Der Fall Gedeon und Herr Martenstein als Haruspex

Ein kur­zer Hin­weis zur Klä­rung eines Sachverhalts/ Acta diur­na vom 28. Juni 2016

Zu den abson­der­li­chen Ritua­len die­ses Lan­des gehört, dass sich die weni­gen kon­ser­va­ti­ven Publi­zis­ten, die inmit­ten ihrer meist sozia­lis­ti­schen, rot­grü­nen, staats­from­men Kol­le­gen ein so kärg­li­ches wie ver­dienst­vol­les, wenn­gleich womög­lich ali­bi­haf­tes Dasein, wie man sagt, fris­ten, unfehl­bar und mit einer gewis­sen Regel­mä­ßig­keit irgend­ein Abgren­zungs­ri­tu­al gegen „rechts“ zu ver­rich­ten gezwun­gen sehen. Sie tun dies, um es sich nicht ganz mit den Guten zu ver­scher­zen und von deren Par­ty­ein­la­dungs­lis­ten zu ver­schwin­den. Seht her, rufen sie, so schlimm bin ich doch gar nicht, immer­hin distan­zie­re ich mich vom Bösen (Putin­russ­land, Bre­x­i­teng­land, Orba­nun­garn, Dun­kel­deutsch­land, Trump, katho­li­sche Kir­che, SVP etc. pp.), ich bin ein letzt­lich milieu­kon­for­mer Dis­si­dent, ich ver­an­stal­te mein sub­ver­si­ves Tänz­chen auf dem rut­schi­gen dis­kur­si­ven Par­kett, ohne auch nur eine der roten Lini­en zu berüh­ren, von denen es heißt, dass ver­flucht und ver­sto­ßen sei, wer sie übertrete.

Die­ser Tage mel­de­te sich der mode­ra­te Quer­trei­ber Harald Mar­ten­stein mit sei­ner bis­lang ein­drucks­volls­ten Ver­si­on tem­po­rä­ren Wie­der­liebs­ein­wol­lens zu Wort. In einem Tages­spie­gel-Kom­men­tar unter der Über­schrift „Die AfD ist tot – sie weiß es nur noch nicht“ schrieb er, die AfD sei Geschich­te. „Denn was im heu­ti­gen Deutsch­land nicht geht, und dar­auf darf man ruhig stolz sein, ist eine Anti­se­mi­ten­par­tei. Und die AfD ist antisemitisch.“ 

Das ist star­ker Rausch­trank. Die AfD ist anti­se­mi­tisch. Nicht ein paar Platt- und Wirr­köp­fe in ihr. Man kennt die Dik­ti­on: Die Juden sind unser Unglück. Wer sich schon mal in die deut­sche und öster­rei­chi­sche Par­tei­en­geschich­te des spä­tes­ten 19. Jahr­hun­derts ver­irrt hat, weiß unge­fähr, was unter einer Anti­se­mi­ten­par­tei zu ver­ste­hen wäre. Ver­ei­ne wie die Deut­sche Reform­par­tei (DRP), gegrün­det als Anti­se­mi­ti­sche Volks­par­tei (AVP), orga­ni­sier­ten sich weit obses­si­ver um ihr zen­tra­les Aver­si­ons­the­ma als die frü­he AfD gegen den Euro. Kei­ne die­ser Par­tei­en erlang­te eine erwäh­nens­wer­te poli­ti­sche Bedeu­tung. Bleibt zum Ver­gleich also wohl nur die NSDAP. Was für ein Zir­kel­schluss des Zeit­geis­tes: In der AfD fin­det sich ein Mensch namens Wolf­gang Gede­on, der vor ein paar Sün­den­jähr­chen ein unver­dau­li­ches und kom­plett unbe­ach­te­tes Buch über den Welt­lauf geschrie­ben hat, des­sen offen­bar struk­tu­rel­ler oder jeden­falls inhä­ren­ter Anti­se­mi­tis­mus nun zu einer Dis­kus­si­on über sei­nen Par­tei­aus­schluss führ­te – beglei­tet von zuge­ge­ben etwas unge­schick­ten Ver­su­chen, jenen in die Tat umzu­set­zen –, und schon bringt ein abso­lu­ti­ons­sehn­süch­ti­ger Teil­zeit-Muti­ger die gesam­te Par­tei mit dem übels­ten poli­ti­schen Gelich­ter in Ver­bin­dung. Auf­ge­merkt nun also und Trom­mel­wir­bel: Es betritt die ers­te Anti­se­mi­ten­par­tei die Mane­ge, die raf­fi­nier­ter­wei­se Anti­se­mi­ten aus­schlie­ßen will. 

„Er (Gede­on) hat ein Buch geschrie­ben, in dem sich Sät­ze wie die­se fin­den: ‚Die Ver­skla­vung des Res­tes der Mensch­heit im mes­sia­ni­schen Reich der Juden ist also das escha­to­lo­gi­sche Ziel der tal­mu­di­schen Reli­gi­on.’“ Wenn das kein Anti­se­mi­tis­mus sei, so Mar­ten­stein, dann sei A. Hütt­ler auch kein Anti­se­mit gewe­sen. Damit wir uns nicht falsch ver­ste­hen: Herr Gede­on, der Ex-Mao­ist, der sich selbst Anti­zio­nist nennt, hat in der AfD nichts zu suchen, er hat in kei­ner kon­ser­va­tiv-frei­heit­li­chen Par­tei etwas zu suchen, für sei­nes­glei­chen hat der Ver­fas­sungs­schutz die NPD aus­er­ko­ren wenn nicht gar mit­er­schaf­fen. Was an Gede­ons Büchern anti­se­mi­tisch ist und war­um sich die AfD sei­ner Mit­glied­schaft ent­le­di­gen muss, hat der stell­ver­tre­ten­de AfD-Spre­cher von Baden-Würt­tem­berg, der Phi­lo­soph Marc Jon­gen, hier aus­führ­lich dar­ge­legt; mehr ist dazu nicht zu sagen. Wer sich frei­lich bei der all­zu pla­ka­ti­ven und all­zu all­ge­mei­nen Abur­tei­lung des Geg­ners in zeit­geist­ge­schütz­ter Inner­lich­keit all­zu sicher fühlt und meint, eine genaue­re Kennt­nis des Streit­ge­gen­stan­des sei ent­behr­lich, es genü­ge, irgend­ei­nen Pas­sus zu zitie­ren, wo einem sel­ber ein Hui! durchs Gekrö­se fährt, gibt den Anti­se­mi­ten nur Fut­ter. Wie ver­hält es sich mit der Aus­sa­ge, die Mar­ten­stein so emi­nent hit­le­resk dünkt? 

„Die jüdi­sche Tra­di­ti­on setzt vor­aus, daß unter der Mes­si­as-Herr­schaft bzw. Got­tes­herr­schaft die Völ­ker ihre ange­stamm­ten Kul­te preis­ge­ben (müs­sen) und zur Aner­ken­nung der Auto­ri­tät der Torah gezwun­gen sein wer­den, ohne die Torah sel­ber zu stu­die­ren oder gar hal­ten zu dür­fen. Sie haben viel­mehr unter Aner­ken­nung des Got­tes Isra­els als des allei­ni­gen Got­tes und der Torah als höchs­ter Offen­ba­rungs­au­to­ri­tät unter Andro­hung der Todes­stra­fe sich auf die Prak­ti­zie­rung der sie­ben ‚noa­chi­di­schen Gebo­te’ zu beschrän­ken und erwer­ben sich so den ihnen gezie­men­den Anteil am end­gül­ti­gen Heils­zu­stand.“ Schreibt Gede­on? Nein, das steht so bei Johann Mai­er, „Geschich­te der jüdi­schen Reli­gi­on“, Her­der Ver­lag 1992. Mai­er war Grün­der und Direk­tor des Mar­tin-Buber-Insti­tuts der Uni­ver­si­tät Köln, an der er von 1966 bis 1996 als Pro­fes­sor für Juda­is­tik lehrte. 

Die Tex­te lie­gen nun mal vor, die Tra­di­ti­on exis­tiert, aber nur Nar­ren oder Fun­da­men­ta­lis­ten neh­men das alles für bare Mün­ze, und der Poli­ti­schen Kor­rekt­heit schaudert’s an der fal­schen Stel­le. In Rede ste­hen Phan­ta­sien eines klei­nen, von den dama­li­gen Groß­mäch­ten an die Peri­phe­rie gedräng­ten und teil­wei­se ver­sklav­ten Völk­chens, die natür­lich von Ver­gel­tungs­ge­lüs­ten und Kom­pen­sa­ti­ons­be­dürf­nis­sen durch­setzt sind (hier sind sowohl Nietz­sches schöp­fe­ri­sches Res­sen­ti­ment als auch Odo Mar­quards Homo com­pen­sa­tor am Wir­ken), eines Vol­kes, des­sen heils­ge­schicht­li­chen Opti­mis­mus man übri­gens nur bestau­nen kann, das sich mit bewun­derns­wer­ter Beharr­lich­keit seit mehr als zwei­ein­halb­tau­send Jah­ren in der Geschich­te hält, obwohl ihm die Umstän­de zwi­schen (evtl.) Nebu­kad­ne­zar II., Titus und Hit­ler mehr­fach den Gar­aus hät­ten berei­tet haben müs­sen und das, weil es dem Boden ent­ris­sen wur­de, in dem es wur­zel­te, statt­des­sen im Him­mel der Got­tes­furcht und der Ver­hei­ßung Luft­wur­zeln schlug, um ein Bild Hein­rich Hei­nes auf­zu­grei­fen. Und genau­so wie Kro­ne und Wur­zel hat sich auch die Rich­tung des Res­sen­ti­ments umge­kehrt – die Juden ver­wan­del­ten sich in des­sen Ziel­schei­be. Dass die­ses unbe­deu­ten­de, in alle Welt zer­streu­te, per­ma­nen­ter Ver­fol­gung aus­ge­setz­te Völk­chen heu­te einen Staat besitzt und Ein­fluss und Atom­waf­fen im Mega­ton­nen­be­reich – Geist und Geld besitzt es ja seit Olims Zei­ten –, dass es jenes Jeru­sa­lem zurück­er­obert hat, wel­ches ihm in Zei­ten der Demü­ti­gung als Ver­hei­ßung immer vor Augen stand – „Und nächs­tes Jahr in Jeru­sa­lem!“ lau­te­te der uralte Abschieds­gruß –, das gilt den Anti­se­mi­ten natür­lich als Beweis für sei­ne welt­herr­schafts­pla­nen­de Teu­fels­bünd­ne­rei, wäh­rend es unser­ei­nem bloß ein Beleg dafür ist, was ein intel­li­gen­tes, Intel­li­genz gezielt pro­du­zie­ren­des und för­dern­des, star­kes, an sich glau­ben­des Kol­lek­tiv – eine „Ras­se“ im Sin­ne Speng­lers, Ras­se hat man, Ras­se ist man nicht – gegen alle Wider­stän­de zuwe­ge brin­gen kann, mögen auch vie­le sei­ner Ange­hö­ri­gen an Dia­be­tis und Unma­nier­lich­keit und man­che an einer gräss­li­chen Chuz­pe leiden. 

Apro­pos Atom­waf­fen und Wehr­haf­tig­keit: Zusam­men mit mei­ner Frau besuch­te ich ein­mal ihren alten Kla­vier­leh­rer, der am Ran­de Jeru­sa­lems – oder, wie ich lie­ber sage: Urus­ha­lims – ein Grund­stück besitzt, auf dem er einen klei­nen Kon­zert­saal mit zwei Flü­geln und Por­träts der gro­ßen Kom­po­nis­ten an den Wän­den gebaut hat. Der alte Mann kam, eskor­tiert von einem respekt­ge­bie­ten­den Pit­bull, an das Tor, und als er es öff­ne­te, erblick­te ich die Ausch­witz-Häft­lings­num­mer an sei­nem Unter­arm. Die Täto­wie­rung und der Kampf­hund: Was für ein run­des, stim­mi­ges, schö­nes Bild!

Zurück zu dem „Anti­zio­nis­ten“ Gede­on, der nie­man­dem in Isra­el, aber eini­gen Leu­ten in Deutsch­land den Schlaf raubt. „In einer neu­en Par­tei suchen auch Wirr­köp­fe eine Hei­mat, das ist nor­mal. Bei den Grü­nen war es auch so. Die schließt man dann aus, fer­tig“, schreibt Mar­ten­stein. „Dass ein Par­tei­mit­glied men­schen­feind­li­che The­sen ver­zapft, lässt sich bei tau­sen­den Mit­glie­dern nicht ver­mei­den, so etwas kommt bei jeder Par­tei hin und wie­der vor. In der AfD aber hal­ten nicht Ein­zel­ne, son­dern vie­le die jüdi­sche Welt­ver­schwö­rung für eine Idee, die man ernst­haft dis­ku­tie­ren sollte.“

Soso, da hat der Herr Mar­ten­stein wohl per­sön­lich nach­ge­zählt. Wie vie­le mögen „vie­le“ sein? Fünf? Acht­und­acht­zig? Ab wann ist die kri­ti­sche Mas­se erreicht? Und wo genau befin­det sich die­se Mas­se? Nein, der Punkt ist ein ande­rer, die AfD ist sehr dünn­häu­tig, wenn es um die Mei­nungs­frei­heit geht, denn man sieht ja, wohin feh­len­de Dünn­häu­tig­keit führt, wenn man sich die ande­ren Par­tei­en anschaut. Das umständ­li­che, poli­tisch naiv wir­ken­de Pro­ze­de­re um Herrn Gede­on und des­sen unap­pe­tit­li­che The­sen gilt der Suche nach einem Ver­fah­rens­mo­dus, der der Öffent­lich­keit zwei­er­lei zeigt: Wir schlie­ßen Juden­fein­de aus, aber wir tun dies nicht auf Knopf­druck und paw­low­schen Reflex, wir sind und blei­ben als Par­tei ein Schutz­raum der frei­en Rede, die mit einer gewis­sen Not­wen­dig­keit die dum­me, bös­ar­ti­ge Rede ein­schließt. Bes­ser eine freie dum­me Rede als die gemaß­re­gel­te, limi­tier­te, in spa­ni­sche Stie­fel geschnür­te dum­me Rede der Eta­blier­ten. Bes­ser ein unge­schick­ter Par­tei­aus­schluss als ein all­zu geölter.

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