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Auf ihrer Face­book­sei­te beschreibt die Sän­ge­rin Julia (Jule) Neigel, wie ein ihr nahe­ste­hen­der älte­rer Mensch unter der Coro­na-Tyran­nei ins Kran­ken­haus gezwun­gen und dort so lan­ge iso­liert wur­de, bis er, man muss es so for­mu­lie­ren, an Ver­nach­läs­si­gung kre­pier­te. Tau­sen­de sind auf ver­gleich­ba­re Wei­se gestor­ben bezie­hungs­wei­se umge­bracht worden.
Ich gestat­te mir, aus dem Text zu zitieren:
„Er kam wegen eines Rou­ti­ne­ein­griffs und mit nega­ti­vem PCR-Test in eine Kli­nik und wur­de einen Tag spä­ter Opfer eines Besuchs­ver­bots aller Pati­en­ten. Bis dahin war er von sei­ner Lebens­part­ne­rin und sei­nem häus­li­chen und fami­liä­ren Umfeld nie län­ger als ein paar Stun­den getrennt. Dann ver­schwand er vor unse­ren Augen für Wochen hin­ter ver­schlos­se­nen Türen, ohne dass wir erfah­ren durf­ten, was mit ihm dort genau geschieht. Ich hat­te als Künst­le­rin zu die­sem Zeit­punkt schon beruf­li­ches Tätig­keits­ver­bot und dann kam das. Sie nah­men uns die Kon­trol­le der Für­sor­ge über uns gelieb­te Men­schen weg. (…)
Es ist leicht, alte Men­schen qua­si schon im Leben für tot zu erklä­ren und durch Unter­las­sen die­se ster­ben zu las­sen, wenn kein Nahe­ste­hen­der dabei kon­trol­lie­ren kann, was mit die­sen hin­ter ver­schlos­se­nen Türen geschieht.
Er war schwer­hö­rig, konn­te des­halb nicht tele­fo­nie­ren und ohne Hör­ge­rät dann gar nie­man­den mehr ver­ste­hen, als nach einer Woche in der Kli­nik sei­ne Hör­ge­rät­bat­te­rien ver­sag­ten und er nur noch mit den Augen sei­ne Umge­bung voll­stän­dig wahr­neh­men konn­te. Über 3 Wochen war­te­te er auf uns, wohl ohne zu wis­sen, war­um wir nicht bei ihm waren, ihn nicht pfleg­ten, sei­ne Hand hiel­ten, ihn füt­ter­ten, für ihn da waren, ihm mensch­li­che Wär­me, Lie­be und Lebens­mut gaben, was wir sofort getan hät­ten, wenn ein Kli­nik­chef es nicht ver­bo­ten hät­te. Es gin­ge ihm gut … er habe die OP gut über­stan­den … er lässt Grü­ße aus­rich­ten … er wol­le nach Hau­se … er wür­de nichts essen wol­len … es gin­ge ihm schlech­ter … er wäre krank… erzähl­ten uns die Pfle­ger am Tele­fon, wäh­rend wir immer ner­vö­ser wur­den. Obwohl er offen­sicht­lich nach Hau­se woll­te, ließ man ihn ein­fach nicht raus. Wir kämpf­ten des­halb um sei­ne Rech­te und zogen vor Gericht.
Als wir, nur mit Hil­fe eines Anwalts, end­lich zu ihm durch­drin­gen konn­ten, lag er schon drei­ein­halb schreck­lich lan­ge Wochen allein in einem sti­cki­gen Raum, ans Bett gefes­selt, ohne Throm­bo­sestrümp­fe, konn­te sich kaum noch rüh­ren, war ohne Lese­stoff, Tele­fon und Fern­se­her, bei dau­er­haft zuge­sperr­tem Fens­ter, durf­te seit 3 Wochen sein Zim­mer nicht eine Minu­te ver­las­sen und konn­te schon lan­ge nicht mehr auf­ste­hen. Er hat­te Tage nichts geges­sen und getrun­ken, bekam kei­ne Infu­sio­nen, starr­te mit ein­ge­fal­le­nen Augen die Wand an und hat­te eine Lun­gen­ent­zün­dung. Es war offen­sicht­lich, dass nie­mand ihn wenigs­tens gefüt­tert, oder ihm genü­gend Flüs­sig­keit zuge­führt hat­te, ihn regel­mä­ßig mobi­li­siert hat­te – man habe dafür kei­ne Zeit, hieß es. Er lag weder auf der ger­ia­tri­schen Sta­ti­on, oder Inten­siv­sta­ti­on, oder Pal­lia­tiv­sta­ti­on. Ich erkann­te ihn nicht wie­der. Er hat­te gera­de noch die Kraft 2 lei­se nuscheln­de Sät­ze zu uns zu sagen: „Wochen“ und „Hab gewar­tet“. Obwohl es hieß, dass er nichts essen wol­le, ließ er sich den­noch von uns füt­tern. Als ich mit der Ärz­tin sprach und Akten­ein­sicht woll­te, stell­te sie fest, dass ich ihn wohl sehr lie­ben wür­de, so, als ob ein alter Mensch es nicht wert wäre? Natür­lich, was denn sonst? Trotz­dem bekam ich kei­ne Ein­sicht in die Arzt­ak­te. Es war wohl die letz­te Nah­rung, die er bekam, näm­lich durch uns.
Sei­ner Lebens­ge­fähr­tin wur­de dann 2 Tage spä­ter, am Tag sei­nes Todes, wegen all­ge­mei­nem Besuchs­ver­bot erneut der Zugang zu ihm ver­wei­gert. Sie stand stun­den­lang in der klir­ren­den Käl­te vor der Kli­nik­tür und wein­te bit­ter­lich, wäh­rend man ihm schon Mor­phi­um ver­ab­reich­te, was atem­de­pres­siv macht und ihn end­gül­tig töte­te. Sie sagt bis heu­te: Was man ihm und ihr ange­tan habe, das erin­ne­re sie an die Demü­ti­gun­gen des Krie­ges, den sie als jun­ges Mäd­chen erlebt habe. Der Rechts­be­treu­er, der per Gericht 2 Tage zuvor ein­ge­schal­tet wur­de, kam genau einen Tag zu spät. Er starb also, ohne dass sei­ne Part­ne­rin bei ihm sein konn­te und der beauf­trag­te Betreu­er sah, wel­chen Zustän­den er aus­ge­setzt wor­den war. Auf sei­nem Toten­schein stand eine ande­re Dia­gno­se, als die tat­säch­li­che Todesursache.
Unser gelieb­ter Mensch kam wegen eines Zip­per­leins in eine Kli­nik rein und drei­ein­halb Wochen und 10 Kilo leich­ter spä­ter tot wie­der her­aus, ohne dass wir ihn vor Ein­sam­keit und Ver­nach­läs­si­gung schüt­zen konn­ten – ohne dass wir sein Wohl­be­fin­den, als sei­ne Liebs­ten, kon­trol­lie­ren konn­ten, ohne zu wis­sen, wie mit ihm umge­gan­gen wur­de und ohne uns ver­ab­schie­den zu kön­nen. Die Kli­nik ver­schluck­te ihn und spuck­te ihn tot wie­der aus. Das war’s. Er war stark – denn sonst hät­te er die­sen beklem­men­den, sti­cki­gen, schreck­li­chen, abge­schot­te­ten Raum, in dem er prak­tisch gefan­gen gehal­ten wur­de, kei­ne drei­ein­halb Wochen ertra­gen. Ich ver­mis­se ihn jeden Tag, denn er wur­de uns entrissen.
Als sei­ne Hab­se­lig­kei­ten, zusam­men­ge­wür­felt in einem blau­en Müll­sack, zurück­ge­ge­ben wur­den, lagen die neu­en Hör­ge­rä­te­bat­te­rien immer noch unge­öff­net und seit 2 Wochen in der Tasche. Nie­mand hat­te sie aus­ge­tauscht, obwohl tele­fo­nisch zugesichert.
Der Schmerz, sein Leid und sein Ver­lust ist uner­mess­lich, vor allem, weil es ver­meid­bar gewe­sen wäre und er das nicht ver­dient hat. Er war zu jedem immer freund­lich, hat immer gear­bei­tet, hat sein Leben lang in die Kas­se ein­be­zahlt, um eben gera­de nicht so behan­delt zu wer­den und so zu enden – so zum Ster­ben ein­fach abgelegt.”
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21. Dezember 2022

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