27. Juni 2022

„Die­ses Licht, die­ser inti­me Glanz bei Ver­meer, der dich alles ver­ges­sen lässt, was es hie­nie­den an Infer­na­lem gibt.”
Cior­an, 25. Okto­ber 1966
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„Seit lan­gen Jah­ren, mor­gens beim Auf­wa­chen, an der Stel­le des Gehirns, Gefühl einer Steppe.”
Der­sel­be, 26. Okto­ber 1966
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Vor zwei Tagen ver­öf­fent­lich­te ich hier ein Foto aus einer kom­mu­na­len Infor­ma­ti­ons­bro­schü­re zum neu­en Schul­jahr, auf dem zwei dem Teen­ager­al­ter ent­ge­gen­stre­ben­de Mäd­chen gezeigt wur­den, die bei­de eine Mas­ke sowie einen Ganz­kör­per­über­zug aus Kunst­stoff tru­gen (eine Art Gam­ma-Pla­ne, falls sich von den Her­ren noch jemand dar­an erin­nert), um sich vor dem mör­de­ri­schen Coro­na­vi­rus zu schüt­zen, das in der frag­li­chen Alters­ko­hor­te seit Aus­bruch von Covid-19 in Deutsch­land viel­leicht zehn Todes­fäl­le aus­ge­löst haben könn­te. Eines der bei­den Mädels, mach­te mich ein Leser auf­merk­sam, trug an sei­nem Kra­gen, dort, wo anti­ken Skla­ven das Hals­ei­sen ange­legt wur­de, die Auf­schrift: Be yourself.
Die­sen Slo­gan hät­te Geor­ge Lucas sei­ner Klon­ar­mee ver­pas­sen sol­len. Bes­se­re Unter­ta­nen als Lem­min­ge, die sich für Indi­vi­du­en hal­ten, kann sich kein Staat wün­schen – die per­fi­de Tat­sa­che ein­ge­rech­net, dass es hal­be Kin­der sind, die hier bereits kol­lek­ti­vis­tisch dres­siert und genormt werden.
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Fer­da Ata­man, die desi­gnier­te Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­be­auf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung, ver­tritt, wie Alex­an­der Wendt sehr detail­liert aus­führt, mit fana­tis­mus­na­her Kon­se­quenz anti­deut­sche und migra­ti­ons­be­schleu­ni­gen­de Posi­tio­nen. Das tut sie zunächst ein­mal, weil es sich um ein lukra­ti­ves Geschäfts­mo­dell auf Kos­ten der von ihr beschimpf­ten „Kar­tof­feln” han­delt. Zugleich ist sie ein ide­al­ty­pi­sches Bei­spiel dafür, dass Migran­ten bzw. Men­schen mit dem berühm­ten daseins­ver­edeln­den Hin­ter­grund, spe­zi­ell aus nicht­eu­ro­päi­schen Gefil­den, die west­li­che uni­ver­sa­lis­ti­sche Rhe­to­rik ledig­lich über­neh­men, um ihre Grup­pen­in­terres­sen gegen die deut­sche Noch-Mehr­heits­ge­sell­schaft durchzusetzen.
In nicht­wei­ßen eth­nisch-kul­tu­rel­len Kol­lek­ti­ven ist der Eth­no­zen­tris­mus – also der nor­ma­le und irgend­wie auch gesun­de Grup­pen­ego­is­mus – wesent­lich stär­ker aus­ge­prägt als unter Weißen.

Das heißt, unter Ori­en­ta­len, Asia­ten, Schwar­zen wird man als Bevor­zu­ger sei­ner Eth­nie nicht, wie bei den när­ri­schen Wei­ßen, geäch­tet, son­dern erfährt sozia­le Aner­ken­nung. Die Maxi­me lau­tet ganz sim­pel: Gut ist, was gut für mei­ne Grup­pe ist. Wenn eine Ata­man oder eine Saw­san Che­bli sich öffent­lich zu libe­ra­len Gleich­heits­grund­sät­zen beken­nen, geschieht dies aus instru­men­tel­len Grün­den, und da sie nicht die hells­ten Ker­zen auf der Tor­te sind, geste­hen sie es unfrei­wil­lig stän­dig ein. Die Genera­ti­on von Migran­ten­nach­kom­men, die sie ver­tre­ten, ist mit den lin­ken Gleich­heits­pre­dig­ten auf­ge­wach­sen, ohne aber, im Gegen­satz zu vie­len ihrer bio­deut­schen Zeit­ge­nos­sen, ihre Zuge­hö­rig­keits­ge­füh­le zu ver­lie­ren und ihre Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen auf­zu­ge­ben. (Necki­scher­wei­se erklä­ren sie sogar ihre Grup­pen­in­ter­es­sen zu einer direk­ten Fol­ge des wei­ßen Ras­sis­mus, sie wer­den also prak­tisch in den Ego­is­mus gezwun­gen.) Des­we­gen läuft auch jede Dis­kus­si­on über eth­nisch-kul­tu­rel­le Unter­schie­de dar­auf hin­aus, dass sich zwei Par­tei­en gegen­über­ste­hen: die „struk­tu­rell ras­sis­ti­schen” Wei­ßen, die gehal­ten sind, sich ihrer Geschich­te und Iden­ti­tät zu schä­men, und die ande­ren, die die­se Kon­stel­la­ti­on für ihren eige­nen Vor­teil nutzen.

Das ist das Resul­tat aller iden­ti­ty poli­tics: Grup­pen, die sich anhand bio­lo­gi­scher Merk­ma­le defi­nie­ren, kämp­fen für ihre jewei­li­gen Inter­es­sen, hin und wie­der ver­ei­nen sie sich gegen ein domi­nan­tes oder auch bloß beson­ders aus­plün­der­ba­res Kol­lek­tiv, doch statt in einer uni­ver­sa­len mul­ti­eth­ni­schen, mul­ti­kul­tu­rel­len Gesell­schaft endet der gan­ze Zin­no­ber in einem Hai­fisch­be­cken der Par­ti­ku­la­ris­men. Die Lin­ke erreicht am Ende ver­läss­lich das Gegen­teil von dem, was sie verheißt.

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Mein (nahe­zu gesam­ter) Kör­per gehört mir!
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Robert Habeck, ein bekann­ter Autor von inzwi­schen Kli­ma­gru­sel­ge­schich­ten, hat erklärt, dass Hit­ler­pu­tin „einen Krieg vom Zaun gebro­chen hat, weil er die indi­vi­du­el­le Frei­heit und das indi­vi­du­el­le Glücks­stre­ben von Men­schen nicht ertra­gen kann”, was eine erstaun­li­che Aus­sa­ge für den Vor­sit­zen­den einer Par­tei ist, deren Pro­gramm sich in den Wor­ten Abschaf­fung der indi­vi­du­el­len Frei­hei­ten und des indi­vi­du­el­len Glücks­stre­bens so prä­gnant wie voll­stän­dig zusam­men­fas­sen lässt.
Die Frei­heit zur direk­ten Regie­rungs­kri­tik aus­ge­nom­men, steht es in Russ­land um die indi­vi­du­el­len Frei­hei­ten nicht viel schlech­ter als in ’schland, aber Nan­cy Fae­ser arbei­tet ja schon dar­an, auch in die­sem Punk­te auf­zu­ho­len. Das Waf­fen­recht in Russ­land bei­spiels­wei­se – eines der fun­da­men­ta­len Frei­heits­kri­te­ri­en – ist stren­ger als in den USA, aber libe­ra­ler als in Deutsch­land. Der rus­si­sche Ein­kom­mens­steu­er­satz – ein wei­te­res fun­da­men­ta­les Frei­heits­kri­te­ri­um – liegt für Ein­hei­mi­sche durch­weg bei 13 Pro­zent. Es gibt in bei­den Län­dern ein Staats­fern­se­hen, das den Men­schen mit Pro­pa­gan­da auf den Keks geht, aber in Russ­land muss der Bür­ger es nicht über eine Zwangs­ab­ga­be finan­zie­ren (wobei zu Unguns­ten des rus­si­schen Staats­fern­se­hens ange­merkt sei, dass es seit Kriegs­be­ginn sein deut­sches Pen­dant an pene­tran­ter Ein­sei­tig­keit weit über­trifft). In Russ­land gibt es kei­nen „Kampf gegen rechts”, kei­ne Gesin­nungs­schnüf­fe­lei durch NGOs, kei­ne Can­cel-Cul­tu­re an Uni­ver­si­tä­ten. Auch kei­nen Mas­ken- und Impf­zwang. Kei­ne Erb­schuld der Wei­ßen und kei­ner­lei Zwangs­maß­nah­men zur Welt­kli­ma­ret­tung. Dafür eine auto­ri­tä­re Staats­kir­che, die aber, ver­gleicht man sie mit den deut­schen Grü­nen, plötz­lich gar nicht mehr so auto­ri­tär wirkt. Und es gibt dort sehr viel Kor­rup­ti­on, was man in einem Rechts­staat als Frei­heits­be­schrän­kung wer­ten könn­te, in einer Dik­ta­tur indes ist Kor­rup­ti­on ein Refu­gi­um der Frei­heit. Auf Deutsch­land über­tra­gen, bedeu­tet das … –
Was nun wie­der­um die Ener­gie­prei­se betrifft, die für die indi­vi­du­el­le Frei­heit auch nicht ganz unwich­tig sind, ver­si­chert uns Habeck nun also, dass er den „Gas­not­stand” aus­ru­fen muss­te, weil Putin „will, dass sich unser Land zer­legt”. Aber müss­te Putin dann nicht nur die Grü­nen unterstützen?
Tat­säch­lich hat der rus­si­sche Auto­krat mit der Erhö­hung der Gas­prei­se so wenig zu tun wie mit der Infla­ti­on. Das eine ist die Fol­ge der deut­schen Ener­gie­wen­de, an wel­cher Gevat­ter Habeck, der jetzt „Hal­tet den Dieb!” ruft, nicht ganz unbe­tei­ligt war, wäh­rend die Infla­ti­on das Werk der EZB ist.
Ein geis­tig gesun­des, rea­li­täts­be­zo­ge­nes, poli­tisch fle­xi­bles, dem Fatum der Con­di­tio huma­na – es wird immer Krie­ge geben – gewo­ge­nes Deutsch­land wür­de ukrai­ni­sche Flücht­lin­ge auf­neh­men, den Angriffs­krieg ver­ur­tei­len, den Ukrai­nern mora­lisch den Rücken stär­ken und ihnen ein paar Waf­fen lie­fern, aber wei­ter rus­si­sches Gas beziehen.
Ich hät­te ja nichts dage­gen, dass die­ses bes­te Deutsch­land seit Olims Zei­ten an sei­ner Hyper­mo­ral erfriert, aber muss ich dafür tat­säch­lich auswandern?
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„Betrach­ten wir Deutsch­land doch ein­mal mit ‚kapi­ta­lis­ti­schen Augen’. Wir erken­nen ein Land mit einem staat­li­chen (d. h. sozia­lis­ti­schen) Ren­ten­sys­tem, einem staat­li­chen Gesund­heits­we­sen, einem staat­li­chen Bil­dungs­we­sen, mit staat­lich und gewerk­schaft­lich gefes­sel­ten Arbeits­märk­ten, einem kon­fis­kato­ri­schen Steu­er­sys­tem, einer Staats­quo­te von über 50 Pro­zent, mit einem erheb­lich regu­lier­ten Woh­nungs­markt, einem mas­siv sub­ven­tio­nier­ten und regu­lier­ten Agrar­sek­tor und einer in einem kom­pli­zier­ten Geflecht zwi­schen Markt und Staat ein­ge­bun­de­nen Ener­gie­wirt­schaft, mit min­des­tens Hun­dert­tau­send Betrie­ben in ‚kom­mu­na­lem Eigen­tum’ (d.h. Staats­ei­gen­tum) und einem staat­li­chen Papier­geld­mo­no­pol, ja sogar mit einem Staats­fern­se­hen samt Zwangs­ge­büh­ren. Wir erken­nen ein Land, in dem fast 40 Pro­zent der Bevöl­ke­rung ganz oder über­wie­gend von Staats­leis­tun­gen lebt und in wel­chem das gesam­te Leben der Bür­ger von staat­li­chen Rege­lun­gen über­wu­chert ist. Wer die­sen 80-Pro­zent-Sozia­lis­mus als Kapi­ta­lis­mus bezeich­net, muss mit ideo­lo­gi­scher Blind­heit geschla­gen sein. Und wer gar von Tur­bo- oder Raub­tier­ka­pi­ta­lis­mus redet, den muss der Ver­stand ganz ver­las­sen haben (oder die pani­sche Angst vor dem Macht­ver­lust zu ver­ba­len Veits­tän­zen getrie­ben haben).”
So Roland Baa­der bereits anno 2005.
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