12. Oktober 2022

Ges­tern nach­mit­tag im ICE zwi­schen Ber­lin und Leip­zig wur­de einer Bekann­ten plötz­lich so übel, dass sie sich auf den Boden leg­te, weil sie Angst hat­te, sich sonst über­ge­ben zu müssen.
Der Schaff­ner eil­te sogleich her­bei und frag­te: „Kann ich Ihnen helfen?”

Nein, so war es nicht. Tat­säch­lich sag­te er in ziem­lich bar­schem Ton: „Set­zen Sie bit­te Ihre Mas­ke auf!”

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Es geht los. Ret­te sich – und sein Ver­mö­gen –, wer kann.

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Wie­der­vor­la­ge:

Erst wäh­rend der Revo­lu­ti­on fiel den fran­zö­si­schen Aris­to­kra­ten auf, wie weni­ge sie eigent­lich waren und wie ziel­si­cher der Hass sie tref­fen konn­te. „Wie, und Sie leben noch?”, sag­te der jako­bi­ni­sche Depu­tier­te Lau­ren­çot zu dem Besit­zer des Schlos­ses Che­ver­ny, als er den herr­li­chen Barock­bau in Augen­schein genom­men hat­te. Die­ser Affekt, man mache sich nichts vor, ist heu­te so leben­dig wie damals, zumin­dest in der Alten Welt, wenn­gleich durch das Steu­er- und Umver­tei­lungs­sys­tem einst­wei­len noch gehegt. Doch soll­te die Mit­tel­schicht eines Tages finan­zi­ell rest­los aus­ge­quetscht sein und die Lin­ke es bis dahin geschafft haben, ihre überalterten Rei­hen durch hin­rei­chend vita­le Dritt­welt­mi­gran­ten neu aufzufüllen, wird den Rei­chen auf die­sem Kon­ti­nent, sofern sie dann nicht längst emi­griert sind, womög­lich das­sel­be Stündlein schla­gen wie wei­land der fran­zö­si­schen Aris­to­kra­tie (die anpas­sungs­fä­hi­gen woken Mil­li­ar­därs­so­zia­lis­ten ausgenommen).

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Noch zum Vorigen.

Fal­len sol­che Umfra­gen nicht all­mäh­lich unter „ver­fas­sungs­schutz­re­le­van­te Dele­gi­ti­mie­rung des Staates”?

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Apro­pos ret­te sich, wer kann.

Es gibt theo­re­ti­sche Unter­su­chun­gen, dass der wach­ha­ben­de Offi­zier der „Tita­nic”, Mis­ter Mur­doch, den Unter­gang hät­te ver­hin­dern kön­nen, indem er einen Fron­tal­zu­sam­men­stoß mit dem Eis­berg ris­kiert hät­te. Die „Tita­nic” wäre dabei extrem zusam­men­ge­staucht, die ers­ten drei Kam­mern wären geflu­tet wor­den. Doch trotz die­ses gewal­ti­gen Scha­dens hät­te das Schiff sei­ne Schwimm­fä­hig­keit behal­ten. Aller­dings wären sämt­li­che Men­schen im Vor­schiff ums Leben gekom­men; außer­dem hät­ten sich vie­le Pas­sa­gie­re im rest­li­chen Schiff durch die Wucht das Auf­pralls Ver­let­zun­gen zuge­zo­gen. Des­halb kam der Wach­of­fi­zier nicht auf die Idee des Frontalzusammenstoßes.

Malen wir uns aus, Mr. Mur­doch hät­te sich den­noch für die­se Lösung ent­schie­den. Alle Ver­ant­wort­li­chen wären vor Gericht gestellt worden.

Für erheb­li­ches Auf­se­hen sorg­te die Ver­tei­di­gungs­re­de des Ers­ten Offi­ziers, Mr. Mur­doch. Der 34jährige hat­te zunächst befoh­len, dem Hin­der­nis mit einem Ruder-nach-Steu­er­bord-Manö­ver  aus­zu­wei­chen, den Befehl aber wie­der zurück­ge­nom­men und das Schiff direkt in den Eis­berg gesteu­ert. Das Gericht sah sich vor allem mit der Auf­ga­be kon­fron­tiert, den unter­ge­ord­ne­ten Dienst­gra­den auf der Brü­cke das Schuld­maß zuzu­mes­sen. „Hät­ten Sie Mur­dochs Wahn­sinns­be­fehl ver­wei­gern müs­sen?“ frag­te der Obers­te Rich­ter, Mr. Win­terspoon, wiederholt.

Ersicht­lich sei Mur­doch ange­sichts der mög­li­chen Kata­stro­phe nerv­lich über­for­dert gewe­sen. Das sei ver­wun­der­lich bei einem so erfah­re­nen Matro­sen, zudem er in die­ser Nacht das moderns­te und sichers­te Schiff der Welt kom­man­dier­te. Für nerv­li­che oder gar psy­chi­sche Zer­rüt­tung spre­che auch Mur­dochs Ver­tei­di­gungs­re­de. Der Ers­te Offi­zier hat­te aus­ge­führt, er habe direkt nach dem „Ruder hart Steuerbord“-Befehl eine Ein­ge­bung gehabt. Er ste­he im Nach­hin­ein nicht an, die­se Ein­ge­bung „gött­lich“ zu nen­nen. Vor sei­nem geis­ti­gen Auge sei­en schreck­li­che Bil­der auf­ge­taucht: wie das Schiff durch das Aus­weich­ma­nö­ver dem Berg sei­ne ver­letz­li­che Flan­ke dar­ge­bo­ten und die Kol­li­si­on dazu geführt habe, dass auf der Back­bord­flan­ke ein über meh­re­re Kam­mern sich zie­hen­des Leck geris­sen wur­de, wie das Schiff dar­auf­hin in weni­ger als einer Stun­de über Bug gesun­ken sei und mehr als tau­send Men­schen mit sich in die eisi­ge Tie­fe geris­sen habe, denn es sei­en nicht genü­gend Ret­tungs­boo­te für alle Pas­sa­gie­re vor­han­den gewe­sen. Mit sei­nem Manö­ver habe er dies ver­hin­dert, und wenn er eines Tages vor sei­nen Schöp­fer tre­te, wer­de er es rei­nen Gewis­sens tun, auch wenn man ihm heu­te und unter Men­schen nicht glaube.

Im Gerichts­saal bil­de­ten sich zwei Par­tei­en; die eine – grö­ße­re – erklär­te Mur­doch für wahn­sin­nig, die ande­re ver­trat die Ansicht, er habe wäh­rend des Unglücks einen Schock erlit­ten und sich das Ein­ge­bungs­ar­gu­ment nach­träg­lich zurecht­ge­legt. Die beru­fe­nen Exper­ten ein­schließ­lich des Kapi­täns kamen jeden­falls zu dem Schluss, dass Mur­dochs „Ahnun­gen“ schlicht­weg Unsinn sei­en. „Aber Mis­ter Mur­doch“, rüg­te auch der Obers­te Rich­ter, „Sie haben doch gewusst: Die ‚Tita­nic‘ ist unsinkbar.“

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(Das war eine Anzeige.)

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Die Hegung des Fach­kräf­te­man­gels ist der Mar­ken­kern der Grünen.

Grün ist „die Schaf­fung von Arbeits­lo­sen durch die Arbeits­scheu­en” (Speng­ler redi­vi­vus).

Wer Nazi ist, bestim­men wir!

(Hach, wie ich die­se Ver­glei­che liebe.)

„Aber was macht man mit denen dann?
Ausbürgern?
Gulag?
Endlösung?”
(Leser ***)

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