16. März 2022

Für gewöhn­lich unter­stellt man den­je­ni­gen, die eine noch grö­ße­re Lust dar­an emp­fin­den, sich selbst zu loben als ande­re zu tadeln, sie sei­en eitel.

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Wäre ich ein pro­gres­si­ver Poli­ti­ker, wür­de ich mei­ne Zie­le ganz ein­fach beschrei­ben: Jeder soll mehr Geld haben, jeder soll eine geräu­mi­ge Woh­nung haben, jeder soll preis­wer­te Ener­gie bezie­hen, jeder soll eine Uni­ver­si­tät besu­chen und mit Aus­zeich­nung been­den dür­fen, jeder soll gesund sein, jeder soll mehr Rech­te und weni­ger Pflich­ten haben, jeder soll sein eige­nes Geschlecht haben, nie­mand soll kämp­fen müs­sen, alle Trä­nen sol­len getrock­net sein.

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Die „Zei­tung für Deutsch­land” bit­tet um erken­nungs­dienst­li­che Betreuung.

Genau das behaup­ten seit Jah­ren die Rechts­po­pu­lis­ten, und des­halb wer­den sie in ’schland, wo es kein Volk gibt und jeder, der etwas ande­res sagt, gegen Arti­kel 1 GG ver­stößt, vom Ver­fas­sungs­schutz scharf beäugt.

Hal­den­wang?

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Es gibt – gott(!)lob – immer wie­der Lek­tü­ren, die mir inmit­ten des all­ge­mei­nen Wider­sinns Plä­sier bereiten.

„Stel­len Sie sich vor, einer mache sich dar­an, ein Haus zu errich­ten, und der ein­zi­ge Plan, den er hat, erschöp­fe sich im Nie­der­rei­ßen der alten Mau­ern, wäh­rend sei­ne Visi­on für das Neue allein in der kon­se­quen­ten Umkeh­rung sämt­li­cher bekann­ter Regeln der Bau­kunst bestünde.“

Mit die­sem Gleich­nis beginnt die Schwei­zer Autorin Moni­ka Haus­am­mann ihren Buch­es­say (sie selbst nennt ihn „eine Ansa­ge“) „Die gro­ße Ver­keh­rung“. Was sich ver­kehrt, ist klar: Es geht um das in immer schnel­le­rem Tem­po und mit wach­sen­der Gründ­lich­keit ins Werk gesetz­te Auf-den-Kopf-stel­len und schluss­end­li­che Nie­der­rei­ßen der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on, betrie­ben von einem Groß­teil der west­li­chen soge­nann­ten Eli­ten, ohne einen soli­den Plan, wie es danach wei­ter­ge­hen soll. Die­ses so när­ri­sche wie eif­ri­ge Sägen am eige­nen Ast gehört zu den abson­der­lichs­ten Phä­no­me­nen kei­nes­wegs nur unse­rer Zeit, son­dern der Mensch­heits­ge­schich­te über­haupt. Aber was wol­len Sie, nicht jeder erhält die Gele­gen­heit, einer Hoch­kul­tur bei ihrem Unter­gang zuzuschauen!

Ein Buch, das so anhebt, liest unser­eins natür­lich mit hei­te­rem Grimm wei­ter; wenn man den Irren schon nicht das Hand- bzw. Maul­werk legen kann, weil der deut­sche Michel ihnen in sei­ner ober­gren­zen­lo­sen Staats- und Regie­rungs­fröm­mig­keit hul­digt und sie unbe­irrt in sämt­li­che zur wei­te­ren Lan­des­de­mo­lie­rung taug­li­chen Ämter wählt, so trös­tet eine gal­li­ge Dia­gno­se doch über die eine oder ande­re Tris­tesse hin­weg. Madame Haus­am­mann, gebür­ti­ge Ber­ne­rin übri­gens und stu­dier­te Betriebs­wirt­schaft­le­rin, die seit lan­gem irgend­wo in Süd­frank­reich auf dem Land lebt und dort unter dem Pseud­onym Frank Jor­dan sub­ver­si­ve Polit­thril­ler schreibt, die im liber­tä­ren Licht­schlag-Ver­lag erschei­nen, begnügt sich aber nicht nur mit einer so scho­nungs­lo­sen wie bos­haf­ten Ana­ly­se der Lage, der ich Zei­le für Zei­le bei­pflich­te, son­dern geht in eine Rich­tung wei­ter, der ich nicht zu fol­gen ver­mag – was nichts über sie aus­sagt, son­dern nur über mich –, wor­auf der Unter­ti­tel ihres Wer­kes hin­weist; er lau­tet: „Dem Huma­nis­mus mit bibli­schem Den­ken begegnen“.

„Machen Sie die Pro­be aufs Exem­pel”, emp­fiehlt die Autorin, „und neh­men Sie irgend­ei­nen Grund­satz, ein Gebot oder eine Wenn-Dann-Aus­sa­ge der Bibel, und Sie wer­den fest­stel­len, dass die zeit­geis­ti­gen Ver­laut­ba­run­gen und die kon­kre­ten Bemü­hun­gen der Mei­nungs­in­dus­trie auf ihre Rela­ti­vie­rung, ihre Auf­lö­sung oder ihre Umkehr ins Gegen­teil hin­aus­lau­fen.” War­um aber gera­de die Bibel? Ant­wort: „Weil die bibli­sche Geschich­te eine Befrei­ungs­ge­schich­te ist, die auch für die Tyran­nen der Bunt­heit, der Inklu­si­on, der Gerech­tig­keit und der Tole­ranz eine Gefahr darstellt.“

Es geht also um das Men­schen­bild, genau­er: um zwei Men­schen­bil­der. Wer ist frei­er, der Mensch der Neu­en Welt­ord­nung, bei­spiels­wei­se des World Eco­no­mic Forum – oder der Mensch der Bibel?

Begin­nen wir mit Ers­te­rem. Außer sei­nem Dasein, lesen wir, ken­ne er kei­nen höhe­ren Sinn. Die „heu­ti­ge Huma­nis­mus-Rhe­to­rik“ – Moni­ka Haus­am­mann ver­wen­det den Begriff eher im Sin­ne des „Huma­ni­ta­ris­mus”; vom klas­si­schen Huma­nis­mus ist ja wenig übrig­ge­blie­ben – pro­pa­gie­re ein Men­schen­tum nach dem „Kon­zept des lee­ren Gefä­ßes“ (oder in der Ver­si­on, die der Evo­lu­ti­ons­psy­cho­lo­ge Ste­ven Pin­ker zurück­wies, des „unbe­schrie­be­nen Blatts“). Eigen­schafts­los, ohne gene­ti­sche und kul­tu­rel­le Mit­gift kom­me der Mensch zur Welt und müs­se nur mit den rich­ti­gen Ideen „gefüllt” wer­den, damit die Gesell­schaft nim­mer­mehr Man­gel an nütz­li­chen Glie­dern lei­det. Dass es sich bei die­sem Kon­zept um eine erwünsch­te Illu­si­on han­delt, zeigt sich früh: „Wo bereits ab dem Klein­kind­al­ter etwas kor­ri­giert wer­den muss, ist nicht nichts.”

Ein sol­cher­art ins Kol­lek­ti­vis­ti­sche per­ver­tier­ter Huma­nis­mus erzeu­ge „Wesen von iden­ti­täts­lo­ser Lee­re“, die „zufäl­lig und aus­schließ­lich sich selbst gehö­ren“, und zwar „bis in den (selbst­be­stimm­ten) Tod hin­ein“; dar­in bestün­de, „so heißt es, die Wür­de des Ein­zel­nen“. Jede „geschicht­li­che, gene­ti­sche, geis­ti­ge, sozia­le oder mate­ri­el­le Mit­gift” müs­se im Inter­es­se der neu­en Welt „besei­tigt” werden.

Wir erle­ben – der Gedan­ke dürf­te Besu­chern der Klei­nen Eck­la­dens geläu­fig sein – einen Kampf gegen die bio­lo­gi­sche und geschicht­li­che Ver­fasst­heit des (einst­wei­len nur west­li­chen) Men­schen. Die Batail­le läuft bereits ein paar Sün­den­jähr­chen, und man muss ihr ankrei­den, dass sie nicht wenigs­tens ein paar ehr­ba­re Tote pro­du­ziert, son­dern lau­ter Zom­bies, deren „größ­te Kom­pe­tenz das Funk­tio­nie­ren, das Kon­su­mie­ren und das per­ma­nen­te Sich-Ver­mark­ten als Nicht-Wis­sen­der, Nicht-Ver­wur­zel­ter, Nicht-Anecken­der, Nicht-Dis­kri­mie­ren­der, Nicht-Ver­let­zen­der und Nicht-Urtei­len­der zu sein” scheint.

Hélas!

Die­ser Men­schen­ty­pus, lesen wir wei­ter, sei immer nur ein Betrof­fe­ner, aber nie der Urhe­ber sei­nes Geschicks. Ver­ant­wor­tung sei ihm fremd; die Auf­for­de­rung, sich selb­stän­dig sei­nes Ver­stan­des zu bedie­nen, wür­de ihn „trig­gern”.

Allein dass ich ihn „ihn” nen­ne, wür­de ihn/sie/es „trig­gern”. Für ihn befin­de sich „das Böse aus­schließ­lich im Außen“. Die gro­tes­ke Über­zeu­gung die­ser Kli­en­tel lau­te: „Du bist zwar leer, hei­mat- und iden­ti­täts­los, aber gut. Aus­schließ­lich gut. Was du fühlst, ist immer rich­tig.“ Ein „lebens­feind­li­cher Wider­sinn“ wer­de „zur all­ge­mein­gül­ti­gen Moral erho­ben“. Die­ses Spiel ohne Gren­zen ende als sozi­al­dar­wi­nis­ti­scher Wett­be­werb im Opfer­sein. Eine „Gesell­schaft von Judas­sen“ – die soge­nann­te Zivil­ge­sell­schaft – ent­steht. Die Poli­tik passt sich dem Twit­termob an, indem sie die gro­ße Ver­keh­rung zum Regie­rungs­han­deln macht und uralte Welt­ge­set­ze aus­zu­he­beln sucht. „Im Aus­ein­an­der­rei­ßen und Neu-Deu­ten der seit jeher auf­ein­an­der bezo­ge­nen Grö­ßen von Leis­tung und Lohn, Inves­ti­ti­on und Ertrag, Opfer und Segen basiert nicht weni­ger als der größ­te Teil des­sen, was sich heu­te Poli­tik nennt.”

Frau Haus­am­mann erin­nert dar­an, dass Frei­heit „etwas ganz ande­res bedeu­tet, als vie­le heu­te wohl dar­un­ter ver­ste­hen”, dass sie kei­ne Gabe oder gar ein Recht sei, „son­dern eine Auf­ga­be im Sin­ne einer Zu-mutung, einer Bür­de, einer Last und damit einer Gefähr­dung”. Die­se Frei­heit fin­det sie im Men­schen­bild der Bibel. Es ste­he „in radi­ka­ler Oppo­si­ti­on zum Men­schen­bild von heu­te. Der Mensch der Bibel ist kein zufäl­lig ‚ins Nichts Gewor­fe­ner’, son­dern ein in jedem Fall Gewoll­ter, Geru­fe­ner und Gelieb­ter. Er ist nicht iden­ti­täts­los in sich ruhen­des und zur Selbst­er­schaf­fung auf sich selbst und sein Inne­res gerich­te­tes ‚Ich’, son­dern per­sön­lich in sei­ner Iden­ti­tät ange­spro­chen und damit auf ein Außer­halb, auf das ‚Du‘ Got­tes hin, erschaf­fen und bezogen.”

Das ist bekannt­lich eine Glau­bens­fra­ge und wie­der­um eine Illu­si­on, aber ers­tens hat der Mensch eine Schwä­che für „die Sache mit Gott” (Heinz Zahrnt), zwei­tens bedarf die Über­le­bens­fit­ness der Irreli­giö­sen über Genera­tio­nen hin­weg noch belast­ba­rer Bewei­se, drit­tens fin­det auch ein Ungläu­bi­ger wie ich die Ersatz­re­li­gio­nen der Bol­sche­wo­ken der­ma­ßen wider­sin­nig und absto­ßend, dass ich mich eher in den Schoß der hei­li­gen Mut­ter Kir­che bege­ben oder zum Islam kon­ver­tie­ren wür­de, als mich die­sen Lemu­ren anzu­schlie­ßen. Des­halb wei­ter mit unse­rer got­tes­fürch­ti­gen Liber­tä­ren und ihrer Aus­le­gung der Hei­li­gen Schrift.

„Die Bibel betreibt in Bezug auf den Men­schen weder Schön­fär­be­rei noch Dra­ma­ti­sie­rung”, notiert sie, son­dern zei­ge ihn, „wie er ist: beru­fen zur Frei­heit und gleich­zei­tig in ste­ter Ver­su­chung”. Anders als in der Selbst­wahr­neh­mung unse­rer grund­gu­ten – Grund­gü­ti­ger! – woken Schnee­flöck­chen lie­ge „das Böse als stets lau­ern­de Mög­lich­keit” in ihm. Aber „das ‚Den­noch‘ Got­tes zum Men­schen” ver­schafft dem Gläu­bi­gen jene Frei­heit, um die ihn ein Ungläu­bi­ger nur glü­hend benei­den kann. „Wer in der Furcht Got­tes lebt, muss nichts mehr fürch­ten” (Nor­bert Bolz).

„Fürch­tet euch nicht” ruft der Engel des Herrn; „fürch­te dich nicht”, echot es aus einem Haus irgend­wo in Frank­reich. Das „gewal­ti­ge Wort, das die Men­schen durch die Zeit hin­durch aus jeder Knecht­schaft ruft”, ver­hei­ße die „Befrei­ung von jeder Angst und Furcht bewirt­schaf­ten­den welt­li­chen Macht – sei es Staat, Kir­che, Wis­sen­schaft oder Mehr­heit”. Die Bibel sage: „Der Mensch ist nicht gut, und sein Leben ist hart, schmerz­haft und trau­ma­ti­sie­rend. Punkt. Aber das Wort Got­tes garan­tiert und ver­si­chert, dass der Mensch in all dem nicht ins Nichts gewor­fen ist.“

Und das ist die Fro­he Bot­schaft nach Haus­am­mann: „Wer eine Wahl hat, ist kein Opfer.“

(Das Buch kön­nen Sie hier bestellen.)

***

Noch zum Vorigen.

„Wäh­rend man noch vor­gibt, eine ‚Wahr­heit ohne Gott‘ zu erschaf­fen, hat man längst einen ‚Gott ohne Wahr­heit‘ instal­liert und mit ihm einen inner­welt­li­chen Göt­zen­kult des Mate­ri­el­len auf der einen Sei­te, des Rela­ti­ven, Will­kür­li­chen, Ver­schwom­me­nen und Ver­ne­bel­ten, das zur Moral erho­ben wird, auf der ande­ren”, schreibt Moni­ka Haus­am­mann. „Es ist die tota­le Verwirrung.”

Dia­bo­los ist bekannt­lich der Ver­wir­rer und Durch­ein­an­der­wer­fer. Als teuf­lisch emp­fand Joseph de Maist­re die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on, als teuf­lisch emp­fin­de ich das Trei­ben der woken Gar­den in ihrer merk­wür­di­gen Alli­anz mit Big Data und Big Money, die uns am Nasen­ring des Anti­ras­sis­mus und der Anti­dis­kri­mi­nie­rung – mehr als „Anti-” ver­mag der Teu­fel nicht – in ein sata­ni­sches Reich der Lüge zer­ren wollen.

Viel­leicht ist die Rechris­tia­ni­sie­rung des Wes­tens – Michel Hou­el­le­becq etwa scheint es so zu sehen – der Weg, die­se Zivi­li­sa­ti­on am Leben zu erhal­ten, der Aus­brei­tung des Islam zu weh­ren wie in den Jahr­hun­der­ten zuvor und der Ver­skla­vung der Gat­tung durch eine pla­ne­ta­ri­sche Über­wa­chungs-KI wenigs­tens etwas ent­ge­gen­zu­set­zen, weil eine KI den Glau­ben weder ver­ste­hen noch imi­tie­ren kann.

Wie gesagt, die­ser Weg ist mir ver­sperrt. Man muss aber nicht zwin­gend mit Haus­am­mann an den leben­di­gen Gott glau­ben, es genügt, die christ­li­che Tra­di­ti­on als kon­sti­tu­tiv für unse­re Welt zu begrei­fen, von der sich zu ver­ab­schie­den auf „geis­ti­gen Selbst­mord“ (noch­mals Nor­bert Bolz) hin­aus­läuft. Es ist absurd zu glau­ben, dass alles, was die vie­len Genera­tio­nen vor uns leben und über­le­ben ließ, was sie befä­hig­te, die groß­ar­tigs­te aller Zivi­li­sa­tio­nen zu schaf­fen, plötz­lich über­holt sei, dass die­se Genera­tio­nen vor uns, denen wir alles ver­dan­ken, was uns heu­te als Kom­fort dient, und die dafür ent­behrt, geschuf­tet, geop­fert, geblu­tet und gelit­ten haben, kom­plett falsch lagen, und aus­ge­rech­net die Heu­ti­gen, die nichts erlit­ten, nichts ent­behrt, nichts ver­ehrt, nichts gelernt, nichts geschaf­fen haben, son­dern nur alles auf­zeh­ren, kri­ti­sie­ren und demo­lie­ren kön­nen, dass die­se Genera­ti­on über­ge­schnapp­ter und wohl­stands­ver­wahr­los­ter Mit­läu­fer, die­se Genera­ti­on Fatz­ke beru­fen sei, der Mensch­heit den Weg zu weisen.

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Aus der Rei­he „Höhe­punk­te der Willkommenskultur”.

Leb­te Fried­rich der Gro­ße noch, er hät­te die­se anspruchs­vol­len Gäs­te ein­fach bei Nan­cy Fae­ser, Clau­dia Roth, Kat­rin Göring-Eckardt, Anna­le­na B. und 53 ande­ren Will­kom­mens­be­flü­gel­ten ein­quar­tiert, und alles wäre in bes­ter Neu­er Ord­nung. Ach, hät­ten wir unse­re güti­gen Mon­ar­chen noch!

***

Was macht eigent­lich die kri­ti­sche Pres­se? Das:

Außen­mi­nis­te­rin. Innenmutter.

Wenn die Jour­nos so wei­ter­ma­chen – Make them drool! –, wird sie eini­ge Gesäß­dou­bles brauchen.

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Fol­gen­des Schrei­ben wur­de ges­tern einer Freun­din zugestellt.

Sie lebt seit zwan­zig Jah­ren in Deutsch­land, bekommt monat­lich Kin­der­geld und Gehalt über­wie­sen und hat die ange­frag­ten Unter­la­gen vor Jah­ren bei der Bank hin­ter­legt, weil ohne die­se Doku­men­te kein Kon­to eröff­net wer­den kann.

Deutsch­land wehrt sich.

***

Neu­lich in nach­ge­ord­ne­ten Gemä­chern und Gelas­sen des Bundestags.

Kei­ne Sor­ge, eine Infor­ma­ti­ons­ta­fel zur Rech­ten die­se infer­na­li­schen Tür stif­tet Klar­heit und löst den Bann. Hier gilt’s der mah­nen­den Erinnerung!

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Lese­rin *** hat „das Gefühl, daß die Deut­schen – oder zumin­dest eine teil­hys­te­ri­sier­te Öffent­lich­keit – auf die Ukrai­ner das pro­ji­zie­ren, was im eige­nen Land gewis­ser­ma­ßen ver­bo­ten ist. Nun lebt man einen Ersatz-Patrio­tis­mus aus, wäh­rend der Patrio­tis­mus für das eige­ne Land gewalt­sam unter der Decke gehal­ten wird. Von geo­po­li­ti­schen Über­le­gun­gen hal­te ich mich bewußt fern, ich mei­ne, daß sich in die­sem sinn­lo­sen Furor, der sich gegen alles Rus­si­sche rich­tet, etwas Bahn bricht, was gegen die Mes­ser­hel­den, bär­ti­gen Min­der­jäh­ri­gen, Ver­ge­wal­ti­ger – und auch Mör­der –, die im Rah­men der Mer­kel­schen ‚Will­kom­mens­kul­tur’ ins Land gekom­men sind, strikt ver­bo­ten war. Da hieß es ‚Sip­pen­haft’ oder Ver­ach­tung gegen­über ande­ren Kul­tu­ren, wenn es jemand wag­te zu äußern, daß in ande­ren Län­dern Män­ner – und natür­lich auch Frau­en – eine ande­re Sozia­li­sa­ti­on erfah­ren haben könn­ten. Nur weil kei­ne Armee ins Land gekom­men und natür­lich nicht eine ein­zel­ne Nati­on ein­ge­drun­gen war, soll­ten wir alle will­kom­men hei­ßen und am bes­ten alles mit ihnen tei­len. Ganz unab­hän­gig vom Mer­kel­schen ‚Grenz­putsch’ wur­de uns doch schon vor­her gera­de­zu ein­ge­häm­mert, daß wir kein Recht auf unser Land hät­ten. Bricht sich nun eine ange­stau­te Wut Bahn?

Rus­si­sche Pro­duk­te wer­den ja schon aus den Rega­len genom­men und rus­si­sche Restau­rants boy­kot­tiert. Da fehlt ja nicht mehr viel zum ‚Kauft nicht beim Rus­sen.’ (Ich weiß, daß die Par­al­le­le nicht ganz paßt.) Erst waren es die ‚Unge­impf­ten’, nun sind es die Rus­sen, auf die man allen Haß pro­ji­zie­ren darf, der doch vor­her so ‚kul­tur­sen­si­bel’ ver­pönt war. Haß durf­ten wir nur auf das Eige­ne zei­gen. Das Hoch­hal­ten oder Schwen­ken der deut­schen Flag­ge wirk­te schon ver­däch­tig, wie es uns ohne Wor­te auch eine gewis­se Madame M. zeig­te, aber nun ist alles ganz, ganz anders, jetzt ist man plötz­lich ukrai­ni­scher Patri­ot und zeigt bei jeder Gele­gen­heit die ukrai­ni­sche Flag­ge und hef­tet sie allen Ver­laut­ba­run­gen an. Ich fas­se es nicht, wie wir plötz­lich alle zu ukrai­ni­schen Patrio­ten gewor­den sind oder schnells­tens wer­den sol­len. Dabei hat doch Ruß­land gar nicht Deutsch­land angegriffen …”

***

Leser *** ver­steht den von sei­ner Vor­red­ne­rin ent­deck­ten Wider­spruch nicht, denn „das ist es ja, was man so irri­tie­rend an die­sem nicht exis­tie­ren­den Volk fin­den muss. Die Deut­schen wür­den sich jedes Fähn­lein ans Revers hef­ten, aus­nahms­los jedes, sogar sol­che, die den tags zuvor noch laut­hals ver­kün­de­ten Über­zeu­gun­gen dia­me­tral ent­ge­gen stün­den (und das geschieht hier zumin­dest zum Teil). Es müs­sen nur die rich­ti­gen Vor­be­ter dafür gesorgt haben. Die­se Leu­te hät­ten auch den im Jah­re 2015 her­ein­ge­schnei­ten ‚Flücht­lin­gen’ die Auf­nah­me ver­wei­gert, ja wären mit die­sen weit schlim­mer ver­fah­ren, als es ein Björn Höcke über­haupt nur zu den­ken gewagt hät­te – wenn, ja wenn dies nur von der rich­ti­gen Stel­le gefor­dert wor­den wäre. Die Deut­schen haben eben kei­ne unver­rück­ba­ren Über­zeu­gun­gen, die sie gegen eine ten­den­ziö­se pro­pa­gan­dis­ti­sche Bear­bei­tung immu­ni­sie­ren wür­den – sofern die­se von der rich­ti­gen Stel­le kommt. Hier haben wir sie wie­der, die berühm­te deut­sche Obrig­keits­hö­rig­keit. Inso­fern wun­dert mich hier gar nichts, die ‚Deut­schen’ tun nur das, was sie eigent­lich immer schon getan haben.”

***

„Tho­mas Bern­hard in bes­ser”, schreibt Freund *** und sen­det mir den fol­gen­den Textausschnitt.

„Sei­ne Aben­de ver­brin­ge er mit Lek­tü­re, aus­schließ­lich. Er lese immer fünf­und­zwan­zig Sei­ten in einem Buch, dann fünf­und­zwan­zig Sei­ten in einem ande­ren Buch usw. Es ermü­de ihn, lan­ge in ein und dem­sel­ben Buch zu lesen. Jeden Abend lese er fünf­und­zwan­zig Sei­ten in vier oder fünf Büchern, dann schla­fe er ein, bereits wäh­rend des vier­ten oder fünf­ten Buches schla­fe er ein. Vier oder fünf­mal fünf­und­zwan­zig Sei­ten an einem gan­zen Abend, das möge mir nicht viel erschei­nen für einen geüb­ten Leser wie ihn, aber er lese sehr lang­sam, weil sei­ne Gedan­ken wäh­rend des Lesens unab­läs­sig abschweif­ten. Die­se Abschwei­fun­gen stör­ten ihn aber nicht beim Lesen, son­dern die­se Abschwei­fun­gen sei­en gera­de das ein­zi­ge Ziel sei­nes Lesens, er lese aus­schließ­lich wegen der dar­aus erfol­gen­den Abschwei­fun­gen. Sein eige­nes Den­ken sei eine ein­zi­ge Abschwei­fung von dem gele­se­nen Den­ken der ande­ren. Natür­lich schwei­fe nicht von allen Büchern das Den­ken ab, nur von den schwie­rigs­ten Büchern schwei­fe das Den­ken ab, nur die schwie­rigs­ten Bücher sei­en für ihn inter­es­sant, von Büchern, die man ver­ste­he, schwei­fe das Den­ken nicht ab, nur von Büchern, die man nicht ver­ste­he, schwei­fe das Den­ken, ermü­det von den ver­geb­li­chen Ver­ste­hens­be­mü­hun­gen, ab, nur Bücher, die er nicht ver­ste­he, sei­en für ihn inter­es­sant, Sät­ze, die man ver­ste­he, sei­en tri­via­le Sät­ze, nur unter unver­stan­de­nen Sät­zen gebe es untri­via­le Sät­ze, wenn­gleich es auch tri­vi­al unver­ständ­li­che Sät­ze gebe. Von jedem unver­stan­de­nen Text schwei­fe das Den­ken in ganz ande­re Regio­nen ab, wenn­gleich es auch unver­stan­de­ne Tex­te gebe, von denen das Den­ken über­haupt nicht abschwei­fe, die er aber nicht lese. Nichts sei zu ver­glei­chen mit den Gedan­ken, die einem kämen, wenn man Hei­deg­ger nicht ver­ste­he, wie auch nichts zu ver­glei­chen sei mit den Gedan­ken, die einem kämen, wenn man Hegel nicht ver­ste­he. Von Hei­deg­ger oder von Hegel pral­le das Den­ken ab in Gefil­de rät­sel­haf­ter Anders­ar­tig­keit. Wenn er Hei­deg­ger lese, so ver­ste­he er nichts, schwei­fe aber doch ab zu Gedan­ken, die ihm nie­mals sonst kämen, als wenn er Hei­deg­ger lese, Gedan­ken übri­gens, von denen er glau­be, dass sie mit den ihm unver­ständ­li­chen Gedan­ken Hei­deg­gers – wenn es über­haupt Gedan­ken Hei­deg­gers gebe – gar nichts zu tun hät­ten. Er habe den gesam­ten Hei­deg­ger gele­sen und nichts davon ver­stan­den, wie er auch den gesam­ten Hegel gele­sen und nichts davon ver­stan­den habe. Sein und Zeit habe er acht- oder neun­mal gele­sen und kei­nen ein­zi­gen Satz dar­in ver­stan­den, sei­ne Gedan­ken sei­en dabei aller­dings immer auf die aus­schwei­fends­te Art abgeschweift.”
Aus dem Text „Der Nach­hau­se­weg” von Arne Kolb, erschie­nen im aktu­el­len Tumult.
Sehr hübsch auch die­se Passage:

„Jeder, der in den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten pro­mo­vie­re, was doch nichts ande­res hei­ße, als hun­der­te von Sei­ten mit sei­nem Mei­nungs­ge­schwätz zu fül­len, pro­mo­vie­re in Wahr­heit in dem Grö­ßen­wahn und in der Ver­rückt­heit, die Uni­ver­si­tä­ten sei­en voll von Grö­ßen­wahn­sin­ni­gen und Ver­rück­ten, der Grö­ßen­wahn und die Ver­rückt­heit in den Irren­an­stal­ten sei­en nichts gegen den Grö­ßen­wahn und die Ver­rückt­heit in den Uni­ver­si­tä­ten, die ja die eigent­li­chen Irren­an­stal­ten sei­en, nur dass in den Irren­an­stal­ten die Ver­nünf­ti­gen die Ver­rück­ten unter Ver­schluss hiel­ten, woge­gen in den Uni­ver­si­tä­ten die Ver­rück­ten die Ver­nünf­ti­gen unter Ver­schluss hielten.”

 

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