30. Juli 2022

Ein Iko­no­klast ist nicht nur, wer Erst­klas­si­ges stürzt, son­dern auch, wer Zweit­klas­si­ges protegiert.

***

Es scheint so etwas wie einen beschränk­ten Fun­dus mensch­li­cher Illu­sio­nen zu geben, ver­gleich­bar der Requi­si­ten­kam­mer arche­ty­pi­scher Fabel­fi­gu­ren wie Zau­be­rer, Hexe, Zwerg, Troll, Dra­che (man sah es zuletzt bei J. K. Row­ling, die einen gan­zen Mär­chen­kos­mos, aber kei­nen ein­zi­gen neu­en Arche­ty­pus erfin­den konn­te). Besä­ße die Mensch­heit ein in sich geschlos­se­nes gemein­sa­mes Gedächt­nis wie ein Ein­zel­mensch von leid­li­cher Intel­li­genz, sie wür­de nicht peri­odisch den immer­glei­chen Irr­tü­mern fol­gen und die immer­glei­chen Feh­ler bege­hen. Aber jede Genera­ti­on beginnt von vorn und will ihre eige­nen Erfah­run­gen machen; die Aus­kunft der Alten, dass auf den Gip­feln doch kei­ne Göt­ter woh­nen, wird sie nicht davon abhal­ten, sie dort zu suchen; der Ein­wand, dass alles Ent­schei­den­de schon gedacht, geschrie­ben, gepre­digt wor­den sei, ohne je eine Wir­kung zu hin­ter­las­sen, wird sie nicht dar­an hin­dern, es noch ein­mal zu den­ken, zu schrei­ben, zu pre­di­gen und an die Wir­kung zu glau­ben. Des­we­gen wer­den auch die alten Hüte Sozia­lis­mus, Gleich­heit, Gerech­tig­keit, wah­rer Glau­be, Erlö­sung, für die ein in die Jah­re Gekom­me­ner allen­falls ein Ach­sel­zu­cken übrig hat, nie­mals aus dem Sor­ti­ment der gat­tungs­ty­pi­schen Illu­sio­nen ver­schwin­den, son­dern ledig­lich in neu­em Design erscheinen.

***

Dies ist gewiss­lich die irrs­te und gro­tes­kes­te dpa-Mel­dung, die mir jemals unterkam.

Sie kommt nicht direkt aus dem Nichts, son­dern hat eine Art Anlass, ver­brei­tet eben­falls im Ham­bur­ger Zen­tral­or­gan der Volks­päd­ago­gen, Gou­ver­nan­ten (m/w/d) und Schad­ge­sin­nungs­be­kämp­fer (gleich­wohl ist auch das Demen­ti irre):

Der Lite­ra­tur­kri­ti­ker – das ist in der Regel ein Mensch, der kei­ne eige­nen Gedan­ken hat und des­halb denen ande­rer nach­träumt – Vol­ker Wei­der­mann hat­te geschrie­ben, erklärt uns die dpa (der Zeit-Arti­kel selbst steht hin­ter der Bezahl­schran­ke, und ich gebe mein Geld lie­ber rich­ti­gen statt intel­lek­tu­el­len Tip­pel­brü­dern), „Nova­lis sei ’schuld an der deut­schen Impflü­cke’ und an der ‚deut­schen Lie­be zum Irra­tio­na­lis­mus’. Der bei Anthro­po­so­phen beson­ders belieb­te Dich­ter galt lan­ge Zeit als todessüch­ti­ger Schwär­mer und mys­tisch ent­rück­ter Poet der Lie­be, der die Auf­klä­rung wie­der ver­ab­schie­det habe.”

Natür­lich, es ist Feuil­le­ton, Locken­dre­hen auf Glat­zen, Geschwätz; zu einem Räson­neur die­ses Schla­ges wür­de auch die Fra­ge pas­sen, inwie­weit die Nei­gung west­li­cher Mana­ger, kei­ne Kra­wat­te mehr zu tra­gen, auf Rous­se­au zurück­geht. Sei­ne typisch deut­sche Note bekommt der Koko­lo­res durch den ihm zugrun­de­lie­gen­den Denun­zia­ti­ons­ei­fer, sei­nen typisch lin­ken Haut­gout durch die Schuld­zu­schrei­bung – Schuld geben ist seli­ger denn neh­men –, und das sogar, was wie­der knall­deutsch ist, rück­wir­kend über Genera­tio­nen hinweg.

Sol­che Genea­lo­gien und geis­ti­ge Vor­läu­fer­schaf­ten wur­den beson­ders in Deutsch­land seit der Höl­len­fahrt des Drit­ten Rei­ches immer wie­der kon­stru­iert, eine düm­mer, scham­lo­ser und per­fi­der als die ande­re; Genea­lo­gien kos­ten ja nichts, allen­falls Biblio­theks­zeit, wie Jacob Tau­bes ein­mal bemerk­te. Mal begann der Weg zu Hit­ler und den Sei­nen bei Bis­marck, mal bei Fried­rich, mal bei Luther, mal bei Nietz­sche, mal bei Wag­ner, und die Roman­ti­ker stan­den als Reak­tio­nä­re ohne­hin unter Anti­mo­der­ni­täts­ver­dacht, aber kei­ner bas­tel­te eine voll­stän­di­ge­re Ahnen­rei­he des NS als der Mar­xist bzw. Sta­li­nist Georg Lukács, der in sei­nem 1954 erschie­ne­nen Buch „Die Zer­stö­rung der Ver­nunft” den „Weg des deut­schen Irra­tio­na­lis­mus von Schel­ling bis Hit­ler” bzw. den „Weg Deutsch­lands zu Hit­ler auf dem Gebiet der Phi­lo­so­phie” (Vor­wort) nach­zu­zeich­nen sich anhei­schig mach­te, nach­dem er sowohl die Lub­jan­ka als auch das „Hotel Lux” von innen stu­diert und in Mos­kau die Tschist­ka – wahr­schein­lich nur durch eige­ne Denun­zia­tio­nen – über­lebt, also für eine Weg­be­schrei­bung des Irra­tio­na­lis­mus von zumin­dest Marx zu Sta­lin empi­ri­sches Mate­ri­al zuhauf gesam­melt hat­te. Oder von Lenin zu Hit­ler, der ja, wie auch Mus­so­li­ni, ohne sei­ne roten Vor­gän­ger und Anti­po­den kaum reüs­siert hät­te. Statt­des­sen wan­deln wir heu­te durch eine Ahnen­welt vor­wie­gend deut­scher Weg­be­rei­ter sämt­li­cher irgend­wie der „Rech­ten” zuschreib­ba­rer Schre­cken, zu wel­chen neben dem unein­hol­bar an der Tete mar­schie­ren­den Drit­ten Reich, dem Ras­sis­mus, dem Sexis­mus und dem Kli­ma­wan­del nun auch die Skep­sis gegen­über der Ver­ab­rei­chung gewis­ser Impf­stof­fe gehört.

Nova­lis kommt in Lukács’ Bes­tia­ri­um der Ver­nunft­fein­de übri­gens nur am Ran­de vor. Nament­lich des­sen Frag­ment „Die Chris­ten­heit und Euro­pa” habe, so der ger­ma­no­pho­ne unga­ri­sche Jude, die roman­ti­sche Ten­denz des Rück­kehr­wil­lens ins anci­en régime, ja sogar „ins Mit­tel­al­ter” in Deutsch­land „am deut­lichs­ten” zum Aus­druck gebracht. Wir wis­sen, dass der Moder­ne sofort rot sieht, wenn er das Wort „Mit­tel­al­ter” hört, denn damals war Gott mäch­ti­ger als die Zivil­ge­sell­schaft und ihre Generalsekretäre.

„Die Chris­ten­heit muß wie­der leben­dig und wirk­sam wer­den, und sich wie­der eine sicht­ba­re Kir­che ohne Rück­sicht auf Lan­des­g­rän­zen bil­den, die alle nach dem Ueber­ir­di­schen durs­ti­ge See­len in ihren Schooß auf­nimmt und gern Ver­mitt­le­rin, der alten und neu­en Welt wird. Sie muß das alte Füll­horn des See­gens wie­der über die Völ­ker aus­gie­ßen”, hat­te Nova­lis in dem besag­ten Auf­satz geschrie­ben. „Wann und wann eher? dar­nach ist nicht zu fra­gen. Nur Geduld, sie wird, sie muß kom­men die hei­li­ge Zeit des ewi­gen Frie­dens, wo das neue Jeru­sa­lem die Haupt­stadt der Welt seyn wird; und bis dahin seyd hei­ter und mut­hig in den Gefah­ren der Zeit, Genos­sen mei­nes Glau­bens, ver­kün­digt mit Wort und That das gött­li­che Evan­ge­li­um, und bleibt dem wahr­haf­ten, unend­li­chen Glau­ben treu bis in den Tod.”

In den „Hym­nen an die Nacht” heißt es:

„Gelobt sei uns die ew’­ge Nacht,
Gelobt der ew’­ge Schlummer.
Wohl hat der Tag uns warm gemacht
Und welk der lan­ge Kummer.
Die Lust der Frem­de ging uns aus,
Zum Vater wol­len wir nach Haus.”

Wenn das nicht irra­tio­nal ist! Aus die­sen Hym­nen stammt das Leit­mo­tiv des zwei­ten Auf­zugs einer der bekann­tes­ten und ver­nunft­feind­lichs­ten Opern über­haupt, kom­po­niert von einem ande­ren mut­maß­li­chen geis­ti­gen Weg­be­rei­ter der mRNA-Skeptiker:

„Dem Tage! Dem Tage!
Dem tücki­schen Tage,
dem här­tes­ten Feinde
Haß und Klage!”

In Nova­lis’ weg­wei­sen­den Worten:

„Muß immer der Mor­gen wiederkommen?
Endet nie des Irdi­schen Gewalt?”

Man sieht sie bei der Lek­tü­re förm­lich auf­klaf­fen, die spä­te­re Impflü­cke. Wobei sowohl die Kom­mu­nis­ten als auch die Nazis tüch­tig geimpft haben.

Immer­hin: Mit der Eta­blie­rung von Nova­lis als Pio­nier der phar­ma­skep­ti­schen Gegen­auf­klä­rung hät­te der Kon­ter­schwur­b­ler von der Zeit den bio­lo­gi­schen Beginn des deut­schen Irra­tio­na­lis­mus im Ver­gleich zu Lukács um jene drei Jah­re vor­da­tiert, die Schel­ling spä­ter als Har­den­berg zur Welt kam. Aber war­um woll­te er nicht ganz keck gleich bis zu Klopstock oder Hamann zurück­ge­hen? War­um so halb­her­zig? Ist doch eh wurscht!

Apro­pos „Auf­klä­rung”: Die Bilanz der Coro­na-Imp­fun­gen, die, wie wir inzwi­schen wis­sen, weder vor dem Tod, noch vor einer schwe­ren Erkran­kung und erst recht nicht vor Anste­ckung schüt­zen, wird, wenn erst ein­mal säm­li­che Neben­wir­kun­gen zuta­ge lie­gen, noch zei­gen, wer hier eigent­lich auf­ge­klärt hat – sofern Poli­tik, Phar­ma­lob­by und Medi­en der­glei­chen jemals zulassen.

***

Und apro­pos Dia­lek­tik der Auf­klä­rung:

Wer sich die Gale­rie zeit­ge­nös­si­scher Diede­rich Heß­lings (m/w/d) beim meu­ten­be­hag­li­chen Gei­fern gegen unge­impf­te Volks­schäd­lin­ge en détail anschau­en möch­te, bit­te hier.

***

Zum Vori­gen.

Die Tech­ni­ker Kran­ken­kas­se soll nolens volens fol­gen­de Daten ver­öf­fent­licht haben.

Neu­see­land indes, ein Land ohne eska­pis­ti­sche Impflü­cken­er­öff­ner und mit einer der höchs­ten Pieks­quo­ten der Welt, meldet:

Auf die­sem Tele­gram-Kanal erklärt der Medi­zi­ner Andre­as Sön­nich­sen, von 2006 bis 2012 Vor­stand des Insti­tuts für Allgemein‑, Fami­li­en- und Prä­ven­tiv­me­di­zin der Para­cel­sus-Uni­ver­si­tät Salz­burg, von 2012 bis 2018 Vor­stand des Insti­tuts für All­ge­mein­me­di­zin und Fami­li­en­me­di­zin der Uni­ver­si­tät Witten/Herdecke, von 2018 bis zum 1. März 2022 Pro­fes­sor für All­ge­mein­me­di­zin mit Lei­tung der Abtei­lung für All­ge­mein- und Fami­li­en­me­di­zin, Zen­trum für Public Health, an der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien und vom März 2019 bis zu sei­nem Rück­tritt am 11. Janu­ar 2021 Vor­sit­zen­der des Deut­schen Netz­werks Evi­denz­ba­sier­te Medi­zin, ein Schwur­b­ler also, dass die Covid-Imp­fun­gen über­haupt nicht mehr ange­bo­ten wer­den dürf­ten; er habe es schon oft bei Arz­nei­mit­teln erlebt, dass die­se nach weni­gen Todes­fäl­len sofort wie­der vom Markt genom­men wur­den, bei den Covid-Imp­fun­gen sei­en es aber schon tau­sen­de Tote. Außer­dem offe­rier­ten die Stu­di­en zur Wirk­sam­keit der Imp­fung erheb­li­che metho­di­sche Feh­ler und sei­en nicht aussagekräftig.

Zufall? Para­noia?

Es gibt kein Zurück für die Poli­ti­ker, sie kön­nen nach wie vor behaup­ten, ohne ihre Maß­nah­men wäre alles viel schlim­mer gekom­men, die Lei­chen schwäm­men in Euro­pens Flüs­sen; und wir wären sogar gezwun­gen, ihnen zu glau­ben, gäbe es nicht eine Ver­gleichs­grup­pe: die Ungeimpften.

(Netz­fund)

Der noch. Schon wie­der der.

***

Die Hit­ze droht. Mir nicht. Das Virus droht. Mir nicht. Der Rus­se droht. Mir nicht. Der Rechts­ruck in Ita­li­en droht. Mir nicht. Die Wie­der­wahl von Donald droht. Mir nicht.

***

Irgend­wo las ich, der peak wokeness sei erreicht. Viel­leicht hier?

Was die­se Frau bzw. die­ser Mann in seiner/ihrer Hand hält, ist eine – also ihre bzw. sei­ne – Gebärmutter*.

* „Gebär­el­ter” (Leser ***).

Wenn auf dem Pla­kat eine Schwar­ze oder eine Mus­li­ma mit Kopf­tuch abge­bil­det wäre, die ihren Ute­rus zur Bio­ton­ne trägt, hör­ten wir einen veri­ta­blen #auf­schrei wegen Ras­sis­mus, Dis­kri­mi­nie­rung und Islamfeindlichkeit.

Ich schla­ge des­halb vor, Para­graph 130 StGB („Volks­ver­het­zung”) zu erwei­tern um den Absatz 3: „Wer in einer Wei­se, die geeig­net ist, den öffent­li­chen Frie­den zu stö­ren, Tei­le der Bevöl­ke­rung wegen ihrer Zuge­hö­rig­keit zu einer Grup­pe zum Selbst­hass auf­sta­chelt und zu Gewalt- oder Will­kür­maß­nah­menn gegen sich selbst auf­for­dert, wird mit Frei­heits­stra­fe von drei Mona­ten bis zu fünf Jah­ren bestraft.”

***

Es gab da mal ein Buch von Edgar Juli­us Jung mit einem immer noch beden­kens­wer­ten Titel.

Und ein spä­te­res von Hans-Her­mann Hop­pe. Da waren aus den Min­der­wer­ti­gen die Gau­ner geworden.

Bei­de Titel ver­schränkt tref­fen es wohl am besten.

***

Augen­schein­lich funk­tio­nie­ren an der Relo­ti­us­spit­ze zuwei­len die inter­nen Kon­troll­me­cha­nis­men, die eine Ver­brei­tung fal­scher Asso­zia­tio­nen ver­hin­dern sol­len, nicht hun­dert­pro­zen­tig, was uns zum Bei­spiel fol­gen­de Ana­lo­gie­schnur­re beschert:

Ange­sichts jüngs­ter Umfra­gen, denen zufol­ge jeder drit­te Bewoh­ner des Reser­vats Bun­des­re­pu­blik sich Robert den Drei­ta­ge­bär­ti­gen als Kanzler:*_In vor­stel­len kann (vor­stel­len kann ich’s mir lei­der auch, aber ich fal­le nicht in die­ses Drit­tel), sei ein Vor­schlag von Leser *** wei­ter­ge­reicht: „Der Bun­des­tag möge ein Gesetz beschlie­ßen, dass auch die füh­ren­den Poli­ti­ker beim Ener­gie­spa­ren in ihren Büros mit gutem Bei­spiel vor­an gehen. So sol­len in den per­sön­li­chen Büros des Bun­des­prä­si­den­ten, der Bun­des­tags­prä­si­den­tin (und deren Stell­ver­tre­tern), des Bun­des­kanz­lers und aller Bun­des­mi­nis­ter Tem­pe­ra­tur­auf­zeich­nungs­ge­rä­te auf­ge­stellt wer­den. Alle Wer­te sind wöchent­lich öffent­lich online zu stel­len. Somit kön­nen die Bür­ger über­prü­fen, ob die Poli­ti­ker auch selbst bereit sind, die Las­ten zu tra­gen, die sie vom Volk ein­for­dern. Dies könn­te die Akzep­tanz der Maß­nah­men deut­lich steigern.”

***

Es läuft, zum ersten.

Es läuft, zum zweiten.

Es läuft, zum dritten.

(Ein­schal­tung für Esel: Das ist kei­ne Par­tei­nah­me für Putin.)

Es läuft überhaupt.

***

Höhe­punk­te der Will­kom­mens­kul­tur, x‑te Folge.

All­jähr­lich grüßt das Murmeltier.

Aber ist es nicht tröst­lich, dass die­je­ni­gen, die täg­lich unter struk­tu­rel­lem Ras­sis­mus lei­den, wenigs­tens eine Außen­sei­ter­chan­ce haben, es der bio­deut­schen Mehr­heit­ge­sell­schaft heimzuzahlen?

„Fami­li­en­clans haben in der jüngs­ten Zeit ver­mehrt das Alpen­warm­bad in Bene­dikt­beu­ern besucht und sich dort völ­lig dane­ben benom­men”, mel­det der Münch­ner Mer­kur. Mitt­ler­wei­le habe die Gemein­de mit der Beauf­tra­gung eines Sicher­heits­diens­tes reagiert. „Dem Ver­neh­men nach han­delt es sich bei den Fami­li­en­clans unter ande­rem um Men­schen aus dem Nahen und Mitt­le­ren Osten, die nicht unmit­tel­bar aus der Regi­on stam­men, son­dern von wei­ter her ins Klos­ter­dorf fah­ren, weil sie in ande­ren Frei­bä­dern – etwa in Mün­chen – bereits Haus­ver­bot haben.”

***

Freund *** schickt mir ein Foto mei­ner alten Schu­le in Ber­lin-Pan­kow, Kis­sin­gen­stra­ße, wei­land Wil­helm-Pieck-Ober­schu­le geheißen.

Ja, wir hat­ten zwar wenig in der Zone, aber dori­sche Säu­len waren noch im Ange­bot. Inzwi­schen trägt die Schu­le also – wahr­schein­lich schon seit Jah­ren, doch ich erfuhr es in der Tat erst durch die­ses Foto – den Namen einer ande­ren kom­mu­nis­ti­schen Hei­li­gen­fi­gur, die frag­los intel­li­gen­ter war als Pieck und über­dies als Mär­ty­re­rin ver­ehrt wird, das heißt, der neue Name ist so DDR-kom­pa­ti­bel wie der alte. Bevor die SED-Vög­te die Nach­wuchs­ka­der­schmie­de nach dem ers­ten und ein­zi­gen DDR-Prä­si­den­ten benann­ten, des­sen Hand übri­gens jeder Genos­se ver­viel­facht am Revers trug, denn das sym­bo­li­sche Hän­de­schüt­teln für die KPD-SPD-Zwangs­ver­ei­ni­gung anno 1946 ver­an­stal­te­ten auf Sei­ten der Kom­mu­nis­ten der Genos­se Pieck und für die Sozis Otto Gro­te­wohl – in Ber­lin absol­vie­ren die bei­den roten Frak­tio­nen heu­te den Hän­de­druck prak­tisch jeden Tag von neu­em –, davor also hieß das Haus „Eosan­der von Göthe-Gym­na­si­um”, nach dem Barock­bau­meis­ter Johann Fried­rich Eosan­der von Göthe (1669 – 1728), mit dem Wei­ma­rer Welt­wei­sen und Bei­na­he-Namens­vet­ter nicht ver­wandt, der Schöp­fer des Bern­stein­zim­mers, der auch am Ber­li­ner Schloss sowie am der­zei­ti­gen Amts­sitz von Pahl-Rugen­stein­mei­er mit­bau­te, also im Gegen­satz zu Pieck und Luxem­burg etwas geschaf­fen hat.

Ich wür­de mei­ne Kin­der zwar ungern auf ein Rosa-Luxem­burg-Gym­na­si­um schi­cken, wäre aller­dings sowohl mit die­sem Namen wie auch mit die­sem Land ver­söhnt, wenn es ana­log dazu irgend­wo ein Leo-Schla­ge­ter-Gym­na­si­um gäbe. Das ist frei­lich nicht nur wenig wahr­schein­lich, son­dern kom­plett aus­ge­schlos­sen, weil die Bun­des­re­pu­blik sich seit ihrem Bei­tritt zur DDR immer mehr in eine „antifaschistisch”-sozialistische Demo­kra­tur ver­wan­delt, in der die anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Pro­pa­gan­da zur par­la­men­ta­ri­schen und media­len Nor­ma­li­tät gehört, die indi­vi­du­el­le Frei­heit täg­lich weni­ger Ver­tei­di­ger fin­det und ein Huber­tus Kna­be oder ein Hans-Georg Maaßen abge­sägt, eine Nan­cy Fae­ser und ein Tho­mas Hal­den­wang aber beför­dert werden.

Und ein Durs Grün­bein für sei­ne poli­ti­schen State­ments zum Intel­lek­tu­el­len – gewis­ser­ma­ßen zum Igor Levit unter den Ver­se­ma­chern – pro­mo­viert wird.

Die­se Aus­sa­ge ist natür­lich in ihrer Ver­keh­rung von Ursa­che und Wir­kung his­to­ri­scher Unfug oder eben Agit­prop. Das zen­tra­le Ereig­nis des 20. Jahr­hun­derts war die Rus­si­sche Revo­lu­ti­on durch Lenins Bol­sche­wi­ken (mag sein, dass Cho­mei­nis Revo­lu­ti­on von 1979 ihr aus einer weit fer­ne­ren Rück­schau noch den Rang abläuft), und der Faschis­mus bzw. die Faschis­men ent­stan­den über­haupt erst als Reak­ti­on auf den roten Okto­ber­putsch. Der Anti­fa­schis­mus ist zunächst ein­mal nichts ande­res als ein bau­ern­fän­ge­risch ins Defen­si­ve umco­dier­ter Kom­mu­nis­mus bzw. Inter­na­tio­nal­so­zia­lis­mus; er geriert sich als Wider­stand, obwohl er der Angrei­fer war, ist und sein wird („Ich war, ich bin, ich wer­de sein”, spricht die Revo­lu­ti­on im letz­ten Arti­kel von Rosa Luxem­burg – sag­te ich schon, dass es töricht war, sie und Karl Lieb­knecht umzu­brin­gen? Man hät­te sie ein­fach in die Sowjet­uni­on abschie­ben sol­len, wo ihre Gesin­nungs­ge­nos­sen bereits herrsch­ten, und alles wei­te­re Sta­lin überlassen).

Das so ver­häng­nis­vol­le wie schlau instru­men­ta­li­sier­te Zusam­men­fal­len von Sta­li­nis­mus und Anti­fa­schis­mus – kor­rekt: Anti­na­tio­nal­so­zia­lis­mus, doch eine Art Inzest­scheu ver­bot es den Roten, ihren brau­nen Brü­dern die­sen Namen zuzu­ge­ste­hen – war der ent­schei­den­de Hebel, mit dem die Kom­mu­nis­ten ihr Regime in Ost­eu­ro­pa und der DDR etablierten.

Grün­bein ist mein Jahr­gang und in Dres­den gebo­ren, er müss­te es als Mit­tel­deut­scher bes­ser wis­sen, aber er ist mit den beschei­de­nen Auf­la­gen­zah­len eines Lyri­kers und dem Auf­merk­sam­keits­be­dürf­nis einer mitt­le­ren Kul­tur­be­triebs­nu­del auf Sti­pen­di­en, Prei­se und För­der­mit­tel ange­wie­sen; also zeigt er, was er in der Ehe­ma­li­gen gelernt hat, und lie­fert der Füh­rung, dem Feuil­le­ton und den ande­ren Zeit­geist­schwa­dro­nen die erwünsch­ten Bekenntnisse.

Hal­ten wir des­halb fest: Nicht der Anti­fa­schis­mus, son­dern der Antie­ga­li­ta­ris­mus bzw. Anti­to­ta­li­ta­ris­mus ist die wich­tigs­te Bewe­gung des 20. und kei­nes­wegs nur des 20. Jahr­hun­derts, es ist die men­schen­freund­lichs­te aller moder­nen Bewe­gun­gen, gerich­tet gegen die schlimms­te Gei­ßel der Mensch­heit, und der Schoß, aus dem das 1917 kroch, ist frucht­bar noch.

 

Vorheriger Beitrag

28. Juli 2022

Nächster Beitrag

Ein Hinweis an Paypal-Spender

Ebenfalls lesenswert

R. I. P.

Ich lese eben, dass Gün­ter Masch­ke gestor­ben ist. Wie schreck­lich. Die Rei­hen lich­ten sich. Man ist wie­der ein…

17. Juli 2022

Heu­te jäh­ren sich nicht nur die Ermor­dung der Zaren­fa­mi­lie und die Hin­rich­tung von Char­lot­te Corday, der Begrün­de­rin der…