„Der deutsche Konservatismus muss freiheitlicher werden”

Die deut­sche Kul­tur ist nicht für die Ewig­keit geschaf­fen, küm­mern wir uns um die Zivilisation/ Auf mehr­fa­chen Wunsch ver­öf­fent­li­che ich hier den Text mei­ner Rede vom 17. April 2018 bei der AfD München

Mei­ne Damen und Herren,

Hein­rich von Kleist hat einen groß­ar­ti­gen Text geschrie­ben: „Über die all­mäh­li­che Ver­fer­ti­gung der Gedan­ken beim Reden“. Ein ver­gleich­ba­res Prin­zip gilt für die all­mäh­li­che Ver­fer­ti­gung der Gedan­ken beim Schrei­ben. Die­ser Vor­trag stand ursprüng­lich unter dem Mot­to: „Zukunft braucht Wur­zeln“, doch bei der Nie­der­schrift wur­de mir ein Gedan­ke immer kla­rer, näm­lich dass die­se Wur­zeln zuneh­mend zur Pri­vat­sa­che werden.

Das heißt, der Cha­rak­ter mei­ner Dar­le­gung ändert sich ein wenig. Ich wer­de zu Ihnen dar­über spre­chen, wer oder was an die­sen Wur­zeln her­um­schnei­det und wie man als Kon­ser­va­ti­ver damit umge­hen könn­te. Aber ich will auch dar­über spre­chen, wie man als Kon­ser­va­ti­ver, falls die Gesell­schaft sich wirk­lich von ihren Tra­di­ti­ons­wur­zeln abtrennt, gewis­ser­ma­ßen frei­heit­li­che Luft­wur­zeln schla­gen kann.

Kon­ser­va­tiv zu sein, heißt zunächst ein­mal, die Maxi­men zu beher­zi­gen, die Gott­fried Benn in sei­ner Pro­sa­skiz­ze „Der Pto­le­mä­er“ nie­der­ge­schrie­ben hat:

„Erken­ne die Lage! Rech­ne mit dei­nen Defek­ten! Gehe von dei­nen Bestän­den aus, nicht von dei­nen Parolen!“

Das ist, am Ran­de bemerkt, das genaue Gegen­teil von dem, was die Obers­te deut­sche Hee­res­lei­tung ab 1917 getan hat, was Hit­ler ab 1939 ver­an­stal­tet hat, was Mer­kel seit spä­tes­tens 2015 tut. Wir sind offen­sicht­lich Ange­hö­ri­ge eines irra­tio­na­len, auf eine gefähr­li­che Wei­se roman­ti­schen Vol­kes, das in den ver­gan­ge­nen 100 Jah­ren drei­mal sei­ne Bestän­de sei­nen Paro­len geop­fert hat. Beim ers­ten Mal waren die Kon­ser­va­ti­ven betei­ligt, das nur am Rande.

Erken­ne die Lage. Wie ist sie?

Der heu­ti­ge Welt­tag ist den Kon­ser­va­ti­ven nicht güns­tig, sofern sie sich im Sin­ne des con­ser­va­re, des Bewah­rens ver­ste­hen. Die Klüf­te zwi­schen den Genera­tio­nen sind brei­ter und tie­fer denn je, und zwar nicht, weil die jün­ge­re Genera­ti­on gegen die älte­re rebel­liert – das tat sie schon weit hef­ti­ger –, son­dern weil durch die tech­ni­sche Ent­wick­lung und all jene Pro­zes­se, die man unter Glo­ba­li­sie­rung zusam­men­fasst, die Fol­ge­ge­nera­ti­on jener ihrer Eltern immer unähn­li­cher wird. Mit den Wor­ten des IT-Gurus Ray Kurz­weil: „Schau­en Sie sich Ihr Kind genau an, wenn es erwach­sen ist, wird nahe­zu nichts auf der Welt mehr so sein wie heute.“

In der zwei­ten Hälf­te des vori­gen Jahr­hun­derts ent­stand durch die Nach­rich­ten­elek­tro­nik und den Flug­ver­kehr eine bis­lang unge­kann­te glo­ba­le Gleich­zei­tig­keit. Plötz­lich konn­ten sich Men­schen über Kon­ti­nen­te hin­weg als „Genera­ti­on“ emp­fin­den. Heu­te wird der gesam­te Glo­bus durch die Digi­ta­li­sie­rung, durch Pop­mu­sik, Nach­rich­ten und Sport­er­eig­nis­se auf syn­chron gestellt. Die suk­zes­si­ve Ver­brei­tung des Eng­li­schen als Welt­spra­che – gewis­ser­ma­ßen die begin­nen­de Auf­he­bung der baby­lo­ni­schen Sprach­ver­wir­rung – ist ein inte­gra­ler Bestand­teil die­ses Prozesses.

Die Syn­chron­schal­tung des Glo­bus läuft, bei aller Ungleich­zei­tig­keit der tech­no­lo­gi­schen und sozia­len Zustän­de in den Län­dern, auf eine Total­herr­schaft der Gegen­wart hin­aus. Der moder­ne west­li­che Mensch lebt außer­halb der Geschich­te, jedoch nicht so wie der Bau­er des Mit­tel­al­ters, des­sen Leben sich in natur­haf­ten Zyklen voll­zog, in denen nichts nor­ma­ler war als der Wech­sel ein­an­der glei­chen­der Genera­tio­nen, son­dern er ver­liert die Fähig­keit, in Zusam­men­hän­gen zu emp­fin­den. Er wür­de die­se Fähig­keit als sen­ti­men­ta­le Schwä­che bezeich­nen. Ver­gan­gen­heit schrumpft zu einem gleich­för­mi­gen „Frü­her“, dem zugleich das Eti­kett „Schlech­ter“ ange­klebt ist. Tra­di­ti­on erscheint fast nur noch als Ballast.

Der moder­ne west­li­che Mensch betrach­tet sich nicht mehr als Zwi­schen­glied einer Ket­te, die Ver­bin­dung zum Ges­tern ist abge­ris­sen, und ob er je eine zum Mor­gen her­stel­len wird, hängt von bio­gra­fi­schen Zufäl­len ab. Vie­le maß­geb­li­che deut­sche und west­eu­ro­päi­sche Poli­ti­ker stel­len die­se Ver­bin­dung nicht mehr her; Mer­kel, Macron, The­re­sa May, Juncker, Göring-Eck­art, Hof­rei­ter, Scholz, Alt­mai­er: Das sind alles Aussterbende.

Der moder­ne west­li­che Mensch denkt sei­ne Enkel nicht nur nicht mehr mit, er glaubt oft­mals gar nicht mehr an an die Exis­tenz von Enkeln. Des­we­gen beginnt die­ser Men­schen­schlag sich ein­zu­re­den, es gebe zwi­schen sei­nen Nach­kom­men und denen der ande­ren kei­nen Unter­schied, mögen die ande­ren auch von noch so fern kom­men und noch so rus­ti­ka­le Sit­ten pfle­gen. Dem moder­nen Durch­nitts­deut­schen sind etwa der Kana­di­er, der Bra­si­lia­ner oder der Tai­wa­ne­se sei­ner Gegen­wart näher und ver­trau­ter als der deut­sche Bür­ger des spä­ten 19. Jahr­hun­derts, vom preu­ßi­schen Frei­wil­li­gen des Jah­res 1813 zu schwei­gen, denn die­se Men­schen essen das­sel­be Fast­food wie er, sie sehen die­sel­ben Fil­me, hören die­sel­be Musik und träu­men die­sel­ben Träume.

Dass sich die Ange­hö­ri­gen eines Vol­kes oder eines Kul­tur­krei­ses stär­ker von ihren Vor­fah­ren getrennt füh­len als von ande­ren zeit­ge­nös­si­schen Völ­kern und Kul­tur­krei­sen, ist welt­his­to­risch bei­spiel­los. Die Zeit trennt mehr als der Raum, weil es den Raum nicht mehr gibt. Die moder­nen Ver­kehrs- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel und die Ideo­lo­gie der Glo­ba­li­sie­rung haben ihn aufgehoben.

Das heißt, dass die Ver­wur­ze­lung in der Zeit qua­si täg­lich schwä­cher wird, weil die­se Wur­zeln abster­ben. Die Men­schen haben aus dem Fort­schritt der Tech­nik, der Medi­zin und der Unter­hal­tungs­in­dus­trie den Schluss gezo­gen, dass nichts mehr alt sein darf. Die Revo­lu­ti­on ist qua­si auf Per­ma­nenz gestellt. Des­halb wer­den einem heut­zu­ta­ge die Klas­si­ker, wenn über­haupt, stets mit der Bei­fü­gung ange­dient, sie sei­en hoch­ak­tu­ell. Neu­heit und Aktua­li­tät sind Wer­te an sich gewor­den; „gest­rig“ ist ein Schimpf­wort, stei­ger­bar zur Exkom­mu­ni­ka­ti­ons­for­mel „ewig­gest­rig“. Alle tra­di­tio­nel­len Gesell­schaf­ten wan­del­ten in den Spu­ren ihrer Alt­vor­dern, wir ver­wi­schen sie – wenn wir nicht gera­de damit beschäf­tigt sind, jene zu ver­ur­tei­len, die sie hinterließen.

Die Geschwin­dig­keit, mit wel­cher der Mensch heu­te kul­tu­rel­le Ver­lus­te hin­neh­men und sich neu­en Kon­stel­la­tio­nen anpas­sen muss, nimmt stän­dig zu.  Die Kom­ple­xi­tät der moder­nen Welt wird immer ver­wir­ren­der und unüber­schau­bar. Es war ein­mal mög­lich, etwa vom Stand­punkt Hegels, Dar­wins, Freuds, Marx’ oder Rudolf Stei­ners, kom­plet­te Gesell­schafts­mo­del­le zu kon­stru­ie­ren. Das wür­de heu­te nie­mand mehr ver­su­chen. Kein Kopf kann das glo­ba­le Gesche­hen mehr zusammendenken.

In die­sem Sin­ne ist jeder moder­ne Poli­ti­ker ein tra­gi­scher Mensch: Die Spiel­re­geln sind viel zu kom­plex, als dass er sie über­schau­en könn­te, sobald er han­delt, wird er schul­dig – er ahnt nur noch nicht, wor­an genau. Des­we­gen sieht Nicht-Han­deln zuwei­len wie die Lösung aus.

Man muss sich zur Stüt­zung die­ser The­se ledig­lich anschau­en, wel­che Fak­to­ren in abseh­ba­rer Zukunft unser Land beein­flus­sen werden:

  • rück­läu­fi­ges Welt­wirt­schafts­wachs­tum, exor­bi­tan­te Staats­ver­schul­dung, Finanz­kri­sen, Protektionismus;
  • Abspal­tungs­be­we­gun­gen inner­halb der EU, mit wel­chen poli­ti­schen Kon­flik­ten auch immer;
  • die künst­lich erzeug­te Kon­fron­ta­ti­on mit Russ­land; ein moder­ner Drei­ßig­jäh­ri­ger Krieg in Syri­en, in den Russ­land und die USA noch mehr hin­ein­ge­zo­gen wer­den; der Ant­ago­nis­mus Iran – Sau­di-Ara­bi­en, in den die Groß­mäch­te eben­falls invol­viert sind;
  • direk­te Migra­ti­on aus Afri­ka und dem Ori­ent sowie Migra­ti­on via Kreiß­saal und Fami­li­en­nach­zug; die Abhän­gig­keit des euro­päi­schen Grenz­re­gimes von der in Rich­tung Got­tes­staat abdrif­ten­den Tür­kei auf­grund von Mer­kels Allein­gän­gen; die Ein­fluss­nah­me der Tür­kei in die inne­ren Ange­le­gen­hei­ten Deutsch­lands über die tür­ki­sche Minderheit;
  • aggres­si­ve Re-Isla­mi­sie­rung des Ori­ents, isla­mi­scher Ter­ro­ris­mus; isla­mi­sche Land­nah­me in Europa;
  • Ener­gie­be­schaf­fungs­pro­ble­me; wir ste­hen am abseh­ba­ren Ende der fos­silener­ge­ti­schen Epo­che, im Ver­lauf des nächs­ten Men­schen­al­ters wird sich ein indus­tri­el­ler Mus­kel­schwund ein­stel­len und wahr­schein­lich mit­tels Kern­ener­gie the­ra­piert wer­den, eine Ener­gie­form, aus deren Erzeu­gung und vor allem Erfor­schung wir ja tri­um­phal aus­ge­stie­gen sind;
  • Ernäh­rungs­be­schaf­fungs­pro­ble­me für eine unbe­irrt wach­sen­de Welt­be­völ­ke­rung; in einer immer dich­ter bevöl­ker­ten Welt all­zeit dro­hen­de Pandemien;
  • Über­fi­schung und Ver­schmut­zung der Mee­re, Kli­ma­wan­del (ich sage bewusst nicht: menschengemacht);
  • das wei­te­re Aus­grei­fen Chi­nas mit sei­nem Pro­duk­ti­ons- und Ener­gie­hun­ger; und wie­der Kon­fron­ta­ti­on mit den USA
  • das glo­ba­le Noma­di­sie­ren der Wirt­schaft und der Qua­li­fi­zier­ten und par­al­lel dazu das Wach­sen des hei­mi­schen Pre­ka­ri­ats, die immer wei­te­re Tech­ni­sie­rung und Elek­tro­ni­sie­rung des All­tags, die immer dich­te­re Ver­net­zung von immer mehr Per­so­nen und Institutionen;
  • die Gen­tech­nik mit ihren unge­ahn­ten Mög­lich­kei­ten der Opti­mie­rung des Men­schen bis zur Alterslosigkeit;
  • die künst­li­che Intel­li­genz mit ihren unge­ahn­ten Mög­lich­kei­ten, ein men­schen­un­ab­hän­gi­ges Den­ken zu erzeu­gen, immer mehr von Maschi­nen und Com­pu­tern geleis­te­te Arbeit;
  • dazu demo­gra­fi­sche Erschöp­fung, Kri­mi­na­li­tät, Vers­lu­mung, No-Go-Are­as, Analpha­be­ten­tum, zusam­men­bre­chen­de Sozi­al­sys­te­me… – hal­ten wir an die­ser Stel­le erschöpft inne. Alles steht wie auf Treibsand.

Wie um alles in der Welt kann man sich in die­ser Lage als ein Kon­ser­va­ti­ver posi­tio­nie­ren, ohne als ein Schrat zu erschei­nen, als ein hin­ter­wäld­le­ri­scher Narr, als ein Don Quichotte?

Zumal es ja noch ande­re, sozu­sa­gen kon­kur­rie­ren­de Kon­ser­va­ti­ve gibt, auch hier­zu­lan­de in wach­sen­der Zahl, die eine kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on anstre­ben, tota­ler und radi­ka­ler, als wir sie uns heu­te über­haupt erst vor­stel­len kön­nen. Denn was ist der Islam aus west­li­cher Sicht ande­res als eine kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on? Über­ra­schen­der­wei­se wird sie von den Lin­ken und Libe­ra­len unter­stützt, weil alle Rela­tio­nen ins Rut­schen gera­ten sind und Revo­lu­tio­nen eben immer ihre nütz­li­chen Idio­ten finden.

Der west­li­che Kon­ser­va­ti­ve sieht sich in einer Zan­ge. Auf der einen Sei­te die dahin­schie­ßen­de Zer­set­zung und Ver­ram­schung aller Bestän­de und Insti­tu­tio­nen im Namen des Fort­schritts, auf der ande­ren Sei­te ein restau­ra­ti­ves Kon­kur­renz­un­ter­neh­men, das zwar ein den west­li­chen Fort­schritt­lern kom­plett ent­ge­gen­ge­setz­tes Ziel ver­folgt, sie aber im Erfolgs­fall an Zer­stö­rungs­kraft noch über­trä­fe. Bei­de Sei­ten haben einen uni­ver­sa­lis­ti­schen Anspruch – der Kon­ser­va­ti­ve ist von Natur aus Partikularist.

Der gera­de­zu dia­lek­ti­sche Witz wird dar­in bestehen, dass bei­de Uni­ver­sa­lis­men, der glo­ba­lis­ti­sche wie der isla­mi­sche, lau­ter neue Par­ti­ku­la­ris­men erzeugen.

In einem gro­tes­ken Zugleich wer­den auf ver­streu­ten Inseln der Seli­gen Desi­gnerb­a­bys und künst­li­che Ersatz­or­ga­ne für Eli­ten gezüch­tet, wäh­rend neben­an ein reli­giö­ser Text aus dem 7. Jahr­hun­dert als unüber­steig­ba­re Wahr­heit gilt, auf deren Nicht­ak­zep­tanz die Todes­stra­fe droht. Zonen hyper­tro­pher Ord­nung und wil­des­ter Anar­chie wer­den direkt neben­ein­an­der bestehen, wis­sen­schaft­li­che und wirt­schaft­li­che „Kom­pe­tenz­fes­tun­gen“ (Gun­nar Hein­sohn) direkt neben Clan­ge­bie­ten, wo das Faust­recht herrscht, Astro­nau­ten­aus­bil­dung neben Ehren­mor­den, höf­li­che Auto­ma­ten neben Ban­den­krie­gen, Gen­der-Stu­dies neben Voo­doo – das ist eigent­lich kein Wider­spruch, ich weiß –, genop­ti­mier­te Hun­dert­jäh­ri­ge neben bereits zahn­lo­sen Zwan­zig­jäh­ri­gen, mili­tan­te Tier­schüt­zer neben Schäch­tern, uni­ver­si­tä­re Schutz­räu­me, in denen die geschlech­ter­ge­rech­te Spra­che peni­bel beach­tet wird und aus denen jeder Bub ver­wie­sen wird, der einem Mäd­chen ein fal­sches Wort ins Ohr flüs­tert, wäh­rend drei Stra­ßen wei­ter Ver­ge­wal­ti­gun­gen, Pädo­sex und die Zwangs­ver­hei­ra­tung min­der­jäh­ri­ger Mäd­chen zur Folk­lo­re gehö­ren. Und, wie gesagt, das alles neben­ein­an­der mit­ten in Euro­pa. Wer Afri­ka impor­tiert, wird sel­ber zu Afrika.

Kann ein Volk die eben geschil­der­ten Auf­lö­sungs­pro­zes­se überleben?

Isra­el scheint es zu kön­nen. Um die Viet­na­me­sen muss einem nicht ban­ge sein. Bei den Japa­nern stel­len sich schon ers­te Zwei­fel ein; die haben zwar in ihrer benei­dens­wer­ten Insel­si­tua­ti­on die Zug­brü­cken hoch­ge­zo­gen, aber demo­gra­fisch sieht es bei ihnen nicht bes­ser aus als bei uns.

For­mu­lie­ren wir die Fra­ge anders: Kann ein neu­ro­ti­sches, in Selbst­ver­leug­nug erstarr­tes Volk die­se Auf­lö­sungs­pro­zes­se überleben?

Ich könn­te jetzt sagen: Nein, und den Vor­trag beenden.

Mei­ne The­se ist aber eine ande­re. Sie ist nicht beson­ders schön, gera­de für einen deut­schen Schrift­stel­ler nicht, aber ich erin­ne­re an Benn: „Rech­ne mit dei­nen Defek­ten! Gehe von dei­nen Bestän­den aus, nicht von dei­nen Parolen!“

Die deut­sche Kul­tur ist nicht für die Ewig­keit gemacht, nicht ein­mal für den Äon. Ihr Über­le­ben wird Pri­vat­an­ge­le­gen­heit und Stil­fra­ge sein. Man kann sie vor­le­ben, aber nicht vor­schrei­ben. Als poli­ti­sches Pro­gramm hat sie wahr­schein­lich kei­ne all­zu­gro­ße Zukunft. Ohne­hin ist Kul­tur im Nor­mal­fall kein poli­ti­scher Gegen­stand; ein Staat, der sie zu för­dern ver­sucht, schwächt sie. 1992 demons­trier­ten Main­zer Win­zer – Wein ist immer auch Kul­tur! – gegen den Fis­kus mit der tref­fen­den Paro­le: „Was wir ererbt von uns­ren Vätern, wird ver­wal­tet von Ver­rä­tern.“ Man kann Ver­rä­ter nicht abschaf­fen oder umer­zie­hen, aber man kann ihnen die Mög­lich­keit neh­men, zu verwalten.

Wer eine spe­zi­fisch deut­sche Kul­tur jen­seits der Spra­che nicht zu erken­nen ver­mag wie eine schlecht inte­grier­te Inte­gra­ti­ons­be­auf­trag­te, ist ein Bar­bar, aber wer über sol­che Äuße­run­gen ein Geschrei anstimmt, anstatt die­se deut­sche Kul­tur zu ver­kör­pern, ist auch nicht bes­ser – ich will jetzt nicht über gewis­se AfD-Twit­ter­ac­counts reden. Mir ist es übri­gens egal, was deut­sche Kon­ser­va­ti­ve von deut­scher Kul­tur ver­ste­hen, ob sie Gedich­te aus­wen­dig wis­sen, das Ver­hält­nis von Scho­pen­hau­er zu Hegel erläu­tern oder den Weg der Fuge von Bach bis zur Prü­gel­fu­ge in den „Meis­ter­sin­gern“ skiz­zie­ren kön­nen. Oder ob sie ein deut­sches Weih­nachts­lied in der zwei­ten Stim­me sin­gen kön­nen. Ich will nur, dass deut­sche Kon­ser­va­ti­ve auf­hö­ren, heim­li­che Sozi­al­de­mo­kra­ten zu sein.

Das deut­sche Gemüt hat über­haupt so einen fata­len Hang ins Sozia­lis­ti­sche, das hängt mit den Erfah­run­gen der geo­po­li­ti­schen Mit­tel­la­ge zusam­men. Dem deut­schen Kon­ser­va­tis­mus fehlt seit je der frei­heit­li­che Zug. Das wird im Gefol­ge der Ein­wan­de­rungs­kri­se immer deut­li­cher. Als Vor­bild schwe­ben mir hier weni­ger die Angel­sach­sen mit ihrer Beu­te­lust und ihrem Tef­lon­ge­müt vor als viel­mehr die Schwei­zer, Euro­pas frei­heit­lichs­te Nati­on, und eine Wil­lens­na­ti­on über­dies, kei­ne eth­ni­sche. Beim deut­schen Sozia­lis­mus indes muss man immer damit rech­nen, dass er wahl­wei­se zum Natio­nal- oder Inter­na­tio­nal­so­zia­lis­mus entartet.

Ein Bei­spiel. Typisch für den spe­zi­ell links­deut­schen Dach­scha­den mag ein Leser­brief sein, der vor kur­zem im Spie­gel zu lesen stand und sich auf ein Inter­view mit Rüdi­ger Safran­ski bezog, der gesagt hat­te, es gäbe kei­ne Pflicht zur Frem­den­freund­lich­keit. Der Leser­brief­schrei­ber erklär­te: „Einem Men­schen, der zufäl­lig der­sel­ben Eth­nie ent­stammt wie man selbst und der zufäl­lig den glei­chen Pass hat, ist man in kei­ner Wei­se mehr ver­pflich­tet als jedem ande­ren Men­schen die­ser Welt.”

Mei­ne Damen und Her­ren, dane­ben ist die chi­ne­si­sche Hirn­wä­sche ein Schon­pro­gramm gewe­sen. Aber im Grun­de ist das die Posi­ti­on der Bundeskanzlerin.

Ich könn­te jetzt his­to­risch aus­ho­len und fra­gen, inwie­weit die­ser Mensch sei­nen luxu­riö­sen Stand­punkt ande­ren ver­dankt, die ihn auf die­ses soli­de Pla­teau gestellt haben und zufäl­lig der­sel­ben Eth­nie ent­stamm­ten wie er. Ich könn­te dar­über hin­aus fra­gen, ob er sei­ner Ent­so­li­da­ri­sie­rungs­adres­se nicht noch die For­mu­lie­rung hin­zu­fü­gen möch­te: „Men­schen, die zufäl­lig mei­ner Fami­lie ange­hö­ren, bin ich nicht mehr ver­pflich­tet als jedem ande­ren Men­schen auf der Welt”.

Es genügt aber bereits der Hin­weis dar­auf, dass die Hyper­to­le­ranz die­ses emp­find­sa­men Edlen nur unter einer ein­zi­gen, aller­dings unend­lich unwahr­schein­li­chen Vor­aus­set­zung Gel­tung bean­spru­chen könn­te, näm­lich dass jeder Mensch auf der Welt so däch­te wie er. Ansons­ten bie­ten sich die von jener abson­der­li­chen Iden­ti­täts­zirrho­se Befal­le­nen bloß denen als Opfer dar, die ihren Clan, ihren Stamm, ihr Volk oder ihre Glau­bens­ge­mein­schaft über alle ande­ren stel­len. Als Ein­zel­we­sen sind sie nicht über­le­bens­fä­hig, sie benö­ti­gen ein Kol­lek­tiv, von dem sie zeh­ren und in dem sie sich auf ande­rer Leu­te Kos­ten als Tugend­hel­den auf­spie­len kön­nen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber habe kei­ne Lust, einem sol­cher­art miss­brauch­tem Kol­lek­tiv anzu­ge­hö­ren, und möch­te mich mei­ner­seits von sol­chen Figu­ren entsolidarisieren.

Dazu bedarf es in der Tat einer kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on, einer kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on der Bür­ger, aber es muss eben eine frei­heit­li­che Revo­lu­ti­on sein. Der Geg­ner ist nicht der Mus­lim, der hier ein­wan­dert, son­dern der deut­sche Umver­tei­lungs­staat, der ihn anlockt und ali­men­tiert – und natür­lich jene Lin­ke, die die mora­li­sche Erpres­sungs­be­gleit­mu­sik bei­steu­ert. Der inne­re Feind ist unser Pro­blem, weil er sich völ­lig irra­tio­nal ver­hält und Selbst­er­hal­tung für Ras­sis­mus erklärt. Der afri­ka­ni­sche Ein­wan­de­rer ver­hält sich damit ver­gli­chen völ­lig rational.

Ich sag­te gera­de „kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on der Bür­ger“ in Abgren­zung zur kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on der Mus­li­me. Es gab den lächer­li­chen Ver­such von Alex­an­der Dob­rindt, CSU, der eine sol­che Revo­lu­ti­on gefor­dert hat­te und dann in einem Inter­view mit Mari­et­ta Slom­ka nicht erklä­ren konn­te, was das ist. Das mag zwei Grün­de haben. Ent­we­der er ist unge­bil­det, oder sein Maul­korb sitzt zu eng.

Dabei lie­gen die Ant­wor­ten doch auf der Hand. Dob­rindt hät­te sagen sol­len: Nahe­lie­gen­der­wei­se, Frau Slom­ka, wol­len wir zuerst ein­mal die Ali­men­tie­rung Ihres Beleh­rungs- und Erzie­hungs­sen­ders been­den; anstatt dem Steu­er­zah­ler Mil­li­ar­den abzu­pres­sen, damit Sie agi­tie­ren, schlem­men und mit Per­so­nal aasen kön­nen, soll­ten Sie sich der Kon­kur­renz am Markt stel­len, und wenn die lin­ken Laut­spre­cher des Staats­funks her­un­ter­ge­dimmt wer­den, wird auto­ma­tisch das gesell­schaft­li­che Kli­ma besser.

Dann wol­len wir erheb­li­che Steu­er­erleich­te­run­gen, vor allem für Fami­li­en mit Kin­dern, sofern – und nur sofern! – die Eltern etwas zum Gemein­wohl bei­tra­gen. Wir wol­len eine Befris­tung aller Sozi­al­leis­tun­gen außer für wirk­lich schick­sal­haft Bedürf­ti­ge, und nach dem Ablauf die­ser Frist gibt es kei­nen Cent mehr. Wir wol­len die Wie­der­her­stel­lung des Rech­tes an den Gren­zen und vor Gericht, die Rück­kehr des Süh­ne­ge­dan­kens in die Rechts­pfle­ge, mehr gro­ße, moder­ne und siche­re Gefäng­nis­se für die Schu­lung derer, die momen­tan mit lächer­lich gerin­gen Stra­fen für schwers­te Gewalt­ver­bre­chen davon­kom­men, weil die Knäs­te mit dem Gold aus den Schif­fen über­füllt sind.

Wir wol­len die Rück­kehr zu einem Bil­dungs­sys­tem, bei dem die Schü­ler nach Ver­las­sen der Schu­le lesen, schrei­ben und rech­nen kön­nen und min­des­tens eine Fremd­spra­che beherr­schen, die Been­di­gung der Abitu­ri­en­ten- und Geis­tes­wis­sen­schafts­stu­den­ten­schwem­me und die geord­ne­te Über­füh­rung des Gen­der-Okkul­tis­mus in die „heu­te-show“. Außer­dem die Strei­chung sämt­li­cher Mit­tel, die in den ver­fas­sungs­wid­ri­gen „Kampf gegen rechts” flie­ßen, die Kür­zung der Kul­tur- und Büh­nen­sub­ven­tio­nen, weil dort ja eh nur noch Kul­tur demo­liert wird, und natür­lich eine Ein­wan­de­rungs­po­li­tik, die Neu­bür­ger bevor­zugt, die ihre Rech­nun­gen sel­ber bezah­len wol­len (und kön­nen) bei strik­ter Abwei­sung und Aus­schaf­fung aller ande­ren, zumal der zahl­lo­sen Straf­tä­ter, die sich hier breit­ge­macht haben.

Wir wol­len nicht weni­ger als einen Men­ta­li­täts­wan­del, wir wol­len, dass Früh­auf­ste­her, Buckel­krumm­ma­cher, Arbeits­plät­ze­s­chaf­fer, Erfin­der und Patent­an­mel­der mehr und die Schwät­zer, Sozi­al­ab­sah­ner, Ideo­lo­gie­ver­brei­ter und Asyl­in­dus­trie­spitz­bu­ben weni­ger Geld ver­die­nen. Wir wol­len über­haupt den Men­schen­schlag abschaf­fen, der für sei­ne schie­re Exis­tenz eine Beloh­nung zu ver­die­nen meint, und den Men­schen­schlag för­dern, der sel­ber für sich sorgt. Das hät­te fürs ers­te genügt. Mehr hät­te Frau Slom­ka in ihrer Sen­de­zeit eh nicht untergebracht. 

Mei­ne Damen und Her­ren, ich habe die Schweiz als Wil­lens­na­ti­on und als Vor­bild genannt. Das führt zum viel­leicht wich­tigs­ten poli­ti­schen Pro­jekt, das dem Kon­ser­va­tis­mus der­zeit obliegt: die Erhal­tung der Sou­ve­rä­ni­tät der Nationalstaaten.

Der Natio­nal­staat ist die größ­te Leis­tung poli­ti­schen Orga­ni­sa­ti­ons­ver­mö­gens, wel­ches die bis­he­ri­ge Geschich­te kennt, und zwar aus einem Grund: Es gibt nir­gend­wo einen Rechts­staat, der kein Natio­nal­staat wäre. Rechts­staat heißt vor allem: Gewal­ten­tei­lung. Ein­zig der Natio­nal­staat gewähr­leis­tet Rechts­si­cher­heit. Umge­kehrt sind kei­nes­wegs alle Natio­nal­staa­ten Rechts­staa­ten, schau­en Sie sich die Tür­kei an oder Chi­na. Die Ver­bin­dung aus Natio­nal­staat, Demo­kra­tie und Rechts­staat ist so sel­ten und ihre Ent­ste­hung so unwahr­schein­lich, dass man sehr gute Alter­na­ti­ven haben muss, sie auf­zu­ge­ben. Und so lan­ge die Alter­na­ti­ven nur Luft­schlös­ser sind, muss am Natio­nal­staat fest­ge­hal­ten wer­den, so vie­le Ein­wän­de man auch gegen ihn haben mag.

Einer der alberns­ten, aber tren­digs­ten besteht dar­in, dass man Natio­nen und Natio­nal­staa­ten heu­te als Kon­struk­te abqua­li­fi­ziert. Aber eine Brü­cke und ein Haus sind auch Kon­struk­te. Die Men­schen­rech­te und die Demo­kra­tie sind Kon­struk­te. Der Elf­me­ter beim Fuß­ball ist ein Kon­strukt. Sol­len unse­re Kon­struk­ti­vis­ten doch ein­mal in eine Moschee gehen und dort vor­tra­gen, dass der Islam ein Kon­strukt ist – es ist immer erhel­lend zu beob­ach­ten, wenn Kon­struk­te wild wer­den. Und selbst­ver­ständ­lich ist auch die EU ein Konstrukt.

Mei­ne Damen und Her­ren, im Grun­de ist gegen Kon­struk­te nichts ein­zu­wen­den, wir leben von ihnen und in ihnen. Das Beson­de­re und Ein­zig­ar­ti­ge – und Kost­ba­re! – am Natio­nal­staat aber ist, dass er all die ande­ren Bin­dun­gen zwi­schen den Men­schen, die des Blu­tes, der Sip­pe, der Eth­nie, der Reli­gi­on, ein­ge­hegt und befrie­det hat. Er hat das Bluts­recht und das reli­giö­se Recht durch das säku­la­re Recht ersetzt. 

Vor unse­rer Haus­tür sehen wir, was geschieht, wenn Natio­nal­staa­ten zer­fal­len: Die Kräf­te der Reli­gi­on und des Blu­tes drän­gen in jene Macht­po­si­tio­nen, die der säku­la­re Staat geräumt hat. Die alten Clan­struk­tu­ren tre­ten wie­der zuta­ge, Stäm­me tei­len die Macht im Lan­de unter sich auf, reli­giö­se und eth­ni­sche Min­der­hei­ten wer­den ver­folgt. Und genau das wird der­zeit unter dem bei­fäl­li­gen Gemur­mel aller Sys­tem­par­tei­en impor­tiert. Was uns sei­tens der Lin­ken und ande­rer Fort­schritts­freun­de als täti­ge Huma­ni­tät ver­kauft wird, ist tat­säch­lich eine schlei­chen­de Zer­stö­rung des Rechts­staa­tes und der inne­ren Sicher­heit, ver­bun­den mit der Plün­de­rung der Sozi­al­kas­sen und der Spal­tung der Gesellschaft.

Eine frei­heit­lich-kon­ser­va­ti­ve Poli­tik darf nicht zulas­sen, dass sich das Blut und der Clan und die Reli­gi­on wie­der bei uns durch­set­zen. Dass mit Reli­gi­on nicht der Glau­be als sol­cher gemeint ist, denn wir haben gott­lob Reli­gi­ons­frei­heit in Deutsch­land, son­dern ein poli­ti­scher, auf Herr­schaft über die Gesell­schaft zie­len­der Anspruch, ver­steht sich von selbst. Es gibt, von der Welt­kli­ma­kir­che abge­se­hen, nur eine Reli­gi­on, die einen sol­chen Anspruch erhebt.

Der Natio­nal­staat hät­te sich erst dann über­lebt, wenn der Supra­na­tio­nal­staat sei­ne Funk­ti­ons­fä­hig­keit unter Beweis gestellt hat. Inso­fern ist die EU ein lehr­rei­ches Exem­pel. Sie hat vor, Euro­pa, die­sen Kon­ti­nent der Viel­falt, im Namen der Viel­falt gleich­zu­schal­ten, kos­te es, was es wol­le. Solan­ge die­se Per­ver­tie­rung der euro­päi­schen Idee in Euro­pa auf Wider­stand stößt, lebt die euro­päi­sche Idee!

Mei­ne Damen und Her­ren, die Pro­gres­sis­ten kom­men mit Visio­nen und Ver­hei­ßun­gen und stel­len For­de­run­gen in deren Namen. Sie legi­ti­mie­ren sich aus dem Ver­spre­chen einer gerech­te­ren Zukunft, und wenn ihre Plä­ne schei­tern, steh­len sich die­se Wohl­mei­nen­den heim­lich davon und sagen, das hät­ten sie nicht gewollt. Der Kon­ser­va­ti­ve kann der­glei­chen nicht bie­ten, was ihn als Lang­wei­ler, Zukunfts­ver­wei­ge­rer und Auf-der-Stel­le-Tre­ter erschei­nen lässt.

Dabei bedeu­tet kon­ser­va­tiv zu sein bloß, dass man sich die per­ma­nen­ten Kulis­sen­wech­sel nicht als das eigent­li­che Stück auf­schwat­zen lässt. Der Kon­ser­va­ti­ve hält die Gesell­schaft nicht per se für schlecht und drin­gend ver­än­de­rungs­be­dürf­tig, son­dern für ihn ist es zunächst ein­mal erstaun­lich, dass über­haupt etwas funk­tio­niert. Nach sei­ner Ansicht muss sich also kei­nes­wegs das Bestehen­de legi­ti­mie­ren, son­dern das sol­len die­je­ni­gen tun, die es ver­än­dern wol­len. Mit den Wor­ten Giu­sep­pe Prez­zo­li­nis: „Der Pro­gres­sist denkt immer an mor­gen, der Kon­ser­va­ti­ve immer an übermorgen.“

Der Kon­ser­va­ti­ve möch­te also nicht das alt­ägyp­ti­sche Bewäs­se­rungs­sys­tem oder den mecha­ni­schen Boh­rer beim Zahn­arzt wie­der­ha­ben, son­dern im Gegen­teil: Ein kon­ser­va­ti­ver Haus­be­sit­zer, um ein schö­nes Bild des Kaba­ret­tis­ten Lud­ger Kusen­berg zu zitie­ren, wird sein Haus stän­dig reno­vie­ren und ver­schö­nern und tech­nisch auf den neus­ten Stand brin­gen. Er wird sich aber davor hüten, jemals eine tra­gen­de Wand her­aus­zu­rei­ßen. Die Fami­lie, das Recht und der Natio­nal­staat sind sol­che tra­gen­den Wände.

Ich kom­me zum Schluss noch ein­mal zur deut­schen Kul­tur und damit zu den für die­sen Vor­trag titel­ge­ben­den Wur­zeln. Wäh­rend die Frei­heit zur Ver­fas­sung wer­den kann – in der geseg­ne­ten Schweiz wer­den sogar Steu­er­erhö­hun­gen per Volks­ab­stim­mung ent­schie­den ­–, ist das Über­le­ben der deut­schen Kul­tur eine Fra­ge des per­sön­li­chen Bei­spiels. Ich nann­te es: eine Fra­ge des Stils. For­dern lässt sich hier nichts.

Was ist dafür zu tun? Zunächst ein­mal hege und pfle­ge man, was an Hei­mat noch übrig ist. Wer sich fürs Noma­den­tum ent­schlos­sen hat, füh­re sei­ne Hei­mat eben mit sich. Die deut­sche Kul­tur wird in den Ein­zel­nen über­le­ben oder gar nicht, und es ist kei­nes­wegs aus­ge­macht, dass die­ser Vor­gang nur auf dem Gebiet des heu­ti­gen Deutsch­land aus­ge­tra­gen wird. Der öffent­li­che Kampf aber muss der Erhal­tung der Zivi­li­sa­ti­on gel­ten. Wer immer die Zivi­li­sa­ti­on als sol­che, den Rechts­staat, die Umgangs­for­men, das Eigen­tum, das Bar­geld, die Frei­heit der Mei­nung, des Bekennt­nis­ses und des Wirt­schaf­tens ver­tei­di­gen will, ist ein Ver­bün­de­ter, egal wel­che Spra­che er spricht und wel­che Haut­far­be er hat.

Die Bar­ba­ren ste­hen über­all bereit zum Angriff, in den Vor­städ­ten wie in man­chen Vor­stands­eta­gen, in den Redak­tio­nen, in den Ban­ken, sogar in Gebetshäusern.

Ansons­ten: Fül­len und lee­ren Sie Ihre Wein­be­stän­de. Lesen Sie Bücher statt Zei­tun­gen. Fla­nie­ren Sie, wo es noch geht. Bewaff­nen Sie sich, wo es nicht mehr anders geht. Las­sen Sie sich von der all­ge­mei­nen Ver­wahr­lo­sung nicht anste­cken. Sei­en Sie manier­lich und hei­ter. Nen­nen Sie die Din­ge beim Namen, aber gesit­tet. Sei­en Sie freund­lich zu Ihren Nächs­ten und hei­ßen Sie die­je­ni­gen will­kom­men hei­ßen, die will­kom­men sein wol­len. Hal­te Sie es mit Gil­bert Ches­ter­ton: Wenn ich will, dass die Welt blau­er wird, muss ich mit Far­be und Pin­sel vor mei­ner Haus­tür anfan­gen. Sie wird danach in jedem Fal­le blau­er sein als zuvor.

Ich dan­ke Ihnen.

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