihren Sinn, und ich blieb dabei (immer­hin ist es erstaun­lich, dass ein nack­ter Sän­ger so for­cie­ren kann, anstatt scham­voll in der Büh­ne zu ver­sin­ken). Am Ende, wenn er Hand in Hand mit der Prin­zes­sin davon­eilt, trägt der ehe­mals hei­li­ge Mann Smo­king und Flie­ge. Der Außen­sei­ter hat sein Haupt auf ande­re Wei­se ver­lo­ren; er ist Mit­glied der Schi­cke­ria geworden.

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