3. November 2023

Und als die däm­mern­de Frü­he mit Rosen­fin­gern erwachte …

Die Plat­ten­bau­ten aus der Sowjet­zeit ram­po­nie­ren der Eos denn doch etwas die Aura.

Über­wie­gend frei von Men­schen­werk indes sind die end­lo­sen Strän­de des eins­ti­gen Ost­preu­ßen, wo man kilo­me­ter­weit wan­dern kann und kaum eine See­le trifft.

In Pio­ner­ski auf der Halb­in­sel Sam­land, zwi­schen den Bade­or­ten Sele­no­grad­sk (Cranz) und dem der­zeit wegen eines gigan­ti­schen Umbaus teil­wei­se vom Meer abge­trenn­ten Swet­logorsk (Rau­schen), etwa 35 Kilo­me­ter nörd­lich von Königs­berg, befin­det sich eine Dat­scha von Wla­di­mir Putin. (Ob der Haus­herr jemals dort gewe­sen ist – Putins geschie­de­ne Frau ist Kali­nin­gra­de­rin –, ent­zieht sich mei­ner Kenntnis.)

Als ich an dem weit­räu­mig umzäun­ten Bau vor­über­fla­nier­te, fiel mir eine Bemer­kung Fried­richs des Gro­ßen ein, der auf die Fra­ge, war­um er Schle­si­en ange­grif­fen habe, ent­geg­ne­te, es habe ihn gereizt, sei­nen Namen in den Gazet­ten zu lesen.

Das jeden­falls hat Wla­di­mir Wla­di­mi­ro­witsch geschafft.

***

Etwas rät­sel­haft ist die Gleich­zei­tig­keit von, wie soll ich’s nen­nen, Reso­wje­ti­sie­rung und Rechristani­sie­rung in Russ­land. Die Bol­sche­wi­ken haben das Chris­ten­tum bekannt­lich als ein reak­tio­nä­res Über­bleib­sel des Zaren­tums betrach­tet (bei Marx: der bür­ger­li­chen Gesell­schaft, aber die exis­tier­te in Russ­land ja kaum) und bis zur Aus­mer­zung bekämpft. Die Sowjet­kom­mu­nis­ten spreng­ten in den 1920er und 30er Jah­ren fast alle Got­tes­häu­ser oder ent­weih­ten sie für pro­fa­ne Zwe­cke – von über 50.000 Kir­chen, die vor Lenins Okto­ber­putsch exis­tier­ten, lie­ßen sie kei­ne hun­dert übrig –, sie schlos­sen sämt­li­che Klös­ter, ver­nich­te­ten die Iko­nen und depor­tier­ten Aber­tau­sen­de Geist­li­che in den Gulag; His­to­ri­ker spre­chen von der größ­ten Chris­ten­ver­fol­gung aller Zeiten.

Das ist der Grund, war­um nahe­zu sämt­li­chen Kir­chen in Russ­land die his­to­ri­sche Pati­na fehlt: Es sind Neu­bau­ten (hier die Christ-Erlö­ser-Kathe­dra­le in Königsberg-Kaliningrad).

Auch wenn die spä­te UdSSR den eiser­nen Griff um die Kir­che etwas locker­te, darf man die Kom­mu­nis­ten zu den fana­tischs­ten Fein­den des Chris­ten­tums rech­nen, und es mag ein Wun­der sein, dass die rus­si­sche Chris­ten­heit den Got­tes­staat der Athe­is­ten über­leb­te und unge­bro­chen fort­exis­tiert (viel­leicht stählt Ver­fol­gung eine Reli­gi­on letzt­lich auch; wer weiß das schon). Doch wie kann es sein, dass sich das poli­ti­sche Russ­land heu­te glei­cher­ma­ßen auf eine schön­ge­färb­te sowje­ti­sche Geschich­te und die von den Sowjets bekämpf­te ortho­do­xe Kir­che stützt? Das ent­behrt jeg­li­cher Logik.

Nun, Logik ist Glau­bens­sa­che, und die bei­den so unver­träg­lich erschei­nen­den Ele­men­te rus­si­schen Selbst­be­wusst­seins begin­nen sich mit­ein­an­der zu ver­tra­gen, wenn man sie aus­schließ­lich als Bestand­tei­le einer Groß­machts­ideo­lo­gie betrach­tet. Sowohl der wie­der­ge­kehr­te Ein­fluss der Kir­che auf die Gesell­schaft als auch ein gewis­ser UdSSR-Kult sta­bi­li­sie­ren die Idee eines rus­si­schen Impe­ri­ums, das jetzt eben wie­der „ortho­dox” bezie­hungs­wei­se reli­gi­ös – auch dort­zu­lan­de wächst der Anteil der Mus­li­me in der Bevöl­ke­rung – zu sein hat. Eine ähn­lich wind­schie­fe Kon­stel­la­ti­on ergab sich nach dem Zusam­men­bruch der Sowjet­uni­on für das Ver­hält­nis von Tätern und Opfern des alten Sys­tems, wor­auf der His­to­ri­ker Jörg Bab­e­row­ski hin­ge­wie­sen hat: Putin mach­te ihnen ein Ange­bot, das sie nicht ableh­nen konn­ten, näm­lich nicht Kon­tra­hen­ten, son­dern gemein­sam Sie­ger – des Welt­kriegs – zu sein.

Die Kir­che, die nach dem säku­lar­re­li­giö­sen Inter­mez­zo wie­der in ihre ange­stamm­te Rol­le zurück­ge­kehrt ist, mag sich heu­te von der Geschich­te bestä­tigt füh­len. Den Kom­mu­nis­ten ver­zeiht sie die athe­is­ti­sche Ver­wir­rung, weil sie immer­hin ein Reich geschaf­fen und den Zwei­ten Welt­krieg gegen Deutsch­land gewon­nen haben. Die gemein­sa­me Ableh­nung des west­li­chen Libe­ra­lis­mus ist eben­falls ein star­ker patrio­ti­scher Kitt. Frei nach Andy Möl­ler könn­te man sagen: Ob Kom­mu­nis­mus oder Ortho­do­xie, Haupt­sa­che Russ­land, Haupt­sa­che Großmacht.

So unter­schei­den sich die TV-Galas äußer­lich auch nicht son­der­lich von jenen der sowje­ti­schen Zeit.

Wie die UdSSR prä­sen­tiert sich Russ­land nicht als Natio­nal­staat, son­dern als Viel­völ­ker­staat, als Impe­ri­um, unter der Über­schrift Русский мир – die rus­si­sche Welt. Das unter­schei­det die rus­si­sche „Bunt­heit” von der deut­schen bzw. westeuropäischen.

PS: „Ich lese ja Ihre Acta Diur­na mit gros­sem Inter­es­se, meis­tens sogar mit Genuss, jetzt füh­le ich das star­ke Bedürf­nis, mei­nen Senf dazu­zu­ge­ben”, schreibt Leser ***. „Wie Sie selbst wahr­schein­lich min­des­tens so gut wis­sen wie ich, leben wir in einem Deutsch­land, wo:
– regel­mäs­sig miss­lie­bi­gen Per­so­nen das Kon­to gesperrt wird,
– mor­gens um 6 wegen läp­pi­scher Delik­te (Belei­di­gun­gen und der­glei­chen) mit mas­si­vem Poli­zei­ein­satz Haus­durch­su­chun­gen durch­ge­führt wer­den (ein­schliess­lich der Kon­fis­zie­rung der gesam­ten IT-Ausrüstung),
– RT Deutsch und ande­re Medi­en (Feind­sen­der) gesperrt werden,
– die Innen­mi­nis­te­rin den deut­schen Beam­ten die Nach­weis­pflicht auf­er­legt, staats- und v. a. regie­rungs­treu zu sein (Beweis­last­um­kehr) und ein neu­ar­ti­ges Delikt names ‚Dele­gi­ti­mie­rung des Staa­tes’ herbeifantasiert,
– wo die EU mit­hil­fe des Digi­tal Ser­vice Act (DSA) dem Bür­ger die Infor­ma­tio­nen zuteilt, die er noch sehen darf.

Und das mit dienst­fer­ti­ger Unter­stüt­zung der Main­stream-Medi­en. (Auf­zäh­lung ohne Anspruch auf Vollzähligkeit.)
Vor die­sem Hin­ter­grund den Rus­sen ‚Ableh­nung des west­li­chen Libe­ra­lis­mus’ vor­zu­hal­ten, fin­de ich schon etwas schräg.”

***

Bis an die Ster­ne reich­te einst ein Zwerg.

Sein irdisch Reich war nur ein Königsberg.

Doch über jedes Königs Burg und Wahn
Schritt eines Welt­alls treu­er Untertan.

(Text: Karl Kraus)

Frei­lich, bevor es sich auch bis nach Russ­land her­um­spricht, dass Kant ein wei­ßer Supre­ma­tist, Ras­sist, Anti­se­mit und irgend­wie auch ein ver­hin­der­ter Sexist war, wird Deutsch­land wohl längst ein von Ras­sis­ten, Sexis­ten, Anti­se­mi­ten und anti­wei­ßen Supre­ma­tis­ten über­nom­me­nes Land sein.

***

Die Scho­nung des Kant-Grabs bei der Erobe­rung Königs­bergs durch die Rote Armee – er war der ein­zi­ge Deut­sche, der ver­schont wur­de – geht auf einen Befehl Sta­lins zurück, der bei Marx und Lenin gele­sen hat­te, dass der deut­sche Idea­lis­mus zwar ein Unter­neh­men bür­ger­lich beschränk­ter Phi­lo­so­phen war, Kant und Hegel aber irgend­wie als Fort­schritts­den­ker und geis­ti­ge Vor­läu­fer des Kom­mu­nis­mus ver­ein­nahmt wer­den konn­ten. In der heu­ti­gen Kant-Erin­ne­rungs­stät­te im alten Dom, von einem Muse­um kann man nicht reden, fin­den sich neben der Kopie der Toten­mas­ke und ein paar Hand­schrif­ten kaum his­to­ri­sche Über­bleib­sel aus dem Haus­halt des Ver­nunft­kri­ti­kers und „Alles­zer­mal­mers” (Moses Men­dels­sohn). Ich weiß nicht, ob die­ser Anzug ein Ori­gi­nal ist, er sieht recht unge­tra­gen aus:

Irgend­wie muss­ten die auf drei Eta­gen ver­teil­ten fünf Räu­me im West­ge­bäu­de des alten Königs­ber­ger Doms aber mit Expo­na­ten gefüllt wer­den, um einen musea­len Ein­druck zu erwecken.

Kant war Preu­ße, und in Königs­berg wur­de 1701 das König­reich Preu­ßen gegrün­det. Eine Samm­lung von preu­ßi­schen Medail­len und Erin­ne­rungs­mün­zen passt also in die Выставка und erreg­te mein teil­neh­men­des Interesse.

Sofort rief ich mich zur Ord­nung und memo­rier­te in Gedan­ken die Wor­te, die der Gro­ße Bun­des­prä­si­dent des bes­ten Deutsch­lands, das es je gab, ange­le­gent­lich des 150. Jah­res­ta­ges des Reichs­grün­dungs­un­heils zu sei­nem die Coro­na-Sicher­heits­ab­stän­de sorg­sam ein­hal­ten­den Fach­pu­bli­kum und zugleich an die Adres­se aller anstän­dig geblie­be­nen Almans bezie­hungs­wei­se in deren Namen gespro­chen hat­te: „Wir Deut­sche ste­hen dem Kai­ser­reich heu­te so bezie­hungs­los gegen­über wie den Denk­ma­len und Sta­tu­en von Köni­gen, Kai­sern und Feld­her­ren aus die­ser Epo­che.” Viel­leicht, sag­te eine inne­re Stim­me zu mir, die der des Bun­des­prä­si­den­ten sehr ähn­lich klang, bis­tu gar kein Deut­scher? Vor allem kein „Wir Deutsche”-Deutscher?

Dar­auf­hin lenk­te Allah mei­nen Blick auf den Aus­spruch eines stein­mei­er­schen Amtsvorgängers.

Glück­lich das Land, dem ein Pahl-Rugen­stein­mei­er sein „Wir” dekretiert!

***

„Ich war im Som­mer mit dem Pkw in Königs­berg”, schreibt Leser ***. „Es lag auf dem Weg nach Litau­en, und ich woll­te gern I. Kant mei­ne Reve­renz erwei­sen. Die­ses Begehr trug ich im bes­ten Schul­rus­sisch dem Grenz­of­fi­zier vor, der sich nach dem Zweck mei­ner Rei­se erkun­dig­te. Ver­ständ­nis­vol­le Hei­ter­keit und eine ent­spann­te Kon­trol­le, bei der er sich mehr­fach für die mir zuteil­wer­den­den Unan­nehm­lich­kei­ten ent­schul­dig­te, waren die Fol­ge. Ich war an die­sem Tage allein am pol­nisch-rus­si­schen Grenz­über­gang, und nur eine Sekun­de glaub­te ich, schon des­halb wür­de es schnell gehen. Pol­ni­sche Paß- und Zoll­kon­trol­le: Zwei Stun­den und unfreund­lich bis zur Unver­schämt­heit. Rus­si­sche Kon­trol­le: Zwei Stun­den aber freund­lich. Im Som­mer war Königs­berg voll von Tou­ris­ten; ein Hotel zu fin­den war schwie­rig. Mei­ne Ein­drü­cke decken sich im Übri­gen mit Ihren. Bemer­kens­wert fand ich (neben vie­len sehr attrak­ti­ven Frau­en) die Sau­ber­keit der Stadt. Ich hat­te gute Gesprä­che mit Rus­sen, die eine sehr boden­stän­di­ge Welt­sicht hat­ten. Dem Dom gegen­über befin­det sich eine Syn­ago­ge. Kein Poli­zei­schutz. Kei­ne Kon­trol­len. Als Juden erkenn­ba­re Män­ner beweg­ten sich völ­lig unbe­fan­gen. Kali­nin­grad 2023. Ich muß­te an die Ber­li­ner Syn­ago­ge in der Ora­ni­en­bur­ger Stra­ße den­ken, die schon in den 1990er Jah­ren von schwer bewaff­ne­ten Poli­zis­ten bewacht wurde…”
Gemeint ist die­se Synagoge.
Wie die Christ-Erlö­ser-Kathe­dra­le am „Platz des Sie­ges” ist auch sie ein Neu­bau, errich­tet 2018, zum 80. Jah­res­tag der Reichs­kris­tall­nacht, an der Stel­le, wo die 1938 zer­stör­te Neue Königs­ber­ger Syn­ago­ge stand. Wir erleb­ten dort eine sehr ange­neh­me Füh­rung als Pri­va­tis­si­mum. Die Kom­mu­nis­ten spreng­ten die ortho­do­xen Kir­chen, die Natio­nal­so­zia­lis­ten brann­ten die Syn­ago­gen nie­der, die Rus­sen bau­en bei­des wie­der auf. In West­eu­ro­pa hat die Mas­sen­ein­wan­de­rung von Mos­lems dazu geführt, dass heu­te wie­der Kir­chen – in Frank­reich jeden Tag – und Syn­ago­gen ange­grif­fen wer­den. In Russ­land leben zahl­rei­che Mus­li­me, aber von Angrif­fen auf Got­tes­häu­ser habe ich nichts gehört. Im Gegen­satz zu den ara­bi­schen Par­al­lel­ge­sell­schafts­kom­bat­tan­ten in Frank­reich, Bel­gi­en, Schwe­den oder Deutsch­land wir­ken sie auch deut­lich inte­grier­ter, allein schon dadurch, dass sie rus­sisch spre­chen (und ent­zü­ckend oft Wod­ka trin­ken). Obwohl die Kali­nin­gra­der Bevöl­ke­rung eth­nisch durch­aus „bunt” ist, vor allem durch Men­schen „aus den Repu­bli­ken”, die hier, mit oder ohne rus­si­schen Pass, arbei­ten, habe ich kei­ne ein­zi­ge aggres­si­ve „Grup­pe” gese­hen, auch kei­ne jun­gen „Män­ner” mit dem im Wes­ten übli­chen raum­for­dern­den Beneh­men in der Öffent­lich­keit – viel­leicht bekä­men sie hier auch ein­fach ein paar aufs Maul und danach von der Poli­zei eine Zuga­be –, die Stim­mung ist viel­mehr fried­lich und ent­spannt. Der Hein­sohn­sche „Bür­ger­kriegs­in­dex” liegt in Kali­nin­grad wahr­schein­lich knapp über Null.
PS: „Haben Sie eigent­lich mit­be­kom­men, was in Dage­stan pas­siert ist”, fragt empört Leser ***. „Wenn die­se Krea­tu­ren fün­dig gewor­den wären, hät­te es dort ein Pogrom gege­ben. Und die rus­si­schen Sicher­heits­kräf­te hät­ten einen Dreck getan, um die Juden zu schützen.”

***

Leser ***, „seit eini­gen Jah­ren” regel­mä­ßi­ger Besu­cher des klei­nen Eck­la­dens, war „sehr über­rascht, dass Sie mei­ne Hei­mat­stadt besu­chen. Ich bin dort gebo­ren und auf­ge­wach­sen, lebe aber schon län­ger in Deutsch­land und stu­die­re hier Mathe­ma­tik. Seit Beginn des Krie­ges bin ich nicht mehr dort gewe­sen. Und aus­ge­rech­net heu­te schreibt mir mei­ne Mut­ter, ich möge doch zu Sil­ves­ter end­lich mal die Fami­lie besu­chen (in Russ­land ist es ja die Zeit für Fami­li­en­tref­fen, wie hier­zu­lan­de Weih­nach­ten). Da über­le­ge ich also und pla­ne, und plötz­lich lese ich Ihren Arti­kel. Für mich war es wie ein Zei­chen, dass ich dort­hin fah­ren soll, trotz der poli­ti­schen Lage. Wie alles manch­mal zusammenkommt.

Die Stadt hat wirk­lich etwas Beson­de­res. Wäh­rend mei­ner Zeit dort sah ich immer die schö­nen alten deut­schen Gebäu­de, die inmit­ten der grau­en sozia­lis­ti­schen und den oft geschmack­lo­sen Bau­ten der neun­zi­ger Jah­re so sehr her­aus­sta­chen. Sie waren für mich wie Über­res­te einer ande­ren Welt, in die man ein­tau­chen und dem All­tag ent­flie­hen kann. So dach­te ich in mei­ner gren­zen­lo­sen Nai­vi­tät damals, wenn ich nach Deutsch­land zie­he, gibt es ja nur sol­che schö­nen Gebäu­de und ich könn­te wirk­lich in die­ser Welt leben. Dann bin ich bru­tal mit dem Ver­bre­chen gegen die Ästhe­tik namens west­deut­sche Nach­kriegs­ar­chi­tek­tur kon­fron­tiert wor­den. Ich habe wirk­lich gestaunt, wie die­sel­ben Men­schen, die vor dem Krieg so gebaut haben, dass es mich selbst in Kali­nin­grad, Jahr­zehn­te nach­dem es Russ­land gewe­sen ist, fas­zi­niert hat, nach dem Krieg etwas so Häss­li­ches bau­en konnten.

Manch­mal habe ich das Gefühl, in den ehe­ma­li­gen deut­schen Ost­ge­bie­ten lebt viel­leicht etwas wei­ter, das Deutsch­land selbst nicht mehr hat, die­se beson­de­re Atmo­sphä­re und Lebens­ge­fühl, des­sen Aus­druck die Archi­tek­tur ist. Viel­leicht roman­ti­sie­re ich ein­fach nur mei­ne Zeit in Kali­nin­grad, wer weiß. Jeden­falls freue ich mich dar­auf, wie­der mei­ne Lieb­lings­vier­tel zu besu­chen und die­se beson­de­re Atmo­sphä­re zu erle­ben. Es ist so selt­sam, dass man in Euro­pa lebt, aber die­ses Euro­pa, wie man es sich in Russ­land vor­ge­stellt hat, zuneh­mend gar nicht mehr exis­tiert. Manch­mal wün­sche ich mir, für eine Woche im frü­he­ren Deutsch­land leben zu dür­fen, denn es war wirk­lich groß­ar­tig. Je län­ger ich nun im Deutsch­land von heu­te lebe, des­to weni­ger bleibt von mei­ner anfäng­li­chen Begeisterung.”

Irgend­wie fühlt man sich nach einem sol­chen Brief als Deut­scher ein biss­chen mit­schul­dig, min­des­tens aber von einer kol­lek­ti­ven Däm­lich­keit oder Erbärm­lich­keit in die Mit­haf­tung genötigt.

***

Womit wir the­ma­tisch in Deutsch­land ange­kom­men wären – und damit bei den alten Pla­gen. Zum Bei­spiel dem Per­so­nal­wech­sel (mit begrenz­tem Ser­vice­an­ge­bot), unter Brü­dern ver­bo­te­ner­wei­se auch „Umvol­kung” genannt.

Und bei der Can­cel Culture.

„Nach SZ-Infor­ma­tio­nen erfolgt die Unter­las­sung wegen der Zusam­men­set­zung der Mit­wir­ken­den” – puh, ich hat­te schon gefürch­tet, es habe damit zu tun, dass Reclam sich mit dem Deutsch­land-Büro der Hamas auf einen Schluss­strich unter den jüdi­schen Opfer­kult ver­stän­digt hat. Steim­le, belehrt die Gazet­te ihre Leser, „wird der soge­nann­ten ‚Neu­en Rech­ten’ zuge­ord­net”, und die­se Buben haben das Recht ver­wirkt, Tex­te von Klem­pe­rer vor­zu­tra­gen, bei denen das Publi­kum oben­drein noch auf dum­me Par­al­le­len kom­men könn­te. Schließ­lich kann­te Steim­le, quatsch, Klem­pe­rer weder die Lingua Viri­dis Impe­rii noch die Zivil­ge­sell­schaft als höchs­tes Sta­di­um der Volksgemeinschaft.

***

Apro­pos: Ich fin­de, das Recht auf Isra­el­kri­tik soll­te all­mäh­lich als Grund­recht aller deut­schen Staats­bür­ger, vor allem der künf­ti­gen, ins Grund­ge­setz auf­ge­nom­men werden.

***

Leser *** schreibt: „Dirk Ross­mann, Groß­dro­gist und lei­den­schaft­li­cher Impf­be­für­wor­ter – ‚Unse­re Wirt­schaft und das sozia­le Mit­ein­an­der wer­den in einem Jahr kol­la­bie­ren, wenn wir nicht zu einer all­ge­mei­nen Impf­pflicht kom­men’, sag­te er im Novem­ber 2021 –, hat ein nur weni­gen bekann­tes Ste­cken­pferd: Er schreibt mit einem Co-Autor namens Ralf Hop­pe (Spiegel/Zeit) wild ver­schie­de­ne Gen­res (eine Pri­se Welt­ret­tung, eine Pri­se Lie­be­lei, eine Pri­se Agen­ten­thril­ler) ver­mi­schen­de Kli­ma­kri­sen­schmon­zet­ten: ‚Der Zorn des Okto­pus’, ‚Der neun­te Arm des Okto­pus’ und gera­de ganz frisch erschie­nen: ‚Das drit­te Herz (Sie ahnen es viel­leicht bereits) des Oktopus’.

Mein Kom­men­tar im Online-Shop der Fir­ma Ross­mann (hat­te ich etwas ande­res erwar­tet?) wur­de wegen ‚unan­ge­mes­se­ner Inhal­te’ nicht frei­ge­ge­ben. Der unan­ge­mes­se­ne Inhalt:
‚Welt­ver­bes­se­rung durch die Imple­men­tie­rung von Hirn­pa­ra­si­ten, Ihr Ernst, Herr Ross­mann? Man möch­te mei­nen, Sie tra­gen einen sol­chen längst in sich, das wür­de Ihre faschis­to­iden All­machts­vor­stel­lun­gen wenigs­tens ansatz­wei­se nach­voll­zieh­bar machen. Und es ist ja nicht das ers­te Mal, daß Sie mit Ihrem anti-frei­heit­li­chen Gedan­ken­gut auf­fäl­lig wer­den. Man möch­te mei­nen, was dem einen Groß­dro­gis­ten die Anthro­po­so­phie ist, ist dem ande­ren die NWO.’ ”

***

Die Zeit ruft inzwi­schen den aka­de­mi­schen Volks­sturm in die Bütt.

Patri­ce wer? Die Schrott­sam­mel­stel­le erteilt Bescheid: „Zwi­schen 1981 und 1984 dien­te er bei der NVA, zuletzt als Unter­of­fi­zier. Anschlie­ßend arbei­te­te er als haupt­amt­li­cher FDJ-Funk­tio­när erst im VEB Werk für Fern­seh­elek­tro­nik und dann in der FDJ-Bezirks­lei­tung Ber­lin. 1989 wur­de er zum Fern­stu­di­um der Geschichts­wis­sen­schaf­ten an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin zuge­las­sen (…) 2001 wur­de er an der Euro­pa-Uni­ver­si­tät Via­dri­na zum Dr. phil. mit einer Arbeit zur Geschich­te des Gold­broi­lers in der DDR promoviert.”

Ein Dr. phil. für die Geschich­te des Gold­broi­lers – ich bewun­de­re jeden, der sich in die­sem Land noch als Sati­ri­ker durch­zu­schla­gen versucht.

Die­se Fach­kraft meint nun, wenn eine Regie­rung über eine par­la­men­ta­ri­sche Mehr­heit beschließt, die Gren­zen des ihr anver­trau­ten Lan­des gegen ille­ga­le Ein­wan­de­rung via Asy­l­er­schlei­chung zu schüt­zen, stär­ke sie in Wirk­lich­keit die „Rechts­ra­di­ka­len”, unge­fähr so, wie die Ver­stär­kung der Feu­er­wehr natur­ge­mäß die Brand­stif­ter ermun­tert, die es ohne Feu­er­wehr gar nicht gäbe. Und eine ihrer Selbst­wahr­neh­mung nach jour­na­lis­tisch täti­ge regie­rungs­na­he Agit­prop­trup­pe druckt’s – also im Grun­de: FDJ­ler befra­gen FDJ­ler. Was wäre es für ein köst­li­ches Schau­spiel, zwan­zig frisch her­ein­ge­schnei­te Ori­en­ta­len (männlich/muslimisch/rasurbefreit) in der Zeit-Redak­ti­on ein­zu­quar­tie­ren; für die Kan­ti­nen­be­su­che spen­die­ren die Res­sort­lei­ter finan­zi­el­le Dau­er­pa­ten­schaf­ten, das Feuil­le­ton über­nimmt die Toi­let­ten­rei­ni­gung, und den zen­tra­len Kult ihrer sym­pa­thi­schen Reli­gi­on könn­ten die dau­er­haft Hoch­will­kom­me­nen ja fünf­mal täg­lich im Kon­fe­renz­raum ver­rich­ten. Und die gebe­ne­dei­ten unter den Zeit-Wei­bern wer­den halt ihr Haar bede­cken müssen.

PS: „Erhei­tert von Ihrem Arti­kel zum ‚aka­de­mi­schen Wir­ken’ von Patri­ce Pou­trus” sen­det mir Lese­rin *** „einen Bei­trag zum ‚aka­de­mi­schen Wir­ken’ von Andrea Nah­les. Die Magis­ter­ar­beit von Frau Nah­les (nach 10-jäh­ri­gem Stu­di­um) beschäf­tig­te sich mit dem The­ma: ‚Die Funk­ti­on von Kata­stro­phen im Seri­en-Lie­bes­ro­man’. Da ist man als SPD-Kan­di­dat und Mit­glied im Vor­stand der Bun­des­agen­tur für Arbeit doch bes­tens gerüstet.”

***

„Sehr geehr­ter Herr Klo­novs­ky, heu­te gibt es wie­der ein Tref­fen der Her­ren Scholz und Merz im Kanz­ler­amt. Ein­zi­ges The­ma ist aber­mals: Wel­che lang­jäh­ri­gen Pro­gramm­punk­te der AfD zum The­ma ‚Migra­ti­on’ kön­nen wir als fol­gen­lo­se Ankün­di­gun­gen in einer sol­chen Art und Wei­se über­neh­men, daß die Wäh­ler glau­ben, daß die Ideen dem har­ten Rin­gen unse­res brei­ten demo­kra­ti­schen Zweck­bünd­nis­ses mit sich selbst völ­lig neu ent­sprun­gen sind, so daß sie, die Wäh­ler, nächs­tes Jahr nicht die AfD, son­dern eben wie­der uns, das alter­na­tiv­lo­se demo­kra­ti­sche Spek­trum, wäh­len werden.”
(Leser ***)

 

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