11. Mai 2022

Nach dem woken Kate­chis­mus unter­drückt ein wei­ßer männ­li­cher Bett­ler jede schwar­ze wohl­ha­ben­de Frau.

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Ich habe Anfang Mai im Klei­nen Eck­la­den die fol­gen­den Sät­ze vor mich hin­ge­mur­melt: „Die deut­schen Rech­ten sind so ziem­lich die ein­zi­gen euro­päi­schen Rech­ten, die mei­nen, sie müss­ten ohne Wenn und Aber zu Russ­land ste­hen. Auch wenn ich fast alle Ent­wick­lun­gen in der west­li­chen Welt ableh­ne, treibt mich das nicht zwin­gend an die Sei­te Putins (oder gar Chi­nas). Die Frei­heit ver­tei­digt man schlecht an der Sei­te von Autokraten.”
Leser *** fin­det die­se Aus­sa­ge „ste­reo­typ” und fragt, ob ich „das wirk­lich ernst mei­ne”; nach sei­ner Beob­ach­tung stün­de die deut­sche Rech­te über­haupt nicht geschlos­sen zu Putin, er sehe eine gan­ze Rei­he von Publi­ka­tio­nen von Tichy über Reit­schus­ter bis zur Ach­se des Guten, „die nun geschlos­sen das Lied der trans­at­lan­ti­schen Ukrai­ne spie­len”, das wir­ke „fast wie eine Abbit­te”. Dür­fe man nicht „ein biss­chen zwi­schen den Stüh­len sit­zen, ohne sich gleich kom­plett für eine Sei­te zu entscheiden?”
Man darf. In der Poli­tik, deren Wesen bekannt­lich in der Unter­schei­dung von Freund und Feind besteht, ist das aber schwie­rig. Der Abge­ord­ne­te Mat­thi­as Moos­dorf, Schwe­fel­par­tei, hat im Bun­des­tag immer­hin gesagt: „Es gibt nur ein Gebot der Stun­de: Frie­de. Ihn zu stif­ten, ist die Auf­ga­be Europas.”

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Eines ist klar: Deutsch­land wird die­sen Krieg ver­lie­ren. „Wir wer­den ärmer”, erklär­te Wirt­schafts­mi­nis­ter Robert Habeck im ZDF-Inter­view. Kei­ne Sor­ge, der Robert sel­ber nicht. Auch nicht die Rüstungsindustrie.

Aber die Deut­schen bzw. die Men­schen da drau­ßen im Land, die wer­den ärmer. Noch Tage vor dem Kriegs­be­ginn höhn­te der Cice­ro:

Jetzt ver­su­chen sie, alles auf Putin zu schie­ben, und es steht zu befürch­ten, dass der bra­ve Michel das irgend­wann glaubt, so wie er auch irgend­wann glau­ben wird, dass am Kol­laps der deut­schen Ener­gie­ver­sor­gung die AfD Schuld trug, weil sie sich gegen die tota­le Lan­des­ver­spar­ge­lung aus­ge­spro­chen hat.

Der Begriff „Kli­ma­f­lücht­lin­ge”, neu gedeutet.

„Es wird ja immer wie­der betont, dass wir alle die Spal­tung über­win­den soll­ten”, schreibt Lese­rin ***. „Und wer könn­te etwas dage­gen haben? Aber seit 2020 beschäf­tigt mich eine Sache, die ich nicht rich­tig in Wor­te fas­sen kann. Was mir nicht in den Kopf geht, ist etwas, was Han­nah Arendt in dem fol­gen­den Video ab 2:10 ganz tref­fend zusam­men­fasst. Die Rea­li­tät, dass vie­le nicht ein­fach Mit­läu­fer sind, das ist ja sogar noch nach­voll­zieh­bar. Nein, es geht wei­ter. Die Leu­te fin­den es gut. Das Wahl­er­geb­nis für Herrn Gün­ther (!) sagt doch alles.

Wie soll man die Spal­tung über­win­den, wenn Leu­te sagen: ‚Was, Du denkst Bür­ger­rech­te sind weg, nur weil Du im Super­markt eine Mas­ke tra­gen sollst?’ ‚Ja, gut, das wäre nicht die ers­te Imp­fung, die nichts taugt.’ Was solls?’ Oder: ‚Die wer­den sich schon was dabei gedacht haben, wenn sie die Mas­ken verordneten.’

Wie Frau Arendt muss­te ich erst­mal begrei­fen ler­nen, dass Leu­te nicht ein­fach Mit­läu­fer sind, son­dern begeis­tert. Sie waren/sind zufrie­den. Sehr zufrie­den. Und das merkt man ja jetzt auch am Wahl­er­geb­nis. Alles supi. Den Leu­ten fehlt kei­ne Frei­heit. Frei­heit ist nicht wich­tig. Wozu soll das gut sein? Es wird nichts ver­misst. Ist so ein Spalt über­haupt über­wind­bar? Kann man über etwas spre­chen, wenn man fun­da­men­tal anders denkt?”

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„In nach­voll­zieh­ba­rer Befürch­tung, Sie hal­ten die Rezi­pi­en­ten Ihres ‚klei­nen Eck­la­dens’ aus­weis­lich kon­kre­ter aber auch gene­ra­li­sie­ren­der Andeu­tun­gen über­wie­gend um – poin­tiert – Min­der­be­mit­tel­te”, schreibt Leser ***, „gestat­tet sich der Ver­fas­ser die­ser Zei­len eine unmaß­geb­li­che Anmer­kung zu Ihrem Ver­dikt vom 7. Mai die­sen Jah­res, in dem Sie urteilten:

‚Aller­dings ste­he dies­mal nicht die gesam­te Welt gegen einen ‚Schur­ken­staat’ (der im Fal­le des zwei­ten Krie­ges sogar einer war).’

In nach­drück­li­chem Bewußt­sein eines stimm­lo­sen Unwür­di­gen: ex post ist nicht ex ante.

Mit ande­ren Wor­ten: Ent­ge­gen der seit Deka­den mehr­heit­li­chen Per­spek­ti­ve war das Deut­sche Reich des Jah­res 1945 nicht mit dem sechs Jah­re zuvor iden­tisch. Neben der Fra­ge nach Grund für den Kriegs­aus­bruch – der aktu­el­le Ukrai­ne-Ruß­land-Kon­flikt drängt eine Par­al­le­li­tät auf – wird die Fra­ge nach der Kon­nek­ti­vi­tät, von Kau­sa­li­tät ganz zu schwei­gen, von Kriegs­ver­lauf und Shoa wohl auf ewig zumin­dest in sol­chen Krei­sen strit­tig sein, die sich der beque­men – man­che mögen auch von ‚Denk­fer­ne’ spre­chen – Über­nah­me einer wie auch immer gear­te­ten Mehr­heits­mei­nung ver­schlie­ßen. Die ande­ren ent­beh­ren gnä­dig jeg­li­chen Zweifels.

Gestat­ten Sie dem Ver­fas­ser die­ser Nach­richt mit dem demuts­vol­len Aus­druck eines nahe­zu chro­no­lo­gisch Gleich­alt­ri­gen den rea­li­täts­fer­nen Wunsch, Sie mögen den Kräf­ten wider­ste­hen, die Sie in den ahis­to­ri­schen Sumpf zie­hen, wenn auch die Ver­gan­gen­heit hin­läng­lich lehrt, nicht aus der Ver­gan­gen­heit zu lernen.”

Die­sen Ein­schub, geehr­ter Herr ***, setz­te ich – wie auch eini­gen Zei­len vor­her einen extra mit den Wor­ten „für Esel” gekenn­zeich­ne­ten – , weil auf mei­ner Sei­te auch Leu­te vor­stel­lig wer­den, die „Stel­len” suchen, mit denen sie mich anschwär­zen kön­nen. Kei­nes­wegs war er an den Eck­la­den­be­su­cher als sol­chen gerich­tet, den für min­der­be­mit­telt zu hal­ten, wie Sie sicher­lich nicht im vol­len Ernst insi­nu­ie­ren, ich nicht ein­mal inso­fern wagen wür­de, als ich es mit­un­ter von mir sel­ber denke.

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In Hanau hat ein „Mann” zwei Kin­der ermor­det, was die Nach­rich­tenagenur dpa mit fol­gen­der Schluss­poin­te meldet:

In zwei Sät­zen framen sie zunächst die Stadt als sol­che – man muss nur „Hanau” sagen, und alles ist klar – und sodann die Tat eines offi­zi­ell Wahn­sin­ni­gen zwei­mal mit dem schärfst­mög­li­chen Stig­ma „ras­sis­tisch”, plat­zie­ren noch den Begriff „Ter­ror” sowie die Tat­sa­che, dass der Täter ein Deut­scher war, unter­schla­gen aber sein zehn­tes Opfer, die eige­ne Mut­ter, weil sie auch eine Kar­tof­fel war und folg­lich zumin­dest beim Mord Num­mer zehn kein ras­sis­ti­sches Motiv vor­lag, son­dern eben: ein schwers­ter Dachschaden.

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Auf dem Weg in die Dik­ta­tur, zum ersten.

Ich habe anhand von sie­ben weg­wei­sen­den Urtei­len erläu­tert, mit wel­cher eisi­gen Kon­se­quenz das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Grund­rech­te aus­he­belt. Der nächs­te Schritt ist kein Urteil, son­dern die Ver­wei­ge­rung eines sol­chen. Der Jurist Ulrich Vos­gerau beschreibt in der JF, wie die Rich­ter rei­hen­wei­se Ver­fas­sungs­be­schwer­den gegen die ein­rich­tungs­be­zo­ge­ne Impf­pflicht abbügeln.

In den letz­ten Mona­ten, so Vos­gerau, haben Ärz­te und Pfle­ger in 215 Fäl­len Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen § 20a Infek­ti­ons­schutz­ge­setz erho­ben. „Man soll­te nun erwar­ten, daß das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt sich sorg­fäl­tig mit ihren wis­sen­schaft­lich fun­dier­ten Argu­men­ten aus­ein­an­der­setzt. Dies pas­siert aber nicht: In die­sen Tagen und Wochen lehnt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mas­sen­haft die Annah­me sol­cher Ver­fas­sungs­be­schwer­den zur Ent­schei­dung ab und begrün­det dies ste­reo­typ meist nur mit einem ein­zi­gen Satz, der dar­auf hin­aus­läuft, die Beschwer­de sei durch den Pro­zeß­be­voll­mäch­tig­ten – angeb­lich – man­gel­haft begrün­det wor­den. Gegen die­se sys­te­ma­ti­sche Rechts­ver­wei­ge­rung – es geht in jedem Ein­zel­fall immer­hin um die Ver­nich­tung der beruf­li­chen Exis­tenz eines Berufs­trä­gers den die altern­de Gesell­schaft drin­gend braucht – begin­nen Rechts­an­wäl­te zuneh­mend Sturm zu laufen.”

Eine von Vos­gerau selbst ver­tre­te­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de zwei­er Ärz­te wur­de eben­falls nicht zur Ent­schei­dung angenommen.

Die BRD ist kein Rechts­staat mehr.

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Auf dem Weg in die Dik­ta­tur, zum zweiten.

Der immer wie­der amü­sant zu lesen­de Wolf­gang Röhl beschreibt einen neu­en Typus Zen­sor, der sich in den woken Ver­la­gen (wahr­schein­lich buch­stäb­lich) breit­macht. Die Pla­ge­geis­ter nen­nen sich „Sen­si­ti­vi­ty Rea­ders”. Sie kon­trol­lie­ren Manu­skrip­te auf Ras­sis­mus, Sexis­mus und Post­ko­lo­nia­lis­mus. Beim kleins­ten Ver­dacht schla­gen sie Alarm. Röhl nennt es „Wokeness-TÜV” und zitiert eine E‑Mail der zum Ber­tels­mann-Kon­zern gehö­ren­den Ver­lags­grup­pe Pen­gu­in Ran­dom House an den Ver­fas­ser eines lau­nig ange­leg­ten klei­nen Rei­se­buchs („Oh, wie schön ist Afri­ka!“) wie folgt (Schreib­feh­ler aus der Ori­gi­nal­mail des Verlags):

„Lie­ber Herr XY, die Gut­ach­te­rin für das Sen­si­vi­ty (sic!) Rea­ding hat sich zurück­ge­mel­det. Sie erin­nern sich, dass wir vie­ler (sic!) unse­rer Tex­te sen­si­tiv lesen las­sen. Das ist ein wich­ti­ges Stan­dard­ver­fah­ren, das wir seit einer Wei­le eta­bliert haben. Denn lei­der rut­schen immer wie­der Betrach­tun­gen, Hal­tun­gen, Ter­mi­ni und Über­le­gun­gen durch, die belei­di­gend für struk­tu­rel­le (sic!) benach­tei­lig­te Per­so­nen sein kön­nen. Das geschieht unbe­wusst. Gera­de des­halb und aus unse­rer Ver­ant­wor­tung als Ver­lag müs­sen wir uns Tex­te genau anse­hen. Die Kol­le­gin hat sich umfas­send mit Ihrem Manu­skript beschäf­tigt und eini­ge Punk­te gefun­den, die be- und über­ar­bei­tet wer­den müssten.”

Röhl notiert: „Wie ideo­lo­gisch ver­bies­tert, anma­ßend und kack­f­rech die soge­nann­te Gut­ach­te­rin auf­tritt, das ver­schlägt wahr­schein­lich selbst leid­ge­prüf­ten Leicht­lohn­schrei­bern die Sprache.”

Wenn ich mir vor­stel­le, mein „Land der Wun­der” gerie­te in die Fin­ger eine sol­chen Wokeness-Frä­se, wird mir ganz kan­ni­ba­lisch wohl, aber so komisch die­se Vor­stel­lung sein mag, steht hier nichts weni­ger als die Lite­ra­tur auf dem Spiel. Nicht ein ein­zi­ges bedeu­ten­des Werk der abend­län­di­schen Lite­ra­tur blie­be nach die­sen Kri­te­ri­en übrig, und jeder Autor, der sich die­ser Pro­ze­dur unter­wirft, kann sich gleich kas­trie­ren lassen.

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Apro­pos Zensur.

Wahr­schein­lich haben sich wie­der irgend­wel­che Viet­na­me­sen beschwert.

Wenn Sie irgend­wo ein­wan­dern, erwar­ten Sie ja auch, dass sich die­se Kuffnu­cken an Ihre Sit­ten anpassen.

 

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