Warum ich nichts zur Ukraine schreibe

Leser *** fragt: „Die deut­sche Bevöl­ke­rung dürf­te sich aus vie­ler­lei Grün­den Gedan­ken machen über die ‚Spe­zi­al­ope­ra­ti­on’ Russ­lands in der Ukrai­ne, mehr aber noch über des­sen täg­li­che und pro­pa­gan­dis­ti­sche Aus­wir­kun­gen. Das erle­ben wir an der Tank­stel­le, an der Stim­mung all­ge­mein und in den all­wis­sen­den MSM, die in ihren Über­schrif­ten und Arti­keln zu Pro­pa­gan­da­schleu­dern ver­kom­men sind. Lesen Sie nur mal die Über­schrif­ten in ‚Welt’-online der letz­ten vier Wochen!
Bei Herrn Klo­n­ovs­ky fin­det der Ukrai­ne-Krieg nicht statt, sieht man ein­mal von einem wirk­lich guten Dia­ry-Ein­trag vor etwa vier Wochen ab. Seit­dem Schwei­gen. Wel­che Schwie­rig­kei­ten haben Sie, fra­ge ich ganz offen und direkt, die­sen Nato-Krieg, der ja ein Stell­ver­tre­ter­krieg gegen Russ­land ist und in den wir ganz lang­sam aber sicher hin­ein­ge­zo­gen wer­den, als das zu bezeich­nen, was er ist? Klo­n­ovs­ky hat hier m.M. nach ver­sagt. Der Krieg (oder die Spe­zi­al­ope­ra­ti­on) fin­det ein­fach nicht in sei­nem engen Eck­la­den statt. Den­ken Sie bit­te an Herrn Gau­lands groß­ar­ti­ge Rede, die ich als his­to­risch ein­stu­fen wür­de. Das ist eine Basis, gegen den Rüs­tungs­wahn­sinn und ‑export sich zu posi­tio­nie­ren. War­um schwei­gen Sie zu den Vorgängen?”

Ich schwei­ge dazu, geehr­ter Herr ***, weil Putin mit sei­nem Ein­marsch in die Ukrai­ne, der mir nicht nur stra­te­gisch unbe­greif­li­chen Art sei­ner Kriegs­füh­rung – wel­che Zie­le ver­folgt er? „Ent­na­zi­fi­zie­rung” des Lan­des durch die Zer­stö­rung der Städ­te? war­um beschränkt er sich nicht wenigs­tens auf den Süd­os­ten? – und der Wahl sei­ner Kom­bat­tan­ten – jetzt emp­fängt er sogar schon die Hamas – mei­ne Sym­pa­thie ver­lo­ren hat. Ich schwei­ge, weil ich die­sen Krieg nicht unter­stüt­zen kann, auch nicht mit dem Hin­weis auf das hin­ter­fot­zi­ge Vor­ge­hen der NATO – ich sehe Zbi­gniew Brze­ziń­ski in sei­nem Grab fei­xen –, ich mich aber and­rer­seits nicht an der anti­rus­si­schen Pro­pa­gan­da betei­li­gen will. Ich schwei­ge, weil es über­dies ziem­lich unwich­tig ist, was unser­ei­ner dazu sagt oder pro­kla­miert – die­se öffent­li­chen Erklä­run­gen und Gegen-Erklä­run­gen irgend­wel­cher Intel­lek­tu­el­ler, vier Fünf­tel davon Figu­ren, mit denen man sich in kein Boot setzt, fin­de ich ziem­lich lächer­lich –, zumal ich über die­sen Krieg nicht mehr weiß als das, was in den Zei­tun­gen steht, und auf die­ser Grund­la­ge kann ich nichts Fun­dier­tes mitteilen.

Was übri­gens die von Ihnen zu recht ange­pran­ger­te Bericht­erstat­tung der meis­ten deut­schen Medi­en betrifft – vie­le die­ser Maul­hel­den schei­nen ihr 1914-Erleb­nis zu haben, die Sprin­ger­pres­se wie immer, wenn es gegen Russ­land geht, vor­ne­weg –, kann ich Ihnen ver­si­chern, dass die rus­si­schen Staats­me­di­en im direk­ten Ver­gleich noch die Nase vorn haben.

Ein zwei­tes Übri­gens: Die deut­schen Rech­ten sind so ziem­lich die ein­zi­gen euro­päi­schen Rech­ten, die mei­nen, sie müss­ten ohne Wenn und Aber zu Russ­land ste­hen. Auch wenn ich fast alle Ent­wick­lun­gen in der west­li­chen Welt ableh­ne, treibt mich das nicht zwin­gend an die Sei­te Putins (oder gar Chi­nas). Die Frei­heit ver­tei­digt man schlecht an der Sei­te von Autokraten.

Wenn die Ukrai­ne sich gegen einen Angrei­fer zur Wehr setzt, ist das ihre Sache und ihr gutes Recht. Ihren über­ge­schnapp­ten Bot­schaf­ter wür­de ich aus­wei­sen, aber der dreis­te Bub weiß halt, dass die deut­sche diplo­ma­ti­sche Haut mit Trig­ger­punk­ten über­sät ist wie jene des momen­tan pro­mi­nen­tes­ten Häft­lings von Wands­worth mit Som­mer­spros­sen. Die Ukrai­ne ist kein NATO-Mit­glied, inso­fern gilt kein Bünd­nis­fall. Natür­lich lau­tet die Kern­fra­ge: Ist uns die Ukrai­ne einen Atom­krieg wert? Mir nicht. Mir ist die Ukrai­ne sogar egal. Mir ist der kor­rup­te Clown Selen­skyj so zuwi­der wie der kor­rup­te Clown Joe Biden, aber er hat, wie ich schon schrieb, immer­hin Schneid. Ande­rer­seits fän­de ich einen EU-Bei­tritt – nicht NATO-Bei­tritt! – der Ukrai­ne erfri­schend; es wür­de zwar noch mehr deut­sches Geld irgend­wo ver­si­ckern, aber es gäbe auch 40 Mil­lio­nen mehr fröh­li­che Natio­na­lis­ten, Fami­li­en­men­schen und Unwo­ke im Ver­ein. Und Waffenbesitzer!

Kurz­um: Ich neh­me mein gutes Recht der Stimm­ent­hal­tung in Anspruch. Die ein­zi­ge Alter­na­ti­ve wäre die Zur­schau­stel­lung mei­ner Ambi­va­len­zen, und das fän­de ich fri­vol. Statt­des­sen hal­te ich es mit mei­nem Bru­der Cior­an: „Unak­tu­el­le Autoren in wir­ren Zei­ten zu lesen, ist die bes­te Ent­gif­tung, die es gibt.”

PS: Das trifft wohl zu.
PPS: Selbst­ver­ständ­lich wür­de ich die Her­ren Merz und Hof­rei­ter gern mit einem Pan­zer ohne Brem­se und ohne Rück­wärts­gang in die Ukrai­ne schicken.
Vorheriger Beitrag

5. Mai 2022

Nächster Beitrag

6. Mai 2022

Ebenfalls lesenswert

23. Januar 2022

Men­schen, die in der Ver­gan­gen­heit hau­sen, sind meis­tens harm­lo­ser als Men­schen, die in der Zukunft zu leben meinen.…

1. Juni 2022

Über die zuneh­men­de Ver­gess­lich­keit trös­tet die Vor­stel­lung hin­weg, wie schreck­lich es wäre, wenn man sich alles mer­ken würde. ***…