12. März 2024

Bekannt­lich leben, weben und sind wir im Jahr 300 nach Kants Geburt. – Ist den Besu­chern des Klei­nen Eck­la­dens und viel­leicht sogar einem Frei­zeit­as­tro­lo­gen unter ihnen auf­ge­fal­len, dass „Manel­chen“ am glei­chen Tag wie Lenin und zwei Tage nach Satans Geburts­tag zur Welt kam? – Das aktu­el­le Jubi­lä­ums­ge­döns um den Königs­ber­ger Alles­zer­mal­mer mit der gro­ßen Schwä­che fürs Sitt­li­che, in das der herr­schen­de Wokis­mus bekannt­lich mun­ter hin­ein­plärrt („Kant war Ras­sist!“), gestat­tet die Fra­ge, wo die Auf­klä­rung heu­te ihren Sitz haben mag. Sie wird sich ja wohl nicht davon­ge­stoh­len haben? Also wo?

Eine ihrer Depen­dan­cen jeden­falls befin­det sich in Mün­chen und ist für mich bequem zu Fuß zu errei­chen. Es han­delt sich um eine Dach­ge­schoss­woh­nung in Isar­nä­he, von deren klei­ner Ter­ras­se sich ein rei­zen­der Blick über die Dächer der per­spek­ti­ven­schö­nen Isar­stadt und auf die Prinz­re­gen­ten­stra­ße eröff­net. Dort ent­ste­hen die meis­ten Tex­te für die Web­sei­te Publi­co, und dort wur­de ein Buch geschrie­ben, das die­ser Tage erschie­nen ist und von dem der heu­ti­ge Acta-Ein­trag han­deln soll:

Ich wür­de es Ihnen gern in glän­zen­des Lobes­pa­pier ver­packt und mit super­la­ti­vis­ti­schen Schleif­chen umwi­ckelt andie­nen, doch der Autor und ich sind befreun­det, wes­halb ich mich etwas mäßi­gen muss. Das Mäßi­gungs­ge­bot löst frei­lich nicht das größ­te Pro­blem, mit dem sich ein Rezen­sent die­ser Schrift kon­fron­tiert sieht, näm­lich die Ent­schei­dung, wel­che Pas­sa­gen er nicht zitie­ren soll. „Ver­ach­tung nach unten“ ist der sel­te­ne Fall eines Sach­buchs, das man allein der Prä­gnanz und Luzi­di­tät sei­ner Spra­che wegen lesen sollte.

Im angel­säch­si­schen Sprach­raum hei­ßen Sach­bü­cher non­fic­tion­al books, was viel­leicht die bes­se­re Bezeich­nung sein mag. Alex­an­der Wendt ver­ei­nigt in sei­nem Opus ver­schie­de­ne Gen­res der nicht­fik­tio­na­len Wirk­lich­keits­be­schrei­bung, es ist eine Cuvée aus Essay, Repor­ta­ge, Fall­samm­lung, Streit­schrift und bür­ger­li­chem Mani­fest. Das Buch schil­dert einen Kul­tur­kampf, des­sen Aus­wir­kun­gen jeder Bewoh­ner eines west­li­chen Lan­des täg­lich ver­spürt, weil er ihn nicht nicht ver­spü­ren kann – es sei denn, er (m/w/d) zöge sich in eine Ein­sie­de­lei zurück und ver­zich­te­te auf jeg­li­chen Medi­en­ge­brauch. Ein Gra­ben durch­zieht die Gesell­schaf­ten des Wes­tens, auf des­sen bei­den Sei­ten sich anschei­nend unver­ein­ba­re Milieus sam­meln. Sie ste­hen sich „nicht als gesell­schaft­li­che Grup­pen gegenüber, die mit­ein­an­der strei­ten, son­dern als feind­li­che Stäm­me“, notiert der Autor. Bei­de agie­ren aber nicht auf der viel­be­müh­ten Augen­hö­he, son­dern es gibt ein kla­res Oben und Unten; der Gra­ben, um im Bil­de zu blei­ben, durch­zieht eine stark geneig­te Ebe­ne. Die titel­ge­ben­de Ver­ach­tung ori­en­tiert sich ent­lang die­ser Neigung.

Den Unter­schied zwi­schen Oben und Unten illus­triert exem­pla­risch das poli­tisch-media­le Echo auf die­je­ni­gen, die momen­tan in Deutsch­land Demons­tra­tio­nen ver­an­stal­ten: Wäh­rend die Bau­ern, wie zuvor auch die fran­zö­si­schen Gelb­wes­ten und kana­di­schen Tru­cker, nega­tiv gela­belt wer­den – vom „Mist­ga­bel-Mob“ sprach kosend der Spie­gel, der Chef­re­por­ter des Südwestfunks twit­ter­te: „Trak­tor­fah­ren macht offen­bar dumm” –, erfreu­en sich die Kli­makle­ber und erst recht die ver­mit­tels einer Medi­en­ma­ni­pu­la­ti­on zusam­men­ge­trom­mel­ten Demons­tran­ten gegen „Rechts“ offi­zi­el­len Wohl­ge­lit­ten­seins. Die einen han­deln finan­zi­ell auf eige­ne Kap­pe, die ande­ren erhal­ten Zuwen­dun­gen. Wer indi­gniert auf die gele­gent­li­chen Aus­schrei­tun­gen bei den Bau­ern­pro­tes­ten hin­weist, sei dar­in erin­nert, dass die in Über­see rumo­ren­den Black lives mat­ter-Tumul­tan­ten, auf deren Kon­to nicht nur Plün­de­run­gen, Brand­stif­tun­gen, ver­wüs­te­te Stra­ßen­zü­ge, son­dern sogar Tote gehen, Spen­den im drei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­reich einstrichen.

Die meis­ten Ange­hö­ri­gen der poli­tisch-media­len Klas­se, die Kultur‑, Kir­chen- und Gewerk­schafts­funk­tio­nä­re, die Wort­füh­rer an den Uni­ver­si­tä­ten sowie die soge­nann­ten zivil­ge­sell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen kon­zen­trie­ren sich auf der guten Sei­te; das ist weder neu noch unge­wöhn­lich. Das Beson­de­re an jenem neu­en Oben besteht dar­in, dass es sich nicht mehr wie in frü­he­ren Gesell­schaf­ten vor­wie­gend mate­ri­ell vom Unten absetzt, son­dern mora­lisch. Wendt führt als Kate­go­rie für die­se Dif­fe­renz das „kul­tu­rel­le Kapi­tal“ ein, über wel­ches die eine Sei­te ver­fügt, die ande­re nicht. Die pro­tes­tie­ren­den Bau­ern in den Nie­der­lan­den und in Deutsch­land zum Bei­spiel „gehö­ren nicht zu den Armen, was Ein­kom­men und Ver­mö­gen betrifft. Aber sie befin­den sich unten nach den Maß­stä­ben des kul­tu­rel­len Kapi­tals. Sie haben in der Sinn­pro­duk­ti­on nichts zu sagen. Ihnen fehlt die Macht, Begrif­fe zu prä­gen.“ Die­se Men­schen exis­tie­ren mit ihren Pro­ble­men und Ansich­ten jen­seits der zivil­ge­sell­schaft­li­chen Wahr­neh­mung und außer­halb des media­len Schein­wer­fer­lichts – „die im Dun­keln sieht man nicht“, schließt bekannt­lich die Drei­gro­schen­oper –, und wenn sie sich auf rus­ti­ka­le Wei­se den­noch ins Wahr­ge­nom­men­wer­den drän­gen, fal­len die Reak­tio­nen aus dem Krei­se der Sinn­stif­ter ent­spre­chend ver­ächt­lich aus.

So kommt es, dass, sagen wir, ein Zeit-Volon­tär, des­sen Ein-Zim­mer-Klau­se in Ham­burg-Otten­sen noch die Eltern bezah­len müs­sen, weil sein Ein­kom­men dafür nicht aus­reicht, sich einem Bau­ers­mann mit 150 Kühen und 60 Hekt­ar Land über­le­gen füh­len kann, weil er im Zen­trum lebt und nicht an der Peri­phe­rie, weil er sich öffent­lich um das Kli­ma sorgt, regel­mä­ßig gegen den deut­schen All­tags­ras­sis­mus twit­tert, sei­ne Cis-binä­re Sexua­li­tät hin­ter­fragt, die Pri­vi­le­gi­en der (ande­ren) Wei­ßen checkt und sogar sei­ne Mails peni­bel gen­dert. Er kann über den Bau­ern öffent­lich sein Urteil spre­chen, der Bau­er umge­kehrt nicht über ihn. Das­sel­be Mus­ter ver­setzt woke Stu­den­ten heu­te in die Lage, einen Pro­fes­sor, der anstö­ßi­ge, zum Bei­spiel kon­ser­va­ti­ve Ansich­ten ver­tritt oder auf Natur­ge­set­zen beharrt, obwohl Wei­ße sie for­mu­liert haben, so lan­ge unter Druck zu set­zen, bis er sich ent­schul­digt oder in die inne­re Emi­gra­ti­on flüch­tet oder von der Uni­ver­si­täts­lei­tung gefeu­ert wird. Ein ein­zi­ger fal­scher Satz, gel­te er nun als „ras­sis­tisch“, „sexis­tisch“, „trans­phob”, „weiß-supre­ma­tis­tisch“ etc. pp., ver­mag Jahr­zehn­te wis­sen­schaft­li­cher Repu­ta­ti­on auf einen Schlag aus­zu­lö­schen. Nach dem­sel­ben Mus­ter kön­nen inzwi­schen soge­nann­te DEI-Büros (das Kür­zel steht für Diver­si­ty, Equi­ty, Iden­ti­ty) und ESC-Kom­man­dos (Envi­ron­men­tal, Social and Cor­po­ra­te Gover­nan­ce), wie sie in nahe­zu allen grö­ße­ren Unter­neh­men ein­ge­rich­tet wur­den, den ande­ren Abtei­lun­gen dik­tie­ren, wel­che Auf­la­gen in Sachen Nach­hal­tig­keit, Diver­si­tät und Gleich­stel­lung für sie gel­ten, und jeder Mana­ger tut gut dar­an, das nicht wei­ter zu kom­men­tie­ren – auch wenn die Regeln geschäft­lich nicht den gerings­ten Nut­zen erge­ben –, weil das sei­nen Ruf und letzt­lich sei­nen Job gefähr­den wür­de. Ein Unter­neh­mens­füh­rer besitzt im Nor­mal­fall nicht ein­mal die Macht, sol­che ohne jeden mess­ba­ren Effekt agie­ren­den Kom­mis­sa­ria­te der Woke­ness zu schlie­ßen, etwa im Zuge von not­wen­di­gen Ein­spar­maß­nah­men, weil der Image­scha­den grö­ßer wäre.

Dass, wie Wendt schreibt, „kul­tu­rel­les Kapi­tal heu­te das Mate­ri­el­le sticht“, ist die ers­te der drei gro­ßen Umkeh­run­gen, die auf die Bewe­gung der Woken zurück­ge­hen und übri­gens auch den Leh­ren der klas­si­schen Lin­ken wider­spre­chen. Die zwei­te, noch para­do­xe­re Sinn-Ver­keh­rung lau­tet: Das Bewusst­sein bestimmt das Sein. Die­ser Grund­satz gilt natür­lich weder an der pro­du­zie­ren­den Basis noch in jenen Stadt­tei­len, in denen das Gros der Migran­ten ankommt, son­dern im Kokon der Sinn­dik­tie­rer und Bewusst­sein­s­prä­ger. Zum Bei­spiel in den Par­tei­zen­tra­len der Grü­nen oder in jenen Redak­tio­nen, wo steu­er­fi­nan­zier­ter Hal­tungs­jour­na­lis­mus pro­du­ziert wird. Dort ist man über­zeugt, dass die meis­ten Pro­ble­me dadurch ent­ste­hen, dass man über sie spricht. Aus die­ser Wahr­neh­mung betrach­tet, gibt es für den Rechts­po­pu­lis­mus kei­ne Ursa­chen in der Wirk­lich­keit, er exis­tiert nur als böse Gesin­nung sei­ner Ver­tre­ter („Nazis”) und ver­schwän­de, wenn man ihn ein­fach tot­schwie­ge. Zeit­geist-Moden wie Kon­struk­ti­vis­mus und Post­struk­tu­ra­lis­mus haben der 180-Grad-Kor­rek­tur des mar­xis­ti­schen Basis­pos­tu­la­tes den Weg gebahnt, rund um die Uhr im Opt­a­tiv leben­de Poli­ti­ker, Dozen­ten, Kul­tur­schaf­fen­de und Medi­en­ver­tre­ter zogen mit, und heu­te wer­keln die Digi­tal­kon­zer­ne an der Fixie­rung der neu­en Maxi­me – im Vir­tu­el­len mag man sol­chen Unsinn ja glau­ben –, außer natür­lich bei den Umsatz­zah­len und im Geschäfts­be­richt. 300 Jah­re nach Kant ist das magi­sche Den­ken in die Öffent­lich­keit zurück­ge­kehrt, wird zwi­schen bestimm­ten Wor­ten und dem Gegen­stand nicht mehr unter­schie­den, sind man­che Begrif­fe so tabu, dass ihr blo­ßes Aus­spre­chen zur Exkom­mu­ni­ka­ti­on führt, herrscht der Glau­be, fun­da­men­ta­le exis­ten­ti­el­le Kate­go­rien wie Geschlecht oder Mut­ter­schaft oder Volk sei­en „kon­stru­iert” und durch einen Sprech­akt zu ändern.

Wer meint, das Bewusst­sein bestim­me das Sein, muss das Den­ken der ande­ren zu prä­gen und zu beherr­schen suchen. Er muss vor­ge­ben, Sinn zu stif­ten. „In der Kas­te der Wohl­ge­sinn­ten“, schreibt Wendt, herr­sche „neben der selbst­ver­ständ­lich akzep­tier­ten Tren­nung in ein Zen­trum und die Peri­phe­rie auch weit­ge­hen­de Einig­keit dar­in, dass die wesent­li­chen Kon­flik­te der Gesell­schaft nicht mehr in der alten mate­ri­el­len Sphä­re statt­fin­den. Für sie gehört es zum Über­zeu­gungs­be­stand, dass nicht mehr die schlech­te Bezah­lung und vor allem die schlech­te Absi­che­rung vie­ler Beschäf­tig­ter ein wirk­li­ches Pro­blem dar­stel­len (die Milieu­ver­tre­ter beei­len sich dann meis­tens zu sagen, die­se Pro­ble­me gebe es auch), son­dern die struk­tu­rel­le, also tief in die Gesell­schaft ein­ge­präg­te Dis­kri­mi­nie­rung bei­spiels­wei­se von Men­schen mit dunk­ler Haut­far­be, von Trans­se­xu­el­len, von Mus­li­men, die als mar­gi­na­li­siert gel­ten und des­halb Auf­merk­sam­keit und mehr Sicht­bar­keit ver­die­nen. Ein wei­ßer Lage­rist, der weni­ger als 2000 Euro brut­to bei Voll­zeit­ar­beit ver­dient, gehört für sie durch sei­ne Haut­far­be, aber auch durch die Geschich­te sei­ner Vor­fah­ren trotz­dem zu den Pri­vi­le­gier­ten, eine Staats­se­kre­tä­rin mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund und dunk­lem Teint dage­gen zu den stän­dig Dis­kri­mi­nie­rungs­be­droh­ten, deren ver­letz­te Gefühle mehr gesell­schaft­li­che Zuwen­dung ver­die­nen als die Lebens­ver­hält­nis­se des schlecht bezahl­ten ein­hei­mi­schen Beschäftigten.“

Die dar­aus fol­gen­de drit­te Umwer­tungs­leis­tung der neu­en Sinn­schöp­fer bestehe dar­in, dass es ihnen gelun­gen sei, „die Haupt­rich­tung der Gesell­schafts­kri­tik umzu­keh­ren. Sie ver­läuft neu­er­dings von oben nach unten.“ Seit Men­schen­ge­den­ken, so Wendt, gehö­re die dün­kel­haf­te Ver­ach­tung frem­der Kol­lek­ti­ve, sei sie eth­nisch-kul­tu­rell oder sozi­al begrün­det, sei sie durch Klassen‑, Völ­ker- oder Glau­bens­schran­ken mar­kiert, zur Con­di­tio huma­na, wobei der Kern der Ver­ach­tung dar­in bestehe, jemand ande­rem wegen des­sen Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit beden­ken­los etwas zuzu­mu­ten, das man für sich selbst und sei­ne Nächs­ten als empö­rend emp­fin­den würde. „Aber nie und erst recht nicht in der Gegen­wart galt der Blick nach unten als Aus­weis einer gro­ßen cha­rak­ter­li­chen Qua­li­tät, eines kri­ti­schen Bewusst­seins, einer beson­de­ren Sen­si­bi­li­tät, einer Wohl­ge­sinnt­heit. Nie galt kul­tu­rel­le Ver­ach­tung als pro­gres­siv. Bis vor eini­gen Jah­ren jeden­falls. Erst als Teil der neo­lin­ken Theo­rie und Pra­xis erreich­te das gesell­schaft­li­che Her­ab­schau­en sei­ne vor­erst letz­te Evolutionsstufe.“

Es gibt eine Schlüs­sel­sze­ne dafür, die der Autor in gebüh­ren­der Aus­führ­lich­keit wür­digt. Sie spielt am Abend des 9. Sep­tem­ber 2016 im gro­ßen Saal der Cipria­ni Wall Street, einem neo­klas­si­zis­ti­schen Bau im New Yor­ker Finan­cial Dis­trict. Dort ver­an­stal­te­te die Prä­si­dent­schafts­be­wer­be­rin Hil­la­ry Clin­ton gemein­sam mit Bar­bra Strei­sand eine Spen­den­ga­la für den Wahl­kampf der Demo­kra­ten, also ihren. Ein­ge­la­den hat­ten die Ladys die wei­land noch nicht auf der Höhe des Q und sei­ner Glie­de­run­gen ange­lang­te LGBT-Gemein­de der Stadt, die Kar­ten­prei­se für den Abend mit anschlie­ßen­dem Emp­fang durch die Kan­di­da­tin betru­gen zwi­schen 2.500 und 250.000 Dol­lar. An jenem Abend ver­wen­de­te Hil­la­ry Clin­ton in ihrer Rede eine For­mu­lie­rung, die sie womög­lich den Wahl­sieg kos­te­te, die aber vor allem jene Ver­ach­tung, die Wendts Buch im Titel trägt, voll­endet zum Aus­druck bringt, auch im quan­ti­ta­ti­ven Sin­ne: the bas­ket of deplo­rables, „der Korb der Jäm­mer­li­chen“ oder „Bekla­gens­wer­ten“. Wobei das merk­wür­dig schie­fe Wort „Korb“ eher als „Hau­fen“ zu ver­ste­hen war. Mit die­ser For­mel bedach­te Clin­ton nach ihren eige­nen Wor­ten „die Hälf­te der Trump-Unter­stüt­zer”. Im schi­cken Lower Man­hat­tan vor einem im hohen Maße sol­ven­ten und im höchs­ten Maße woken Publi­kum rubri­zier­te die Kan­di­da­tin mehr als 30 Mil­lio­nen Ame­ri­ka­ner unter „die Ras­sis­ten, Homo­pho­ben, Frem­den­feind­li­chen, Isla­mo­pho­ben – ihr wisst schon”. Die­se 30 Mil­lio­nen, für die abwer­ten­de Ter­mi­ni wie Red­necks, Hill­bil­lys, Karens oder gene­rell White Trash im Umlauf sind, schrieb sie kom­plett ab. Der ande­ren Hälf­te der poten­ti­el­len Trump-Wäh­ler gestand sie noch gene­rös Gehör zu. Mehr aber nicht.

Das Zusam­men­fal­len von gutem Ein­kom­men, guter Gegend, gutem Leben und guter Gesin­nung auf der einen, gerin­gem Ein­kom­men, Peri­phe­rie, pre­kä­rem Leben und böser Gesin­nung auf der ande­ren Sei­te hät­te kein Hol­ly­wood-Kit­schier deut­li­cher über­zeich­nen kön­nen als die demo­kra­ti­sche Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tin auf ihrer Spendengala.

Wie die Wahl aus­ging, ist bekannt.

Ver­ach­tung ist der Kern­af­fekt der Woken gegen­über allen Nicht­wo­ken. Die pro­gres­si­ve Moral-Eli­te mokiert sich über die unver­bes­ser­li­chen Under­dogs. Das ver­hält sich in Deutsch­land nicht anders als in den USA; belei­di­gen­de und wahr­haft ver­het­zen­de Kom­men­ta­re etwa über die ost- bzw. mit­tel­deut­schen Hin­ter­wäld­ler wegen ihres fal­schen Wahl­ver­hal­tens und über­haupt fal­scher Ansich­ten sind Legi­on. Einem poli­tisch spie­gel­ver­kehrt agie­ren­den Jan Böh­mer­mann hät­te die Poli­zei längst die Woh­nungs­tür ein­ge­tre­ten und sämt­li­che elek­tro­ni­schen Gerä­te weg­ge­nom­men. Ide­al­ty­pisch hat sich im Zwei­ten deut­schen Staats­fern­se­hen eine Maid namens Sarah Boset­ti, ihrer Selbst­wahr­neh­mung nach Kaba­ret­tis­tin, zur Gesell­schafts­spal­tung geäu­ßert, indem sie frag­te (damals ging es um die Coro­na­imp­fung, aber der Anlass ist ja beliebig):

Ide­al­ty­pisch ist die­ses Gleich­nis des­halb, weil es in schö­ner Klar­heit „rechts” und „unten” zusam­men­bringt – das kom­ple­men­tä­re „links” und „oben” kann sich jeder Zuse­her selbst dazu­den­ken. Der Dün­kel wäre unvoll­stän­dig, ja halb­her­zig, wenn er sich auf die Gesin­nung beschränk­te, wes­halb er sich auf die gesam­te Art zu leben erstreckt. „Die Ver­ach­te­ten sind, was die Wäh­ler Robert Habecks, Emma­nu­el Macrons und Hil­la­ry Clin­tons nicht sein woll­ten. Der Wunsch, mög­lichst einen gro­ßen Abstand zwi­schen sich und den ande­ren zu las­sen, beschränkt sich nicht auf die Ansich­ten der Peri­phe­ren zu Migran­ten und zur poli­ti­schen Eli­te. Er schließt auch die Art und Wei­se ein, wie die Ver­lo­re­nen spre­chen, essen, sich klei­den, ihre Woh­nun­gen und Ein­fa­mi­li­en­häu­ser ein­rich­ten. Er erstreckt sich auf ihren Medi­en­ge­schmack, überhaupt auf ihren Geschmack. Er betrifft ihre Lebens­wei­se. Das fal­sche Leben der einen erlaubt den Bewoh­nern des inne­ren Gesell­schafts­krei­ses, die Rol­le der Mora­li­sche­ren, Klügeren, Emp­find­sa­me­ren und ästhe­tisch Gebil­de­te­ren ein­zu­neh­men, kurz­um: die Rol­le der zum bes­se­ren Leben Erwachten.”

In einem his­to­ri­schen Exkurs ver­gleicht Wendt die Her­ab­las­sung der Morale­li­te gegen­über den deplo­rables zunächst mit dem Stan­des­dün­kel der Adli­gen im Anci­en Régime, um dann ihre eigent­li­che Geburts­stät­te im Eng­land des 19. Jahr­hun­derts zu ver­or­ten, wo sich die Bla­siert­heit der Bes­ser­ge­stell­ten eine selbst­wert­sta­bi­li­sie­ren­de Recht­fer­ti­gung erfand. Damals habe sich in den sit­ten­stren­gen Krei­sen eine Theo­rie ver­brei­tet, die Armut nicht mit gerin­gen Löh­nen, man­geln­der Bil­dung und pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen erklär­te, son­dern mit der mora­li­schen Min­der­wer­tig­keit der nie­de­ren Klas­sen, vor allem deren Nei­gung zu Müßiggang und Las­ter. Wendt zitiert den Medi­zi­ner und cal­vi­nis­ti­schen Geist­li­chen Joseph Town­send, der in sei­ner 1786 ver­öf­fent­lich­ten Dis­ser­ta­ti­on „On the Poor Laws. By a Well-Wis­her to Man­kind” erklär­te: „Die Armen wis­sen wenig von den Moti­ven, die Höher­ran­gi­ge zum Han­deln bewe­gen – Stolz, Ehre und Ehr­geiz.” Die Leit­be­grif­fe derer, die auf den Pöbel her­ab­bli­cken, haben sich geän­dert, der selbst­ge­fäl­li­ge Affekt ist geblie­ben. Das Recht dar­auf, exis­ten­ti­el­le Pri­vi­le­gi­en gegen­über den deplo­rables zu genie­ßen, ent­leh­nen die Moral­ver­edel­ten ihrer famo­sen Gesinnung.

(Bernd Zel­ler)

Umge­kehrt ist bei den Lin­ken neu­en Typs die Eli­ten- und Macht­kri­tik inzwi­schen tabu. Wie konn­te es dazu kommen?

Bevor wir die­ser Fra­ge nach­ge­hen, set­ze ich der Augen­freund­lich­keit zulie­be drei Sternchen.

***

Wer der im Unter­ti­tel des Buches ste­hen­den Moral-Eli­te ange­hö­ren will, muss zunächst ein­mal woke sein oder es fin­gie­ren. Das ist die Grund­vor­aus­set­zung, um an kul­tu­rel­les Kapi­tal zu gelan­gen. Die Pla­ge der Woke­ness, die in sta­tu nas­cen­di noch Poli­ti­cal cor­rect­ness hieß – mir fal­len als Gleich­nis spon­tan jene zäh­ne­flet­schend-gri­mas­sie­ren­den „Grem­lins“ ein, die im gleich­na­mi­gen Film dem Leib des (aller­dings viel zu nied­li­chen) Mog­wai ent­spran­gen und von der Stadt Besitz ergrif­fen, zumal der Film auch noch 1984 in die Kinos kam –, hat sich zum beherr­schen­den Kul­tur­phä­no­men in der west­li­chen Welt auf­ge­bläht. Beherr­schend muss buch­stäb­lich ver­stan­den wer­den; von einer „Pla­ge“ zu spre­chen, ja nur einen Witz über die Erweck­ten zu machen, könn­te sich nie­mand erlau­ben, der auch nur die kleins­te Kar­rie­re in Poli­tik, Ver­wal­tung, Medi­en, Kul­tur­be­trieb, Bil­dungs­we­sen, längst auch in der Kir­che und inzwi­schen sogar in der frei­en Wirt­schaft anstrebt. Trotz­dem gehört es zur Stra­te­gie der Woken, dass sie ihre Dis­kurs­herr­schaft, die eigent­lich eine Dis­kurs­ver­hin­de­rungs­herr­schaft ist und sich der Metho­den des Zen­sie­rens, Anschwär­zens, Can­celns, Nie­der­brül­lens, Mund­tot­ma­chens und zuletzt der sozia­len Ver­nich­tung bedient, schlicht­weg bestreiten.

Davon abge­se­hen, dass die Woke­ness die aktu­el­le Gestalt oder mei­net­we­gen auch Lar­ve des Links­seins bil­det, was ledig­lich von ein paar Alt-Lin­ken bestrit­ten wird, gibt es tat­säch­lich weder eine ver­bind­li­che Begriff­lich­keit, noch eine exak­te Ein­gren­zung für die­se Kli­en­tel. „Han­delt es sich um ein Milieu, eine neue Klas­se, eine Kas­te, eine Schicht, wenn wir von den Wohl­ge­sinn­ten im Zen­trum der Gesell­schaft spre­chen, die in Medi­en, Poli­tik und Insti­tu­tio­nen Begrif­fe prä­gen, Dis­kus­si­ons­re­geln auf­stel­len und Sinn pro­du­zie­ren?”, fragt Wendt. „Für jede ein­zel­ne Bezeich­nung gäbe es gute Gründe. Nur der alte Klas­sen­be­griff passt hier nicht.“

Der Publi­co-Betrei­ber ver­passt die­ser Kli­en­tel das Eti­kett „pro­gres­siv regres­siv”, weil es sich um „ver­kehr­te Lin­ke” han­de­le. Die Inver­si­ons­lin­ken bedien­ten sich ledig­lich der „Sym­bo­lik der alten Fort­schritts­be­we­gung”, um so „den Kri­tik­re­flex des poli­ti­schen, aka­de­mi­schen und media­len Milieus links der Mit­te weit­ge­hend abzu­schal­ten”. Und das funk­tio­nie­re, obwohl es sich um eine Bewe­gung han­de­le, „die ihre Zie­le nur notdürftig mit einem pro­gres­si­ven Fir­nis überzieht, in Wirk­lich­keit aber dar­auf zielt, die Gesell­schaft weit zurückzuwerfen, hin­ter die Auf­klä­rung, hin­ter die bürgerliche Eman­zi­pa­ti­on, in ein neu­es dunk­les Zeit­al­ter des Tri­ba­lis­mus und damit not­wen­di­ger­wei­se in eine Ära des per­ma­nen­ten Unfrie­dens”. Die Klas­si­ker der Lin­ken, mut­maßt Wendt, wären ver­blüfft, wenn sie sähen, dass ihre Erben „es für Fort­schritt hal­ten, wenn sich eine Gesell­schaft wie­der nach Eigen­schaf­ten wie Haut­far­be, Geschlecht und Her­kunft glie­dert und dass sie eine unab­än­der­li­che Ver­ächt­lich­keit bestimm­ter Men­schen­grup­pen als neue Dok­trin verkünden”. In sämt­li­chen west­li­chen Län­dern, heißt es im Vor­wort, fän­de der­zeit der Ver­such statt, „die Bürgergesellschaft durch eine neue, von Haut­far­be, Her­kunft, Geschlecht und Reli­gi­on defi­nier­te Gesell­schaft der Stäm­me zu erset­zen, Par­la­men­te durch Stän­de­ver­samm­lun­gen, den west­li­chen Indi­vi­dua­lis­mus durch das Den­ken im Kol­lek­tiv, die Meri­to­kra­tie durch die Zutei­lung von Res­sour­cen nach Quo­ten, das Aus­han­deln von Begrif­fen mit Rede und Gegen­re­de durch eine unkri­ti­sier­ba­re Ortho­do­xie und den west­li­chen Ratio­na­lis­mus durch einen Okkul­tis­mus”. Davon hand­le und dage­gen wen­de sich sein Buch.

Dass die Erfolgs­aus­sich­ten für die Eta­blie­rung einer sol­chen post­zi­vi­li­sa­to­ri­schen Gesell­schaft zumin­dest unsi­cher sind, sei auch den Pro­gres­siv-Regres­si­ven klar, meint der Autor. Die Pro­pa­gan­dis­ten der per­ma­nen­ten Ankla­ge wüss­ten sehr gut, dass kei­ne (wei­ße west­li­che) Mehr­heit ihre Sicht jemals akzep­tie­ren kön­ne. „Sie wis­sen, dass die ihrer Ansicht nach schuld­be­la­de­ne west­li­che Zivi­li­sa­ti­on auf abseh­ba­re Zeit nicht ver­schwin­det. (So, wie die radi­ka­len Kli­ma­pre­di­ger übrigens wis­sen, dass sich der Kapi­ta­lis­mus nicht so bald verflüchtigt.) Das Ide­al der Pro­gres­siv-Regres­si­ven besteht dar­in, die von ihnen behaup­te­ten Unge­rech­tig­kei­ten dau­er­haft anzu­pran­gern, also im Namen der Moral Macht, Res­sour­cen, Auf­merk­sam­keit zu for­dern, auch wenn sie behaup­ten, sie sei­en eigent­lich ange­tre­ten, um empö­ren­de Ver­hält­nis­se zu besei­ti­gen. Es geht ihnen dar­um, Tri­but ein­zu­trei­ben. Nicht für die, die sie zu ver­tre­ten vor­ge­ben, son­dern für sich selbst. Den per­fek­ten Zustand erreicht die Gesell­schaft in ihren Augen schon dann, wenn nie­mand mehr die Legi­ti­mi­tät ihrer Machtausübung infra­ge stellt.”

Die­ser Zustand ist frei­lich so gut wie erreicht. Teils lär­mend und tür­knal­lend, teils dis­kret auf Tau­ben­fü­ßen ist ein Kon­sens in die Gesell­schaft ein­ge­zo­gen, dem sich zu unter­wer­fen für jeden Zeit­ge­nos­sen, der außer­halb der rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­al­lel­welt irgend­wo­hin auf­stei­gen oder auch nur in Ruhe gelas­sen wer­den möch­te, ver­pflich­tend ist, näm­lich „dass Iden­ti­täts­fra­gen wich­ti­ger genom­men wer­den müssen als alte Fra­gen vom Unten und Oben, dass die Wahl der rich­ti­gen Wor­te wich­ti­ger ist als der Ein­gangs­steu­er­satz, dass die Gesell­schaft eher aus Kol­lek­ti­ven als aus Bürgern bestehen soll­te, dass glei­che Chan­cen nicht genügen, son­dern der Staat Gleich­stel­lung mit Quo­ten not­falls erzwin­gen muss, dass es eine kol­lek­ti­ve Schuld des Wes­tens gibt, gegen die der Glo­ba­le Süden Vor­rech­te besit­zen soll­te. Mit die­sem Über­zeu­gungs­sys­tem kann jemand in lin­ken Orga­ni­sa­tio­nen arbei­ten, aber auch als Redak­teur einer Zei­tung, die sich selbst als Stim­me der Gemä­ßig­ten sieht, als Funk­tio­när einer Par­tei, die sich als bürgerliche Kraft betrach­tet, oder als lei­ten­der Ange­stell­ter eines bör­sen­no­tier­ten Unter­neh­mens. Die­se Über­zeu­gun­gen muss dort nie­mand mehr begründen.”

Es muss auch nie­mand wirk­lich von die­sen Maxi­men über­zeugt sein; wie die Mos­lems sind die Bol­sche­wo­ken mit der Unter­wer­fung unters Glau­bens­be­kennt­nis bereits zufrieden.

(Noch­mals: Zeller)

Aber wer hat die­sen Zeit­geist durch­ge­setzt? Wer ver­wal­tet und ver­tei­digt ihn? Wer sorgt dafür, dass er nicht durch einen ande­ren ersetzt wird? Wäh­rend sich tra­di­tio­nel­le poli­ti­sche oder sozia­le Bewe­gun­gen um eine Füh­rer­fi­gur grup­pier­ten – das letz­te gro­ße Bei­spiel wäre Donald Trump –, ist die Bewe­gung der Woken eher einem Viren­pro­gramm ver­gleich­bar, das nach und nach die gesam­te Fest­plat­te über­nimmt, aber im Ana­lo­gen kei­ne Ober­pries­ter, kei­ne zen­tra­len Per­sön­lich­kei­ten, kei­ne bedeu­ten­den Köp­fe besitzt; kei­ne Gene­rä­le, son­dern lau­ter Unter­of­fi­zie­re (von denen es eini­ge, wie die Gen­der-Quack­sal­be­rin Judith But­ler oder die anti­wei­ße Wan­der­pfäf­fin Robin DiAn­ge­lo, immer­hin zum Mil­lio­när geschafft haben). Wendt zitiert dazu das Buch „Twi­light of Demo­cra­cy. The Seduc­ti­ve Lure of Aut­ho­ri­ta­rism“ – deutsch: „Die Ver­lo­ckung des Auto­ri­tä­ren” – von Anne App­le­baum, und zwar als ein Pars pro toto für „Dut­zen­de ähn­li­cher Bücher, die vor der Demo­kra­tie­be­dro­hung war­nen, vor Vik­tor Orbán, der PiS-Par­tei und nun wie­der Donald Trump”, aber deren „Kon­zept von Auto­ri­ta­ris­mus” ein­zig die tra­di­tio­nel­le Form der cha­ris­ma­ti­schen Führerfigur ken­ne, die, gestützt auf eine rela­ti­ve oder abso­lu­te Mehr­heit, ihren Wil­len durch­setzt. „Die Machtausübung von wohl­or­ga­ni­sier­ten, mit kul­tu­rel­lem Kapi­tal aus­ge­stat­te­ten Min­der­hei­ten kommt bei App­le­baum und ver­wand­ten Autoren nicht vor.” Dabei besit­ze gera­de die­se Vari­an­te einen enor­men Vor­teil für die Machtausübenden: Sie kön­nen nicht ein­fach abge­wählt wer­den. „Klas­si­sche Herr­schafts­kri­tik an den Han­deln­den und ihren Metho­den fällt in die­sem Modell sehr viel schwe­rer. Es gibt nicht das eine Gesicht der Macht, es exis­tiert kei­ne Zen­tra­le mit Stra­ße und Haus­num­mer. Dar­in ähneln die Bewe­gun­gen der Wohl­mei­nen­den in bemer­kens­wer­ter Wei­se den zen­trums­lo­sen sozia­len Netz­wer­ken, ohne die es die­se neu­zeit­li­chen Macht­kon­glo­me­ra­te nicht oder wenigs­tens nicht in die­ser Form geben würde.”

Jetzt bin ich doch ins Zitie­ren gekom­men, und wie­der droht der Ein­trag elend lang zu wer­den. Jeden­falls beschreibt Wendt die Tech­ni­ken der Ver­ach­tung und die Zugangs­we­ge zum kul­tu­rel­len Kapi­tal – das über­sprin­gen wir jetzt –, um sich danach einem Phä­no­men zu wid­men, wel­ches man von den Jako­bi­nern und vor allem aus der kom­mu­nis­ti­schen Welt­be­we­gung kennt: dem Rei­ni­gungs­fu­ror der Erwach­ten nach innen. Wie die Sowjet­macht, nur smar­ter und nahe­zu unblu­tig, füh­ren die Wohl­mei­nen­den einen Kampf an zwei Fron­ten. Wäh­rend ihre ver­ba­len Schlä­ge und rhe­to­ri­schen Trit­te nach außen bzw. unten prak­tisch immer die Rich­ti­gen tref­fen, fal­len den inter­nen Säu­be­run­gen auch rei­hen­wei­se Zeit­ge­nos­sen zum Opfer, die sich selbst als links oder libe­ral ver­ste­hen. In einem ohne­hin vor­ge­säu­ber­ten Milieu, an den Uni­ver­si­tä­ten oder im Kul­tur­be­trieb zum Bei­spiel, wo es kaum Kon­ser­va­ti­ve oder gar Rech­te gibt, liegt das in der Natur der Sache. Das Ritu­al der Opfe­rung ist viel zu wich­tig, als dass man auf „fal­sche” Opfer Rück­sicht neh­men könn­te. Deren Exklu­si­on schweißt die Her­de der Wohl­mei­nen­den umso fes­ter zusam­men. Abschre­cken­de Bei­spie­le stär­ken den Kon­sens. Ein­mü­tig­keit braucht ein minus eins, sta­tu­ier­te der Anthro­po­lo­ge René Girard; bestra­fe einen, erzie­he hun­dert, sekun­dier­te der gro­ße Kon­sens­sach­ver­stän­di­ge Mao. Das woke Kol­lek­tiv muss unter Stress blei­ben, um zu funk­tio­nie­ren und wei­ter an sei­ner Rein­heit zu arbei­ten. Nur der per­ma­nen­te wech­sel­sei­ti­ge Bekennt­nis­druck garan­tiert die Dyna­mik der Bewe­gung. Was die Viel­falts-Simu­lan­ten tat­säch­lich erzeu­gen, ist ein Kon­for­mis­mus, der sei­nes­glei­chen sucht.

Wendt zeich­net eine Rei­he der Hexen­jag­den nach, die immer nach dem Mus­ter ablau­fen, dass der Ruf­mord auch dann sei­ne kar­rie­re­schä­di­gen­de (can­celn­de) Wir­kung zei­tigt, wenn sich der Anlass als nich­tig erwie­sen hat oder auf einer Falsch­be­schul­di­gung beruh­te, wäh­rend selbst ein der Lüge über­führ­ter Ruf­mör­der kaum Kon­se­quen­zen zu befürch­ten hat, weil ihn wenigs­tens die rich­ti­gen Moti­ve lei­te­ten. Die meis­ten die­ser Kam­pa­gnen ereig­ne­ten sich in den USA, wo man den Euro­pä­ern zeit­geis­tig übli­cher­wei­se ein oder zwei Jahr­zehn­te vor­aus ist, und so stammt die meis­te Lite­ra­tur, die Wendt in sei­ne Ana­ly­se ein­bet­tet, eben­falls aus dem Mut­ter­land der Woke­ness, von Vicky Oster­weils „In Defen­se of Loo­ting”, Robin Di Ange­los „White Fra­gi­li­ty” („ein Grund­la­gen­buch des Ver­ach­tungs­den­kens“) und Adri­an Daubs „Can­cel Cul­tu­re Trans­fer” bis zu Peter Turch­ins „The Age of Dis­cord” und Mark Lil­las „The Once and the Future Libe­ral. After Iden­ti­ty Politics”.

Die woke Bewe­gung nahm ihren Anfang in ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten – die dümms­ten Ideen stam­men immer aus Uni­ver­si­tä­ten – und hat, wie erwähnt, auch die Unter­neh­men ergrif­fen, doch nir­gend­wo fand sie sym­bio­se­taug­li­che­re Ver­hält­nis­se vor als in den Inter­net­kon­zer­nen des Sili­con Val­ley. Die merk­wür­de Alli­anz der Woke­ria mit den Mil­li­ar­därs­so­zia­lis­ten der Platt­form­in­dus­trie wur­de in den Acta schon öfter the­ma­ti­siert, und auch Wendt wid­met die­sem Bünd­nis und der Fra­ge, was die unna­tür­li­chen Part­ner ver­bin­det, ein sepa­ra­tes Kapi­tel. Das Ver­bin­den­de ist erheb­lich. „Die prä­gen­den Per­so­nen auf bei­den Sei­ten neh­men die Welt ähn­lich wahr. Bei­de igno­rie­ren, was Gesell­schaft eigent­lich bedeu­tet: näm­lich ein über Gene­ra­tio­nen gewach­se­nes Gefüge aus Tra­di­ti­on, Spra­che, Rechts­auf­fas­sun­gen und glücklicherweise befrie­de­ten Kämp­fen in der Ver­gan­gen­heit.” Gemein­sam sei ihnen die „Fei­er des per­ma­nen­ten Wan­dels”, gemein­sam blick­ten sie auf das Gewach­se­ne her­ab und mein­ten, es sei der Erhal­tung nicht wert. „Bei­de der angeb­lich unglei­chen Part­ner wünschen sich, was Regeln und Struk­tu­ren betrifft, eine größt­mög­li­che Homo­ge­ni­tät. Die Gesell­schaft selbst soll sich in eine Platt­form mit ein­heit­li­chem Betriebs­sys­tem und glei­cher Soft­ware ver­wan­deln, gleich­ge­rich­tet, alternativlos.”

Bei­der Ide­al sei das Monopol.

„Bei­de tref­fen sich har­mo­nisch in der Ver­ach­tung für alle, die Umwäl­zun­gen nicht freu­dig begrüßen, und gei­ßeln deren trot­zi­ges Behar­rungs­ver­mö­gen. Mit dem Begriff des Bürgers kann weder ein Regres­siv-Pro­gres­si­ver noch ein Platt­form­len­ker etwas anfan­gen. Bei­de wünschen sich eine Gesell­schaft der Objek­te statt der Subjekte.”

Und so ver­wan­delt sich ein auf den ers­ten Blick noch unna­tür­lich und schief wir­ken­des Bünd­nis in ein gera­de­zu naturhaftes.

Es sind wie­der ein­mal die auf­lo­ckern­den Stern­chen fäl­lig, fin­den Sie nicht?

***

Die meis­ten Pro­gres­siv-Regres­si­ven arbei­ten nicht im pro­duk­ti­ven Sek­tor, kön­nen aber gut bis blen­dend von ihrem Ein­kom­men leben. Doch wie steht es eigent­lich um jene Kli­en­tel, als deren Spre­cher sie sich aus­ge­ben? Zu den stärks­ten Abschnit­ten in Wendts Buch zäh­len die ein­gangs erwähn­ten repor­ta­ge­haf­ten Pas­sa­gen, bei aller ana­ly­ti­schen Bril­lanz der ande­ren. Als guter Repor­ter hat er sein The­ma nicht nur am Schreib­tisch recher­chiert. Gleich im ers­ten Kapi­tel besucht der Autor eine wil­de Migran­ten­sied­lung in der Cova de Vapor, der „Dampf­bucht”, in Tra­fa­ria an der por­tu­gie­si­schen West­küs­te, süd­lich von Lis­sa­bon. Wer die­sen Ort betritt, „ver­lässt Euro­pa”. In etwa sechs­hun­dert Hüt­ten, über­wie­gend aus Hohl­zie­geln errich­tet und mit Blech­plat­ten gedeckt, leben an die drei­tau­send Men­schen, fast alle stam­men aus Afri­ka. Die Sied­lung an der Cova de Vapor ist eine jener welt­weit zu fin­den­den „Ankunfts­städ­te”, wie der kana­di­sche Autor Doug Saun­ders in sei­nem Buch „Arri­val City: How the Lar­gest Migra­ti­on in Histo­ry is Res­ha­ping Our World” sol­che Agglo­me­ra­te nennt. Eigent­lich han­delt es sich um ein „Ankunfts­dorf”, notiert Wendt. „Es gibt fast nur Pro­vi­so­ri­en.” Nie­mand will hier blei­ben. Die Migran­ten möch­ten schnellst­mög­lich nach Lis­sa­bon oder in ande­re euro­päi­sche Städ­te wei­ter­zie­hen, um tat­säch­lich irgend­wo anzu­kom­men. Ihre Lebens­wün­sche sind ein­fach: ein Job, eine Woh­nung, eine Fami­lie. Eine Mehr­heit der Migran­ten, Kri­mi­nel­le und Sozi­al­leis­tungs­ab­grei­fer hin, reli­giö­se Eife­rer her, will nichts als ein nor­ma­les Leben füh­ren, betont Wendt. Sie suchen gera­de kei­ne Gesell­schaft, in der die Regeln des Zusam­men­le­bens täg­lich neu aus­ge­han­delt wer­den, weil sie das aus ihren Her­kunfts­län­dern ken­nen. Sie wol­len genau das Gegen­teil: „Sta­bi­li­tät”.

Die „Dampf­bucht” ist der äußers­te Rand der Peri­phe­rie. Deut­lich wei­ter im Inne­ren, doch nach den Maß­stä­ben der Ver­wal­ter des kul­tu­rel­len Kapi­tals immer noch weit drau­ßen, voll­zieht sich bei­spiels­wei­se das Leben von Wolf­ram Ack­ner, eines Schwei­ßers, der mit sei­ner Frau und sei­nen drei Töch­tern in einem (noch nicht abbe­zahl­ten) Haus am Ran­de von Leip­zig wohnt und den Wendt als nächs­ten Zeu­gen prä­sen­tiert. Auch Ack­ner ver­lang­te es, nach­dem er jah­re­lang als Berufs­no­ma­de um den hal­ben Glo­bus gereist war, nach Sta­bi­li­tät. Nach einem Zuhau­se. How dare he?

Ganz anders die woken Sinn­prä­ger im Zen­trum der Gesell­schaft. „Sie beschäf­ti­gen sich mit der Her­stel­lung von Unsi­cher­heit”, beob­ach­tet Wendt. „Ihre For­meln dafür hei­ßen ‚Riss im Sys­tem’, Dis­rup­ti­on, Umbruch, Abriss, Auf­bre­chen von Struk­tu­ren. Ihre For­de­rung lau­tet, dass der Boden um sie her­um schwan­ken und das aller­meis­te, was auf ihm steht, zum Ein­sturz brin­gen soll. Sie verkünden die Leh­re vom per­ma­nen­ten, alle mit­rei­ßen­den Wan­del.” Mali­zi­ös bezeich­net Wendt sie als „wei­ße Mit­tel­schichts­an­ge­hö­ri­ge mit Hang zum Dekon­struk­ti­vis­mus” oder „Ver­krus­tungs­auf­bre­cher mit Kura­to­ren­sta­tus”. Ihre Paro­le kön­ne lau­ten: „Frie­de dem Zen­trum, Krieg der Peri­phe­rie”. Offen­bar glaub­ten sie selbst dar­an, dass die von ihnen besie­del­ten Zen­tren von jenem gro­ßen Umbruch, den sie stän­dig for­dern, ver­schont bleiben.

Sol­che Edle emp­fin­den Vor­be­hal­te ihren Moti­ven gegen­über oder gar Kri­tik als Sakri­leg und reden nor­ma­ler­wei­se nur mit Ihres­glei­chen. Einer immer­hin, Tad­zio Müller, „Deutsch­lands Kli­ma­ak­ti­vist der ers­ten Stun­de” (taz), für den „die Berufs­be­zeich­nung Pro­test-Enter­tai­ner am ehes­ten passt, viel­leicht auch Pro­test-Entre­pre­neur” (Wendt), war unkon­ven­tio­nell genug, den Autor von „Ver­ach­tung nach unten” zum Gespräch zu emp­fan­gen (wie übri­gens auch die Ver­ant­wort­li­che für Diver­si­ty, Equi­ty und Iden­ti­ty bei BMW). Mül­ler ist nicht nur ein Strei­ter gegen die fos­si­le Ener­gie­er­zeu­gung, Mitgründer der Bewe­gung „Ende Gelän­de” und zwi­schen­zeit­li­cher Mit­ar­bei­ter der Rosa-Luxem­burg-Stif­tung, son­dern ein Homo­se­xu­el­ler, der als BDSM-Hure arbei­tet, also prak­tisch unkri­ti­sier­bar. Er lebt in einer Ber­li­ner Alt­bau­woh­nung, die ihm der Papa geschenkt hat, und das süße Pro­blem der Kin­der­auf­zucht ist nicht seins. Der zen­tra­le Satz, den er im Gespräch mit Wendt aus­spricht, lau­tet: „War­um soll ich irgend­et­was davon abhän­gig machen, was ein Arbei­ter bei VW denkt?” Von Mül­ler stammt der Begriff „Nor­mal­ex­tre­mis­ten”, der zeigt, dass er in jenem Teil der Bevöl­ke­rung offen­bar ein Pro­blem sieht. Es sind die­je­ni­gen, die das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem weder spren­gen noch abschaf­fen wol­len, weil sie wis­sen, dass es sie ernährt. Es sind die­je­ni­gen, die fos­si­le Ener­gie ver­brau­chen, indem sie zur Fabrik pen­deln, die­je­ni­gen, die nicht glo­bal den­ken, son­dern an ihre Fami­li­en, die die Gro­ße Trans­for­ma­ti­on der Indus­trie­ge­sell­schaft nicht vor­an­trei­ben, son­dern behin­dern, und die wahr­schein­lich popu­lis­ti­sche Par­tei­en wäh­len. Es sind die­je­ni­gen, „die den gro­ßen Riss im Sys­tem nicht wünschen, son­dern fürchten”, kom­men­tiert Wendt. „Meist fehlt ihnen auch ein Eltern­teil, der ihnen das Geld für eine Eigen­tums­woh­nung in einer euro­päi­schen Groß­stadt schenkt.”

In sol­chen Pas­sa­gen ist „Ver­ach­tung nach unten” pures Dynamit.

Der Autor prä­sen­tiert zwei sozia­le Milieus, zwi­schen denen eine unsicht­ba­re, aber unüber­wind­li­che Mau­er exis­tiert, ja die im Grun­de auf ver­schie­de­nen Pla­ne­ten leben, wobei das Milieu der Wohl­mei­nen­den bei denen im Dun­keln, den Sta­bi­li­täts­nar­ren, ähn­lich wie Hil­la­ry Clin­ton einen Unter­schied macht zwi­schen den deplo­rables, den pein­li­chen Lands­leu­ten, und den Migran­ten; zu Letz­te­ren pfle­gen sie zwar auch kei­ner­lei Kon­tak­te, behaup­ten aber, ihre Inter­es­sen zu ver­tre­ten. Ein mons­trös lächer­li­ches Sinn­bild sol­cher Inter­es­sens­ver­tre­ter­er­schlei­chung wur­de anno 2012 mit EU-För­der­gel­dern in die „Dampf­bucht” gepflanzt: die „Casa do Vapor”. Eine beson­ders pro­gres­si­ve Archi­tek­ten­grup­pe schuf die­ses „Pro­jekt”, ein Holz­haus mit einer Gemeinschaftsküche mit­ten in der Sied­lung. Den Erbau­ern zufol­ge ver­kör­per­te ihr Werk „par­ti­zi­pa­to­ri­sches Design” und eine „kol­lek­ti­ve Bri­co­la­ge”. Sie ver­kauf­ten es als „Aus­tauschort zwi­schen Prak­ti­kern, Teil­neh­mern und loka­len Anwoh­nern”, spra­chen von „Kon­zep­ten des sozia­len Raums” und rühm­ten die ein­zig­ar­ti­ge sozia­le und urba­ne Umge­bung. „Das mit dem euro­päi­schen Kul­tur­haupt­stadt­pro­gramm finan­zier­te und von Akti­vis­ten errich­te­te Gemein­schafts­haus aus Holz stand merkwürdigerweise nur ein Jahr, bis 2013. In der Dampf­bucht, wo prak­tisch alles aus Pro­vi­so­ri­en besteht, gehör­te das Kul­tur­haupt­stadt­ge­schenk zu den kurz­le­bigs­ten Bau­ten überhaupt.”

Der Wunsch der aller­meis­ten Men­schen nach Sta­bi­li­tät und der Ruf einer Eli­te nach per­ma­nen­ter Umwäl­zung, resü­miert Wendt, tren­ne die­se bei­den Grup­pen schär­fer von­ein­an­der als Reich­tum und Armut, Her­kunft oder Reli­gi­on. „Wenn jemand die Wen­dung ‚Ver­krus­tun­gen auf­bre­chen’ benutzt, dann meint er so gut wie nie sei­ne eigenen.”

***

„Wer von Grup­pen­iden­ti­tä­ten spricht, muss sich sozi­al blind stellen.”
(Noch so ein Wendt­scher Merksatz)

***

Am Ende sei­nes Betrach­tung führt Wendt den Bür­ger als Gegen­spie­ler der Pro­gres­siv-Regres­si­ven ein und errich­tet eine Art Geset­zes­ta­fel aus zwölf Regeln als „Sum­me aus der Geschich­te von Bürger‑, Macht- und Rechts­ver­ständ­nis”, die als Grund­la­ge zur Befrie­dung der Gesell­schaft hilf­reich sein könn­ten. Und zwar (ich spa­re mir die Anführungsstriche):

1. In einer offe­nen Gesell­schaft lässt sich aus der Haut­far­be weder eine gene­rel­le Pri­vi­le­gie­rung noch eine gene­rel­le Dis­kri­mi­nie­rung ableiten.
2. Schuld ist immer indi­vi­du­ell und kon­kret. Nie­mand muss sich eine Schuld für den Kolo­nia­lis­mus und die Skla­ve­rei ein­re­den las­sen. Es gibt kei­ne „white guilt”.
3. Nie­mand kann eine mora­li­sche­re, höher­wer­ti­ge Sicht der Din­ge für sich bean­spru­chen, weil er einer Min­der­heit angehört.
4. Wenn sich jemand durch eine legi­ti­me Mei­nungs­äu­ße­rung „ver­letzt” fühlt, ist das ein Affekt, aber kein Argu­ment, das jemand kümmern müsste.
5. Im öffent­li­chen Raum hat nie­mand Anrecht auf einen „safe space”, also einen Schutz­raum vor Kri­tik und überhaupt ande­ren Meinungen.
6. Insti­tu­tio­nel­le Macht­tei­lung, Rede und Gegen­re­de gehö­ren zu allen öffent­li­chen Ange­le­gen­hei­ten. Zwei­fel gehört zur Wissenschaft.
7. Von kei­nem Mit­ar­bei­ter in einem Unter­neh­men und einer Insti­tu­ti­on dürfen Bekennt­nis­se ver­langt wer­den, die über das hin­aus­ge­hen, was Ver­fas­sung und all­ge­mei­ne Geset­ze vorsehen.
8. Es ist völ­lig legi­tim, eine pau­scha­le Ankla­ge gegen den Wes­ten als kolo­nia­lis­tisch, ras­sis­tisch und unterdrückerisch genau­so pau­schal als anma­ßend zurückzuweisen.
9. Wer die Exis­tenz einer „wei­ßen Schuld” und einer kol­lek­ti­ven west­li­chen Schuld für die Ver­gan­gen­heit behaup­tet, soll­te umge­hend mit der Fra­ge kon­fron­tiert wer­den, was ihn dazu legitimiert.
10. Weder der Staat mit sei­nen Res­sour­cen noch überwiegend staat­lich finan­zier­te Orga­ni­sa­tio­nen haben sich am öffent­li­chen Mei­nungs­streit zu beteiligen.
11. Der Staat und sei­ne Reprä­sen­tan­ten befin­den sich gegenüber den Bürgern in einer die­nen­den Posi­ti­on. Sie sind den Bürgern ver­ant­wort­lich, nicht umgekehrt.
12. Erwach­se­ne sind kei­ne Erzie­hungs­ob­jek­te. Auch die bes­te Absicht recht­fer­tigt kei­nen Über­griff auf die Sou­ve­rä­ni­tät des Bürgers.

Im Schluss­ka­pi­tel ent­wirft der Autor eine Art Neu­en West­fä­li­schen Frie­den, der die Spal­tung der Gesell­schaft zwar nicht über­win­den, aber erträg­lich machen soll, so wie sich 1648 Pro­tes­tan­ten und Katho­li­ken ja nicht zur Öku­me­ne ver­sam­mel­ten, son­dern die Kämp­fe ein­stell­ten. „Im Grun­de bräuch­ten die Regres­siv-Pro­gres­si­ven nur einen Schritt zu unter­neh­men – sie müssen den Kul­tur­krieg ein­stel­len”, schreibt er. Die Woken hät­ten den grö­ße­ren Schritt zu tun, da sie momen­tan am Drü­cker säßen, doch sie soll­ten sich vor Augen füh­ren, dass sie außer Abriss­ar­bei­ten nichts anzu­bie­ten hät­ten und der Peak of Woke­ness womög­lich schon vor­über sei.

„Des­halb noch ein­mal zur Erin­ne­rung, was Kul­tur­krieg bedeu­tet: Gan­ze gesell­schaft­li­che Grup­pen als Erbärm­li­che, als Abge­drif­te­te, als Unbe­deu­ten­de zu eti­ket­tie­ren – das ist Kul­tur­krieg. Vor­trä­ge und Ver­an­stal­tun­gen, die sich im lega­len Rah­men bewe­gen, aus poli­ti­schen Gründen zu ver­hin­dern – das ist Kul­tur­krieg. Staat­lich finan­zier­te Mel­de­stel­len für straf­recht­lich nicht rele­van­te Mei­nun­gen ein­zu­rich­ten – das ist Kul­tur­krieg. Der Mehr­heits­ge­sell­schaft ein­zu­re­den, sie sei kol­lek­tiv ras­sis­tisch und trüge eine Erb­schuld für die Ver­gan­gen­heit – das ist Kul­tur­krieg. Druck auf Uni­ver­si­tä­ten, Ver­la­ge, Medi­en auszuüben mit dem Ziel, die For­schung zu gän­geln und das Erschei­nen bestimm­ter Tex­te zu ver­hin­dern – das ist Kul­tur­krieg. Jeden, der etwas gegen die­se Kul­tur­krie­ger vor­bringt, zum Gesell­schafts­feind, zum Demo­kra­tie­feind, zum Faschis­ten zu stem­peln – das ist Kul­tur­krieg. All die­se Din­ge gesche­hen. Alles, was die Regres­siv-Pro­gres­si­ven ihrer­seits zur Befrie­dung bei­tra­gen müssten, wäre, sie in Zukunft zu unterlassen.”

Nicht der Pen­del­aus­schlag in eine Säu­be­rung von rechts, son­dern die Ent­gif­tung der öffent­li­chen Atmo­sphä­re sei das Ziel. Wem sein Kom­pro­miss­vor­schlag zu nach­gie­big gegenüber Leu­ten erschei­ne, die sich selbst meist kei­ne Rücksicht bei ihren Kampf­me­tho­den auf­er­leg­ten, dem emp­fiehlt Wendt eine Medi­ta­ti­on über Cice­ros Satz: „Der unge­rech­tes­te Frie­den ist immer noch bes­ser als der gerech­tes­te Krieg.” Ein auf Dau­er gestell­ter Kul­tur­krieg „könn­te am Ende das ver­nich­ten, was in der Gesell­schaft alle drin­gend brau­chen – die Sta­bi­li­tät. In einem Sieg auf einem Trümmerhaufen liegt wenig Wert. Das gilt für jede Seite.”

(Das Buch kön­nen Sie hier bestel­len oder hier oder hier.)

 

Vorheriger Beitrag

8. März 2024

Nächster Beitrag

Zum Stand der Demokratur

Ebenfalls lesenswert

Das ging schnell

Bis der Über­fall auf Andre­as Jur­ca auf­ge­klärt ist, habe ich die Ver­lin­kun­gen hier gelöscht.  

23. April 2023

„Wie­viel Geist braucht es, um die Höf­lich­keit zu über­win­den und imper­ti­nent zu wer­den! Frech sein kann jeder.” Jules Bar­bey…

In memoriam Egon Friedell

Nach mei­ner gest­ri­gen Emp­feh­lung der von Fried­rich Tor­berg unter dem Titel „Die Tan­te Jolesch” ver­sam­mel­ten Anek­do­ten, in denen…