Und jeden Tag ein bisschen enthemmter

Alle Jah­re wie­der erschei­nen Stu­di­en, die uns über den wach­sen­den Rechts­ex­tre­mis­mus am Rand und vor allem in der Mit­te der Gesell­schaft alar­mie­ren. Die­se – etwas zu aus­führ­li­che – Betrach­tung der „Mitte”-Studie der Uni Leip­zig möge hel­fen, die Moti­ve der Autoren zu ver­ste­hen

Mit stu­pen­der Kon­stanz und dem Segen der Muse Stu­pi­dia beschenkt und bezirzt uns ein beson­ders enga­gier­tes Detache­ment des sozi­al- und poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen Uni­ver­si­täts­be­triebs mit Stu­di­en über den (selbst­re­dend: Rechts-) Extre­mis­mus der soge­nann­ten Mit­te. Über den „Mitte“-Studien der Uni­ver­si­tät Leip­zig wal­tet seit 2002 oben­drein Seri­el­la, die Muse der nerv­tö­ten­den Regel­mä­ßig­keit: alle zwei Jah­re ist Besche­rung. Einer der drei Her­aus­ge­ber, der Sozi­al­psy­cho­lo­ge Elmar Bräh­ler, ist übri­gens und reiz­voll­er­wei­se auch Her­aus­ge­ber eines Buches über die „ver­schie­de­nen Spiel­ar­ten der Intim­mo­di­fi­ka­ti­on wie Intim­pier­cing, Intim­ta­too, Scham­haar­trim­ming und kos­me­ti­sche Geni­tal­chir­ur­gie“, wor­in er sel­ber einen Bei­trag über „empi­ri­sche Aspek­te des Trends zur Teil- und Voll­in­tim­ra­sur“ bei­steu­ert. Vor der ent­hemm­ten Mit­te stu­dier­te er die ent­hemm­te Köper­mit­te, der Mann hat’s also drauf.

Die aktu­el­le Stu­die beginnt in gebo­te­ner Scham­haar­fer­ne mit einer freud­schen Fehl­leis­tung. „Die ent­hemm­te Mit­te – rechts­ex­tre­me und anti­au­to­ri­tä­re Ein­stel­lung 2016“ steht fett auf der Eröff­nungs­sei­te nach dem Vor­wort (S. 9). Doch auch wenn es nicht inten­diert war, trifft die Zei­le durch­aus zu: Die neue APO ist eine anti­au­to­ri­tä­re Bewe­gung, die sich gegen das Kanz­le­rin­nen-Prä­si­di­al­re­gime samt der von ihm erfolg­reich gelenk­ten Pres­se wen­det – und gegen die koali­tio­nä­re Cote­rie vom Schla­ge Steg­ner-Maas-Gabri­el natür­lich auch, jene ver­dien­ten Genos­sen, denen der Auto­ri­ta­ris­mus längst habi­tu­ell gewor­den ist. Und was das hin­zu­ge­füg­te fal­sche rich­ti­ge Prä­fix angeht: Wer nicht im Stau­nen sei­ne Woh­nung (bzw. sein Büro) nimmt, der muss am Ende im Jar­gon sie­deln, und da ver­rut­schen die all­zu glat­ten Ter­mi­ni auch schon mal unbe­merkt in ihr Gegenteil.

Apro­pos Jar­gon. Der „auto­ri­tä­re Cha­rak­ter“, die­ser ins­ge­samt doch recht tref­fen­de Befund des Dis­so­nan­zen-Spie­ßers Theo­dor W. Ador­no, taucht schon auf Sei­te 12 zum ers­ten Mal auf. Was macht der auto­ri­tä­re Cha­rak­ter heu­te? Nun, er schreibt Unter­su­chun­gen über den auto­ri­tä­ren Cha­rak­ter der anderen. 

Nach der Anru­fung der Stu­di­en­göt­zen – Mar­cu­se, Fromm, Hork­hei­mer und Ador­no, die Buden­zau­be­rer der Frank­fur­ter Schu­le, die immer­hin nie den für lin­ke Theo­rie­bil­dung meist töd­li­chen Feh­ler mach­ten, tat­säch­lich empi­risch zu for­schen – müs­sen wir zunächst durch sozi­al­kund­li­ches Füll­ma­te­ri­al stei­gen. Es sei „unstrit­tig“, lesen wir, „dass in der bun­des­deut­schen Gesell­schaft seit den 1960er und 1970er Jah­ren ein unge­heu­rer Eman­zi­pa­ti­ons­schub statt­ge­fun­den hat, mit dem die Indi­vi­du­en aus viel­fa­chen auto­ri­tä­ren Struk­tu­ren frei­ge­setzt wur­den.“ Gewiss, nur: In wel­che neue Ställ­chen, Hür­den und Gehe­ge zogen die befrei­ten Schäf­chen statt­des­sen ein? Ist irgend­je­mand frei­er gewor­den seit­her? Etwa an der deut­schen Uni­ver­si­tät, wo inzwi­schen mun­ter bespit­zelt und kol­lek­tiv ver­folgt wird, wer der fal­schen Par­tei oder Denk­schu­le hul­digt, und wo man­che Fakul­tä­ten stracks zur Exklu­si­on schrei­ten, sobald jemand nicht wil­lens ist, lin­ke Theo­rie­müll­hal­den in gen­der­ge­rech­ter Spra­che noch höher zu türmen? 

„Aber jetzt ist bereits klar gewor­den, dass vie­les bes­ser gewor­den ist“, kon­sta­tie­ren die Stu­di­en­au­toren noch schnell, ehe sie in den völ­ki­schen Kloa­ken kopf­ba­den. An die­ser Stel­le, Theo­rie­lüm­mel, und nur an die­ser eine ganz ernst­haf­te Fra­ge: Wie kann eine Gesell­schaft bes­ser gewor­den sein, die sich nicht ein­mal mehr auf ein­fa­chem Niveau fort­pflanzt, son­dern suk­zes­si­ve aus­stirbt? Wie soll durch Men­schen, die nicht an die Zukunft glau­ben, für sich glo­ba­li­siert dün­ken­de End­ver­brau­cher, die außer­stan­de sind, ihre Enkel auch nur mit­zu­den­ken, irgend­et­was „bes­ser“ gewor­den sein, außer dass sie einer Kohor­te ange­hö­ren, der am umfas­sends­ten und zugleich fol­gen­lo­ses­ten die hof­fent­lich gut rasier­ten Eier bzw. Muschis geleckt wur­den? „Die Libe­ra­li­sie­rung der Gesell­schaft seit den 1970er Jah­ren hat vie­le Men­schen aus dem Kor­sett nor­ma­ti­ver Rol­len­er­war­tun­gen und der Stig­ma­ti­sie­rung befreit.“ Weil sie nicht mehr Eltern wer­den müs­sen? Als enkel­be­frei­te „Groß­el­tern”?

„Nun aber kein erns­tes Wort mehr!” (Richard Wag­ner 1876 nach der Pre­mie­re der Göt­ter­däm­me­rung) – und wei­ter im Text: „Wenn sich eine Bewe­gung ‚Patrio­ti­sche Euro­pä­er gegen die Isla­mi­sie­rung des Abend­lan­des’ nennt, ruft sie einen völ­kisch-ras­sis­ti­schen Hin­ter­grund auf, nament­lich den von Oswald Speng­ler und Richard Dar­ré. Sie müs­sen die­se Hin­ter­grün­de nicht ein­mal im Detail ken­nen, um ent­spre­chend zu han­deln.“ Die­se trost­lo­sen Figu­ren lesen in ihren tris­ten Semi­na­ren offen­bar kei­ne Zei­le Speng­ler mehr, sonst wären ihnen die Unter­schie­de zwi­schen des­sen ethi­schem Ras­se­be­griff und dem zoo­lo­gi­schen Dar­rés bekannt, aber man muss die­se Unter­schie­de nicht im Detail ken­nen, um sie sou­ve­rän zu igno­rie­ren. Jeden­falls „wird immer deut­li­cher, dass hin­ter dem ras­sis­ti­schen und eth­no­zen­tri­schen Den­ken in Deutsch­land“ – anders als bei­spiels­wei­se in der Tür­kei, in Sau­di-Ara­bi­en, Japan oder dem Jemen – „wei­ter­hin die Annah­me einer Volks­ge­mein­schaft als Schick­sals­ge­mein­schaft steht“. Über den Tat­be­stand Schick­sals­ge­mein­schaft, Freun­de und Genos­sen, wird, wie der Name schon sagt, das Schick­sal ent­schei­den, und mir ist bereits heu­te hin­rei­chend übel, wenn ich über­schla­ge, wer alles dazu­ge­hö­ren wür­de. Bezie­hungs­wei­se wird.

Der „Leip­zi­ger Fra­ge­bo­gen zur rechts­ex­tre­men Ein­stel­lung“ arbei­tet soge­nann­te „Dimen­sio­nen“ der­sel­ben ab: Chau­vi­nis­mus, Aus­län­der­feind­lich­keit, Anti­se­mi­tis­mus (die für die Zukunft ent­behr­lichs­te Dimen­si­on, wird dem­nächst wahr­schein­lich durch „Isla­mo­pho­bie“ ersetzt), NS-Ver­harm­lo­sung, Sozi­al­dar­wi­nis­mus sowie Befür­wor­tung einer rechts­au­to­ri­tä­ren Dik­ta­tur – nach einer links­au­to­ri­tä­ren wur­de nicht gefragt, ver­mut­lich aus Rück­sicht auf die bei­den Unter­stüt­zer der Stu­die, die Hein­rich-Böll- und die Rosa-Luxemburg-Stiftung. 

Zu jeder „Dimen­si­on“ erhiel­ten den Befrag­ten drei Aus­sa­gen vor­ge­legt, die sie auf einer fünf­stu­fi­gen Ant­wort­ska­la (Stim­me voll und ganz zu, teil­wei­se, teils/teils etc.) repli­zier­ten. Bei 4902 aus­ge­wähl­ten Haus­hal­ten, in wel­chen je eine Per­son ange­schrie­ben wur­de, und einer Rück­lauf­quo­te von 49,4 Pro­zent belief sich die Zahl der Pro­ban­den schließ­lich auf 2420. Dass jeder zwei­te Ange­schrie­be­ne beim Beant­wor­ten die­ses mani­pu­la­ti­ven Fra­gen­sa­la­tes nicht mit­ma­chen woll­te, legt Zeug­nis ab für den soli­den Geis­tes­zu­stand unge­fähr der Hälf­te die­ses Rest­vol­kes. Ohne­hin scheint das Aus­wahl­ver­fah­ren Medi­en­be­rich­ten zufol­ge nicht beson­ders reprä­sen­ta­tiv gewe­sen zu sein, weil man, um Face-to-face-Inter­views füh­ren zu kön­nen, vor­nehm­lich Per­so­nen befrag­te, die sich tags­über daheim aufhielten.

Mit der Erläu­te­rung, eine Teil/­teils-Ant­wort „ermög­licht zwar den Befrag­ten, sich nicht fest­zu­le­gen, gibt aber den­noch einen Hin­weis auf eine höhe­re Aus­prä­gung des jewei­li­gen Vor­ur­teils als die Ableh­nung“, gewäh­ren die Autoren Ein­blick in ein halb­wegs ver­gau­ner­tes metho­di­sches Den­ken.
Ein paar Bei­spie­le dafür:

Als Chau­vi­nis­mus wird gewer­tet, wenn die Pro­ban­den den fol­gen­den drei Aus­sa­gen ganz oder teil­wei­se zustimm­ten: „Wir soll­ten end­lich wie­der Mut zu einem star­ken Natio­nal­ge­fühl haben.“ (35,4 % sag­ten ja). „Was unser Land heu­te braucht, ist ein har­tes und ener­gi­sches Durch­set­zen deut­scher Inter­es­sen gegen­über dem Aus­land.“ (26,2 %) „Das obers­te Ziel deut­scher Poli­tik soll­te es sein, Deutsch­land die Macht und Gel­tung zu ver­schaf­fen, die ihm zusteht.“ (22 %) Hier bereits kann, wer mag, die Unter­su­chung mit einem Seuf­zer bei­sei­te­le­gen. Ob es irgend­wo auf der Welt zu die­sen Fra­gen nied­ri­ge­re Zustim­mungs­ra­ten geben wür­de? Wenn vier von fünf Deut­schen der Ansicht sind, ihr Land möge sich kei­nes­wegs auf ange­mes­se­ne Macht und Gel­tung kapri­zie­ren, und immer­hin drei von Vie­ren mei­nen, deut­sche Inter­es­sen soll­ten, wenn über­haupt, allen­falls auf Samt­pföt­chen ver­tre­ten wer­den, ist jede Extre­mis­mus-der-Mit­te-Stu­die als eine Mischung aus Non­sens und Stre­ber­tum diskreditiert. 

Wer aber nichts ande­res gelernt (und sein empi­ri­sches Wis­sen über Intim­ra­sur bereits erschöp­fend ver­brei­tet) hat, muss die Augen zuknei­fen und weiterforschen.

Aus­län­der­feind­lich ist nach den unter Stu­pi­dia gel­ten­den Kri­te­ri­en jeder Befrag­te, der zustimm­te bei: „Die Aus­län­der kom­men nur hier­her, um unse­ren Sozi­al­staat aus­zu­nut­zen.“ (32,1%) Hier wird die Teil­s/­teils-Defi­ni­ti­on viru­lent. Schau­en wir auf das Gegen­teil: Die Aus­län­der kom­men hier­her, um den Sozi­al­staat nicht aus­zu­nut­zen. Bes­ser? Viel­leicht soll­ten die Brü­der doch mal anfan­gen, empi­risch zu for­schen?
Des­glei­chen gilt dem Leip­zi­ger Elfer­rat als Aus­län­der­feind, wer unhold zustimmt der Invek­ti­ve: „Die Bun­des­re­pu­blik ist durch die vie­len Aus­län­der in einem gefähr­li­chen Maß über­frem­det.“ (33,8 %)

Die „Dimen­sio­nen“ Anti­se­mi­tis­mus und NS-Ver­harm­lo­sung kön­nen wir getrost über­ge­hen, weil die Fra­gen ähn­lich undif­fe­ren­ziert und empi­risch stumpf sind, die Zustim­mungs­ra­ten aber fast durch­weg im ein­stel­li­gen Pro­zent­be­reich lie­gen. Hal­ten wir statt­des­sen kurz inne beim „Sozi­al­dar­wi­nis­mus“, wel­cher sich angeb­lich unter ande­rem dar­in mani­fes­tiert, dass „12,2% der Ost­deut­schen den­ken, dass sich in der Gesell­schaft der Stär­ke­re durch­set­zen sol­le“. Wie ewig­gest­rig! Moder­ne Sozi­al­dar­wi­nis­ten haben sich längst dar­auf ver­stän­digt, dass sich der­je­ni­ge durch­setzt, der mit sei­ner Benach­tei­li­gung am lau­tes­ten prahlt. Und droht. Und star­ke Droh­kol­lek­ti­ve bildet. 

Über das Zwi­schen­fa­zit, dass beim „Zusam­men­hang zwi­schen Kon­fes­si­ons­zu­ge­hö­rig­keit und rechts­ex­tre­mer Ein­stel­lung“ die Kon­fes­si­ons­lo­sen die nied­rigs­ten, die Katho­li­ken die höchs­ten Wer­te errei­chen, aller­dings dar­in von Gewerk­schafts­mit­glie­dern noch über­trof­fen wer­den, naht unse­re empi­ri­sche Salz­se­e­durch­que­rung dem eigent­li­chen Haileid, der „grup­pen­be­zo­ge­nen Men­schen­feind­lich­keit“. Mehr oder weni­ger grund­los hat „die Islam­feind­schaft im Ver­gleich zu 2014 stark zuge­nom­men“, heißt es, und die „Ableh­nung von Asylbewerbern/Asylbewerberinnen hat von 2014 bis 2016 eben­falls zuge­nom­men“. Könn­te das damit zu tun haben, das eine sol­che Ableh­nung regie­rungs- und offi­zi­el­ler­seits umge­kehrt kein biss­chen zuge­nom­men hat? Besteht wenigs­tens ein Zusam­men­hang mit der explo­die­ren­den Zahl der Asyl­be­wer­ber und ohne Asyl­grund Ein­ge­wan­der­ten? Wir wer­den es aus die­ser Stu­die nim­mer­mehr erfah­ren, denn deren Autoren fahn­den nach grup­pen­be­zo­ge­ner Men­schen­feind­lich­keit aus­schließ­lich unter den Einheimischen. 

Grup­pen­be­zo­gen men­schen­feind­lich sind dem­zu­fol­ge die State­ments:
„Mus­li­men soll­te die Zuwan­de­rung nach Deutsch­land unter­sagt wer­den.“ (2009 sag­ten 21,4 % dazu ja, 2016 41,4 %. Was mag dazwi­schen pas­siert sein?)
Und: „Durch die vie­len Mus­li­me hier füh­le ich mich manch­mal wie ein Frem­der im eige­nen Land.“ (Die­ser Satz bedeu­te eine „Abwer­tung von Mus­li­men“; fra­gen Sie dazu die letz­ten bio­deut­schen Schü­ler in Ber­lin-Neu­kölln.)
Des­glei­chen wer auch nur teil­wei­se zustimmt der Fest­stel­lung: „Sin­ti und Roma nei­gen zur Kri­mi­na­li­tät“ (was 58,5% taten). Wie immer in strit­ti­gen Belan­gen hilft die Umkehr­pro­be. Rich­tig – und vor allem nicht ent­hemmt rechts­ex­trem – ist: Sin­ti und Roma nei­gen über­haupt nicht zur Kri­mi­na­li­tät. Deut­sche nei­gen über­haupt nicht zur Pedan­te­rie, Rus­sen über­haupt nicht dem Wod­ka sich sehn­suchts­voll zu, Kon­go­le­sen und Eri­tre­er nei­gen indes zum zwang­haf­ten Arbeiten. 

„Men­schen­feind­lich und abwer­tend“ ver­hält sich, wer der For­de­rung bei­pflich­tet: „Bei der Prü­fung von Asyl­an­trä­gen soll­te der Staat nicht groß­zü­gig sein.“ 80,9 % taten es, hal­be Aus­län­der­be­hör­den inclu­si­ve. So nähern wir uns doch recht zügig einem Mehr­hei­ten­ex­tre­mis­mus, der wei­te­re Stu­di­en auf Steu­er- und mora­li­sche Kos­ten eben die­ser extre­mis­ti­schen Majo­ri­tät bit­ter nötig erschei­nen lässt.

Mit „Abwer­tung von Homo­se­xu­el­len“ wie­der­um bekom­men wir es zu tun, wenn 40,1 % der Befrag­ten dem Bekennt­nis „Es ist ekel­haft, wenn Homo­se­xu­el­le sich in der Öffent­lich­keit küs­sen“ zustim­men. Was aber, wenn sie es ein­fach so emp­fin­den? Etwas ambi­tio­nier­ter geforscht wäre: Wie­viel Pro­zent derer, die hier mit Ja ant­wor­te­ten, befür­wor­ten trotz­dem homo­se­xu­el­le Ehe­schlie­ßun­gen? Fer­ner soll­te ein­mal unter­sucht wer­den, inwie­weit sol­cher Ekel eine natür­li­che Reak­ti­on ist. Ich mei­nes­teils emp­fin­de ein gewis­ses Unbe­ha­gen, wenn sich zwei Schwu­le küs­sen, und bin dank­bar, wenn sie Dis­kre­ti­on wal­ten las­sen, aber ich spü­re nichts der­glei­chen, wenn zwei Les­ben es tun, wor­aus vor­ur­teils­lo­se­re Men­schen als z. B. Vor­ur­teils­for­scher fol­gern könn­ten, dass hin­ter mei­ner Tei­la­ver­si­on zumin­dest nichts Ideo­lo­gi­sches steckt. Ich nei­ge aller­dings auch sel­ber nicht son­der­lich zum öffent­li­chen Herumknutschen.

Wei­ter. Bedeu­tet die Aus­sa­ge „Ehen zwi­schen zwei Frau­en bzw. zwei Män­nern soll­ten nicht erlaubt sein“ auch eine Abwer­tung von Homo­se­xu­el­len? Na was den sonst! (36,2% mach­ten sich schuldig.)

Und immer wei­ter! Wer dem Satz zustimm­te: „Unru­he­stif­ter soll­ten deut­lich zu spü­ren bekom­men, dass sie in der Gesell­schaft uner­wünscht sind“, offen­bar­te eine fata­le Nei­gung zu „auto­ri­tä­rer Aggres­si­on“. Ein genaue­re Defi­ni­ti­on des Ter­mi­nus „Unru­he­stif­ter“ – Köl­ner Spon­tan­par­ty­feie­rer an Sil­ves­ter? Donald Trump? Pegi­da? – konn­te bei die­ser ein­deu­ti­gen Sach­la­ge unter­blei­ben. Das Gegen­teil, näm­lich „auto­ri­tä­re Unter­wür­fig­keit“ wie­der­um, trat bei den­je­ni­gen Stu­di­en­teil­neh­mern zuta­ge, die mein­ten: „Men­schen soll­ten wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen in der Gesell­schaft Füh­rungs­per­so­nen über­las­sen“ (also etwa der Frau Dr. A. Mer­kel). Das mag alles etwas kon­fus wir­ken, doch wor­auf sonst als auf Ent­hem­mung bereits inmit­ten der Mit­te soll­te sol­che Kon­fu­si­on hinweisen?

Wir kom­men, end­lich, zum Sexis­mus. Es gibt der Sexis­men hier zwei, den tra­di­tio­nel­len und den moder­nen. „Moder­ner Sexis­mus ist durch die Leug­nung der Dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en cha­rak­te­ri­siert.“ Wer also dem Befund: „Die Dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en ist in Deutsch­land immer noch ein Pro­blem“ über­haupt nicht oder eher nicht zustimmt: Sexist! Mehr als die Hälf­te der Pro­ban­den äußer­ten sich so. Der Anteil der Frau­en dar­un­ter wur­de lei­der nicht aus­ge­pen­delt; solch schmerz­li­che Ein­bli­cke in die See­le von sich oben­drein noch sel­ber Dis­kri­mi­nie­ren­den erspar­ten die Augu­ren sich und uns. 

Wer meint, wir sei­en jetzt end­lich fer­tig, hat den Sinn sol­cher Unter­su­chun­gen nicht ver­stan­den. Das war alles nur Ouver­tü­re. Die ent­hemm­te Mit­te, das ist selbst­ver­ständ­lich nie­mand anders als der AfD-Wäh­ler. Die AfD näm­lich, so „zeig­te die Ana­ly­se der Umfra­ge­da­ten der letz­ten Mit­te-Stu­die“, konn­te „Milieus anspre­chen, die zwar anti­de­mo­kra­tisch und/oder men­schen­feind­lich ein­ge­stellt sind, die bis­her aber demo­kra­ti­sche Par­tei­en wähl­ten. Für die­se – sich selbst der ‚Mit­te’ zurech­nen­den – Milieus ist die NPD als offen rechts­ex­tre­me Par­tei nicht wähl­bar gewe­sen.“ Die „poten­ti­el­len Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler der AfD (sind) beson­ders islam­feind­lich, homo­phob, anti­zi­ga­nis­tisch und feind­lich gegen­über Geflüch­te­ten ein­ge­stellt“, heißt es. „Schließ­lich ist auch die hohe Gewalt­ak­zep­tanz und Gewalt­be­reit­schaft bei den Wäh­le­rin­nen und Wäh­lern der AfD her­vor­zu­he­ben.“ (Des­halb, gewis­ser­ma­ßen aus­gleichs­hal­ber, wer­den AfD-Poli­ti­ker und ‑Ein­rich­tun­gen auch so oft von Links­fa­schis­ten angegriffen.)

87,7 % der poten­ti­el­len AfD-Wäh­ler stimm­ten der „Demo­kra­tie als Idee“ zu, aber „Zustim­mung zur Demo­kra­tie, wie sie tat­säch­lich funk­tio­niert“, äußer­ten nur 11,1 % (absou­ter Tiefst­wert).
Zustim­mung gab es bei den Befrag­ten mit AfD-Prä­fe­renz zu fol­gen­den Aus­sa­gen:
„Ich hät­te Pro­ble­me damit, wenn sich Sin­ti und Roma in mei­ner Gegend auf­hal­ten.” (84 %)
„Sin­ti und Roma nei­gen zu Kri­mi­na­li­tät.“ (89 %)
„Die meis­ten Asyl­be­wer­ber befürch­ten nicht wirk­lich, in ihrem Hei­mat­land ver­folgt zu wer­den.“ (88,4%)
„Mus­li­men soll­te die Zuwan­de­rung nach Deutsch­land unter­sagt wer­den.“ (80,3 %)
„Durch die vie­len Mus­li­me füh­le ich mich manch­mal wie ein Frem­der im eige­ne Land.“ (85,9%)
„Es ist ekel­haft, wenn Homo­se­xu­el­le sich in der Öffent­lich­keit küs­sen.“ (51,5 %)
„Homo­se­xua­li­tät ist unmo­ra­lisch.“ (34,7 % zum Ver­gleich: CDU/CSU 29,5. SPD 26,1, Lin­ke 16,4. Grü­ne 13,3)
Das sind durch­weg die Höchst­wer­te. Ob indes eine die­ser Aus­sa­gen von Extre­mis­mus zeugt? Ich kann kei­nen entdecken.

Die Stu­die – je öfter ich dies Wört­chen nie­der­schrei­be, des­to mehr lächerts mich – trifft die Unter­schei­dung in „demo­kra­ti­sche“ sowie „vor­ur­teils­ge­bun­de­ne und auto­ri­tä­re“ Milieus. Letz­te­re offen­ba­ren 1. „star­ke Vor­ur­tei­le (manifest/latent)“; 2. eine „ver­gleichs­wei­se gro­ße Bereit­schaft zur auto­ri­tä­ren Aggres­si­on“ (das unter­schei­det sie von der Anti­fa, deren Aggres­si­vi­tät sich kei­nes­wegs nur auf die Bereit­schaft beschränkt), und 3. kenn­zeich­net sie ein „beson­ders aus­ge­präg­ter Ver­lust von Ver­trau­en in das demo­kra­ti­sche System“. 

Schau­en wir uns ein paar die­ser Milieus an. Zunächst wäre da das „moder­ne“ (= hell­deut­sche). „Die Islam­feind­schaft ist mit 16,8 % so nied­rig wie in kei­nem ande­ren Milieu.“ Dar­aus fol­gern wir kühn: Modern = islam­freund­lich. Über die klei­ne Dis­so­nanz, dass vie­le authen­ti­sche Islam­freun­de oder Mus­lim­brü­der beim Wort „modern“ zusam­men­zu­cken oder gar nach dem Mes­ser tas­ten, gehen wir gene­rös hinweg.

Sodann folgt das „kon­for­me Milieu“. Gerührt lese ich: „Das poli­ti­sche Kli­ma in die­sem Milieu ist chau­vi­nis­tisch und aus­län­der­feind­lich gefärbt.“ Und: „Die Abwer­tung von Mus­li­men ist in die­sem Milieu sehr stark.“ Aus wel­chen Unmen­schen mag es bestehen? Schau­en wir auf die Par­tei­prä­fe­renz: Grü­ne 7,4 %, Lin­ke 5,5 %, AfD 7,0 %, SPD 19,9 %.

Ste­no­gra­fisch wei­ter: Res­sen­ti­ment­ge­la­de­nes Milieu („aus­län­der­feind­li­che Atmo­sphä­re“, „poten­ti­ell eth­no­zen­trisch“): Grü­ne 3,7 Lin­ke 5,0 AfD 7,0 SPD 18,9.

Latent anti­se­mi­tisch-auto­ri­tä­res Milieu („Kli­ma ein­deu­tig eth­no­zen­trisch und anti­se­mi­tisch“ – latent ein­deu­tig! –; „In kei­nem ande­ren Milieu herrscht ein der­art aus­ge­präg­tes Kli­ma auto­ri­tä­rer Aggres­si­on“): Hier holt die AfD end­lich auf: 13,1 % (Grü­ne 4,6, Lin­ke 4,0 – die lin­ken Anti­se­mi­ten sind ent­we­der nicht auto­ri­tär, oder die Luxem­burg-Stif­tung hat­te was dage­gen). Immer­hin: SPD mit 22,7 % vor CDU mit 18,2 %.

Das „eth­no­zen­trisch-auto­ri­tä­re Milieu“ über­sprin­gen wir, um beim „rebel­lisch-auo­ri­tä­ren Milieu“ zu enden; dort herrscht ein „aus­ge­prägt rechts­ex­tre­mes Kli­ma“ bei fol­gen­den Par­tei­prä­fe­ren­zen: 15,7 % CDU, 12,9 % SPD 2,7 % Grü­ne, 4,8 % Lin­ke, 29,3 % AfD. Ist es nicht bemer­kens­wert, dass jeder zwan­zigs­te Lin­ken- und jeder ach­te Sozi­al­de­mo­kra­ten-Sym­pa­thi­sant in Wirk­lich­keit „aus­ge­präg­te“ Rechts­ex­tre­me sind?

Resü­mee: „In fast allen Milieus gibt es mani­fes­te und laten­te Res­sen­ti­ments gegen­über Grup­pen, die als abwei­chend oder fremd wahr­ge­nom­men wer­den“ (sogar und spe­zi­ell unter den Autoren unse­rer Mit­te-Stu­die). „Dabei ist die Hal­tung gegen­über Migranten/innen der Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt, an dem sich demo­kra­ti­sche und anti­de­mo­kra­ti­sche Milieus von­ein­an­der abgren­zen“, raf­fi­nier­ter­wei­se; wer die For­cie­rung von Bunt­heit durch die Ein­wan­de­rung von Frei­heits­fein­den, Sexis­ten und Frem­den­hassern ablehnt, kann dies nur­mehr noch aus Frei­heits­feind­schaft, Sexis­mus und Frem­den­hass tun.

Wei­ter lesen Sie am bes­ten hier – hin­ter einer müh­sam durch­quer­ten Stu­dien­wüs­te­nei erstreckt sich immer prompt die nächs­te –: Eine empri­ri­sche Unter­su­chung der Uni Müns­ter hat ermit­telt, dass „isla­misch-fun­da­men­ta­lis­ti­sche Ein­stel­lun­gen unter Ein­wan­de­rern aus der Tür­kei weit ver­brei­tet” sind. Der Aus­sa­ge „Mus­li­me soll­ten die Rück­kehr zu einer Gesell­schafts­ord­nung wie zu Zei­ten des Pro­phe­ten Moham­med anstre­ben”, stim­men laut einer Emnid-Umfra­ge 32 Pro­zent der Befrag­ten „stark” oder „eher” zu. Der Aus­sa­ge „Die Befol­gung der Gebo­te mei­ner Reli­gi­on ist für mich wich­ti­ger als die Geset­ze des Staa­tes, in dem ich lebe” pflich­te­ten sogar 47 Pro­zent der Befrag­ten bei. Jeder Zwei­te bejaht „stark” oder „eher” die Ein­stel­lung „Es gibt nur eine wah­re Reli­gi­on”. Mehr hier.

Tja, geneig­ter Leser, wenn Sie das stört, lan­den Sie unfehl­bar in der nächs­ten „Mitte”-Studie. Sie soll hei­ßen: „Die hem­mungs­los ent­hemm­te Mitte”.

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