Mozart: Die Hochzeit des Figaro

Mozarts ers­te da-Pon­te-Oper ist eines der voll­endungs­na­hes­ten musi­ka­li­schen Wer­ke über­haupt. Für Brahms war jede ein­zel­ne der 28 Num­mern – fein sym­me­trisch geteilt in 14 Soloari­en und 14 Ensem­ble­sze­nen – ein Wun­der, Buso­ni nann­te die Par­ti­tur des „Figa­ro“ einen „Leucht­turm“ in sei­nem Leben.

Nach all­ge­mei­ner Auf­fas­sung hat Mozart Beaum­ar­chais’ Thea­ter­stück, wel­ches Napo­le­on zufol­ge bereits „die Revo­lu­ti­on in Akti­on“ ver­kör­per­te, ent­po­li­ti­siert und abge­mil­dert. Neh­men wir an, dass ihn die poli­ti­sche Dimen­si­on wenig küm­mer­te. Es war ohne­hin kühn, dem Kai­ser eine Oper vor­zu­set­zen, deren Text­vor­la­ge er ver­bo­ten hat­te. Aber Joseph II. war kein Dik­ta­tor und begriff offen­bar schnell, dass sein Musi­kus sich für die rein­mensch­li­che Dimen­si­on des Stof­fes inter­es­sier­te. Mozart erfüll­te das Commedia dell’arte-Personal der Vor­la­ge mit shake­spear­schem Innen­le­ben. Er ersetz­te die poli­ti­sche Revo­lu­ti­on durch eine ästhe­ti­sche. Statt Göt­tern, mytho­lo­gi­schen Figu­ren, Sche­men und Alle­go­rien betrat die wah­re mensch­li­che See­le die Opern­büh­ne. Kei­ne (Haupt)figur wird kari­kiert, auch der gräf­li­che Schwe­re­nö­ter fin­det unser vol­les Ver­ständ­nis. (Das Ius pri­mae noc­tis, auf wel­ches er gene­rös ver­zich­tet, um es indi­rekt wie­der ein­zu­for­dern, wor­auf die gan­ze Hand­lung in Fahrt kommt: die­ses Recht der ers­ten Nacht exis­tier­te übri­gens nie.)

Künst­le­risch war es ein Wag­nis, die tur­bu­len­te Sze­nen­fol­ge mit Intri­ge und Gegen­in­tri­ge als The­ma einer Ope­ra buf­fa zu wäh­len, die denn auch unge­wöhn­lich lang aus­fiel. Wie bei jeder Komö­die soll­te man also das Text­buch ken­nen. Jede Num­mer ist über­wäl­ti­gend, die Melo­dien sind unsterb­lich, das Fina­le ist eine Genietat aus Inspi­riert­heit und Tie­fe; wenn die Grä­fin am Schluss ihrem Mann ver­zeiht, spricht aus ihr, doch doch, nie­mand ande­res als der All­ver­ge­ber zu uns.

Opern muss man in der Ori­gi­nal­spra­che hören, einer­seits des rich­ti­ge­ren Sprach­klan­ges wegen, ande­rer­seits weil die frü­her gesun­ge­nen deut­schen Über­set­zun­gen oft von einer nie­der­schmet­tern­den Schwüls­tig­keit waren. Heu­te mache ich die ers­te und letz­te Aus­nah­me; die­se Plat­te gehört zu mei­nem Leben. Und Mozart ist ja letzt­lich nun doch kein Ita­lie­ner gewesen.

Mozart: Die Hoch­zeit des Figa­ro; Hil­de Güden, Anne­lie­se Rothen­ber­ger, Her­mann Prey, Wal­ter Ber­ry; Staats­ka­pel­le Dres­den, Otmar Suit­ner (Ber­lin Classics)

Erschie­nen in: eigen­tüm­lich frei, Dezem­ber 2014

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