Richard Strauss: Der Rosenkavalier

Nach­dem er mit den all­ge­mein eher in der Wag­ner-Nach­fol­ge ver­or­te­ten Büh­nen-Thril­lern „Salo­me“ und „Elek­tra“ Euro­pas Opern­häu­ser erstürmt hat­te, erklär­te Richard Strauss, er wol­le nun „eine Mozart-Oper“ schrei­ben. Vom Abar­tig-Mensch­li­chen zog es ihn zurück ins Hei­ter-Mensch­li­che. Und so ist eine gewis­se Ver­wandt­schaft des „Rosen­ka­va­lier“ mit dem „Figa­ro“ bereits beim Per­so­nal evi­dent. Gleich­wohl ist die Haupt­fi­gur, die Feld­mar­schal­lin, das Gegen­stück einer Wag­ner-Gestalt – qua­si ein weib­li­cher Hans Sachs.

Die melo­di­sche Süße und der Über­schwang die­ser Musik, ihr Schil­lern und Dahin­schie­ßen, ihre Wal­zer-Behag­lich­keit und Roko­ko-Silb­rig­keit, die tumul­tan­te Hybris des Barons Ochs auf Ler­chen­au und die welt­klu­ge Resi­gna­ti­on der Mar­schal­lin, all das begeis­tert das Publi­kum seit hun­dert Jah­ren. 1945 nahm ein Major der US-Army davon Abstand, die Strauss’sche Vil­la in Gar­misch zu requi­rie­ren, weil dort the com­po­ser of the „Rosen­ka­va­lier“ wohn­te. Hugo von Hof­mannsthals kon­ge­nia­les Text­buch ist von wirk­li­cher Komik – etwa die (u.a. in Shake­s­pae­res Komö­die „Was ihr wollt” vor­ge­präg­te) Idee, den jugend­li­chen Lieb­ha­ber mit einer Hosen­rol­le zu beset­zen, das heißt, eine Frau einen Mann spie­len zu las­sen, der (bzw. die) sich spä­ter als Frau ver­klei­det, um den Bass zu über­töl­peln, der sei­ner (bzw. ihrer) Favo­ri­tin nach­steigt (kein Wun­der, dass kul­ti­vier­te Les­ben die­se Oper lie­ben). Allein die skur­ri­le Poe­sie der Spra­che des Barons lohnt die Lek­tü­re. „Macht dir doch kein Dépit, Cou­sin Rofrano,/daß dein Herr Vater ein Streich­ma­cher war?/Befindet sich dabei in guter Kom­pa­gnie, der seli­ge Herr Marchese./Ich sel­ber exklu­dier’ mich nicht.“ Oder: „Brav, Faninal, Er weiß, was sich gehört./Serviert einen alten Toka­i­er zu einem jun­gen Mädel.“ Ande­rer­seits durch­zieht eine tie­fe Melan­cho­lie das Werk, des­sen eigent­li­che Moti­ve das Älter­wer­den und der ero­ti­sche Ver­zicht sind. 

Ihre Kli­max erreicht die „Komö­die für Musik“ im Fina­le des Drit­ten Akts, wenn sich mit den Stim­men der drei weib­li­chen Hau­pfi­gu­ren Trau­er, Glück und Erge­ben­heit zu einem ergrei­fen­den Ter­zett ver­ei­ni­gen. Danach über­lässt die gene­rös auf jede Form von Rache ver­zich­ten­de Mar­schal­lin den bei­den Teen­agern zum mich immer etwas lang­wei­len­den Schluss­zwie­ge­sang die Büh­ne, aber man darf – zumin­dest nach dem Wil­len des Kom­po­nis­ten, die Regie sieht es oft anders – getrost anneh­men, dass ihr die Lieb­ha­ber so schnell nicht aus­ge­hen wer­den.
 
Richard Strauss: Der Rosen­ka­va­lier; Wat­son, Fass­ba­en­der, Popp, Kusche, Rid­der­busch; Baye­ri­sches Staats­or­ches­ter, Car­los Klei­ber (Orfeo)

 

Erschie­nen in: eigen­tüm­lich frei, Novem­ber 2012 

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