16. Mai 2021

Chris­ti­an Thie­le­mann wird nur noch bis zum Som­mer 2024 die Staats­ka­pel­le Dres­den lei­ten. Die säch­si­sche Kul­tur­mi­nis­te­rin Bar­ba­ra Klepsch (CDU) gab bekannt, der Ver­trag des Chef­di­ri­gen­ten wer­de nicht ver­län­gert. Peter Thei­ler, der Inten­dant der Sem­per­oper, soll zum sel­ben Ter­min abschieds­hal­ber lei­se Ser­vus sagen. Müssen.

Die­se Nach­richt ist zunächst ein­mal völ­lig unver­ständ­lich. Thie­le­mann ist einer der bedeu­tends­ten Diri­gen­ten der Welt, der legi­ti­me Erbe der gro­ßen deut­schen Kapell­meis­ter­tra­di­ti­on, im spät­ro­man­ti­schen Reper­toire kon­kur­renz­los. Wenn man das Enga­ge­ment eines sol­chen Hoch­ka­rä­ters aus­lau­fen lässt, ist das unge­fähr so – man ver­zei­he mir den abrup­ten Gen­re-Wech­sel –, als wenn Man­ches­ter City bekannt gäbe, den Ver­trag mit Pep Guar­dio­la nicht zu ver­län­gern. Da ist, wie Herr Jac­k­opp in Eck­hard Hen­scheids „Voll­idio­ten” wie­der­holt moniert, „ein Bruch in der Logik”. Bezie­hungs­wei­se es gilt offen­kun­dig eine ande­re Logik, der man auf die Spur oder Schli­che kom­men muss.

Neh­men wir an, Man­ches­ter City, um bei die­sem nicht zufäl­lig gewähl­ten Gleich­nis zu blei­ben, gäbe außer­dem bekannt, man tren­ne sich vom der­zeit bes­ten Trai­ner der Welt, weil man vor­ha­be, in Zukunft eine ande­re, zeit­ge­mä­ße­re Art Fuß­ball zu spie­len, diver­ser, viel­fäl­ti­ger, nach neu­en Regeln und für neue Ziel­grup­pen, nicht nur mit den Stars, son­dern unter Ein­be­zie­hung von Frau­en, Behin­der­ten, Trans­se­xu­el­len, Geisteswissenschaftler:innen, Hob­bits und Über­ge­wich­ti­gen, für ein moder­ne­res, bun­te­res Publi­kum. Das nen­ne sich „Per­spek­ti­ve Man­Ci­ty 2030” (im Ori­gi­nal „Per­spek­ti­ve Sem­per 2030”). Im Übri­gen ist sogar das nicht unwahr­schein­lich; die­ser Tage mach­te eine Mel­dung die Run­de, wie sie absur­der kaum sein könnte.

(Was sogar Frau­en­na­tio­nal­mann­schaf­ten gegen männ­li­che Schü­ler­trup­pen aus­rich­ten, sieht man hier oder hier.)

In ihrer Pres­se­mit­tei­lung spricht die säch­si­schen Kul­tur­mi­nis­te­rin Klepsch von der „Chan­ce, einen neu­en Chef­di­ri­gen­ten oder eine Chef­di­ri­gen­tin zu beru­fen” – ich tip­pe auf Vari­an­te zwei –; die Rede ist außer­dem von „neu­en Publi­kums­schich­ten” und „digi­ta­len Ange­bo­ten”. Und wei­ter die Kul­tur­kam­mer­che­fin: „Eine Oper in zehn Jah­ren wird eine ande­re als die Oper von heu­te sein: Sie wird teil­wei­se neue Wege zwi­schen tra­dier­ten Opern- und Kon­zert­auf­füh­run­gen und zeit­ge­mä­ßer Inter­pre­ta­ti­on von Musik­thea­ter und kon­zer­tan­ter Kunst gehen müs­sen.” Eine Minis­te­rin, die von der Hoch­kul­tur bei­na­he so viel ver­steht wie Anna­le­na B. vom Völ­ker­recht, stößt der Staats­ka­pel­le und der Sem­per­oper Bescheid, wel­chen Weg sie gehen „müs­sen”. Es ist der­sel­be anfangs leicht abschüs­si­ge und zuletzt steil abfal­len­de Weg, den nach den Vor­stel­lun­gen der grün­schwarz­bun­ten Spitz­bu­ben, denen die­ses Land nicht ganz unver­schul­det in die Hän­de gefal­len ist, sämt­li­che kul­tu­rel­len Insti­tu­tio­nen, aber auch Schu­len, Uni­ver­si­tä­ten, Unter­neh­men, Ver­ei­ne, Stif­tun­gen gehen „müs­sen”: der Weg in die post­na­tio­na­le, post­kul­tu­rel­le, post­tra­di­tio­nel­le, geschlech­ter­ge­rech­te, okzi­den­to­pho­be und tri­ba­lis­ti­sche Idio­ten­welt von Iden­ti­täts­po­li­tik, ras­sis­ti­schem Anti­ras­sis­mus und jener wun­der­vol­len Diver­si­ty, deren Resul­ta­te wir der­zeit auf den Stra­ßen von Jeru­sa­lem, Köln, Ber­lin-Neu­kölln, Gel­sen­kir­chen und in Per­ma­nenz in den Vor­städ­ten von Paris bestau­nen dürfen.

Für Wag­ners Dresd­ner „Wun­der­har­fe” mit ihrem von Thie­le­mann favo­ri­sier­ten tra­di­ti­ons­s­at­ten deut­schen Klang ist die­se Zukunft ver­sperrt. Alles, wofür der Diri­gent steht, ver­setzt die Zeit­geist-Voll­stre­cker in sozi­al­hy­gie­ni­sche Lyn­chlau­ne: Er ist kon­ser­va­tiv, deutsch und ein Meis­ter, im Neu­sprech: ein wei­ßer Supre­ma­tist und Ableist. Wenn an den Uni­ver­si­tä­ten spe­zi­ell im angel­säch­si­schen Raum die wei­ße abend­län­di­sche Kul­tur als „ras­sis­tisch” und „kolo­nia­lis­tisch” abge­räumt wird und sogar Musik­pro­fes­so­ren im ehr­wür­di­gen Oxford sta­tu­ie­ren, die „wei­ße euro­päi­sche Musik aus der Skla­ven­zeit”, etwa die Wer­ke Bachs, Mozarts, Beet­ho­vens, mit­samt des „kolo­nia­lis­ti­schen Reprä­sen­ta­ti­ons­sys­tems” Noten­schrift soll­te nicht län­ger als lehr­plan­ver­bind­lich gel­ten, man müs­se statt­des­sen afri­ka­ni­scher Musik und Hip­Hop mehr Raum geben, dann wird es wohl nicht lan­ge dau­ern, bis die Staats­ka­pel­le mit Bon­go­trom­mel, Djem­bé, Kalim­ba und Ras­sel kul­tur­be­rei­chert wird – man sagt, dass die Zulu ihren Kampf gegen die Buren nur dank ihrer her­vor­ra­gen­den Tromm­ler gewon­nen haben –, der­weil auf den Gän­gen der Sem­per­oper schwar­ze Rap­per und pro­gres­si­ve Gra­fit­tikünst­ler neue Ziel­grup­pen erschlie­ßen. Die Por­trät­büs­te von Richard Strauss ist bis dahin selbst­re­dend durch eine von Geor­ge Floyd ersetzt wor­den. (War ja eh ein Fall von Black­fa­cing, wie sämt­li­che Bron­ze­büs­ten wei­ßer Suprematisten.)

Der kul­tur­po­li­ti­sche Schie­nen­wolf befin­det sich im Ein­satz. Er folgt den Nero­be­feh­len einer Kanz­le­rin – Gott, wie ich die­se Ver­glei­che lie­be –, die ihre inne­re Lee­re, Gemüts­ver­gam­meltheit und Zukunfts­lo­sig­keit mit dem stünd­li­chen Ablei­ern des glo­ba­lis­ti­schen Glau­bens­be­kennt­nis­ses zu kom­pen­sie­ren sucht. Man muss die fak­ti­sche Ent­las­sung Thie­le­manns und die berühm­te Deutsch­land­fah­nen­ent­sor­gung Mer­kels auf der CDU-Wahl­par­ty 2013 als ver­wand­te Ges­ten begreifen.

***

Ich habe kei­ne Ahnung, ob die­se Mel­dung seri­ös ist, aber ich neh­me Wet­ten an, dass die Heim­su­chung aus der Ucker­mark ihren Lebens­abend, den der Teu­fel mög­lichst lan­ge aus­deh­nen möge, nicht in Kein-schö­ner-Land-zu-and­rer-Zeit ver­brin­gen wird.

***

Unlängst war ich des Lobes voll für den Offe­nen Brief der fran­zö­si­schen Gene­rä­le i.R. an die Regie­rung Macron, in dem die Mili­tärs den Zer­fall ihrer Nati­on durch Isla­mi­sie­rung, Iden­ti­täts­po­li­tik und die Angrif­fe der Lin­ken auf die fran­zö­si­sche Kul­tur anpran­ger­ten und die Regie­rung auf­for­der­ten, end­lich Maß­nah­men zu ergrei­fen, um den dro­hen­den Bür­ger­krieg zu ver­hin­dern. Wäh­rend jen­seits des Rheins rang­ho­he Mili­tärs die Stim­me erhe­ben, ver­hal­ten sich hie­si­ge Hohe Tie­re tra­di­tio­nell auch dann ser­vil zur Füh­rung, wenn die gegen die Inter­es­sen der Nati­on han­delt. Ein deut­scher Gene­ral wider­spricht nicht ein­mal im Ruhe­stand. Wenn­gleich man zuge­ste­hen muss, dass Frank­reich in der demo­gra­fi­schen Selbst­auf­lö­sung schon deut­lich wei­ter ist als sein eben­falls tal­wärts rau­schen­der eins­ti­ger Erbfeind.

Aber es gibt auch auf der rech­ten Rhein­sei­te Aus­nah­men, etwa die Gene­rä­le Ger­hard Schul­ze-Ron­hof und Franz Uhle-Wett­ler, die sich nach ihrer Pen­sio­nie­rung als Ver­fas­ser „geschichts­re­vi­sio­nis­ti­scher” Schrif­ten einen „umstrit­te­nen” Namen mach­ten – als geschichts­re­vi­sio­nis­tisch gel­ten sämt­li­che Befun­de, die Deutsch­land in sei­ner Erb- und Allein­schuld von 1914 bis 1945 ent- und sei­ne eins­ti­gen Kriegs­geg­ner belas­ten –, sowie zuletzt jene Offi­zie­re, die den Rubi­kon zur AfD über­quer­ten, wie Uwe Jun­ge, Rüdi­ger Lucas­sen oder Georg Pazderski.

Bei den kom­men­den Bun­des­tags­wah­len kan­di­diert nun ein veri­ta­bler Dreis­ter­ne­ge­ne­ral für die Schwe­fel­par­tei. Der Lan­des­ver­band Nie­der­sach­sen wähl­te Joa­chim Wund­rak, bis 2018 Gene­ral­leut­nant der Luft­waf­fe, zum nie­der­säch­si­schen Spit­zen­kan­di­da­ten. Der 65jährige tritt außer­dem gemein­sam mit der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Joana Cotar zur inter­nen Abstim­mung für das Spit­zen­duo der Bun­des­tags­wahl an

Wund­rak hat vie­le Jah­re im Füh­rungs­stab der Luft­waf­fe gear­bei­tet, er war ver­ant­wort­lich für die Luft­ver­tei­di­gung von Mit­tel- und Nord­eu­ro­pa sowie die Sicher­heit des deut­schen Luft­raums. Nach 44 Dienst­jah­ren wur­der er im Sep­tem­ber 2018 mit Gro­ßem Zap­fen­streich ver­ab­schie­det. Neun Mona­te zuvor war er in die AfD ein­ge­tre­ten. Ich bin gespannt, wie die poli­ti­sche Kon­kur­renz und die Genos­sen Jour­na­lis­ten einem Mann mit einer sol­chen Repu­ta­ti­on zu Lei­be rücken wol­len. Der­zeit behan­deln ihn die Medi­en ja betont zahm, wahr­schein­lich weil sie dar­auf spe­ku­lie­ren, dass er wegen sei­ner rela­ti­ven Unbe­kannt­heit beim Spit­zen­kan­di­da­ten­vo­tum unter­liegt und sie dann schrei­ben kön­nen: Schaut her, so ein mode­ra­ter Bür­ger­li­cher wird in die­ser Par­tei nicht gewählt, wir haben es doch immer gesagt.

Was aber, wenn doch?

Wund­raks Bewer­bungs­vi­deo kann man sich hier anschauen.

***

Apro­pos.

***

Ges­tern auf den Tag genau vor 80 Jah­ren leg­te Geor­gi Schu­kow, Chef des Gene­ral­stabs der Roten Armee und stell­ver­tre­ten­der sowje­ti­scher Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter, dem Genos­sen Sta­lin einen Angriffs­plan gegen Deutsch­land vor. „Wenn man in Betracht zieht, dass Deutsch­land sein gesam­tes Heer ein­schließ­lich rück­wär­ti­ger Diens­te mobi­li­siert hat, so besteht die Mög­lich­keit, dass es uns beim Auf­marsch zuvor­kommt”, schrieb der Armee­ge­ne­ral. Das Wort „zuvor­kom­men” hat­te er unter­stri­chen. Schu­kows Plan sah Vor­stö­ße bis Königs­berg, Dan­zig, Posen, Bres­lau und im Süden bis nach Böh­men im Zeit­raum bis Ende August vor.

Das war fünf Wochen vor Beginn des deut­schen Angriffs.

Damals mas­sier­te die UdSSR an ihrer West­gren­ze die größ­te Armee, wel­che die Welt jemals gese­hen hat: 2,9 Mil­lio­nen Sol­da­ten, 15 000 Pan­zer und Sturm­ge­schüt­ze, 35 000 Geschüt­ze und 9000 Flug­zeu­ge. Im Hin­ter­land stan­den noch wei­te­re 9000 Pan­zer, 14.000 Flug­zeu­ge, über 100.000 Geschüt­ze und zwei Mil­lio­nen Sol­da­ten bereit. Die Rote Armee ver­füg­te 1941 über 1861 moder­ne schwe­re Pan­zer vom Typ T 34 und KW, die Wehr­macht über kei­nen ein­zi­gen (Zah­len aus: „Der Angriff auf die Sowjet­uni­on”, her­aus­ge­ge­ben vom Mili­tär­ge­schicht­li­chen For­schungs­amt Frei­burg, Fischer 1991; mag sein, dass sie inzwi­schen noch etwas prä­zi­siert wor­den sind). 

Offen­kun­dig ist Schu­kow mit sei­nem Plan bei Sta­lin nicht erfolg­reich gewe­sen. Der Gene­ra­lis­si­mus glaub­te nicht an den bevor­ste­hen­den deut­schen Angriff, über wel­chen sein fähigs­ter Gene­ral so gut im Bil­de war. Dass die Wehr­macht sowohl von der Mas­se des mili­tä­ri­schen Gerä­tes auf der Gegen­sei­te als auch von der offen­si­ven Auf­stel­lung der Roten Armee mit ihrer Kon­zen­trie­rung in den bei­den Front­bö­gen von Lem­berg und Bia­lys­tok über­rascht war, ist viel­fach bezeugt. Hät­ten die Sowjets sich ver­tei­di­gen wol­len, wären sie viel tie­fer gestaf­felt gewe­sen; die Wehr­macht hät­te in die­sem Fall nie­mals so schnell vor­sto­ßen, gan­ze Arme­en ein­kes­seln und der­ma­ßen vie­le Gefan­ge­ne machen können.

„Für den Beginn des Krie­ges gegen Ruß­land glaub­ten wir mit einer tech­ni­schen Über­le­gen­heit unse­rer Pan­zer über die bis dahin bekann­ten rus­si­schen Typen rech­nen zu kön­nen, wel­che die uns bekann­te gewal­ti­ge Über­macht der Rus­sen an Zahl – wir gin­gen mit etwa 3200 Pan­zern in den Ruß­land­feld­zug – eini­ger­ma­ßen aus­zu­glei­chen ver­mocht hät­te. Ein eigen­ar­ti­ger Umstand mach­te mich aller­dings in Bezug auf das Pan­zer­ge­rät stut­zig: Noch im Früh­jahr 1941 hat­te Hit­ler einer rus­si­schen Offi­ziers­kom­mis­si­on aus­drück­lich gestat­tet, unse­re Pan­zer­schu­len und Pan­zer­fa­bri­ken zu besich­ti­gen, und hat­te befoh­len, den Rus­sen alles zu zei­gen. Hier­bei woll­ten die Rus­sen bei der Betrach­tung des Pan­zers IV nicht glau­ben, daß die­ser unse­ren schwers­ten Typ dar­stell­te. Sie erklär­ten immer wie­der, wir ver­heim­lich­ten ihnen unse­re neu­es­ten Kon­struk­tio­nen, deren Vor­füh­rung ihnen Hit­ler zuge­sagt habe. Die Zudring­lich­keit der Kom­mis­si­on war so groß, daß unse­re Fabri­kan­ten und Waf­fen­amts­of­fi­zie­re schließ­lich sag­ten: ‚Die Rus­sen schei­nen selbst bereits schwe­re und bes­se­re Typen zu besit­zen als wir.’ Der Ende 1941 vor unse­rer Front auf­tre­ten­de Pan­zer T 34 offen­bar­te uns die rus­si­sche Neukonstruktion.”
(Heinz Gude­ri­an, „Erin­ne­run­gen eines Sol­da­ten”, Neckar­ge­münd 1960,  S. 129)

Es gab Zei­ten, da haben mich die ten­den­ziö­sen Bücher und Arti­kel über den Beginn des deutsch-sowje­ti­schen Krie­ges und das Kräf­te­ver­hält­nis bei­der Sei­ten – den angeb­li­chen „Über­fall” der Wehr­macht auf die Sowjet­uni­on – auf­ge­regt (ein Pit­bull kann einen Bären schwer­lich über­fal­len; er kann ihn nur angrei­fen). Ich war abge­sto­ßen von der unter west­deut­schen His­to­ri­kern ver­brei­te­ten Beflis­sen­heit, die Posi­ti­on der Sie­ger zu über­neh­men und die­je­ni­gen als Revi­sio­nis­ten, Rela­ti­vie­rer, NS-Ver­harm­lo­ser etc. pp. zu ver­un­glimp­fen, die bei die­ser Stre­be­rei in his­to­ri­cis nicht mit­tun moch­ten (es gibt in dem letzt­ge­nann­ten Detache­ment auch unap­pe­tit­li­che Figu­ren, Auf­rech­ner, Ver­harm­lo­ser, Kryp­tona­zis; das will ich nicht ver­heh­len). Heu­te ist es mir egal. Die Wahr­heit wird sich auch hier durch­set­zen, viel­leicht nicht dort, wo Grü­ne regie­ren, viel­leicht auch noch nicht in den nächs­ten Jah­ren. Aber spä­tes­tens, wenn Deutsch­land als Kul­tur­na­ti­on und Schick­sals­ge­mein­schaft nicht mehr exis­tiert, wer­den die­se His­to­ri­ker­moh­ren ihre Schul­dig­keit getan haben und gehen kön­nen (nein, das ist kei­ne ras­sis­ti­sche Anspie­lung, son­dern „Fies­co”), dann wird jene Art His­to­rio­gra­phie, die im Grun­de nur geschichts­po­li­ti­sche Sie­ger­sicht­fest­schrei­bung gewe­sen ist, nicht mehr gebraucht, dann kann das Schreck­ge­spenst des Vier­ten Reichs oder ande­rer deut­scher Wie­der­ge­bur­ten, an das nach die­ser Nie­der­la­ge ohne­hin nur Wahn­sin­ni­ge und intel­lek­tu­el­le Kre­tins glau­ben konn­ten, ein­ge­mot­tet wer­den. Und dann kön­nen His­to­ri­ker aus wahr­schein­lich ande­ren Kul­tur­krei­sen ganz unbe­fan­gen, unma­ni­pu­la­tiv, unauf­ge­regt und, so weit dies über­haupt mög­lich ist, wahr­heits­ge­treu die Geschich­te des viel­leicht abson­der­lichs­ten Vol­kes der Welt schreiben.

***

Der Süd­deut­sche Beob­ach­ter ver­brei­tet Verschwörungstheorien.

***

Anna­le­na Baer­bock erlang­te ihren ers­ten natio­na­len Berühmt­heits­durch­bruch mit ihrer nobel­preis­wür­di­gen Ent­de­ckung, dass unser Strom­netz Ener­gie spei­chert. Ich bin ein gro­ßer Fan des grü­nen Schnat­te­rinchens und wür­de ihr, wenn ich dar­über ent­schei­den könn­te, die Türen des Kanz­ler­amts per­sön­lich auf­sto­ßen. Ich will, dass die­ses Land end­lich die grü­ne Imp­fung bzw. Infek­ti­on ver­ab­reicht bekommt. Ich will end­lich die Tal­soh­le sehen! Im Übri­gen kann ich mir wenig Komi­sche­res vor­stel­len als das ers­te Tref­fen von Anna­le­na mit Wla­di­mir Wla­di­mi­ro­witsch. Oder wenn sie das deut­sche Schiff mit ruhi­ger Hand durch die Finanz­kri­se steu­ert. Oder nach dem ers­ten Black­out vor die Pres­se tritt.

Ich habe mir noch ein­mal das ver­gleichs­wei­se legen­dä­re Inter­view vom Janu­ar 2018 ange­schaut, in dem die Völ­ker­recht­le­rin, vor­di­plo­mier­te Wirt­schafts­his­to­ri­ke­rin und Tram­po­lin-Ath­le­tin ihre phy­si­ka­li­sche Ent­de­ckung en pas­sant „her­aus­haut” (Die­ter Boh­len). Über­haupt haut sie dort eini­ge Zitier­wür­dig­kei­ten her­aus; im Gegen­satz zu Mer­kel hat ihr Stum­mel- und Phra­sen­deutsch noch den fide­len Pep juve­ni­ler Hart­hir­nig­keit, obwohl die won­ni­ge Maid eigent­lich schon damals erwach­sen war. Ich zitie­re mit Erlaub­nis des Präsidenten:

„Die­ses Land sieht eine Men­ge von The­men. Wir haben gro­ße Zukunfts­fra­gen in ganz Euro­pa, die ange­gan­gen wer­den müs­sen. Das ist mir total wich­tig. Ich bin lei­den­schaft­li­che Europäerin.”

„Aus mei­ner Sicht kommt es jetzt nicht dar­auf an, in wel­cher Quan­ti­tät man auf den Stüh­len des Bun­des­ta­ges sitzt, son­dern mit wel­cher Qua­li­tät man wirk­lich für sei­ne poli­ti­schen The­men strei­tet. Und dazu will ich mas­siv mit beitragen.”

„Ich bin lei­den­schaft­li­che Kli­ma­po­li­ti­ke­rin. Das habe ich in den letz­ten Jah­ren mas­siv hier bei uns im Bun­des­tag mit vor­an­ge­trie­ben. Euro­päe­rin vom Her­zen her. So bin ich auch dann bei den Grü­nen aktiv geworden.”

„Und das ist mei­ne Moti­va­ti­on, dass wir die­sen pro­gram­ma­ti­schen Pro­zess so füh­ren, dass es Debat­ten sind, die auch gesell­schaft­lich unter die Haut gehen und wie­der Men­schen auch mitreißen.”

„Und da müs­sen wir laut und deut­lich in der Spra­che sein. Ich tre­te daher für die Gesamt­par­tei an, wo alle Stim­men gehört wer­den müs­sen. Das ist für mich voll­kom­men klar. Ich war auch Lan­des­vor­sit­zen­de. So habe ich das immer gemacht.”

„Und ich hof­fe, ich mache es jetzt nicht zu kom­plex. Dazu neigt man manch­mal als Fach­po­li­ti­ke­rin ja.”

„Und natür­lich gibt es Schwan­kun­gen. Das ist voll­kom­men klar. An Tagen wie die­sen, wo es grau ist, da haben wir natür­lich viel weni­ger erneu­er­ba­re Ener­gien. Des­we­gen haben wir Spei­cher. Des­we­gen fun­giert das Netz als Spei­cher. Und das ist alles aus­ge­rech­net. Ich habe irgend­wie kei­ne wirk­li­che Lust, mir gera­de mit den poli­ti­schen Akteu­ren, die das bes­ser wis­sen, zu sagen, das kann nicht funktionieren.”

Eine Plat­ti­tü­ten­dresch­ma­schi­ne, reflek­tiert wie ein Teletubby, mit ande­ren Wor­ten: eine Ide­al­be­set­zung. Lei­der wer­den unse­re ika­ri­schen Grü­nen bis Sep­tem­ber wohl etwas an Umfra­ge-Flug­hö­he ver­lie­ren und nur als Juni­or­part­ner in die schwarz­grü­ne Koali­ti­on gehen; dann wird Anna­le­na womög­lich bloß Vize­kanz­le­rin und Außen­mi­nis­te­rin. Immer­hin das Tref­fen mit Wla­di­mir Wla­di­mi­ro­witsch könn­te trotz­dem stattfinden.

***

Eine Anmer­kung pro domo, da sich immer noch vie­le freund­li­che Leser nach mei­ner Gesund­heit erkun­di­gen und mir Gene­sung wün­schen: Ich bin wie­der außen­dienst­taug­lich und gel­te, wenn auch offi­zi­ell nur für sechs Mona­te, als „Gene­se­ner”. Kurz­um: Ich dan­ke für die Wün­sche, sie haben sich längst erfüllt. Ich dan­ke bei die­ser Gele­gen­heit eben­falls für die zum Teil groß­zü­gi­gen Spen­den und für die vie­len Mails, neu­er­lich mit der Bit­te, mir nicht krumm­zu­neh­men, dass auch dann, wenn ich aus mei­ner Sicht oft ant­wor­te, der Ein­druck ent­steht, ich täte es sel­ten oder gar nicht. Ahimè!

Total
10
Shares
Vorheriger Beitrag

Nachricht des Tages

Nächster Beitrag

Das Wahlprogramm der Grünen in einem Satz

Ebenfalls lesenswert

1. Juni 2021

Ein Volk, das sich dar­an gewöhnt hat, zwölf Jah­re lang bei jeder Gele­gen­heit den rech­ten Arm hoch­zu­rei­ßen, wird…

9. Februar 2018

Er hetz­te für Selbst­er­hal­tung und das Über­le­ben sei­ner Kultur.                                        *** „Es gibt kein Grund­recht auf inne­re Sicher­heit”,…

31. Dezember 2018

Das ober­pfäl­zi­sche Amberg ist ein beschau­li­cher, stel­len­wei­se auch male­ri­scher Ort, des­sen Alt­stadt, das wegen sei­ner Form soge­nann­te „Innen­stadt-Ei”, von…