6. April 2022

Die meis­ten Quel­len des Humors sind es unfrei­wil­lig, und oft erschließt sich deren Komik nur aus siche­rer Ent­fer­nung. Sta­lin zum Bei­spiel war ein gro­ßer unfrei­wi­li­ger Humo­rist – außer für sei­ne Zeit­ge­nos­sen –, und der spä­te Hit­ler, das Rum­pel­stilz­chen im Bun­ker, wohl auch. Im vor­de­ren Mit­tel­feld die­ses Gen­res beweg­te sich das Minis­te­ri­um für Staatssicherheit.

Unver­gess­lich ist mir ein Pas­sus geblie­ben, den Wolf Bier­mann in sei­nen Sta­si-Akten fand, aus dem Abhör­pro­to­koll eines haupt­amt­li­chen Spit­zels: „Bier­mann führ­te mit einer Dame Geschlechts­ver­kehr durch. Danach ist Ruhe im Objekt.” Das ist deutsch. Oder eben deutsch­ko­misch (Goe­the).

Ich hat­te mit den Brü­dern gott­lob sel­ten Kon­takt, und wenn, dann ließ die Distanz eine gewis­se Komik zu. Ich weiß nicht, ob ich die Geschich­te schon ein­mal erzählt habe: Ich arbei­te­te – die­sen Begriff im aller­wei­tes­ten Sin­ne ver­stan­den – im Som­mer 1986 als Platz­wart im Ber­li­ner Hans-Zosch­ke-Sta­di­on, des­sen pikan­te Lage zumin­dest dem Ost­ber­li­ner geläu­fig ist: Es war von drei Sei­ten ein­ge­schlos­sen vom Haupt­sitz des Minis­te­ri­ums für Staats­si­cher­heit. Dort saß der Genos­se Miel­ke und lieb­te alle Men­schen. (Die Gerüch­te­kü­che woll­te wis­sen, dass die Schlapp­hü­te am liebs­ten das gesam­te Sta­di­on als Betriebs­sport­platz in ihr Minis­te­ri­um inte­griert hät­ten, aber die Wit­we des von Roland Freis­ler zum Tode ver­ur­teil­ten Zosch­ke soll sich gegen die­se Ein­ver­lei­bung gesträubt haben.) An einem schö­nen Som­mer­tag leg­te ich mich im Mit­tel­kreis des Fuß­ball­plat­zes in die Son­ne, der­weil die Genos­sen Kund­schaf­ter in ihren Büros schwitz­ten. Wenig spä­ter kamen mei­ne Kol­le­gen auf­ge­regt zu mir gelau­fen: Die Neid­lin­ge hat­ten in der Zen­tra­le des Sport­stät­ten­be­triebs Ber­lin ange­ru­fen und moniert, der Platz­wart arbei­te nicht (deutsch, sehr deutsch) …

Die in den Büros Brü­ten­den ver­fass­ten und lasen Tex­te wie die­sen: „Die stell­ver­tre­ten­de Lei­te­rin des Stan­des­am­tes ist für die Vor­be­rei­tung und Durch­füh­rung der Ehe­schlie­ßun­gen ver­ant­wort­lich. Sie ver­steht sich in Aus­übung die­ser Funk­ti­on als Beauf­trag­te der Arbei­ter­klas­se und löst des­halb ihre Auf­ga­ben stets vom klas­sen­mä­ßi­gen Stand­punkt aus.”

Die­ser Duk­tus ist zwar zum Brül­len däm­lich, wirkt aber in Zei­ten von Diver­si­ty und geschlech­ter­ge­rech­ter Schreib­wei­se alles ande­re als exo­tisch; es ist das­sel­be Land, es sind die­sel­ben Figu­ren, nur die Ver­hält­nis­se sind – noch? – anders. Das Zitat stammt aus einer Bro­schü­re namens „Kon­jak, Deut­sche Vita und der nor­ma­le Hahn”, her­aus­ge­ge­ben vom Bun­des­be­auf­trag­ten für die Unter­la­gen des Staats­si­cher­heits­diens­tes (Außen­stel­le Hal­le), die mir ein Leser zusand­te. Dar­in sind Trou­vail­len und Stil­blü­ten aus Sta­si-Berich­ten ver­sam­melt, etwa:

„Der Werk­lei­ter ist in sei­nem Ver­hal­ten ver­än­dert. Er benutzt für die Kol­le­gen kei­ne Bezeich­nun­gen aus dem Tier­reich mehr.”

Oder: „Er hat kei­ner­lei Bin­dun­gen mehr zur Arbei­ter­klas­se und ging die­ser auch aus dem Wege.”

Oder: „Der Bür­ger ist Mit­glied der Deutsch-Sowje­ti­schen Freund­schaft und des DTSB, jedoch nicht vor­be­straft. Bei Frau­en in sei­ner Umge­bung ist er nicht sehr beliebt, da er sich mit frem­den Frau­en abgibt.”

„A. fei­er­te in sei­nem Pkw Moskwitsch mit einem Umbe­kann­ten und 2 Frau­en eine Schnaps­par­ty und sie schlie­fen anschlie­ßend im Pkw ein. Grün­de für die umständ­li­che Fei­er wur­den nicht bekannt.”

„Der Täter begann mit der Geschä­dig­ten im Okto­ber 1985 auf der Haus­trep­pe den Geschlechts­ver­kehr, wel­cher erst im Früh­jahr 1986 been­det war.”

„Der Vater des W. ist seit 1964 gestorben.”

„Eine Schwä­che der Quel­le wur­de bis­her fest­ge­stellt und zwar ist er in  der Lage zu vie­len Per­so­nen Kon­takt auf­zu­neh­men und er hat auch vie­le Kon­tak­te, doch er kann sich die Namen schlecht merken.”

„Es ist bekannt, dass sie es gut ver­steht, sich den Män­nern in ihrem Arbeits­be­reich zugäng­lich zu machen.”

„Er ist ein rede­ge­wand­ter und geist­lich beweg­li­cher Genosse.”

„Der Genann­te soll ledig gebo­ren sein.”

„Sie füh­ren eine har­mo­ni­sche Ehe. Die Ehe­ver­hält­nis­se ent­spre­chen den Prin­zi­pi­en der sozia­lis­ti­schen Moral und Ethik.”

„Sei­ne Ehe ist frei von ehe­li­chen Pro­ble­men. Sei­ne Frau ist seit vie­len Jah­ren in ner­ven­ärzt­li­cher Behandlung.”

„Wäh­rend sei­ner gesam­ten Lehr­zeit wur­de er durch sei­ne Aus­bil­der und den Berg­ar­bei­tern unter Tage mit den poli­tisch-ideo­lo­gi­schen Pro­ble­men der Arbei­ter­klas­se konfrontiert.”
(Ortho­gra­phie und Gram­ma­tik ent­spre­chen den Originalen.)

Lei­der ist die Bro­schü­re sehr dünn; man befin­det sich gedank­lich kaum wie­der in der „Ehe­ma­li­gen” – ein  Leser schrieb mir, er habe die­sen Begriff immer so idio­tisch gefun­den wie ich, aber inzwi­schen sei ihm klar gewor­den, dass man von der „ehe­ma­li­gen DDR” nur spre­che, um sie von der zukünf­ti­gen zu unter­schei­den –, schon ist die Samm­lung zu Ende. Sie stammt übri­gens aus dem Jahr 2011. Es wäre doch schön, wenn die Akten­ver­wah­rer ein rich­ti­ges Buch zusam­men­stel­len, etwa unter dem Titel: „Die lus­tigs­ten Spit­zel­be­rich­te der Sta­si”, oder: „IM Gra­tin”, oder: „Was haben wir gelacht bei Horch und Guck.” Oder „Sex, Drugs und MfS”. Her­aus­ge­ge­ben von Susan­ne Hen­nig-Well­sow und Jani­ne Wiss­ler, mit einem Vor­wort von Anet­ta Kaha­ne. Mmh?

 

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