16. April 2023

Bei den meis­ten Apos­teln der Mäßi­gung und des Ver­zichts han­delt es sich um Men­schen, von denen man sonst nie etwas zu hören bekä­me; es sind Pha­ri­sä­er, die uns mit­tei­len: Wenn mein Leben schon lang­wei­lig, glanz- und geist­los ist, dann soll es wenigs­tens mög­lichst lan­ge dauern.

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Die bedeu­tends­ten Kom­po­nis­ten waren weiß und männ­lich. Die bedeu­tends­ten Maler waren weiß und männ­lich. Die bedeu­tends­ten Bild­hau­er waren weiß und männ­lich. Die bedeu­tends­ten Autoren, egal wel­chen Gen­res, waren weiß und männ­lich. Da die Ent­wick­lung der Küns­te als weit­ge­hend abge­schlos­sen gel­ten darf, wird sich das nie­mals ändern las­sen. Ich schla­ge des­we­gen vor, sie alle zu can­celn.

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Das Erstau­nen dar­über, wie vie­le Engel oder See­len auf einer Nadel­spit­ze Platz fin­den, ist jenem dar­über gewi­chen, wie vie­le Pro­pa­gan­dis­ten auf eine Eri­cus­spit­ze passen.

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Ges­tern wur­den die letz­ten deut­schen Atom­kraft­wer­ke abge­schal­tet. Man wird die­ses Datum in Erin­ne­rung behal­ten als den Tag, an dem die Strom­ra­tio­nie­rung ihren Anfang nahm.

Da ich zu die­sem The­ma genug gesagt habe, über­las­se ich Leser *** den Tages­schau-Kom­men­tar:

„Die sozia­lis­ti­sche Ein­heits­front aus Grün­fa­schis­ten, roten und gel­ben Sozia­lis­ten, unter­stützt von den ande­ren demo­kra­ti­schen Kräf­ten und den Nach­rich­ten­schaf­fen­den, macht im Auf­trag des Wäh­lers da wei­ter, wo die Abriß­bir­ne aus der Ucker­mark auf­ge­hört hat. Sie haben nie einen Hehl dar­aus gemacht, was sie vor­ha­ben, und kre­ieren nun wie ange­kün­digt einen feind­li­chen Akt nach dem ande­ren gegen das eige­ne Volk. Sie haben nur das ange­kün­digt und gemacht, was sie am bes­ten kön­nen: plün­dern und zer­stö­ren. Und das tun sie auch jetzt, denn dafür sind sie von der Mehr­heit der Deut­schen gewählt wor­den. Sie hat­ten es zu kei­nem Zeit­punkt nötig, ein Blatt vor den Mund zu neh­men oder die Bevöl­ke­rung zu täu­schen und zu betrü­gen. Sie tun nur das, was sie sagen.”

Dass es den © grü­nen Gau­nern (geschütz­ter Pleo­nas­mus) mit­nich­ten um das Kli­ma geht, son­dern um Geld für ihre sub­ven­tio­nier­te Wind­rad-Kli­en­tel auf der einen, die Zer­stö­rung Deutsch­lands als Indus­trie­na­ti­on bzw. über­haupt Nati­on auf der ande­ren Sei­te, set­ze ich all­mäh­lich als bekannt voraus.

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Die offen­kun­di­ge Unaus­rott­bar­keit der „sozia­lis­ti­schen Idee” grün­det in der Begehr­lich­keit der Nichts­nut­ze sowie der Illu­si­ons­be­dürf­tig­keit und Ver­gess­lich­keit der ande­ren Men­schen. Kaum war der deut­sche Real­so­zia­lis­mus eine Gene­ra­ti­on lang in jenem Orkus ver­schwun­den, wo er hin­ge­hört, wol­len Ahnungs­lo­se wie­der von vor­ne anfan­gen. Das Phä­no­men, wie eine Woh­nung über­haupt ent­steht, ist Figu­ren, die Wirt­schaft für ein Aus­beu­tungs­ver­hält­nis hal­ten, ein Buch mit sie­ben Sie­geln. Wenn es irgend­wo genug Wohn­raum gibt, dann aus einem ein­zi­gen Grund: Weil er nicht ver­teilt wird. Alles, was staat­lich ver­teilt wird, endet im Mangel.

Scha­de, dass man Dumm­chen wie die­se Zeit-Maus nicht für ein erkennt­nis­för­dern­des Sün­den­jähr­chen dort­hin ver­frach­ten kann, wo ihnen der Wohn­raum tat­säch­lich zuge­teilt wird.

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Im Acta-Notat vom 8. Febru­ar ver­wies ich auf einen FAZ-Arti­kel, den der Autor Sören Sieg in eige­ner Sache ver­fasst hat­te (etwas scrol­len). Er beschrieb dar­in, wie sein Buch „Oh, wie schön ist Afri­ka …” die post­ko­lo­nia­le Lek­to­rats­zen­sur, „Sen­si­ti­vi­ty Rea­ding“ genannt, überstanden habe. Die „ras­sis­mus­kri­ti­sche” Lek­to­rin hat­te zuvor in sei­nem Manu­skript gestri­chen und umfor­mu­liert, wie es kein könig­li­cher Zen­sor jemals gewagt hät­te. Die Ver­öf­fent­li­chung in der FAZ mag dazu geführt haben, dass der Ver­lag das Buch schließ­lich nur mit mar­gi­na­len Ände­run­gen druck­te, mei­ne aus­führ­li­che Erwäh­nung wie­der­um dazu, dass es mit einer freund­li­chen Wid­mung bei mir ein­tru­del­te. Inzwi­schen habe ich es gele­sen, wobei ich mich bemüh­te, die Zei­len mit den Maul­wurfsau­gen einer blü­ten­wei­ßen Sen­si­ti­vi­ty Zensor:in zu pflü­gen, die aus dem Manu­skript nicht nur fast alle Beschrei­bun­gen indi­vi­du­el­ler Eigen­hei­ten, son­dern sogar die Wor­te „Afri­ka“, „Afri­ka­ner“, „afri­ka­nisch“ und auch die wie­der­hol­ten Beteue­run­gen von Ein­hei­mi­schen: „That’s Afri­ca!“ til­gen will, weil sie „Afri­ka“ für eine Kon­struk­ti­on der Wei­ßen hält.

Wor­um geht es? Sören Sieg, Sän­ger, Kom­po­nist, Musi­kant und Autor, schil­dert im Buch sei­ne Rei­se­er­leb­nis­se in sechs afri­ka­ni­schen Län­dern (Äthio­pi­en, Ugan­da, Kenia, Tan­sa­nia, Süd­afri­ka und Gha­na). Die Art und Wei­se sei­ner Tou­ris­tik nennt sich „Couch­sur­fing”, das ist so etwas wie Airbnb für Anspruchs­lo­se oder eben Aben­teu­er­lus­ti­ge. Die Sache beruht auf einem mit Airbnb-Reser­vie­rungs­sys­tem ver­gleich­ba­ren wech­sel­sei­ti­gen Bewer­tungs­sys­tem von Gast und Gast­ge­ber, kos­tet Ers­te­ren aber nichts außer klei­nen Geschen­ken, even­tu­el­len Ein­la­dun­gen und Hono­ra­ren für Gui­de-Diens­te, wes­halb der Begriff „anspruchs­los” ein Euphe­mis­mus ist – jede zwei­te im Buch beschrie­be­ne Blei­be ist unzu­mut­bar (und zuwei­len ergreift der Autor auch nach der ers­ten Nacht die Flucht). Der Sinn des Couch­sur­fings besteht dar­in, dass sich zwi­schen Host und Besu­cher ein per­sön­li­cher Kon­takt her­stellt und der Rei­sen­de mehr über Land und Leu­te erfährt, als wenn er sich im Hotel oder eben via Airbnb ein­mie­te­te. Die von Sieg geschil­der­ten Erleb­nis­se und Zustän­de kom­men also dem, was man pro­sa­isch die Rea­li­tät nennt, recht nahe, wobei dem Autor natür­lich jeder­zeit die Mög­lich­keit offen steht, in die Kom­fort­zo­ne zu wech­seln oder ganz abzu­rei­sen; er bleibt ein Hos­pi­tant und betont das auch immer wieder.

Das Buch han­delt also nicht von Safa­ri, Seren­ge­ti und Afri­ka-Roman­tik, es geht auch nicht (oder nur am Ran­de) um die soge­nann­te Ent­wick­lungs­hil­fe und die angeb­li­che Ver­ant­wor­tung des Wes­tens für den schwar­zen Kon­ti­nent, wie sie rote und grü­ne Laut­spre­cher pene­trant beto­nen und von der zuletzt auch die Heim­su­chung im Hosen­an­zug in ihrer gesam­mel­ten Ahungs­lo­sig­keit („Jahr­hun­der­te”!) kündete:

Statt­des­sen han­delt das Buch vor allem von den Gast­ge­bern, ihren Lebens­ge­schich­ten, Lebens­um­stän­den und Ansich­ten. Die gern behaup­te­te Ver­ant­wor­tung der Wei­ßen für die von offen­bar unmün­di­gen Schwar­zen bewohn­ten Län­der, deren poli­ti­sche Selbst­stän­dig­keit inzwi­schen fast so lan­ge währt wie zuvor der Kolo­nia­lis­mus, kon­ter­ka­riert der Autor mit der schnö­den Wirk­lich­keit: „Woan­ders zwei­gen Poli­ti­ker viel­leicht fünf Pro­zent Pro­vi­si­on für sich ab, hier sind es gern mal 90 Pro­zent”, erzählt einer sei­ner Beher­ber­ger. „Was glaubst du, war­um es hier noch kei­ne funk­tio­nie­ren­den Stra­ßen gibt nach 50 Jah­ren Ent­wick­lungs­hil­fe?” Die Idee der Ent­wick­lung, von wel­cher der Wes­ten so beses­sen sei, schei­te­re vor allem am Fata­lis­mus der Ein­hei­mi­schen. Sieg erläu­tert das am Bei­spiel der über­all ent­we­der feh­len­den oder alten und zer­lö­cher­ten Mos­ki­to­net­ze. Statt genü­gend davon her­zu­stel­len, erklä­re man ach­sel­zu­ckend, dass Afri­ka eben der Kon­ti­nent der Mos­ki­tos sei und neh­me die Mala­ria-Erkran­kung als nor­ma­len Bestand­teil sei­ner Bio­gra­phie in Kauf. „That’s Afri­ca!” Strom­aus­fall? „That’s Afri­ca!” Kein Was­ser? „That’s Afri­ca!” Schlech­te Stra­ßen? „That’s Africa!”

Der afri­ka­no­phi­le Glo­be­trot­ter zitiert einen ame­ri­ka­ni­schen Bekann­ten, der eine in Tan­sa­nia und Kenia täti­ge NGO gegrün­det hat, die dort das Hand­werk und die loka­le Kul­tur för­dert sowie zwei Schu­len betreibt; der Mann hielt in einem der wohl nicht gera­de sel­te­nen Momen­te des Zwei­fels am Sinn sei­ner Unter­neh­mun­gen einem Ein­hei­mi­schen vor: „Weißt du, was ich für euch auf­ge­ge­ben habe? Wor­auf ich für euch ver­zich­tet habe? Ist euch das klar? Nur, um euch zu hel­fen?“ Der Schwar­ze habe ihn nur zwei­felnd ange­schaut und erwi­dert: „Du bist ja noch viel düm­mer, als ich gedacht hatte.“

Afri­ka sei der uns frem­des­te Kon­ti­nent, schreibt der von die­ser Fremd­heit so fas­zi­nier­te Autor. Die fünf gro­ßen Welt­zi­vi­li­sa­tio­nen – Euro­pa, Ara­bi­en, Per­si­en, Indi­en, Chi­na – hät­ten sich seit Jahr­tau­sen­den aus­ge­tauscht und gegen­sei­tig befruch­tet. „Nur eine Ecke der Welt war davon kom­plett abge­schnit­ten: das Afri­ka süd­lich der Saha­ra. Kei­ne Schrift, kei­ne Male­rei, kei­ne Archi­tek­tur, kei­ne Epen, kei­ne hei­li­gen Schrif­ten, kei­ne Phi­lo­so­phen, kei­ne Tech­no­lo­gie.” Ande­rer­seits, zitiert er einen in Dar­essa­lam leben­den Inder namens San­de­ep, „wie­so reden wir immer von Armut? Wie defi­nie­ren wir über­haupt Armut? Weil jemand in einer Hüt­te auf dem Dorf lebt, ohne Strom und flie­ßen­des Was­ser, ist er arm? Wenn er aber doch umge­ben ist von sei­ner Frau, sei­nen Kin­dern, sei­nen Zie­gen und Kühen, sei­nem Tri­be, sei­ner Gemein­de – wie­so nen­nen wir ihn arm? Er ist nicht arm. Wir defi­nie­ren nur, dass er arm ist.”

Das mag nett klin­gen, aber dass Afri­ka arm ist, defi­nie­ren nicht „wir”, son­dern die Mil­lio­nen, die über das Mare nos­trum nach Euro­pa drän­gen bzw. dafür bereit­ste­hen. Afri­ka, das heißt – und Sieg beschreibt es aus­führ­lich – Kor­rup­ti­on, end­lo­se Slums, Well­blech­hüt­ten, Tri­ba­lis­mus (die inner­afri­ka­ni­sche Form des Ras­sis­mus), Voo­doo, Dreck, Müll, Insek­ten, kata­stro­pha­le Sani­tär­an­la­gen, Autos, die schon vor 30 Jah­ren durch den TÜV gefal­len wären, Kri­mi­na­li­tät, sexu­el­le Gewalt, Gewalt gegen Frau­en, Staats­ge­walt, über­haupt Gewalt, Homo­se­xu­el­len­feind­lich­keit, Väter, die ihre Fami­li­en ver­las­sen und den Frau­en kei­nen Cent zah­len, Hit­ze, Staub, Bet­te­lei, Unver­bind­lich­keit, habi­tu­el­les Lügen, und kaum etwas funk­tio­niert. Aber zugleich Lebens­freu­de, Opti­mis­mus, lachen­de Men­schen, Scha­ren von Kin­dern, Frau­en in lan­gen, far­ben­präch­ti­gen Klei­dern, klei­ne, meist hin­ter Mau­ern und Sta­chel­draht ver­bor­ge­ne Oasen von Reich­tum und archi­tek­to­ni­scher Schön­heit, Musik, Tanz, Sex, Frei­heit, gran­dio­se Land­schaf­ten und eine alle west­li­chen Vor­stel­lun­gen über­tref­fen­de Fül­le der Vege­ta­ti­on. Und Zeit! Mit­un­ter hat es den Ein­druck, als besä­ße Afri­ka mehr Zeit als der Wes­ten Geld (die Kehr­sei­te ist, dass es kei­ne ver­bind­li­chen Ter­mi­ne gibt). Außer­dem Got­tes­diens­te mit Gesän­gen, die dem Tou­ris­ten die Trä­nen in die Augen treiben.

„Musik, Tanz und Thea­ter ent­ste­hen und ver­ge­hen im Augen­blick. Unser Stre­ben nach Voll­kom­men­heit dehnt sich in der Zeit, hier ist alles im Moment bereits da – um im nächs­ten Moment zu ver­schwin­den”, sin­niert Sieg. „Wir ver­ste­hen nicht mal ansatz­wei­se, war­um Afri­ka­ner ihre Tra­di­ti­on so wert­schät­zen. Sie ver­ste­hen nicht, war­um wir unse­re so leicht­fer­tig preis­ge­ben.” An ande­rer Stel­le beschreibt er ein altes Haus mit einem gro­ßen Gar­ten, in dem der Vater des Besit­zers begra­ben liegt. Wäh­rend das Haus zer­fällt, ist das Grab gepflegt. Ambi­va­lenz ist das Min­des­te, was der Leser bei der Lek­tü­re empfindet.

Gewiss, vie­les, was unser­ei­nem als unzu­mut­bar erscheint, mag sich mit einer gewis­sen Dick­fel­lig­keit und auch Gewöh­nung ins Erträg­li­che fügen. Was heißt schon Kri­mi­na­li­tät? „Gefähr­lich? Nai­ro­bi ist doch nicht gefähr­lich!”, schreibt Siegs Gast­ge­be­rin Joy via Chat vor der Anrei­se. „Ich bin erst zwei­mal über­fal­len wor­den.” Was bedeu­tet schon Staats­ge­walt? „Kri­mi­nel­le umzu­brin­gen wer­de in der Poli­zei als gute Sache ange­se­hen. Also brin­ge man sie ein­fach um”, notiert der Autor. Mit einer spe­zi­el­len Kli­en­tel von Betrü­gern, den „Zau­be­rern”, leg­ten sich die Poli­zis­ten übri­gens nicht an – aus Angst davor, von ihnen ver­hext zu werden.

Wäh­rend in Euro­pa eine ent­setz­li­che Kin­der­ar­mut und eine „Kul­tur des Todes” (Bene­dikt XVI.) herr­schen – in Eng­land wur­de gera­de eine Frau ver­haf­tet, weil sie vor einer Abtrei­bungs­kri­nik still gebe­tet hat­te – und die Bevöl­ke­rungs­py­ra­mi­den abend­land­weit auf dem Kopf ste­hen, ver­mehrt sich die Bevöl­ke­rung auf dem schwar­zen Kon­ti­nent so unge­hemmt wie durch­aus unver­ant­wort­lich. „Tin­na hat 19 Geschwis­ter, ihr Vater hat­te mit ihrer Mut­ter zwölf Kin­der, mit sei­ner Zweit­frau acht”, regis­triert Sieg, „Tem­bo, die­ser kräf­ti­ge, unver­wüst­lich aus­se­hen­de Hüh­ne mit der über­schäu­men­den Ener­gie, ist eines von 24 Kin­dern, und zwar Num­mer 21. Sein Vater habe ihn häu­fig gefragt, wie er hei­ße und von wel­cher sei­ner vier Frau­en er eigent­lich stamme.”

Nach der Fami­lie bil­det der Stamm das nächs­te Boll­werk der Exklu­si­vi­tät. In Tan­sa­nia leb­ten 128 Tri­bes, erzählt ein Füh­rer, er selbst gehö­re zu den Haya, das sei der gebil­dets­te Stamm, der allen ande­ren über­le­gen sei. War­um? „Weil die Deut­schen bei uns zuerst gesie­delt haben. Die haben Kir­chen und Schu­len für uns gebaut und uns die Bil­dung gebracht. Jeder weiß doch, wie gebil­det die Deut­schen sind.” (Gott bewah­re Tan­sa­nia vor einem Staats­be­such von Anna­le­na B.!) Sieg muss bei die­sen Wor­ten an einen Taxi­fah­rer in Ham­burg den­ken, der erklärt hat­te: „Leu­te, die in Afri­ka waren, reden immer anders über Afri­ka als Leu­te, die noch nie in Afri­ka waren.” Und er fährt fort: „Wer noch nie in Afri­ka war, käme nicht im Traum dar­auf, ein Afri­ka­ner kön­ne die deut­schen Kolo­nis­ten als Ursa­che für die Über­le­gen­heit sei­nes Tri­bes ansehen.”

Apro­pos Kolo­nia­lis­mus. Der Couch­sur­fer aus Deutsch­land beschreibt, wie er ein Living­stone-Haus besucht, „eines von vie­len in Afri­ka”, in Mik­inda­ni, einer Küs­ten­stadt am Indi­schen Oze­an (die Rede ist von David Living­stone, dem schot­ti­schen Mis­sio­nar, Afri­ka­for­scher und Ent­de­cker der Vik­to­ria­fäl­le): „Die Bewun­de­rung und der Respekt, die Living­stone, die­sem Arzt, Fami­li­en­mensch, Ein­zel­kämp­fer, Mis­sio­nar, For­scher, heu­te noch in Afri­ka ent­ge­gen­schla­gen (immer ist die Rede von ‚Doc­tor Living­stone’), beein­dru­cken mich zutiefst. Living­stone kämpf­te gegen die Skla­ve­rei zu einer Zeit, als sie den afri­ka­ni­schen Chiefs, die sie betrie­ben, als völ­lig nor­mal erschien, und erst recht den Ara­bern, deren Haupt­ein­nah­me­quel­le sie war. Prag­ma­tisch ver­such­te er, neue Han­dels­we­ge und Güter zu erschlie­ßen, um den Han­del mit Skla­ven über­flüs­sig zu machen.”

Mik­inda­ni war eine der Pro­vinz­haupt­städ­te von Deutsch-Ost­afri­ka. 1895 erbau­ten die Deut­schen dort ein Ver­wal­tungs­zen­trum, in dem sich heu­te ein ver­hält­nis­mä­ßig luxu­riö­ses Hotel befin­det, das „Old Boma”. Inter­es­sant ist die Benen­nung der Zim­mer: Eine Suite heißt nach Juli­us Nye­re­re, dem ers­ten Prä­si­den­ten Tan­sa­ni­as, ein Sozia­list übri­gens; ein Zim­mer trägt den Namen des deut­schen Gene­rals Paul von Let­tow-Vor­beck. „Dem deut­schen Gou­ver­neur, unter dem das Boma gebaut wur­de, ist eine Suite gewid­met, aber auch Chief Mkwa­wa, der den Auf­stand gegen die Deut­schen in der­sel­ben Zeit anführ­te.” Wie ein­fach. Wie ver­nünf­tig. Die Men­schen dort schei­nen uns ent­we­der weit vor­aus – oder doch noch nicht so weit – zu sein.

Siegs Rei­se­ein­drü­cke bestä­ti­gen das Vor­ur­teil, dass Wei­ße bei Schwarz­afri­ka­nern belieb­ter sind als bei­spiels­wei­se unter ihren Ras­sen­ge­nos­sen – hui! – in west­li­chen Uni­ver­si­tä­ten, Redak­tio­nen und pro­gres­si­ven Par­tei­en. Die anti­ras­sis­ti­schen und post­ko­lo­nia­lis­ti­schen Kon­zep­te schei­nen sich dort nicht so recht ver­brei­ten zu wol­len, womög­lich man­gels enga­gier­ter Mis­sio­na­re – wel­ches woke Bleich­ge­sicht will sich schon von Mos­ki­tos und Wan­zen zer­ste­chen las­sen, auf alten Matrat­zen näch­ti­gen und Klos ohne Spü­lung benut­zen? Ein gewis­ser kapi­ta­lis­ti­scher Wohl­stand ist die Grund­vor­aus­set­zung für die Ent­ste­hung des woken Welt­ge­fühls. Auch in Afri­ka übri­gens. In Masa­ki, dem Expat­stadt­teil von Dar­essa­lam, stößt Sieg auf eine Buch­hand­lung. „Die Ver­käu­fe­rin ist eine älte­re wei­ße Eng­län­de­rin, es läuft BBC, vorn ste­hen Bücher gegen Ras­sis­mus, Kolo­nia­lis­mus und Kapi­ta­lis­mus”, notiert er. „Die Bücher reflek­tie­ren wei­ße west­li­che Ein­stel­lun­gen, sie kri­ti­sie­ren das ‚wei­ße Pri­vi­leg’, sind mei­ner Mei­nung nach aber auch nur für Pri­vi­le­gier­te inter­es­sant. Die­ses sich als ‚kri­tisch’ ver­ste­hen­de Den­ken, wo lebt es, wo sie­delt es sich an? Im pri­vi­le­gier­tes­ten Teil von Dar­essa­lam, in einem Lebens­raum für Wei­ße, der Water­front, schnee­wei­ße ara­bi­sche Archi­tek­tur am Meer, Pal­men, brei­te, gepfleg­te Wege, Restau­rants mit euro­päi­schen Prei­sen. Wann hat hier zuletzt ein Ein­hei­mi­scher, ein ganz nor­ma­ler Tan­sa­nier, ein Buch gekauft?”

Der Leser ahnt, es muss noch eini­ges an femi­nis­ti­scher Außen­po­li­tik geleis­tet wer­den, wobei sich die­ses Geschäft immer­hin als Brü­cken­kopf anbie­tet: „Die Kin­der­bü­cher ste­hen ganz hin­ten im dunk­len Teil des Ladens. Die Ver­käu­fe­rin kann mir kei­nes emp­feh­len, sie hat kei­ne Kin­der.” Das ist von tie­fer Sym­bo­lik: In einem Land, wo die durch­schnitt­li­che Ein­hei­mi­sche fünf Kin­der hat, kämpft eine kin­der­lo­se Wei­ße gegen Rassismus.

Man nennt Wei­ße übri­gens in Ost­afri­ka „Muzun­gu” (Mzun­gu); das ist ein Wort aus den Ban­tu­spra­chen und bedeu­tet unge­fähr „ziel­lo­ser Wan­de­rer”. Der Muzun­gu ist ein Exot, den man her­um­reicht, umschwärmt, aus­fragt, anfas­sen will, anbet­telt, abzockt – es gibt den Ver­kaufs­preis für Ein­hei­mi­sche und den für Muzun­gus –, und im ungüns­ti­gen Fall lockt man ihn in eine Fal­le, um ihn zu berau­ben. Sieg nennt es die „Muzun­gu-Cash­cow-Exis­tenz”.

Ein­mal, in Ugan­da, wird er auf­ge­for­dert, bei einem Got­tes­dienst zu reden. Die Kir­che ist eine umde­ko­rier­te Well­blech­hüt­te. Zum ers­ten Mal in der Geschich­te der Gemein­de habe Gott einen Muzun­gu zu ihnen gesandt, sagt der Pre­di­ger. „Wei­ßer Mann, sprich zu uns!” – eine heik­le Sache für einen Athe­is­ten. Nach­dem sich der Gast mehr schlecht als recht der Auf­ga­be ent­le­digt hat, folgt der lus­ti­ge Teil sei­nes Auf­tritts. Der Vor­be­ter erklärt: „Übri­gens hat der Mun­zu­gu eine ver­rück­te Eigen­heit. Er isst kein Fleisch! Stellt euch das vor, kein Fleisch und kei­nen Fisch! Wei­ßer Mann, erklä­re uns, war­um isst du kein Fleisch?” Sieg: „Ich schaue etwas ver­le­gen in die Men­ge. ‚Nun, ich möch­te eben nicht, dass mei­net­we­gen Tie­re getö­tet wer­den.’ Die Gemein­de bricht in ein schal­len­des, aus­ge­las­se­nes Geläch­ter aus.”

Keh­ren wir zurück zur sen­si­ti­ven Kor­rek­tur­le­se­rin im Gold­mann-Ver­lag, der übri­gens zum Ber­tels­mann-Kon­zern und zur Pen­gu­in Ran­dom House-Ver­lags­grup­pe gehört, und ver­set­zen wir uns in ihr Dilem­ma. Vor ihr liegt ein Buch, das sich rea­ler afri­ka­ni­scher Akteu­re bedient, um die afri­ka­ni­sche Rea­li­tät so zu beschrei­ben, wie sie ist – statt wie sie sein soll­te –, und das weder Afri­ka­kitsch noch Ver­ant­wor­tungs­schwulst ver­brei­tet, noch Wei­ßen­kri­tik übt, noch die Kolo­ni­al­schuld anklagt. Die Maid erkennt sofort die Gefahr und schreibt an den Autor: „Sie repro­du­zie­ren kolo­ni­al-ras­sis­ti­sche Macht­struk­tu­ren!” Per­fi­der­wei­se ist es aber gar nicht der Autor, der das tut, son­dern es sind die Ein­hei­mi­schen, die er trifft und zitiert und die stän­dig unver­zeih­li­che Sachen sagen, was, wenn man es schon nicht mehr rück­gän­gig machen kann, sich zumin­dest nicht wie­der­ho­len darf. Was wis­sen denn irgend­wel­che noch nicht zur Woke­ness bekehr­ten Bim­bos von Afri­ka? Das wäre ja so, als über­lie­ße man den Ossis die Beur­tei­lung des Sozialismus!

Gleich­wohl soll eine Afri­ka­ne­rin das Schluss­wort spre­chen, eine von Siegs Gast­ge­be­rin­nen, eine Poli­zis­tin übrigens:

„ ‚Ich war letz­ten Som­mer in Finn­land. Dort gibt es schon so vie­le Soma­lis. Und die krie­gen alle acht, neun Kin­der. Die Fin­nen bekom­men nur ein oder zwei Kin­der. Lang­fris­tig wird das zu rie­si­gen Pro­ble­men füh­ren.’ Und mit den Mus­li­men sei ihrer Erfah­rung nach nicht gut Kir­schen essen. Sie sei schon öfter zu Unter­su­chun­gen in den mus­li­mi­schen Nord­os­ten gefah­ren. Da kön­ne sie nicht ein­fach mit den Frau­en oder Mäd­chen reden, die Opfer von Ver­ge­wal­ti­gung oder Miss­brauch gewor­den sei­en. Sie müs­se erst auf Knien den Ehe­mann oder Vater um Erlaub­nis bit­ten. Die meis­ten sag­ten, wir wol­len kei­ne Poli­zei, wir regeln das unter uns, wir bekom­men ein Kamel von der Fami­lie des Täters, oder er hei­ra­tet sie, und damit ist gut. ‚Ihr müsst die Ein­wan­de­rung regu­lie­ren und beschrän­ken’, warnt sie. ‚Oder ihr wer­det lang­fris­tig euer Land ver­lie­ren. Wir in Afri­ka legen sehr viel Wert dar­auf, die eige­ne Kul­tur zu behal­ten. Da könnt ihr eini­ges von uns lernen.’ ”

(Sören Sieg, „Oh, wie schön ist Afri­ka…”, Mün­chen 2022, 318 S., 16 Euro)

***

„Laut der Kar­te unten hät­ten wir 2020 in Deutsch­land 800 Jah­re Abschaf­fung der Skla­ve­rei fei­ern kön­nen, aber sowohl Goog­le als auch Bing, aber auch Red­dit, Wiki­pe­dia und Quo­ra woll­ten mir vor lau­ter anti­ras­sis­ti­schem Beschul­di­gungs­ei­fer par­tout nicht sagen, wann und von wem die Skla­ve­rei hier­zu­lan­de nun genau abge­schafft wurde.
Win­kend mit der Fußfessel”
Leser ***

 

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