Der Konvertit von nebenan

Über die Vor­bo­ten von Auf­stie­gen und Nie­der­gän­gen

 

 

Jede Epo­che hat ihre Kon­ver­ti­ten; nur glück­li­che Zei­ten haben kei­ne. Da es glück­li­che Zei­ten (für jeder­mann) aber nicht gibt, hören auch die Kon­ver­sio­nen nim­mer auf. Sie sind Indi­ka­to­ren gesell­schaft­li­cher Wand­lungs­pro­zes­se, und gleich­zei­tig schie­ben sie die­se Pro­zes­se an. Ihre Anzahl und Hef­tig­keit zeigt, ob es im Innern einer Gesell­schaft gärt und bro­delt oder ob dort Still­stand herrscht. Kon­ver­sio­nen beglei­ten den Auf­stieg und Nie­der­gang von Ideen, Reli­gio­nen, Staa­ten; sie kön­nen als Mar­ty­ri­um ein­zel­ner anhe­ben und in Mas­sen­be­we­gun­gen kul­mi­nie­ren. Für die, die er am ande­ren Ufer zurück­lässt, ist der Kon­ver­tit wahl­wei­se ein Apostat oder Rene­gat. Sogar die angeb­lich oder viel­leicht tat­säch­lich bes­te aller bis­he­ri­gen Wel­ten, in wel­cher der­zeit wir leben, pro­du­ziert noch Kon­ver­ti­ten und wird sie auch in Zukunft produzieren. 

In Rede sol­len hier aus­schließ­lich welt­an­schau­li­che Kon­ver­sio­nen von sozu­sa­gen über­pri­va­ter Dimen­si­on ste­hen. Wer von Schal­ke zu Borus­sia Dort­mund wech­selt, fällt also, zumin­dest einst­wei­len noch, durchs Ras­ter, wenn­gleich in der Ära der von Sozio­lo­gen so genann­ten „schwa­chen Bin­dun­gen” dem Ein­zel­nen ein sol­cher Wech­sel exis­ten­ti­ell erschei­nen mag. Dafür, dass ein biss­chen Gären und Bro­deln in die poli­tisch wie spi­ri­tu­ell eher lang­wei­lig gewor­de­ne­nen west­li­chen Gesell­schaf­ten kommt, sorgt der­zeit bekannt­lich vor allem der Musel­man, indem er sei­ne sozia­len Pro­ble­me, sei­ne Demü­ti­gun­gen, sei­nen Stolz, sei­ne Sit­ten, sei­ne Frucht­bar­keit und sei­ne Glau­bens­ge­wiss­hei­ten in den Wes­ten expor­tiert. Nahe­zu fol­ge­rich­tig stößt man hier­zu­lan­de im Zusam­men­hang mit dem Wort Kon­ver­si­on der­zeit vor allem auf jene zum Islam. Es sind kei­nes­wegs vie­le Ein­ge­bo­re­ne, die zu Allah über­lau­fen, inzwi­schen um die tau­send jähr­lich, und es ist kaum einer dar­un­ter, des­sen Name öffent­lich bekannt wäre. Nicht ein­mal Abdul Hadi Chris­ti­an Hoff­mann, ehe­mals CDU-Pres­se­spre­cher in Bonn, heu­te Mus­lim­funk­tio­när, kann auf eine gewis­se Repu­ta­ti­on ver­wei­sen. Aber hat nicht auch das Chris­ten­tum im Römi­schen Reich mit einer hand­voll Under­dogs angefangen? 

Den wah­ren Under­dog zieht es heut­zu­ta­ge für einen beken­ner­haf­ten Kurz­auf­tritt unwi­der­steh­lich ins Fern­se­hen. Den erhielt auch der 21jährige saar­län­di­sche Neu-Mus­lim Eric Brei­nin­ger im Okto­ber vori­gen Jah­res von nahe­zu sämt­li­chen hie­si­gen TV-Sen­dern. Auf einem irgend­wo im Mor­gen­land auf­ge­nom­me­nen Video erklär­te er Deutsch­land den hei­li­gen Krieg und droh­te mit Anschlä­gen, wäh­rend er eine Kalasch­ni­kow in die Luft abfeu­er­te. Die wach­sen­de Zahl von Men­schen, die zum Islam kon­ver­tier­ten, unk­te Anfang 2007 Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Wolf­gang Schäub­le, habe „etwas Bedroh­li­ches”; er sprach in die­sem Zusam­men­hang von einem „Ter­ro­ris­mus, der auf unse­rem eige­nen Mist” wach­se. Sogar ein – von CDU-Poli­ti­kern sofort demen­tier­tes – „Kon­ver­ti­ten-Regis­ter” stand kurz­zei­tig im öffent­li­chen Geplärr. Kon­ver­ti­ten sind irra­tio­na­le Gesel­len, heut­zu­ta­ge ver­däch­ti­ger denn je. Man­cher sieht in den radi­ka­len Deutsch-Mus­li­men die Vor­bo­ten einer Ent­wick­lung, die ange­sichts ori­en­ta­li­scher Gebär­ent­schlos­sen­heit irgend­wann dar­in enden könn­te, dass der Bun­des­tag die Ein­füh­rung der Scha­ria beschließt.

Der Kon­ver­tit zum Islam tauscht Wer­te­be­lie­big­keit, Deka­denz und die Frei­heit des Sich­selbst­über­las­sen­seins ein gegen fes­te Regeln, Glau­bens­ge­wiss­hei­ten und ein archa­isch-vita­les Gemein­schafts­ethos. Inso­fern die west­li­che Welt in ihrer augen­blick­li­chen Ver­fasst­heit außer Kos­um­stei­ge­run­gen und schran­ken­lo­ser Frei­zü­gig­keit wenig „Sinn” zu bie­ten hat, wer­den die Über­trit­te wohl eher zuneh­men. Umge­kehrt kon­ver­tie­ren natür­lich auch Mus­li­me zum Chris­ten­tum, und hier zei­gen sich die Unter­schie­de krass. „Wenn ein Christ Mus­lim wird, wür­de kei­ner auf die Idee kom­men, das zu bean­stan­den. Wenn ein Mus­lim sich bekehrt, ist das oft sein Todes­ur­teil”, sagt der Kon­ver­tit Mag­di Allam, aus Ägyp­ten stam­men­der ita­lie­ni­scher Schrift­stel­ler, den Papst Bene­dikt XVI. per­sön­lich tauf­te. In der „Welt” stand unlängst zu lesen, dass Pas­tor Esat Avcio­g­lus, Hir­te einer tür­ki­schen Chris­ten­ge­mein­de in Köln, auf sei­nen Mis­si­ons­tou­ren durch die Zuwan­de­rer­vier­tel sei­ner Stadt immer wie­der als ” Volks­ver­rä­ter, Höl­len­pack oder Got­tes­läs­te­rer” beschimpft wer­de; mit­un­ter erhal­te er auch Mord­dro­hun­gen. Die Mar­bur­ger Islam­wis­sen­schaft­le­rin Ursu­la Spu­ler-Ste­ge­mann berich­tet von Neu-Chris­ten, die von Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen ver­sto­ßen, ver­folgt, zusam­men­ge­schla­gen oder sogar ange­zün­det wur­den. Durch den Islam bekommt der Tat­be­stand Kon­ver­si­on wie­der eine reli­giö­se Dimen­si­on, die ihm in Euro­pa zuletzt doch etwas abging. 

Die Anti­ke kann­te die Kon­ver­si­on noch nicht, weil in der poly­the­is­ti­schen Welt die jewei­li­gen Lan­des­göt­ter in die­je­ni­gen der ande­ren Län­der über­setz­bar waren. Erst der Mono­the­is­mus brach­te den theo­lo­gi­schen Abso­lut­heits­an­spruch in die­se reli­gi­ös eher tole­ran­ten Gesell­schaf­ten und schuf damit die Mög­lich­keit radi­ka­ler Keh­ren. Als ers­ter Kon­ver­tit darf wohl jener Ameno­phis IV. gel­ten, der als Ket­zer­pha­rao Ech­na­ton heu­te noch berühmt ist, obwohl sei­ne Nach­fol­ger alles taten, um die Erin­ne­rung an ihn aus dem Gedächt­nis der Nach­ge­bo­re­nen zu til­gen. Ech­na­tons Umsturz des ägyp­ti­schen Pan­the­ons zuguns­ten sei­nes All- und nahe­zu Ein­gotts Aton kann man sich für die Zeit­ge­nos­sen gar nicht ent­setz­lich genug vor­stel­len, es war wie der Ein­bruch der Roten Khmer in Kam­bo­dscha, nur dass der Ket­zer nicht Men­schen, son­dern Göt­ter schlach­ten ließ. Was im dama­li­gen Ver­ständ­nis weit schlim­mer war.

Bis in die jün­ge­re Gegen­wart war die Kon­ver­si­on ein rein reli­giö­ser Akt. Ide­al­ty­pi­scher­wei­se voll­zog sie sich blitz­ar­tig, eben als Wun­der und Fin­ger­zeig Got­tes. Auf dem Weg nach Damas­kus erblick­te der Chris­ten­ver­fol­ger und from­me Jude Saul aus Tar­sus ein Licht, aus wel­chem der Hei­land per­sön­lich zu ihm sprach und ihn zum Pau­lus umdreh­te. So berich­ten es jeden­falls Pau­lus selbst sowie die Apos­tel­ge­schich­te des Lukas. Auch dem Kir­chen­va­ter Augus­ti­nus wider­fuhr die Bekeh­rung schlag­ar­tig; eine Kin­der­stim­me sprach zu ihm, der sich schwer trug mit sei­ner sünd­haf­ten Lüs­tern­heit, das bekann­te „Nimm und lies”, er las den erst­bes­ten Text, der ihm unter die Augen kam – eine Stel­le aus den Pau­lus-Brie­fen –, und es ging ihm das­sel­be Licht auf wie deren Ver­fas­ser. Am 2. Juni 1505 schlug ein ech­ter Blitz unmit­tel­bar neben einem Stu­den­ten der Rechts­wis­sen­schaf­ten namens Mar­tin Luther ein, der Luft­druck schleu­der­te den 21jährigen zu Boden, und er rief: „Hilf St. Anna, ich wer­de ein Mönch!” St. Anna half, und die inner­christ­li­che Kon­ver­si­on mit all ihren mör­de­ri­schen Fol­gen war qua­si geboren. 

Eine Con­ver­sio (Umwen­dung) muss die gesam­te Per­sön­lich­keit erschüt­tern und frei sein von tak­ti­schen Erwä­gun­gen. Eine wirk­li­che Kon­ver­si­on klingt so: „Kaum war die­ser Satz zu Ende, ström­te mir Gewiss­heit wie ein Licht ins kum­mer­vol­le Herz, dass alle Nacht des Zwei­fels ver­schwand” (Augus­ti­nus, „Con­fes­sio­nes”, Ach­tes Buch). Mehr als andert­halb­tau­send Jah­re spä­ter und unter deut­lich ande­ren Umstän­den hört sich das Kon­ver­si­ons­be­kennt­nis den­noch ver­blüf­fend ähn­lich an: „Das neue Licht scheint von allen Sei­ten in die Schä­del­höh­le her­ein­zu­drin­gen; die ver­wir­ren­de Fül­le der Erschei­nun­gen nimmt plötz­lich eine faß­ba­re Gestalt an, als hät­te ein Zau­ber­stab die ver­streu­ten Mosa­ik­stü­cke eines Puz­zle-Spiels mit einem Schlag zusam­men­ge­fügt. Von nun an gibt es auf jede Fra­ge eine Ant­wort.” So schil­dert Arthur Koest­ler in sei­ner Auto­bio­gra­phie „Der Gott, der kei­ner war”, was ihm bei der Erst­lek­tü­re der kom­mu­nis­ti­schen Klas­si­ker wider­fuhr. Wobei im Fal­le Koest­lers wie vie­ler ande­rer west­li­cher Kon­ver­ti­ten zum Kom­mu­nis­mus, etwa And­re Gide, spä­ter die Kon­ver­si­on von der Kon­ver­si­on folg­te, und man nicht genau weiß, wel­che von bei­den die bedeu­ten­de­re, die eigent­li­che war. Inter­es­sant ist, dass die Hin­wen­dung oft schlag­ar­tig stat­fin­det, die Abkehr dage­gen ein lang­wie­ri­ger Pro­zess ist. Jeden­falls ist die Lis­te der­je­ni­gen, die sich vom Kom­mu­nis­ten zum Anti­kom­mu­nis­ten kon­ver­tier­ten, lang: Sie reicht von Ernst Nie­kisch bis Wolf­gang Leon­hard, von Lew Kope­lew bis Andrej Sach­a­row, von Ernst Bloch bis Rudolf Bahro, von Igna­tio Silo­ne bis Ste­pha­ne Cor­tois, Her­aus­ge­ber des „Schwarz­buch des Kom­mu­nis­mus”, ein ehe­ma­li­ger Maoist. 

Aber was ist eine poli­ti­sche Kon­ver­si­on und was (noch) nicht? Neh­men wir Hor­ten­se de Beau­har­nais, Toch­ter von Jose­phi­ne de Beau­har­nais, der Gat­tin Napo­le­ons, bis zu ihrer Schei­dung 1810 Köni­gin von Hol­land und Mut­ter des spä­te­ren Kai­sers Napo­le­on III. Sie ver­dank­te Bona­par­te alles, ihren Reich­tum, ihren Ehe­mann, ihr König­reich, doch hat­te sie nach des­sen Abdan­kung anno 1814 nichts Eili­ge­res zu tun, als sich dem aus dem Exil zurück­ge­kehr­ten Lud­wig XVIII. zu Füßen zu wer­fen, ihm Treue­schwü­re zu leis­ten und um den Titel einer Her­zo­gin zu bit­ten. Der grei­se Bour­bo­ne ließ sich erwei­chen und ernann­te sie zur Her­zo­gin von Saint-Leu. Als Napo­le­on aus sei­ner ers­ten Ver­ban­nung tri­um­phal zurück­kehr­te, bekann­te sie sich sofort wie­der zum Bonapartismus…

Das ist natür­lich kei­ne Kon­ver­si­on, son­dern nack­ter Oppor­tu­nis­mus. Also ein ande­res Bei­spiel: Im Mai 1904, drei Jah­re nach sei­ner Wahl zum kon­ser­va­ti­ven Abge­ord­ne­ten, wech­sel­te Win­s­ton Chur­chill zu den Libe­ra­len. Er tat dies, indem er sich im Par­la­ment ein­fach von sei­nem Platz erhob, von der Regie­rungs­par­tei zur Oppo­si­ti­ons­frak­ti­on spa­zier­te und neben Lloyd Geor­ge Platz nahm (Jah­re spä­ter kehr­te er übri­gens zu sei­ner eins­ti­gen Par­tei zurück). Der Über­tritt zu den auf­stre­ben­den Libe­ra­len sicher­te ihm die ewi­ge Geg­ner­schaft vie­ler Kon­ser­va­ti­ver, aller­dings eben auch sei­nen ers­ten Minis­ter­pos­ten, wes­halb hier von wah­rer Kon­ver­si­on wohl auch nicht die Rede sein kann. Das gilt bei Par­tei­um­satt­lern in Demo­kra­tien wohl immer, wie pro­mi­nen­te Bei­spie­le aus der Geschich­te der Bun­des­re­pu­blik illus­trie­ren. Etwa der Wech­sel von Gün­ter Ver­heu­gen, Ingrid Mat­thä­us-Mai­er und ande­ren 1982 aus der FDP in die SPD, nach­dem ihre Par­tei eine Koali­ti­on mit der CDU ein­ge­gan­gen war. Die meis­ten Wechs­ler mach­ten in der neu­en Par­tei Kar­rie­re, denn der Zeit­geist stand damals längst auf ihrer Sei­te. Etwas ehr­li­cher mein­ten es jene ost­deut­schen Bür­ger­recht­ler, die nach dem Zusam­men­schluss von Bünd­nis 90 mit den Grü­nen lie­ber zur CDU über­lie­fen, aber das war kei­ne Kon­ver­si­on, son­dern ein Behar­ren. Grund­sätz­lich scheint zu gel­ten: Wer von eher rechts nach eher links wech­selt, hat bes­se­re Kar­ten, nament­lich bei den Medien. 

Ande­rer­seits ist der Wech­sel von links nach rechts (oder eben: kon­ser­va­tiv) eine bio­gra­phisch wahr­schein­li­che­re und irgend­wie stim­mi­ge­re Erschei­nung, ulti­ma­tiv for­mu­liert vom spä­ten Kon­ver­ti­ten Hein­rich Hei­ne: „Ich bin zurück­ge­kehrt zu Gott, nach­dem ich lan­ge bei den Hege­lia­nern die Schwei­ne gehü­tet.” Und in wie­der­um ulti­ma­ti­ver Pein­lich­keit gerügt von Ber­tolt Brecht, der sei­nem Kol­le­gen Alfred Döblin die Kon­ver­si­on zum Katho­li­zis­mus nicht nach­se­hen moch­te und in einem „Pein­li­cher Vor­fall” beti­tel­ten Gedicht höhn­te: „Da betrat der gefei­er­te Gott die Platt­form, die den Künst­lern gehört/Und erklär­te mit lau­ter Stim­me (…)/Daß er soeben eine Erleuch­tung erlit­ten habe und nunmehr/Religiös gewor­den sei mit unziem­li­cher Hast/Setzte er sich her­aus­for­dernd einen mot­ten­z­er­fres­se­nen Pfaf­fen­hut auf/Ging unzüch­tig auf die Knie nie­der und stimmte/Schamlos ein fre­ches Kir­chen­lied an, so die irreli­gö­sen Gefühle/Seiner Zuhö­rer ver­let­zend, unter denen Jugend­li­che waren.” 

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg kam es zu einer klei­nen Wel­le halb reli­giö­ser, halb (anti-)völkischer Kon­ver­sio­nen. Eine nicht genau bekann­te Zahl deut­scher Staats­bür­ger trat zum Juden­tum über, oft ver­bun­den mit der Umsied­lung nach Isra­el. Es han­del­te sich, spöt­telt der Publi­zist Hen­ryk M. Bro­der, um einen „Wech­sel auf die rich­ti­ge Sei­te der Geschich­te, aus der Volks­ge­mein­schaft der Täter in die Lei­dens­ge­mein­schaft der Opfer. Kann man sich kla­rer von der eige­nen Geschich­te distanzieren?”

Die­ser Gedan­ke führt zur bis­lang letz­ten gro­ßen Gesin­nungs­be­we­gung, die Tei­le einer gan­zen Alters­ko­hor­te erfass­te – eine Art „Kol­lek­tiv­tau­fe” –, und hier­zu­lan­de mit dem Datum 1968 ver­bun­den ist (die weit cou­ra­gier­te­ren DDR-Revo­lu­tio­nä­re von 1989 berüh­ren als gewis­ser­ma­ßen welt­an­schau­ungs­freie sozia­le Pro­test­be­we­gung nicht unser The­ma). Da die 68er die heu­ti­ge Repu­blik ent­schei­dend geprägt haben, sol­len sie hier aus­führ­li­cher im Sin­ne der Kon­ver­si­on dar­ge­stellt wer­den. 68er meint dabei nicht nur die­je­ni­gen poli­ti­schen Akti­vis­ten, die zwi­schen 1944 und 48 gebo­ren sind, son­dern einen Men­ta­li­täts­wan­del- und Kul­tur­bruch­be­reit­schaft, die etwas frü­her und spä­ter Gebo­re­ne – etwa Otto Schi­ly und Josch­ka Fischer – eben­falls einschließt. 

Es gibt heu­te in der Bun­des­re­pu­blik kaum einen mei­nungs­bil­den­den Intel­lek­tu­el­len, der nicht damals als Mao­ist oder Mar­xist her­um­geis­ter­te. Zahl­rei­che 68er wan­del­ten sich bekannt­lich im Lau­fe der Zeit zu Rene­ga­ten. Zum Bei­spiel Bernd Rabehl, einst Inti­mus von Rudi Dutsch­ke, Mit­glied der „Sub­ver­si­ven Akti­on” und SDS-Mann der ers­ten Stun­de: Er publi­ziert seit den spä­ten 90er Jah­ren in der rech­ten „Jun­gen Frei­heit” und sprach vor Bur­schen­schaft­lern sowie auf NPD-Ver­an­stal­tun­gen, wo er vor der kul­tu­rel­len Über­frem­dung Deutsch­lands und dar­aus fol­gen­den bür­ger­kriegs­ähn­li­chen Zustän­den warn­te. Oder der Carl-Schmitt-Exper­te Gün­ter Masch­ke, wei­land eben­falls bei der „Sub­ver­si­ven Akti­on”, beim SDS und danach sogar in Cas­tros Kuba kämp­fe­risch tätig, wo er 1968 um poli­ti­sches Asyl gebe­ten hat­te, zwei Jah­re spä­ter wegen Que­ru­lan­ten­tums frei­lich wie­der aus­ge­wie­sen wur­de: Zurück in Deutsch­land, saß er wegen Fah­nen­flucht ein Jahr im Gefäng­nis, aber nach den Kuba-Erfah­run­gen war aus dem Lin­ken ein Rech­ter gewor­den. Oder Jörg Fried­rich, einst Mit­glied der Trotz­kis­ti­schen Inter­na­tio­na­le und welt­re­vo­lu­tio­nä­rer Stra­ßen­kämp­fer, spä­ter Ver­fas­ser des Welt­best­sel­lers „Der Brand” und als Anpran­ge­rer der alli­ier­ten Bom­ben­mas­sa­ker in Deutsch­land nach Ansicht der gera­de aktu­el­len Gesin­nungs­pres­se ein schlim­mer Kriegs­schuld-Rela­ti­ve­rer und Opfer-Auf­rech­ner. Ganz zu schwei­gen vom RAF-Mit­grün­der Horst Mah­ler, von 2000 bis 2003 das NPD-Para­de­pferd, heu­te vor allem als Anti­se­mit und Holo­caust-Leug­ner tätig bzw. inhaftiert. 

Aber sind all die­se Rene­ga­ten auch Konvertiten?

Immer­hin näm­lich: Grün waren die 68er anfangs nicht im Gerings­ten (das galt damals noch als braun), femi­nis­tisch noch weni­ger, vie­le ver­stan­den sich sogar als aus­ge­spro­chen natio­nal (Dutsch­ke etwa hat­te 1961 noch gegen den Mau­er­bau demons­triert). Ihren rigi­de anti­pa­trio­ti­schen und erpres­se­risch mora­li­sie­ren­den Zug beka­men die Bewe­gung erst, als man die soge­nann­te Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung als Kar­rie­re­ve­hi­kel und Druck­mit­tel ent­deckt hat­te. Die Außer­par­la­men­ta­ri­sche Oppo­si­ti­on (Apo) war in Wirk­lich­keit eine anti­par­la­men­ta­ri­sche, man woll­te sozia­lis­ti­sche Räte ein­füh­ren und neben­her Eli­ten, die Fami­lie, Klo­tü­ren und das Sie abschaf­fen. Josch­ka Fischer wid­me­te sich in den 70er Jah­ren dem „Kampf gegen das Unter­drü­ckungs­sys­tem” und des­sen „gesta­poar­ti­ge” Poli­zei­me­tho­den. „Sta­lin war so ein Typ wie wir”, erklär­te er 1977, „nicht nur, dass er sich auch als Revo­lu­tio­när ver­stan­den und gelebt hat, son­dern er war im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes eben auch ein Typ.” Im Grun­de führt von einer sol­chen Posi­ti­on so wenig ein Weg ins Aus­wär­ti­ge Amt wie vom Machis­mo der Kom­mu­nar­den zu den Frau­en­quo­ten der Grü­nen. Was den Gedan­ken nahe­legt, dass nicht die Rene­ga­ten der 68er, son­dern vie­le 68er sel­ber Kon­ver­ti­ten wur­den. Ihre Kon­ver­si­on führ­te vom Kampf gegen das „Schwei­ne­sys­tem” in des­sen Funk­tio­närsrän­ge. „Die Geschwin­dig­keit, mit der die moder­ne Gesell­schaft ihre Fein­de absor­biert, müss­te unbe­greif­lich blei­ben, wenn nicht das dem Anschein nach feind­li­che Gegrö­le die blo­ße For­de­rung nach kaum zu erwar­ten­der Beför­de­rung wäre”, brach­te der Apho­ris­ti­ker Nicoás Gómez Dávi­la den Sach­ver­halt auf den Punkt. Wäh­rend etwa für einen Horst Mah­ler der Feind unge­fähr der­sel­be geblie­ben ist.

Sehr gut lässt sich die ver­meint­li­che Kon­ver­si­on, die tat­säch­lich in der annä­hern­den Bei­be­hal­tung der eige­nen Posi­tio­nen bei gleich­zei­ti­ger Dre­hung des Zeit­geis­tes bestand, am Bei­spiel des Publi­zis­ten Klaus Rai­ner Röhl stu­die­ren. Röhl war in den 50ern Mit­glied der ver­bo­te­nen KPD (aus Pro­test gegen das Ver­bot), 1955 grün­de­te er das Ham­bur­ger Polit­ma­ga­zin „kon­kret”, das mit der berühm­ten „Röhl­schen Mischung” aus Mao und Möp­sen die Zeit­schrift der poli­ti­schen 68er wur­de. Röhl war ver­hei­ra­tet mit Ulri­ke Mein­hof und hat­te mit ihr Zwil­lings­töch­ter. Ver­gleichs­wei­se früh distan­zier­te er sich von den „drei Bas­tar­den” der 68er Bewe­gung: Ter­ro­ris­mus, Femi­nis­mus, Dro­gen­ver­harm­lo­sung. 1973 putsch­te die „konkret”-Redaktion gegen ihren Chef – nach des­sen spä­te­rer Ein­schät­zung eine Sta­si-Insze­nie­rung. Der Putsch war nicht der ein­zi­ge Anlass, zu dem den Links-Bohe­mi­en jene Geis­ter heim­su­chen, an deren Her­bei­ru­fung er nicht unbe­tei­ligt war. Je wei­ter er auf Distanz zu den „drei Bas­tar­den” ging, des­to unge­hal­te­ner reagier­ten deren Prot­ago­nis­ten. 1970 ent­führ­ten RAF-Sym­pa­thi­san­ten sei­ne damals sie­ben­jäh­ri­gen Töch­ter; mehr­fach dran­gen Links­ex­tre­mis­ten in sein Haus ein und demo­lier­ten das Inven­tar. „Ich hat­te sehr viel Zeit, über die Fol­gen der von mir aus­ge­lös­ten oder gedul­de­ten Poli­tik nach­zu­den­ken”, resü­mier­te der Zau­ber­lehr­ling des Zeit­geis­tes in sei­nem 1994 ver­öf­fent­lich­ten Buch „Lin­ke Lebens­lü­gen”, zu dem ihm Hel­mut Kohl in einem per­sön­li­chen Brief gratulierte.

1975 war Röhl in die SPD ein­ge­tre­ten, Anfang der 90er wech­sel­te er zur FDP, um deren (seit Jah­ren schwerst­ver­pön­ten) natio­nal­li­be­ra­len Flü­gel zu stär­ken. 1987 wähl­te er den Ber­li­ner Geschichts­pro­fes­sor Ernst Nol­te zum Dok­tor­va­ter und ergriff damit demons­tra­tiv Par­tei „ange­sichts der maß­lo­sen und unge­recht­fer­tig­ten Kam­pa­gne” gegen ihn. Der Ex-Revo­luz­zer gehör­te zu den Autoren des von der Links­pres­se ver­ket­zer­ten neu­rech­ten Sam­mel­ban­des „Die selbst­be­wuß­te Nati­on”. Er ver­warf nun nicht mehr nur die „Miß­ge­bur­ten”, son­dern sämt­li­che Resul­ta­te der 68er Revol­te: „deut­schen Selbst­haß”, „mul­ti­kul­tu­rel­le Null-Iden­ti­tät”, die „Anwen­dung des Faschis­mus­ver­dachts auf im Grun­de alle poli­ti­schen Geg­ner”, „die tota­le Seh­stö­rung bei der Beur­tei­lung rech­ten und lin­ken Ter­rors” oder „das Block­wart­sys­tem der Poli­ti­schen Korrektheit”. 

Doch habi­tu­ell blieb Röhl der Alte. 1974 konn­te er, rück­bli­ckend auf die „konkret”-Anfänge, resü­mie­ren: „Wir waren natio­nal.” Im sel­ben Jahr schrieb der SPD-Bar­de Jochen Stef­fen: „Wo immer poli­tisch unter­drückt, geschur­igelt, in die Ecke gedrängt wird, was links ist”, tau­che sein Freund Röhl als Hel­fer der Geschur­igel­ten auf. Ersetzt man in die­sem Zitat „links” durch „rechts”, zeigt sich eine gewis­se Kon­stanz im Wan­del. Ähn­li­ches gilt, wenn­gleich etwas fun­da­men­ta­ler, für den bereits erwähn­ten Gün­ter Masch­ke, der zum Bei­spiel Josch­ka Fischer kei­nes­wegs des­sen Angrif­fe auf Poli­zis­ten vor­wirft, son­dern dass er spä­ter die Sei­ten gewech­selt hat. 

Heu­te schi­cken die eins­ti­gen Viet­nam­kriegs­geg­ner und erklär­ten Pazi­fis­ten sel­ber deut­sche Sol­da­ten (die sie zugleich sanft ver­ach­ten) in ande­re Län­der. Auf­fäl­lig ist auch, dass füh­ren­de Grü­nen-Poli­ti­ker nach ihrer poli­ti­schen Kar­rie­re bei jenen Unter­neh­men gelan­det sind, die sie vor­her bekämpft haben: Rez­zo Schlauch etwa wur­de Mit­glied im Bei­rat von EnBW, eines der größ­ten deut­schen Kern­kraft­werks­be­trei­bers, Gun­da Rös­tel ging zu einer Toch­ter­un­ter­neh­men des Ener­gie­kon­zerns E.ON, der eben­falls AKWs unter­hält. Das Zeit­geist-Phä­no­men 1968 löst sich am Ende auf in eine Schar mehr oder weni­ger erfolg­rei­cher Kar­rie­ris­ten, die zwar ihre men­ta­len Vor­be­hal­te gegen Sys­tem, Land und Volk nicht las­sen wol­len und mit beharr­lich kri­ti­schem Habi­tus wei­ter revo­lu­tio­nä­res Thea­ter spie­len, aber kon­ver­si­ons­ge­neigt an ihre Alters­vor­sor­ge den­ken, sowie ein paar Rene­ga­ten, die im eigent­li­chen Sin­ne kei­ne Kon­ver­ti­ten sind, aber per­sön­li­che Nach­tei­le bis zur Äch­tung in den Kauf nehmen.

Die west­li­chen Gesell­schaf­ten arbei­ten dar­an, die Kon­ver­si­on für immer abzu­schaf­fen, indem sie ihr den Grund ent­zie­hen. Ihr Reich ist ent­schie­den von die­ser Welt, jenes irdi­sche Para­dies, das der Kom­mu­nis­mus bloß ver­hieß, scheint im demo­kra­ti­schen Kon­su­mis­mus Wirk­lich­keit gewor­den zu sein. Nie ging es Men­schen mate­ri­ell und kör­per­lich bes­ser. Auf immer mehr Unver­ständ­nis wird sto­ßen, wer die moder­nen Plas­tik­wel­ten, ihren syn­the­ti­schen Glücks­an­ge­bo­te und Kol­lek­tiv-Indi­vi­dua­lis­men ablehnt, um statt­des­sen nach exis­ten­ti­el­len Ele­men­tar­er­leb­nis­sen, nach Selbst­auf­ope­rung, Treue und Schmerz, nach Gott, dem Sinn von Sein und ähn­li­chen Absur­di­tä­ten zu suchen. Hat­ten alles bis­he­ri­gen Kul­tu­ren und Reli­gio­nen die Trie­be domes­ti­ziert, darf der moder­ne West­eu­ro­pä­er sei­ne Sexua­li­tät hem­mungs­los aus­le­ben. Alles ist erlaubt, alles ist zugleich belie­big und ent­hei­ligt. Der Natur­zu­stand, der den Kul­tu­ren vor­aus­ging, ist wie­der­her­ge­stellt, nur eben mit allem tech­ni­schen Luxus. Der soge­nann­te Wer­teplu­ra­lis­mus ent­spricht in gewis­sem Sin­ne dem anti­ken Poly­the­is­mus, er kennt bloß weder des­sen Pracht noch des­sen Nöte. Frei­lich wird die­ses Sys­tem womög­lich nur solan­ge funk­tio­nie­ren, wie es die von ihm noto­risch erzeug­ten Bedürf­nis­se zu stil­len weiß. Eine kur­ze Peri­ode des Man­gels dürf­te genü­gen, es auf eine emp­find­li­che Pro­be zu stel­len – von der Mög­lich­keit ein­mal ganz abge­se­hen, dass es sich durch Ver­nut­zung aller Res­sour­cen selbst auffrisst. 

Es wird inner­halb der Wohl­stands­de­mo­kra­tie nur Kon­ver­si­on geben, die aus ihr hin­aus füh­ren. Kommt es zu gro­ßen Ver­tei­lungs­kri­sen und eth­ni­schen Kon­flik­ten, wer­den par­al­lel dazu die Sinn­kri­sen wie­der offen aus­bre­chen. Der Gedan­ke an neue Kon­ver­ti­ten­scha­ren ist heu­te nicht mehr so abwe­gig wie vor zwan­zig Jah­ren, als der Kom­mu­nis­mus zusam­men­brach und der Wes­ten als strah­len­der Sie­ger dastand. Die Geschich­te wird wei­ter­ge­hen, ob es einem nun passt oder nicht.

Erschie­nen in: eigen­tüm­lich frei, Nr. 89, Febru­ar 2009, S. 20 ff.

Total
0
Shares
Vorheriger Beitrag

Der Held. Ein Nachruf

Nächster Beitrag

Exorzismus der Moderne

Ebenfalls lesenswert

Pädagogische Geschichtsklitterung

Sogar unse­re Kin­der­buch-Rega­le sind durch­setzt vom »Gift des Ras­sis­mus«, haben wohl­mei­nen­de Lite­ra­tur-Des­in­fek­to­ren ent­deckt. Und was jetzt?

Ich bin nicht Charlie!

Frei­heit bedeu­tet, dass auch ein wider­wär­ti­ges Blatt wie „Char­lie Heb­do“ ohne Ein­schrän­kun­gen erschei­nen darf. Das war’s aber schon