Gendern ist vor allem eines: hässlich

Mein Pod­cast vom ver­gan­ge­nen (aus­nahms­wei­se) Mitt­woch, fürs Pro­to­koll verschriftlicht.

Die­ser Tage sand­te mir jemand ein Pla­kat der chi­ne­si­schen Kom­mu­nis­ten aus der Zeit der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on zu. Die Über­schrift lau­te­te: „Zer­schlagt die alte Welt, baut die neue Welt auf“. Das ist die Atti­tü­de der radi­ka­len Lin­ken, wenn sie es schaf­fen, irgend­wo eine Revo­lu­ti­on anzu­zet­teln. So spra­chen und dach­ten die Jako­bi­ner, Lenins Bol­sche­wi­ken, die Mao­is­ten, die Roten Khmer, und heu­te den­ken und spre­chen die Bol­sche­wo­ken bezie­hungs­wei­se Bun­ten Khmer so.

Das Neue, was sie auf­bau­en wol­len, bleibt stets ein lee­res Ver­spre­chen, wäh­rend sie mit dem Zer­schla­gen der alten Welt in der Regel gut vor­an­kom­men. Die Jako­bi­ner zum Bei­spiel haben nicht nur die alten Aris­to­kra­ten ent­haup­tet, son­dern eine neue Zeit­rech­nung und einen neu­en Kalen­der ein­ge­führt und per Dekret den lie­ben alten Gott abge­schafft. Die Angrif­fe der Lin­ken gel­ten den alten Insti­tu­tio­nen und der alten Kul­tur als Trä­ger der alten Men­ta­li­tät. Zu den anschei­nend unver­zicht­ba­ren Bestand­tei­len des revo­lu­tio­nä­ren Furors gehö­ren das Umschrei­ben der Geschich­te – prak­tisch die Ver­leum­dung sämt­li­cher Vor­gän­ger­ge­sell­schaf­ten – sowie die Neu­prä­gung der Spra­che. Bei­des, Geschichts­um­schrei­bung und Neu­sprech-Schöp­fung, fließt inein­an­der über. Über die Spra­che soll das Den­ken und letzt­lich die Gesell­schaft ver­än­dert wer­den. Ein Buch, wie es Vic­tor Klem­pe­rer über die „Lin­gua ter­tii impe­rii“ schrieb, lie­ße sich auch über die Spra­che der Jako­bi­ner, der Sowjet­uni­on, Rot­chi­nas oder der DDR schrei­ben. Über die Spra­che des woken Reichs gibt es übri­gens auch schon ein sol­ches Buch: „Sprach­re­gime. Die Macht der poli­ti­schen Wahr­heits­sys­te­me“ von Micha­el Esders.

„Wir woh­nen nicht in einem Land, son­dern in einer Spra­che“, schrieb Emi­le Cior­an. Spra­che ist Woh­nung – das „Haus des Seins“, wie Hei­deg­ger sie nann­te –, Spra­che ist Hei­mat. Spra­che ist ein Werk­zeug zur Welt­an­eig­nung und das Haupt­ver­kehrs­mit­tel im Umgang mit ande­ren Men­schen. Mit Wor­ten for­mu­lie­ren wir unser Wis­sen und unse­re Plä­ne, mit Wor­ten brin­gen wir unse­re Lie­be zum Aus­druck, aber auch unse­ren Kum­mer. Und Hass und Het­ze! Mit Wor­ten prei­sen wir das Leben, mit Wor­ten strei­ten wir und tra­gen Kon­flik­te aus. Die­se Wor­te wer­den im Volk gebo­ren, sie erblü­hen und rei­fen im Mun­de der Dich­ter und sie ver­wel­ken in Poli­ti­ker­re­den und Zei­tungs­ar­ti­keln. Ohne Dich­tung ist kein Volk, ohne Hoch­spra­che kei­ne Hochkultur.

Eine Hoch­spra­che ist etwas orga­nisch über Genera­tio­nen und Jahr­hun­der­te Gewach­se­nes und immer wei­ter Wach­sen­des, ein kol­lek­ti­ves Geschöpf mit teils anar­chi­schen und will­kür­li­chen Regeln, aber zugleich ermög­licht sie sowohl die Her­vor­brin­gung atem­be­rau­ben­der Schön­hei­ten als auch die Dar­le­gung kom­ple­xer Sach­ver­hal­te. Spra­chen sind ent­stan­den, man kann sie nicht gezielt her­stel­len. Die ein­zi­ge künst­lich geschaf­fe­ne Spra­che, die sich im Leben hal­ten konn­te, Espe­ran­to, hat kei­nen Spre­cher­kreis von rele­van­ter Grö­ße gefun­den. Offen­bar mögen die Men­schen die mit Geschich­te, Tra­di­ti­on und Bedeu­tung auf­ge­la­de­nen Wor­te als auch die oft unlo­gi­schen Struk­tu­ren ihre Elter-1-Sprachen.

„Die Gren­zen mei­ner Spra­che sind die Gren­zen mei­ner Welt“, sagt Witt­gen­stein. (Das stimmt nicht ganz, es gibt spe­zi­ell Begab­te, die mit For­meln und Glei­chun­gen die Gren­ze der Welt weit über die Spra­che gezo­gen haben, aller­dings kön­nen sie damit nichts Mensch­li­ches aus­drü­cken.*) Künst­li­che Gren­zen in die Spra­che ein­zu­zie­hen, ver­bo­te­ne Zonen zu schaf­fen, wenigs­tens Draht­ver­haue, Pol­ler, Fuß­fal­len zu instal­lie­ren, die chao­ti­sche, anar­chisch-freie Welt der Rede zu regu­lie­ren, zu nor­mie­ren, Wor­te zu beset­zen oder neue zu prä­gen, Gedan­ken zu ver­hin­dern, indem man Begrif­fe, mit denen sie gedacht wer­den, äch­tet, das war und ist die Pra­xis von Dik­ta­tu­ren. Wenn ein Staat oder staat­li­che Medi­en Sprach­re­geln vor­ge­ben, bedeu­tet das immer einen Angriff auf die Frei­heit des Ein­zel­nen. Sehen wir zu.

„Das Publi­kum wird sich ans Gen­dern gewöh­nen“, erklär­te eine öffent­lich-recht­li­che Text­vor­le­se­rin und ZDF-Ange­stell­te namens Petra Gers­ter, nach­dem sich Zuschauer:innen dar­über beschwert hat­ten, dass sie Plu­ral­be­grif­fe auf ein­mal nur noch in der weib­li­chen Form und mit einer Kunst­pau­se vor­trug. Die­se Pau­se wirk­te nicht allein unge­wohnt, son­dern schlech­ter­dings beknackt. Sie erin­nert allen­falls an soge­nann­te Ejek­ti­ve, in vie­len India­ner­spra­chen sowie in Ost- und Süd­afri­ka ver­brei­te­te spe­zi­el­le Klick- und Kehl­kopf­lau­te, bei denen nicht aus­ge­at­met wird. Das käme frei­lich in gefähr­li­che Nähe zu kul­tu­rel­ler Aneignung.

Gersters State­ment stammt aus dem Janu­ar 2021. Natür­lich haben die Volks­er­zie­her mit der Gen­de­rei wei­ter­ge­macht, obwohl bis­lang jede Umfra­ge ergab, dass die meis­ten Men­schen sie ableh­nen. Ich zitie­re hier, da wir es mit einer ZDF-Frau zu tun haben, das ZDF-Polit­ba­ro­me­ter vom 20. Juli 2021: „Mehr­heit der Deut­schen ist gegen Gen­der­spra­che in Medi­en. 71 Pro­zent fin­den Ver­wen­dung von Gen­der­stern­chen und Sprech­pau­sen ‚nicht gut‘. Gen­der­spra­che in den Medi­en fin­den 48 Pro­zent zudem ‚über­haupt nicht wichtig‘.“

Zum Lohn für ihre Pio­nier­tat erhielt Gers­ter die aus­schließ­lich an Frau­en ver­ge­be­ne „Hed­wig-Dohm-Urkun­de” des aus­schließ­lich aus Frau­en bestehen­den und des­we­gen nicht gegen­der­ten Jour­na­lis­tin­nen­bun­des. In der Begrün­dung der Aus­zeich­nung hieß es, dass sie in ihren Mode­ra­tio­nen „klug und ele­gant” gen­de­re, was allen­falls zur Hälf­te stim­men kann, denn es mag aus Kon­for­mis­mus und Hed­wig-Dohm-Urkun­den-Abgreif­grün­den klug sein, doch dabei ele­gant zu wir­ken, ist bis­lang noch nie­man­dem gelungen.

Das Publi­kum wird sich schon dar­an gewöh­nen. Die bra­ven Deut­schen sind Meister*innen dar­in. Sie haben sich dar­an gewöhnt, bei jeder Gele­gen­heit den rech­ten Arm in die Luft zu rei­ßen und „Heil Hit­ler!” zu rufen. Sie haben sich dar­an gewöhnt, Brie­fe mit dem „deut­schen” oder dem „sozia­lis­ti­schen Gruß” zu unter­schrei­ben. Sie haben sich an die Nach­rich­ten vom Hel­denster­ben an der Ost­front genau­so gewöhnt wie an die bizar­ren Ritua­le der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Ent­männ­li­chungs­dres­sur. Sie haben sich an die Häss­lich­keit ihrer Innen­städ­te gewöhnt, sie haben sich an die Zer­stö­rung ihrer Land­schaf­ten durch Wind­rä­der gewöhnt, sie haben sich dar­an gewöhnt, für ande­re Län­der oder für Migran­ten zu bezah­len, ohne je etwas zurück­zu­for­dern, sie haben sich an die höchs­ten Strom­prei­se und die zweit­höchs­ten Steu­ern Euro­pas gewöhnt. Sie haben sich dar­an gewöhnt, im öffent­li­chen Nah­ver­kehr Mas­ken zu tra­gen und sie danach im Kauf­haus oder im Bier­zelt abzu­set­zen. Der­zeit gewöh­nen sie sich an eine zwei­stel­li­ge Infla­ti­on und die Aus­sicht, im Win­ter kalt duschen zu müs­sen. Sie haben sich, wenn wir schon bei der Ver­hun­zung ihrer Spra­che sind, auch an das Stüm­per­deutsch und die Wort­hül­sen der Poli­ti­ker gewöhnt. Sie haben sol­che Gewohn­hei­ten in der Ver­gan­gen­heit aber im Zuge poli­ti­scher Wet­ter­wech­sel immer wie­der voll­stän­dig abge­legt, um sich zur jeweils nächs­ten zu bekeh­ren. Ich wür­de, sie­del­te ich steu­er­ge­mäs­tet auf dem Main­zer Mär­chen­berg, nicht auf die Kon­stanz der gera­de aktu­el­len Gewohn­hei­ten derer daheim an den Täter­volks­emp­fän­gern wet­ten. Neben­bei: Der from­me Musel­mann wird bestimmt nicht mit­gen­dern, und falls jemand auf die Idee kommt, den Koran in gerech­ter Spra­che zu ver­öf­fent­li­chen: Viel Glück!

Die Gen­de­rei dürf­te einer der Grün­de sein, war­um vie­le Men­schen den Wahr­heits- und Qua­li­täts­me­di­en und folg­lich auch dem Staats­funk zum Abschied lei­se Ser­vus sagen. Müss­ten sich Gers­ter und Genos­sin­nen mit ihren Bei­trä­gen auf den frei­en Markt bege­ben und zahl­te ihr Publi­kum nicht eine Zwangs­ab­ga­be, unse­re Schel­min­nen wür­den sich dar­an gewöh­nen müs­sen, auf dem Arbeits­amt zu gendern.

In einem Leser­brief an die FAZ heißt es: „Die nicht regel­kon­for­me sprach­li­che Ver­ge­wal­ti­gung des Kul­tur­gu­tes deut­sche Spra­che kann durch­aus als ideo­lo­gie­ba­sier­te Dis­kri­mi­nie­rung der deutsch­spra­chi­gen Völ­ker­fa­mi­lie bezeich­net wer­den. Die­se Spiel­art des struk­tu­rel­len Ras­sis­mus durch genö­tig­tes Weg­mo­de­rie­ren der gel­ten­den Sprach­nor­men wird auch noch päd­ago­gisch ver­packt gezielt über die Jugend­pro­gram­me der ARD eingesetzt.“

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Hier spricht der Sponsor.

Es gibt ein ech­tes Brot, das einen Namen wie im Mär­chen trägt: Allen­falls dem wun­der­li­chen Namen nach bekannt uns stets unter­schätzt ist das müns­ter- und ems­län­di­sche Pum­per­ni­ckel. Es ist, sagen wir mit eben­so­viel Lokal­pa­trio­tis­mus wie Über­zeu­gung, das bes­te Schwarz- und Voll­korn­brot welt­weit. Aus einem 24stündigen Back­pro­zeß wächst ihm (durch natür­li­che Kara­me­li­sie­rung) eine leich­te Süße zu, die zusam­men mit dem run­den Brot­ge­schmack eine unver­gleich­li­che Voll­mun­dig­keit ergibt. Bei uns ent­fal­tet sich das Pum­per­ni­ckel nach zwei Sei­ten: Ein gebo­re­ner Gesel­le ist der Schin­ken, der auf dick gebut­ter­tes Pum­per­ni­ckel kommt. Die­ses ersetzt aber auch den Kuchen, wenn es nach­mit­tags, wie­der­um dick gebut­tert, ent­we­der allein oder im Sand­wich mit einem guten Müns­ter­län­der Stu­ten einer fruch­ti­gen Mar­me­la­de als Unter­la­ge dient. Da man nicht weiß, wie lang wir ein­an­der noch elek­tro­nisch errei­chen, emp­feh­len wir das Vor­rats­pa­ket.

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(Das war eine Anzeige.)

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Die Gen­de­rei ist vor allem: häss­lich. Es gibt kei­nen ein­zi­gen lite­ra­risch wert­vol­len gegen­der­ten Text (war er es vor­her, wird er es hin­ter­her nicht mehr sein); im Gegen­teil, Schön­heit, Sinn und Lese­fluss wer­den durch die­se seman­ti­schen Pol­ler zer­stört. Unter dem Vor­wand, zu dif­fe­ren­zie­ren, pri­mi­ti­viert Gen­dern die Spra­che. Das beginnt schon beim opti­schen Ein­druck. Eine gegen­der­te Sei­te sieht aus, als habe ein an Durch­fall lei­den­der Wel­len­sit­tich sei­ne Exkre­men­te über sie ver­teilt. Eine Mode­ra­tö­rin, die ver­sucht, Unter­stri­che, Stern­chen oder das Binnen‑I, die­sen „ortho­gra­fi­schen Umschnall­dil­do” (Lisa Eck­hart), mit­zu­spre­chen, wirkt nicht ele­gant, son­dern bescheu­ert, sie wirkt nicht klug, son­dern dres­siert. Ich habe die­se Son­der­zei­chen ein­mal seman­ti­sche Hijabs genannt, weil bei­der Sinn der­sel­be ist: Revier­mar­kie­rung, Raum­ge­winn, opti­sche Land­nah­me, Herr(!)schaftsanspruch. Ande­re sol­len gezwun­gen wer­den, sich die­sem Ritus zu unterwerfen.

Der Vor­stand der Stif­tung deut­sche Spra­che hat sich dezi­diert dazu geäu­ßert. In der Doku­men­ta­ti­on „Die deut­sche Spra­che und ihre Geschlech­ter“, her­aus­ge­ge­ben von Jes­si­ca Ammer (Schrif­ten der Stif­tung Deut­sche Spra­che, Band 3, Pader­born 2019), Vor­be­mer­kun­gen des Vor­stan­des, heißt es:

„In den Debat­ten über die sprach­li­che ‚Sicht­bar­ma­chung der Frau‘, über das gene­ri­sche Mas­ku­li­num, über ‚Dif­fe­ren­ti­al­ge­nus‘, über ‚Gender*stern‘ und ‚Gender_gap‘ dür­fen kei­nes­falls Ansich­ten, Mei­nun­gen und Gefüh­le im Mit­tel­punkt ste­hen, die sich ledig­lich auf poli­ti­sche Über­zeu­gun­gen stüt­zen kön­nen. Denn für die Ana­ly­se und die Erklä­rung gram­ma­ti­scher Sach­ver­hal­te ist die Wis­sen­schaft von der Gram­ma­tik unent­behr­lich. Gram­ma­tik ist eine Struk­tur­wis­sen­schaft, und sie hat mit Welt­an­schau­un­gen, Gefühl oder gar Moral nichts zu tun. Wer dies in Fra­ge stellt, ver­ab­schie­det sich aus der Wis­sen­schaft in die Belie­big­keit. Rich­tig und gut ist dann nur noch das, was gefällt, die Wis­sen­schaft wird zum Stör­fak­tor im jus­te milieu ‚pro­gres­si­ver‘ Meinungen.“

Das ein­zi­ge, in des­to ener­vie­ren­der Indo­lenz vor­ge­tra­ge­ne Argu­ment der femi­nis­ti­schen „Sprach­kri­ti­ker” lau­tet bekannt­lich, Frau­en wür­den durch das gene­ri­sche Mas­ku­li­num unsicht­bar gemacht, also dis­kri­mi­niert. Es ist aber gera­de das Haupt­merk­mal die­ses gene­ri­schen Mas­ku­li­nums, dass es sich auf gan­ze Grup­pen ohne Geschlechts­dif­fe­ren­zie­rung bezieht: Leh­rer, Sport­ler, Spin­ner. Die Sexus­neu­tra­li­tät ergibt sich aus dem Modus der Wort­bil­dung. Im Deut­schen kann an jeden Verb­stamm das Suf­fix ‑er ange­hängt wer­den, und schon hat man ein Sub­stan­tiv, das eine Grup­pe bezeich­net, deren Geschlechts­neu­tra­li­tät bei nicht­be­leb­ten Gegen­stän­den (Boh­rer, Trä­ger, Schrau­ben­zie­her, Tür­öff­ner) noch nie­mand bezwei­felt hat. Wäre -er eine männ­li­che Nach­sil­be ana­log zum weib­li­chen -in, müss­te man bei­de ein­fach aus­tau­schen kön­nen, um aus dem männ­li­chen Boh­rer die weib­li­che Bohrin zu schaf­fen. Offen­kun­dig funk­tio­niert das nicht.

Die Idée fixe, das Deut­sche tra­ge unge­rech­te Vor­stel­lun­gen in unse­re Köp­fe, indem es uns zu viel Männ­li­ches und zu wenig Weib­li­ches sehen las­se, ist gleich­wohl der unhin­ter­frag­te Stan­dard in allen Dis­kus­sio­nen. „Wir lesen ‚ein Arzt’ – und vor dem inne­ren Auge erscheint: ein Mann“, schreibt das Maga­zin GEO in einem The­men­heft. Bewei­se? Überflüssig.

Wenn ich lese: „Deut­scher im Sin­ne des Grund­ge­set­zes ist…“, erscheint dann das Bild eines Man­nes vor mei­nem inne­ren Auge? Nein. Wenn mir jemand erzählt, der Hör­saal sei vol­ler Stu­den­ten gewe­sen, den­ke ich da vor allem an Män­ner? Nein. Wenn ich lese: „In die­ser Gegend sie­del­ten Ger­ma­nen vom Stamm der Che­rus­ker“, dann den­ke ich an bei­de Geschlech­ter. Wenn ich aber lese: „Die Ger­ma­nen schlu­gen die Römer im Teu­to­bur­ger Wald“, den­ke ich an Män­ner. Des­we­gen sagt ja auch kein Mensch: Ger­ma­nin­nen und Ger­ma­nen über­fie­len Röme­rin­nen und Römer im Teu­to­bur­ger Wald. Es kämp­fen der­zeit übri­gens auch nicht Ukrai­ne­rin­nen und Ukrai­ner gegen Rus­sin­nen und Rus­sen, und es kommt auch kein Jour­na­list auf den Gedan­ken, das zu schrei­ben. Und außer ein paar Nar­ren kommt auch nie­mand dar­auf, ich hät­te eben nur männ­li­che Jour­na­lis­ten gemeint.

Gram­ma­ti­sches und bio­lo­gi­sches Geschlecht haben nur bedingt – und auf den gesam­ten Wort­schatz gerech­net ziem­lich wenig – mit­ein­an­der zu tun. Inso­fern ist auch die For­mu­lie­rung falsch, Frau­en sei­en im gene­ri­schen Mas­ku­li­num „mit­ge­meint”. Wie der Lin­gu­ist Peter Eisen­berg fest­hält, ist der(!)jenige, der das gene­ri­sche Mas­ku­li­num ver­wen­det, „vom Bezug auf ein natür­li­ches Geschlecht befreit”. Die­se Ele­men­tar­tat­sa­che der Spra­che, die nie­mand geschaf­fen hat, son­dern die ein Resul­tat der kul­tu­rel­len Evo­lu­ti­on ist, wie jede Spra­che, wie Spra­che über­haupt, ist durch die femi­nis­ti­sche Unter­stel­lung umeti­ket­tiert wor­den, gram­ma­ti­ka­li­sche Mas­ku­li­na sei­en „männ­li­che Wor­te” und das gene­ri­sche Mas­ku­li­num sei qua­si sprach­lich geron­ne­nes Patri­ar­chi­at. Die­se Hüt­chen­spie­le­rin­nen wol­len dem Publi­kum weis­ma­chen, ein gram­ma­ti­ka­li­scher Mecha­nis­mus namens Genus sei eine „struk­tu­rel­le” Dis­kri­mi­nie­rung der Frau­en, denn wenn die gesam­te Gesell­schaft, wenn jede Brü­cke, jeder Turm, jede For­mel, jede Wis­sen­schaft, jedes Sport­ge­rät, jedes Werk­zeug, jede Insti­tu­ti­on, jede Fir­ma, jedes Job­pro­fil, jede Sexu­al­prak­tik, ja sogar das Kli­ma Frau­en dis­kri­mi­niert, dann kann das in der Spra­che ja unmög­lich nicht der Fall sein. „Das Mas­ku­li­num”, schreibt Eisen­berg, zuletzt Pro­fes­sor für deut­sche Spra­che der Gegen­wart an der Uni­ver­si­tät Pots­dam, „wur­de regel­recht sexualisiert.”

Auf die­se Wei­se ist die geschlechts­neu­tra­le Grup­pen­be­zeich­nung „Bür­ger” in die Bezeich­nung aller männ­li­chen Bür­ger umge­mo­gelt wor­den – als ob der „Bür­ger­saal” nicht allen 64 Geschlech­tern offen­stün­de –, und jeder poli­ti­sche Red­ner begrüßt die Frau­en im Publi­kum inzwi­schen zwei­mal, wenn er die „lie­ben Bür­ge­rin­nen und Bür­ger“ anspricht. Wer behaup­tet, es gebe kei­nen fun­da­men­ta­len Unter­schied zwi­schen den Aus­sa­gen: „Ich gehe heu­te Abend zum Ita­lie­ner” und „Ich gehe heu­te Abend zur Ita­lie­ne­rin”, der will Ihnen eine Bärin auf­bin­den (im Fall zwei könn­te es sich übri­gens emp­feh­len, eine Pari­se­rin einzustecken).

Natür­lich wer­den unse­re Gen­de­ris­tas als letz­tes Argu­ment immer wie­der behaup­ten, das gene­ri­sche Mas­ku­li­num sei struk­tu­rell patri­ar­cha­lisch, weil Män­ner die­se Gesell­schaft und folg­lich auch die Spra­che geschaf­fen haben, und des­we­gen müs­se es eben geschleift wer­den. Wenn das so ist, dann sol­len die Mädels aber auch nicht mehr in Häu­sern woh­nen, nicht mehr Auto fah­ren und nicht mehr mit Hän­dis tele­fo­nie­ren, denn das haben auch Män­ner geschaffen.

Der Deutschländer:innenfunk ver­kün­de­te gleich­wohl: „Kaum Über­le­bens­chan­cen für das gene­ri­sche Mas­ku­li­num.“  Mit dem Ter­mi­nus „Über­le­bens­chan­cen” geste­hen sie immer­hin ein, dass wir uns auf einem Kampf­platz befin­den. Die Inter­view­part­ne­rin des Sen­ders, Hei­drun Käm­per, ist laut Schrott­sam­mel­stel­le Phi­lo­lo­gin – wir den­ken sogleich an Nietz­sche: „Wir Phi­lo­lo­gen” –, hat aber bloß Ger­ma­nis­tik und Poli­to­lo­gie stu­diert, trug danach zum The­ma „Schuld­dis­kurs in der frü­hen Nach­kriegs­zeit” in damals noch gen­de­run­ge­rech­ter Spra­che gewiss Bedeu­ten­des zusam­men, lehrt als außer­plan­mä­ßi­ge Pro­fes­so­rin in Mann­heim; über­dies oder prak­ti­scher­wei­se ist sie SPD-Mit­glied, Mit­glied der Fried­rich-Ebert-Stif­tung und Diver­si­täts­be­auf­trag­te am Leib­niz-Insti­tut für deut­sche Spra­che. Nach die­ser Vor­stel­lung ahnen wir, war­um sie über­haupt zum Inter­view gebe­ten wurde.

Die Lei­te­rin des Arbeits­be­reichs „Sprach­li­che Umbrü­che” des Leib­niz-Insti­tuts für deut­sche Spra­che mag zwar das Binnen‑I nicht beson­ders, weil es im Wort eine „Stö­rung” erzeu­ge, fin­det aber den Gen­der­stern okay, wahr­schein­lich weil der bloß wie ein Vogel­schiss zwi­schen den Buch­sta­ben klebt. Am zeit­ge­mä­ßes­ten und zukunfts­taug­lichs­ten indes erscheint ihr der ein­ge­füg­te Dop­pel­punkt. Dem gene­ri­schen Mas­ku­li­num pro­phe­zeit sie das Aus­ster­ben. Über­haupt ist die Gute eine aus­ge­wie­se­ne Ken­ne­rin des seman­ti­schen Stirb und Wer­de, sie gab zu Pro­to­koll: „Gene­rell unter­schei­den die Lin­gu­is­ten zwi­schen aktu­el­len, aber vor­über­ge­hen­den Sprach­phä­no­me­nen und sol­chen, die sich spä­ter ein­mal als ech­ter Umbruch erwei­sen.“ Zum Bei­spiel wer­de die aktu­ell durch Coro­na gepräg­te Begriff­lich­keit nach der soge­nann­ten Pan­de­mie wie­der verschwinden.

Nun, ich wage die Pro­gno­se: Wenn die Gen­der­pan­de­mie vor­bei ist, wer­den auch die­se Aus­drü­cke und Schreib­wei­sen verschwinden.

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Hier spricht der Sponsor.

Salz ist Salz ist Natri­um­chlo­rid? Nein! Schme­cken Sie den Unter­schied. Unse­re Häl­li­schen Stein­sal­ze haben sich bei allen Ver­kos­tun­gen als erheb­lich run­der im Geschmack, weni­ger zuge­spitzt sal­zig und fähi­ger zum Ver­bund mit den Geschmacks­no­ten der zu wür­zen­den Spei­se erwie­sen. Es ist ein Unter­schied, der aller­dings sprach­lich schwer zu fas­sen ist, am bes­ten in einer musi­ka­li­schen Ana­lo­gie: Der rei­ne Sinus­ton ist immer schmer­zend, erst durch Ober­tö­ne wird er zum musi­ka­li­schen Wohl­klang. Das ergibt übri­gens auch eine ratio­na­le Erklä­rung für die höhe­re Geschmacks­ver­träg­lich­keit unse­rer Stein­sal­ze: Sie sind nicht raf­fi­niert, ent­hal­ten also noch alle Mine­ra­li­en und Spu­ren­ele­men­te, die sich ihnen im Lau­fe von 200 Mil­lio­nen Jah­ren bei­gesellt haben. (Dafür feh­len ihnen alle Zusatz­stof­fe und Rie­sel­hil­fen.) Also: Es ist ein Unter­schied. Pro­bie­ren Sie’s hier, und Sie wer­den uns beipflichten.

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Es fällt übri­gens auf, dass nie Lite­ra­ten um ihr Urteil zur Gen­de­rei befragt wer­den, also Men­schen, die zur Spra­che ein ästhe­ti­sches, ja libi­di­nö­ses Ver­hält­nis haben. Er stel­le sich „auf die Sei­te der Oppo­nen­ten gegen die­se geplan­te Ver­ar­mung, Ver­häss­li­chung und Ver­un­deut­li­chung des deut­schen Schrift­bil­des”, ant­wor­te­te Tho­mas Mann im Juni 1954 auf eine Umfra­ge der Zür­cher Welt­wo­che zu den soge­nann­ten „Stutt­gar­ter Emp­feh­lun­gen” für eine Ver­ein­fa­chung der deut­schen „orto­gra­fi” (auch Hes­se und Dür­ren­matt spra­chen sich wei­land gegen sol­che Plä­ne aus). „Mich stößt die Bru­ta­li­tät ab, die dar­in liegt, über die ety­mo­lo­gi­sche Geschich­te der Wor­te rück­sichts­los hin­weg­zu­ge­hen.” Bru­ta­li­tät ist die tref­fen­de Asso­zia­ti­on; es ist die Bru­ta­li­tät von ideo­lo­gi­sier­ten Gesell­schafts­um­stür­zern und Sozi­al­inge­nieu­ren, die kei­ner­lei Respekt vor dem kul­tu­rell Gewach­se­nen ken­nen. Was Mann, Hes­se und Dür­ren­matt zum Gen­dern sagen wür­den, liegt auf der Hand, doch alte wei­ße Supre­ma­tis­ten soll­ten bes­ser ihre alte wei­ße Supre­ma­tis­ten­fres­se halten.

Ein ande­res Stil­mit­tel der Gen­de­ris­tas, um den Kata­falk­de­ckel sprach­struk­tu­rel­ler Benach­tei­li­gung von ihrem zar­ter kon­stru­ier­ten Geschlecht zu wäl­zen, ist das sub­stan­ti­vier­te Par­ti­zip I. Ein Pars pro toto. Die taz hat einen Arti­kel über­schrie­ben mit: „Am O‑Saft nip­pen. Der Ver­zicht auf Alko­hol pro­vo­ziert Trinkende.“

Wenn ich zum Arzt gehe, soll ich künf­tig sagen: Ich bin ein Trin­ken­der. Und der Arzt wird fra­gen: Aber wann trin­ken Sie denn?

Der Ver­zicht auf Alko­hol pro­vo­ziert Trin­ken­de. Die femi­nis­ti­sche Fri­sie­ren­de mag kei­ne Lebens­schüt­zen­den. Die Preis­tra­gen­den bedank­ten sich bei den Gut­ach­ten­den. Abends im Lokal traf ich einen mei­ner Dozie­ren­den. Die Rich­ten­den ver­häng­ten ein mil­des Urteil über den Rau­ben­den. Die Straf­tu­en­den-Sta­tis­tik wäre arm­se­lig ohne die Flie­hen­den. Im Gefäng­nis saß ein Ver­ge­wal­ti­gen­der in einer Zel­le mit einem Glied­vor­zei­gen­den (tat­säch­lich waren sie gera­de Kar­ten­spie­len­de). „Sind Sie Rau­chen­der?”, frag­te ein Ver­bin­dungs­stu­die­ren­der – das ist übri­gens weder jemand, der die Ver­bin­dung Ber­lin-Mün­chen stu­diert, noch ein Ehe­be­ra­ten­der. Wer ist Ihr Lieblingsschauspielender?

Auch in die­ser Fra­ge ist das Urteil der Lin­gu­is­ten längst gefällt, wobei jenes der Zurech­nungs­fä­hi­gen bereits genügt hät­te. Alle die­se For­men sind seman­tisch unsin­nig, wenn sie nicht eine Tätig­keit mei­nen, die jetzt, in die­sem Augen­blick, aus­ge­übt wird. Ein Blog­ger hat dazu das ulti­ma­ti­ve Gleich­nis gelie­fert: Ein ster­ben­der Stu­die­ren­der stirbt beim Stu­die­ren; ein ster­ben­der Stu­dent kann auch im Schlaf oder beim Wan­dern sterben.

Wenn offen­kun­di­ger Non­sens Anhän­ger und Ver­fech­ter fin­det, bis ins Staats­fern­se­hen, in die Stadt­ver­wal­tung von Han­no­ver, in die Uni­ver­si­tä­ten, Schu­len, Stif­tun­gen, NGOs und so ad nau­seam wei­ter, wenn etwas Wider­sin­ni­ges, Häss­li­ches, Unhand­li­ches und im Kern Destruk­ti­ves mit hohem mora­li­schen Erpres­sungs­druck in die Öffent­lich­keit gewuch­tet wird, dann geht es nicht um die Sache selbst, dann ist sie nur ein Vor­wand. Des­we­gen perlt jede Kri­tik, jede Sati­re, jeder Spott an die­sen Sprach­klemp­nern ab. Des­we­gen inter­es­sie­ren auch die Ein­wän­de von Lin­gu­is­ten nicht. Es geht nicht um Argu­men­te. Es geht nicht ein­mal um Spra­che. Es geht um Macht.

Vor ein paar Tagen sand­te mir ein Leser ein Schrei­ben der Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten der TU Darm­stadt an Lehr­kör­per und Stu­den­ten­schaft. Es han­delt sich um eine Richt­li­nie zur Anga­be von Pronomen.

Ich zitie­re: „Auch wenn die Vor­stel­lung der Zwei­ge­schlecht­lich­keit tief in unse­rer Gesell­schaft ver­an­kert ist, ent­spricht sie nicht der Rea­li­tät aller Men­schen und auch nicht den Erkennt­nis­sen der Medi­zin. Es gibt

  • Per­so­nen, die sich nicht in die­ser Zwei­ge­schlecht­lich­keit ver­or­ten (abi­nä­re Menschen),
  • Per­so­nen, deren Geschlecht aus medi­zi­ni­scher Per­spek­ti­ve, d.h. rein kör­per­lich betrach­tet und nach aktu­ell gel­ten­den medi­zi­ni­schen Nor­men, nicht ein­deu­tig dem weib­li­chen oder männ­li­chen Geschlecht zuge­ord­net wer­den kann (inter*Menschen),
  • Per­so­nen, die bei Geburt einem der binä­ren Geschlech­ter zuge­ord­net wur­den, sich aber einem ande­ren Geschlecht zuge­hö­rig füh­len (trans*Menschen),
  • Per­so­nen, die sich zeit­wei­se einem Geschlecht zuge­hö­rig füh­len und zeit­wei­se einem ande­ren (gen­der­flu­ide Menschen),
  • Per­so­nen, deren Geschlechts­iden­ti­tät neu­tral ist (Neu­trois) oder die sich kei­nem Geschlecht zuge­hö­rig füh­len (agen­der Menschen).“

Es gibt auch ori­gi­nel­le Per­so­nen, die sich für einen Pro­mi­nen­ten hal­ten, zuwei­len sogar für einen toten, aber die kom­men in der Auf­lis­tung nicht vor; offen­bar sind deren Rech­te der Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten gleichgültig.

„Wir kön­nen also weder anhand von äußer­li­chen Merk­ma­len noch anhand des Vor­na­mens ein­deu­tig die Geschlechts­iden­ti­tät einer Per­son ablei­ten. Als Geschlechts­iden­ti­tät wird die gefühl­te Zuge­hö­rig­keit zu einem oder meh­re­ren Geschlech­tern bezeich­net. Die Anga­be von Pro­no­men zeigt an, wie eine Per­son ange­spro­chen wer­den möch­te bzw. mit wel­chem Pro­no­men sich eine Per­son iden­ti­fi­ziert. Neh­men wir eine Per­son ernst und ach­ten ihre Wür­de, spre­chen wir sie ihren Wün­schen ent­spre­chend an.“

Nun folgt „eine (unvoll­stän­di­ge) Auf­lis­tung von Pro­no­men, die abi­nä­re Per­so­nen teil­wei­se für sich selbst gewählt haben“. Und zwar Nomi­na­tiv, Dativ, Pos­se­siv­pro­no­men, üblich­wei­se er, ihm, sein; sie, ihr, ihr; nun­mehr:

em – em – em
hen – hen – hens
nin – nim – nins
per – per – pers
xier – xiem – xies

Man­che der Nicht­bi­nä­ren oder Iden­ti­täts­ver­wirr­ten kämen aber auch gut mit der übli­chen Form aus, schließt das Schrei­ben versöhnlich.

Ende der Darm­städ­ter Toleranzdurchsage.

Und das aus­ge­rech­net an einer Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät! Also an einer Uni, wo prak­ti­sche Din­ge gelernt und gelehrt wer­den, wo Inge­nieu­re ein- und aus­ge­hen, kei­ne Sozi­al­psy­cho­lo­gen oder Absol­ven­tin­nen von „Blen­der-Stu­dies” (Tho­mas Kapiel­ski). Auch die Prak­ti­ker sol­len ler­nen, auf Kom­man­do über das Gesin­nungs­stöck­chen zu springen.

Es stün­de die­sen Gen­der-Agi­ta­to­ren ja frei, ein Bei­spiel zu geben, statt die ande­ren zu nöti­gen. Soll doch pri­vat gen­dern, wer mag; es steht auch jeder­frau frei, künf­tig „Kor­ken­zie­he­rin“, „Stahl­trä­ge­rin“ oder „Zapf­hen­ne“ zu sagen, wir wer­den ja sehen, ob es sich durch­setzt. Aber die­se Leu­te wis­sen, dass nie­mand mitzöge.

Übri­gens ver­laut­bar­te die „Aca­dé­mie Fran­çai­se“ bereits 2018, dass die Gen­der­spra­che das Fran­zö­si­sche in „töd­li­che Gefahr“ brin­gen wer­de und lehn­te sie des­halb ab. Im Mai 2021 hat Frank­reichs Bil­dungs­mi­nis­ter Jean-Michel Blan­quer die Gen­der­spra­che an Schu­len und in sei­nem Minis­te­ri­um ver­bo­ten. Gleich­zei­tig aber sol­len Beru­fe und ande­re Funk­tio­nen, wenn sie von Frau­en aus­ge­übt wer­den, künf­tig in der weib­li­chen Form genannt wer­den. Auch die Spa­ni­er und die Ita­lie­ner zie­hen beim Gen­dern nicht mit. Die meis­ten Titel wer­den dort in der männ­li­chen Form gebraucht, zum Bei­spiel nennt sich die schöns­te Minis­te­rin Euro­pas: Mini­stro per il Sud e la coe­sio­ne ter­ri­to­ria­le, Mara Car­fa­gna. Mini­stro, nicht Minis­tra. Das Gen­der-Gaga ist eine Krank­heit, die offen­bar nur den nörd­li­chen Teil des Kon­ti­nents befällt.

Und es wird immer schlim­mer. In Hux­leys „Bra­ve New World” gilt es als äußerst unan­stän­dig, die – frü­he­re – Exis­tenz von Eltern zu erwäh­nen. Die Embryo­nen ent­wi­ckeln sich dort in künst­li­chen Gebär­müt­tern (!), „Fla­schen” genannt, denn das Wort „Mut­ter” gilt als schmut­zig, und ich erin­ne­re mich noch leb­haft, wie sehr mich das bei der Lek­tü­re empör­te. Die Zeit­schrift Bri­git­te Mom mel­de­te im Febru­ar 2021 gro­ße Fort­schrit­te auf dem Weg in die Bra­ve New World: Mut­ter­milch soll nicht län­ger Mut­ter­milch hei­ßen, son­dern: „Men­schen­milch”. Die Uni-Kli­ni­ken von Sus­sex und Brighton, schreibt die Gazet­te, „ermu­ti­gen ihre Ange­stell­ten, auf den Geburts­sta­tio­nen ab sofort eine geschlechts­neu­tra­le Spra­che zu ver­wen­den, um die Viel­falt ihrer Patient*innen zu wür­di­gen. Damit sich auch trans­se­xu­el­le Gebä­ren­de ange­spro­chen und zuge­hö­rig füh­len, wur­den sogar neue Begrif­fe kreiert.”

Ärz­te und Heb­am­men sol­len neben den her­kömm­li­chen auch „dis­kri­mi­nie­rungs­freie” und trans­freund­li­che Begrif­fe ver­wen­den: „Per­son” etwa statt „Frau”, „Geburts­el­tern­teil” (birt­hing parent) statt „Mut­ter”. Das Wort „Mut­ter­milch” (bre­ast­milk) kön­ne durch „Men­schen­milch” (human milk) oder „Milch des stil­len­den Eltern­teils” (milk from the fee­ding parent) ersetzt wer­den. „Eltern­teil” oder „Co-Eltern­teil” soll als Alter­na­ti­ve für „Vater” ver­wen­det wer­den. Und nie­mand lacht die­se Leu­te aus.

Bri­git­te Mom müss­te also umbe­nannt wer­den in Bri­git­te Per­son. Oder Bri­git­te Fee­ding Parent. Ana­log dazu stell­te das Deutsch­land­ra­dio ein „Hand­buch für gen­der­neu­tra­le Begrif­fe“ vor: Die Mut­ter ist dar­in das „aus­tra­gen­de Eltern­teil“, der Vater das „nicht­ge­bä­ren­de Elternteil“.

Es gibt kei­nen Vater, der ein Kind zur Welt bringt, das ist bio­lo­gisch unmög­lich. Jemand, der sich für einen Vater hält, obwohl er eine Gebär­mut­ter hat und sei­ne Brüs­te Milch geben, obliegt einer Pri­vat­pas­si­on oder ‑obses­si­on, so wie sich man­cher für Napo­le­on hält oder ich mich für eine les­bi­sche schwar­ze Afgha­nin, die im Kör­per eines wei­ßen Cis-Sexis­ten ein­ge­sperrt ist, aber schon auf­grund der äußers­ten Sel­ten­heit die­ser Pas­si­on und aus Grün­den der guten Manie­ren soll­te man die All­ge­mein­heit nicht damit behel­li­gen und sich gera­de bei einem solch ele­men­ta­ren, in die Bezir­ke des Chto­ni­schen rei­chen­den Phä­no­men wie der Mut­ter­schaft in Zurück­hal­tung üben. Ich habe kei­ne Ahnung, wie vie­le Per­so­nen über­haupt auf Erden exis­tie­ren, die „Men­schen­milch” (zu) geben (glau­ben), ich habe aber eine recht genaue Vor­stel­lung davon, wann ein Bogen über­spannt wird. „Mut­ter” ist das ele­men­tars­te Men­schen­wort. Wer dar­an rührt, soll­te sich auf eini­ges gefasst machen. Und was mich betrifft, ich wer­de dann applaudieren.

Wir könn­ten die Hän­de fal­ten und seuf­zen: Co-Eltern­teil, ver­gib ihnen, denn sie wis­sen nicht, was sie tun. Aber sie wis­sen es ja. Des­we­gen will ich heu­te mit Vol­taires bekann­tem Aus­ruf schlie­ßen: Écra­sez l’infâme!

 

* Leser *** hat einen Ein­wand zum Pas­sus: „Die Gren­zen mei­ner Spra­che sind die Gren­zen mei­ner Welt’, sagt Witt­gen­stein. (Das stimmt nicht ganz, es gibt spe­zi­ell Begab­te, die mit For­meln und Glei­chun­gen die Gren­ze der Welt weit über die Spra­che gezo­gen haben, aller­dings kön­nen sie damit nichts Mensch­li­ches ausdrücken.)”

Er schreibt: „Da Sie mei­nen Säu­len­hei­li­gen Lud­wig Witt­gen­stein ins Spiel gebracht haben, muss ich Sie lei­der beleh­ren. Ich neh­me mir die­ses Recht als jemand her­aus, der mit 18 Jah­ren ein Erwe­ckungs­er­leb­nis durch die Lek­tü­re des Blau­en Buchs erlitt und daher Ana­ly­ti­sche Phi­lo­so­phie, Logik und Wis­sen­schafts­theo­rie bis zur Pro­mo­ti­on stu­diert hat.

Es ist ja gera­de der Witz an Witt­gen­steins Phi­lo­so­phie – oder bes­ser gesagt: sei­ne tiefs­te Ein­sicht –, dass auch künst­li­che Spra­chen wie die Spra­che der Mathe­ma­tik nicht mehr aus­drü­cken kön­nen als jede natür­li­che. Alle Ver­fah­ren, mit denen man einem Sym­bol Bedeu­tung ver­lei­hen kann, kom­men schon in den natür­li­chen Spra­chen zum Ein­satz. Die Mathe­ma­tik reicht nicht tie­fer oder wei­ter als die natür­li­che Spra­che. Sie erlaubt es nur, kom­pak­ter zu for­mu­lie­ren. Sie ist eine Art Ste­no­gra­fie der mathe­ma­ti­schen Gedan­ken. Mathe­ma­ti­sche For­meln kön­nen aber nicht die Gren­ze des Mit­teil­ba­ren (oder, was das­sel­be ist, des Denk­ba­ren), also ‚die Gren­ze der Welt’ verschieben.
‚Alles, was sich über­haupt sagen lässt, lässt sich klar sagen.’ Das ist Witt­gen­stein in a nuts­hell. Das Sag­ba­re und das Denk­ba­re sind das­sel­be. Die Spra­che der Mathe­ma­tik ist eine unglaub­lich kla­re Spra­che. Aber es steht jedem Autoren frei, sei­ne Mut­ter­spra­che eben­falls als eine kla­re Spra­che zu ver­wen­den. Es sei denn natür­lich, man ist deut­scher Phi­lo­soph oder grü­ner Poli­ti­ker. Dann muss man nicht nur unfä­hig sein, einen kla­ren Gedan­ken zu fas­sen, son­dern auch unwil­lig, ihn klar auszudrücken.”
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