Johannes Brahms: Sinfonie Nr. 4

 

Über die Schön­heit eines Frau­en­ge­sichts ent­schei­den oft nur Mil­li­me­ter, über die einer Orches­ter­pas­sa­ge oft nur Zehn­tel­se­kun­den. Der Meis­ter des Sekun­den­bruch­teils war Car­los Klei­ber. Eine ein­zig­ar­ti­ge Mischung aus Per­fek­ti­on und Beseelt­heit kenn­zeich­net sei­ne – weni­gen – Ein­spie­lun­gen. Klei­ber, das „Genie“ (Her­bert von Kara­jan), war der Pult­star mit dem kleins­ten Reper­toire und welt­weit der Ein­zi­ge, von dem deut­lich mehr ille­ga­le Mit­schnit­te exis­tier­ten als frei­ge­ge­be­ne; er hielt, im Gegen­satz zur Musik­welt, sei­ne Auf­nah­men offen­bar für unvoll­kom­men. Der gebür­ti­ge Ber­li­ner war ein Kauz, ein Exzen­tri­ker, ein Ner­ven­bün­del, ein Pro­ben­fa­na­ti­ker – und ein Welt­star, der sich frei­lich im Lau­fe der Jah­re immer mehr vom Kon­zert­be­trieb zurück­zog. Dass man ihm Rekord­ga­gen bot, inter­es­sier­te ihn nicht. Sein Stre­ben nach Per­fek­ti­on glich dem des Regis­seurs Stan­ley Kubrick oder dem eines gewis­sen Lan­ce Arm­strong; er wuss­te, dass die äußers­te Leich­tig­keit nur aus der äußers­ten Anstren­gung wächst. Wie Kubrick behex­te er alle Betei­lig­ten und trieb sie zu einer sin­gu­lä­ren Inten­si­tät der Dar­stel­lung – wobei „trieb“ das fal­sche Wort ist; eher zog er sie durch die Plas­ti­zi­tät und Far­big­keit, mit der er sei­ne musi­ka­li­schen Vor­stel­lun­gen in Wor­te zu fas­sen ver­stand, und durch die Gra­zie sei­nes Dirigats.

Klei­bers musi­ka­li­sche Aus­nah­me­stel­lung ist schwer zu ver­ba­li­sie­ren. Evi­denz­er­leb­nis­se haben die Eigen­art, sich nicht anders denn durch sich selbst mit­zu­tei­len. Klei­ber pro­du­zier­te Evi­denz­er­leb­nis­se wie ande­re Aller­welts­auf­nah­men. Eines davon ist die im März 1980 im Gro­ßen Saal des Wie­ner Musik­ver­eins auf­ge­nom­me­ne e‑Moll-Sin­fo­nie von Brahms. Bei die­sem fata­lis­ti­schen, spät­herbst­li­chen Opus hört man am deut­lichs­ten, dass Klei­ber nicht die Spur Roman­ti­ker oder Mys­ti­ker war. Hier wird weder ver­klärt noch geschwelgt noch ver­wischt, son­dern unter äußers­ter Anspan­nung die Struk­tur des Wer­kes voll­endungs­nah offen­bart. Es han­delt sich um eine Art Uraufführung.

Johan­nes Brahms: Sym­pho­nie No. 4, Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker, Car­los Klei­ber (Deut­sche Grammophon)

 
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