25. Juni 2022

„Nach mei­ner Mei­nung ver­dankt Euro­pa sei­ne so viel­fäl­ti­ge Ent­wick­lung eben die­sem Reich­tum der Wege. Aber schon beginnt es, die­se Eigen­schaft sicht­lich zu ver­lie­ren. Es strebt ent­schie­den zum chi­ne­si­schen Ide­al – alle gleich zu machen. (…)

In die­ser Hin­sicht beson­ders wirk­sam ist die über­all errich­te­te Macht der öffent­li­chen Mei­nung (das heißt die Mei­nung der kol­lek­ti­ven Mit­tel­mä­ßig­keit). Frü­her gewähr­ten ver­schie­de­ne Ungleich­hei­ten und erhöh­te Posi­tio­nen denen, die sie genos­sen, die Mög­lich­keit, die­se öffent­li­che Mei­nung zu ver­ach­ten; jetzt gibt es fast kei­ne Deckung mehr. (…) In der Gesell­schaft gibt es kei­ne unab­hän­gi­gen Mäch­te, die Mei­nun­gen unter ihre Obhut neh­men könn­ten, die mit denen des Publi­kums nicht übereinstimmen.”

Also sprach John Stuart Mill. Und füg­te hinzu:

„Wenn aber die Mensch­heit zu einem Typus kommt, dann wird ihr alles, was von die­sem Typus abweicht, sit­ten­los und unge­heu­er­lich erscheinen.”

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Was uns der­zeit in einem unheim­li­chen Cre­scen­do als wokeness und schö­ne neue Welt der Diver­si­ty auf­ge­drängt wird, ist tat­säch­lich eine tota­li­tä­re Ideo­lo­gie, die – zumin­dest was den ihr inne­woh­nen­den gedank­li­chen Tota­li­ta­ris­mus betrifft – weder einen Ver­gleich mit den Bol­sche­wi­ki in Russ­land noch mit den Roten Gar­den der chi­ne­si­schen Kul­tur­re­vo­lu­ti­on noch den Roten Khmer scheu­en muss. Es han­delt sich um eine einst­wei­len weit­ge­hend unblu­ti­ge Revo­lu­ti­on, deren Prot­ago­nis­ten sich Zeit las­sen, um alle Insti­tu­tio­nen zu unter­wan­dern und mit ihren Kri­te­ri­en, Feind­bil­dern, Denk­scha­blo­nen zu infil­trie­ren. Im Unter­schied zu ande­ren Revo­lu­tio­nen kommt die woke des­halb ohne das sym­bo­li­sche gro­ße Ereig­nis, ohne fes­ten Umsturz­ter­min aus, sie voll­zieht sich all­mäh­lich, aber kontinuierlich.

Wor­an erkennt man aber, da nicht geschos­sen und (noch) nie­mand in Lager gesperrt wird, dass eine Revo­lu­ti­on statt­fin­det? Indem man sich anschaut, was Schritt für Schritt durch­ge­setzt wird. Umschrei­bung und Aus­lö­schung der Ver­gan­gen­heit, Abschaf­fung von kul­tu­rel­len und reli­giö­sen Tra­di­tio­nen, Ver­hän­gung von Sprach­dik­ta­ten, Äch­tung von Wor­ten und Ände­rung zen­tra­ler Begrif­fe, Sturz aller „fal­schen” Denk­mä­ler, Säu­be­rung der Biblio­the­ken, Thea­ter, Muse­en und Gale­rien, Eta­blie­rung der einen, streng über­wach­ten kor­rek­ten Mei­nung, von den Medi­en bis zu den Uni­ver­si­tä­ten, aber auch in Unter­neh­men, Über­flu­tung der Öffent­lich­keit mit Pro­pa­gan­da und Ver­fol­gung aller Falsch­mei­ner, das sind durch­weg Kenn­zei­chen tota­li­tä­rer Gesell­schaf­ten. Geor­ge Orwell hat es beschrieben:

Wenn man die Bol­sche­wo­ken gewäh­ren lässt, wer­den sie ihre Vor­gän­ger an Radi­ka­li­tät sogar noch über­tref­fen, egal ob sie nun direk­te Opfer pro­du­zie­ren oder „nur” hek­atom­ben­wei­se gecan­cel­te, dis­kre­di­tier­te, denun­zier­te, beruf­lich rui­nier­te und sozi­al iso­lier­te Out­laws. Die genann­ten kom­mu­nis­ti­schen Dik­ta­tu­ren haben zwar sämt­li­che Men­schen in ihrem Ein­fluss­be­reich unter das Joch ihrer Ideo­lo­gie gezwun­gen, aber immer­hin noch die Geschlech­ter und die Natur­ge­set­ze als exis­ten­ti­el­le Grund­tat­sa­chen gel­ten las­sen, auch ein Teil des kul­tu­rel­len Kanons blieb erhal­ten. Die Bol­sche­wo­ken wer­den, wenn man sie lässt, alles aus­mer­zen. Ihr Ver­hält­nis zur west­li­chen Kul­tur ist die Dam­na­tio memo­riae. Wer heu­te weiß und west­lich ist, soll jedes Iden­ti­täts­merk­mal – und zwar auf Jahr­hun­der­te rück­wir­kend – am Ver­gnü­gungs­la­ger­tor der Bra­ve New World abge­ben, wobei nicht klar ist, ob das bereits genügt oder die Abtra­gung der Erb­schuld sei­ner kon­stru­ier­ten Ras­se nicht noch ganz ande­re Kon­zes­sio­nen erfor­der­lich macht.

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Über dem besag­ten Tor steht geschrie­ben: Ihr wer­det alle mit dem Zen­tral­com­pu­ter ver­bun­den sein! Ihr wer­det alle gesund leben! Ihr wer­det alle geimpft sein! Ihr wer­det immer Mas­ken tra­gen! Ihr wer­det alle Ener­gie spa­ren! Ihr wer­det alle Heu­schre­cken essen! Ihr wer­det alle wenig besit­zen! Ihr wer­det alle divers sein, also weder einem Geschlecht noch einer Nati­on ange­hö­ren! Ihr wer­det alle eine Fami­lie sein und des­halb kei­ne eige­ne mehr brau­chen! Ihr wer­det alle rund um die Uhr unter sor­gen­der Beob­ach­tung ste­hen! Ihr wer­det kei­ne bösen Gedan­ken mehr den­ken! Ihr wer­det Unfrie­dens­stif­ter und Spal­ter mel­den! Ihr wer­det alle glück­lich sein!

(Man­cher wird das für maß­los über­trie­ben hal­ten. Ich kann das ver­ste­hen. Ich hielt „1984”, als ich das Buch unge­fähr um jenes Jahr in der DDR las, auch für maß­los übertrieben.)

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Wer ein­mal nolens volens den Zug einer neu­en Welt­ten­denz mit­be­stie­gen hat, ist gehal­ten zu extra­po­lie­ren, wohin die Rei­se gehen mag.

Die Gene­ral­welt­an­bren­nung schrei­tet voran.

Viel­falts­ver­viel­fäl­ti­gungs­kom­pe­tenz ist die Tugend unse­res Epöchleins.

Die Tole­ranz erreicht den Fernverkehr.

Die schö­ne neue Schul­uni­form in Ver­bin­dung mit dem neu­en deut­schen Gruß stärkt den Lern­ei­fer der Jüngsten.

(„Amü­sant”, schreibt Leser ***, „dass am Kra­gen des Mäderls zur Rech­ten be yourself steht.”)

Der Füh­rer hat Här­te befohlen.

Applaus, Applaus!

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Vor­schlag zur Güte (von Archi Bechlenberg):

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Eine bewähr­te Gesin­nungs­ver­mark­te­rin von der Ham­bur­ger Relo­ti­us­spit­ze erklärt, dass Fach­kräf­te und Gold­stü­cke zwar ihre Grün­de haben mögen, Juden zu has­sen, so etwas aber in ’schland nicht arti­ku­lie­ren dür­fen, denn wenn „wir” schon nie wie­der Fuß­ball­welt­meis­ter und Papst wer­den, wol­len woke Kar­tof­feln wenigs­tens den Anti­se­mi­tis­mus für sich allein haben.

Susan­ne Bey­er, Jour­na­lis­tin mit Nazi­hin­ter­grund. Eigent­lich über­flüs­sig, dar­auf hin­zu­wei­sen. Man bemerkt es auch so.

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Die­se Schwes­ter vom sel­ben Büßer­or­den wird sich aller­dings vom Vor­wurf des anti­mus­li­mi­schen Ras­sis­mus – dar­aus, dass es kei­ne Ras­sen gibt, folgt nahe­zu zwin­gend, dass anti­mus­li­mi­scher Ras­sis­mus mög­lich ist! – nim­mer­mehr rein­wa­schen können.

Obwohl sie in ihrem Kom­men­tar – das weiß ich, ohne ihn zu lesen (er steht hin­ter der Bezahl- bzw. Scham­schran­ke) – die­se Kli­en­tel gewiss nicht mit einer Sil­be erwähnt.

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Ges­tern gab es viel und teil­wei­se stür­mi­schen Bei­fall im Bun­des­tag für die mit gro­ßer Mehr­heit ver­ab­schie­de­te Abschaf­fung des Abtreibungswerbeverbots.

Mer­ke: Die moder­ne Frau bestimmt ganz allein über ihren Kör­per und alles, was dar­in ist! Mit Aus­nah­me der Impf­stof­fe natürlich.

Für Frau­en, die die Abtrei­bung bereu­en, aber nicht all­zu­viel Stress mit einem ech­ten Baby wün­schen, hält die Bra­ve New World hier oder hier eine süße Alter­na­ti­ve bereit.

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Wir müs­sen uns Nan­cy Fae­ser auf dem Rücken eines Tigers in nost­al­gi­schen Träu­men hän­gend vorstellen.

Im aktu­el­len Ver­fas­sungs­schutz­be­richt ist der von Fae­ser und Hal­den­wang aus dem Gess­ler­hut gezau­ber­te neue Delikt­be­reich „Ver­fas­sungs­schutz­re­le­van­te Dele­gi­ti­mie­rung des Staa­tes“ wie folgt definiert:

„Die Akteu­re die­ses Phä­no­me­n­be­reichs zie­len dabei dar­auf ab, wesent­li­che Ver­fas­sungs­grund­sät­ze außer Gel­tung zu set­zen oder die Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Staa­tes oder sei­ner Ein­rich­tun­gen erheb­lich zu beein­träch­ti­gen. Sie machen demo­kra­ti­sche Ent­schei­dungs­pro­zes­se und Insti­tu­tio­nen von Legis­la­ti­ve, Exe­ku­ti­ve und Judi­ka­ti­ve ver­ächt­lich, spre­chen ihnen öffent­lich die Legi­ti­mi­tät ab und rufen zum Igno­rie­ren behörd­li­cher oder gericht­li­cher Anord­nun­gen und Ent­schei­dun­gen auf. Die­se Form der Dele­gi­ti­mie­rung erfolgt meist nicht durch eine unmit­tel­ba­re Infra­ge­stel­lung der Demo­kra­tie als sol­che, son­dern über eine stän­di­ge Agi­ta­ti­on gegen und Ver­ächt­lich­ma­chung von demo­kra­tisch legi­ti­mier­ten Reprä­sen­tan­tin­nen und Reprä­sen­tan­ten sowie Insti­tu­tio­nen des Staa­tes und ihrer Ent­schei­dun­gen. Hier­durch kann das Ver­trau­en in das staat­li­che Sys­tem ins­ge­samt erschüt­tert und des­sen Funk­ti­ons­fä­hig­keit beein­träch­tigt wer­den. Eine der­ar­ti­ge Agi­ta­ti­on steht im Wider­spruch zu ele­men­ta­ren Ver­fas­sungs­grund­sät­zen wie dem Demo­kra­tie­prin­zip oder dem Rechtsstaatsprinzip.”

Sie wol­len DDR spie­len und gleich­zei­tig die­je­ni­gen bestra­fen, die ihnen das vorwerfen.

Da capo: „Die­se Form der Dele­gi­ti­mie­rung erfolgt meist nicht durch eine unmit­tel­ba­re Infra­ge­stel­lung der Demo­kra­tie als sol­che, son­dern über eine stän­di­ge Agi­ta­ti­on gegen und Ver­ächt­lich­ma­chung von demo­kra­tisch legi­ti­mier­ten Reprä­sen­tan­tin­nen und Reprä­sen­tan­ten sowie Insti­tu­tio­nen des Staa­tes und ihrer Entscheidungen.”

Was sie Dele­gi­ti­mie­rung nen­nen, heißt in zivi­li­sier­ten Län­dern Mei­nungs­frei­heit bzw. par­la­men­ta­ri­sche und außer­par­la­men­ta­ri­sche Oppo­si­ti­on. Wer so etwas schreibt, ist ein Verfassungsfeind.

PS. Leser *** ergänzt „§ 220 aus dem StGB der DDR:

„Öffent­li­che Herabwürdigung.
(1) Wer in der Öffent­lich­keit die staat­li­che Ord­nung oder staat­li­che Orga­ne, Ein­rich­tun­gen oder gesell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen oder deren Tätig­keit oder Maß­nah­men her­ab­wür­digt, wird mit Frei­heits­stra­fe bis zu drei Jah­ren oder mit Ver­ur­tei­lung auf Bewäh­rung, Haft­stra­fe, Geld­stra­fe oder mit öffent­li­chem Tadel bestraft.
(2) Eben­so wird bestraft, wer Schrif­ten, Gegen­stän­de oder Sym­bo­le, die geeig­net sind, die staat­li­che oder öffent­li­che Ord­nung zu beein­träch­ti­gen, das sozia­lis­ti­sche Zusam­men­le­ben zu stö­ren oder die staat­li­che oder gesell­schaft­li­che Ord­nung ver­ächt­lich zu machen, ver­brei­tet oder in sons­ti­ger Wei­se ande­ren zugäng­lich macht.”

Und kom­men­tiert lako­nisch: „Dele­gi­ti­mie­rung gab’s noch nicht.”

***

Höhe­punk­te der Will­kom­mens­kul­tur, unaus­ge­setz­te Fortsetzung.

Mit­tei­lung des Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums: Wer ver­sucht, die sozia­lis­ti­sche Staats- und Gesell­schafts­ord­nung der BRD zu schä­di­gen und gegen sie auf­zu­wie­geln, indem er – m(ännlich)/w(eiß)/d(eutsch) – Ein­zel­fäl­le zu angeb­li­chen Struk­tu­ren kumu­liert, betreibt ver­fas­sungschutz­re­le­van­te Dele­gi­ti­mie­rung des Staa­tes und wird sei­ner gerech­ten Hal­den­wan­gi­sie­rung nicht entgehen!

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Das Vor­ur­teil Ande­re Län­der, ande­re Sit­ten wird im Mal­strom des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus wohl bald untergehen.

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Die ame­ri­ka­ni­schen Repu­bli­ka­ner reagie­ren auf typisch ewig­gest­ri­ge Weise.

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Zum Coro­na-Block, neu­er­lich unkommentiert.

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Am Diens­tag gehe ich auf Sen­dung, sofern die Tech­nik funk­tio­niert, was bei jener zwar sicher ist, aber in Ver­bin­dung mit mir nicht mehr ganz. Der Pod­cast wird mit Bild lau­fen (inschallah), und soll­te er sich aus­rei­chen­den Zuspruchs erfreu­en, wird er an jedem Diens­tag, den Gott wer­den lässt, zur sel­ben Zeit live ausgestrahlt.

Und zwar unter die­sem Link.

 

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