7. Juli 2024

Zu den blei­ben­den Ver­diens­ten von Anna­le­na Baer­bock wird man rech­nen, dass sie den Blon­di­nen­wit­zen den Todes­stoß ver­setzt hat.

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Da kannst du als Sati­ri­ker einpacken.

Das war übri­gens drei Mona­te vor dem TV-Stil­ver­gleich mit die­sem, die­sem, wie heißt er doch gleich…? Kei­ne Ahnung, wie die New York Times die Sache heu­te sieht.

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„Man soll die Viel­falt nicht vorm Halb­fi­na­le loben”, sprach Bernd Zel­ler lau­nig. Die Zeit­schrift Tumult twit­ter­te nach der deut­schen Vier­tel­fi­nal­nie­der­la­ge gegen Spa­ni­en, „unse­rer Demo­kra­tie” sei­en nun lei­der „die Man­ne­quins des Deut­schen Fuß­ball-Bunds als Wer­be­trä­ger für Viel­falts­kitsch” ver­lo­ren­ge­gan­gen. Jenem die Mann­schaft betref­fen­den Viel­falts­lob ist nach deren Aus­schei­den nun ein Dimi­nu­en­do beschie­den, das sich auf unge­fähr zwei Jah­re erstre­cken dürf­te; ansons­ten aber wird die­ses Lob unse­ren All­tag wei­ter­hin so beglei­ten wie das Amok­gen­dern (hier: Ber­li­ner Verkehrsgesellschaft).

Und wie die War­nung vor der düs­te­ren, aber not­wen­di­gen Kehr­sei­te der Viel­falt, dem Ras­sis­mus. Auch ein „Nach­rich­ten­ka­nal” darf sich aus der gesell­schaft­li­chen Alar­mie­rungs­ver­ant­wor­tung nicht davonstehlen.

Die­ser kriegs­be­mal­te Alman zeigt, um wes­sen Ras­sis­mus es geht und von Anfang an ging (ob auch kul­tu­rel­le Aneig­nung mit im Spiel ist, muss die taz beant­wor­ten). Zwar ist der deut­sche Anfeue­rungs­ras­sis­mus fürs ers­te gestoppt, doch der Ras­sis­mus selbst, die­ser gute alte Plan­stel­len- und Sti­pen­di­en­ver­schaf­fer, endet nim­mer­mehr. Eth­nisch-kul­tu­rel­le Viel­falt und Ras­sis­mus gehö­ren zusam­men wie Yin und Yang oder Abwehr und Boss. Neu­er­lich n‑tv:

Des­halb gilt in der bun­ten Welt der Medi­en die Devi­se Unse­re täg­li­che Schuld gib uns heu­te, wobei die­ses unse­re cle­ver­er­wei­se die Schuld­zu­tei­ler aus­schließt. Schuld geben ist bekannt­lich seli­ger denn nehmen.

Der Fuß­ball­spie­ler Anto­nio Rüdi­ger ist mir, so weit ich das über­haupt beur­tei­len kann, nicht unsym­pa­thisch, die Auf­re­gung über sei­nen Inter­view­satz nach dem Spiel gegen die Dänen: „Was wir kri­ti­sie­ren kön­nen, ist, dass wir sie nicht frü­her getö­tet haben”, fin­de ich lach­haft. Die­se Kicker reden ja heut­zu­ta­ge alle so unan­stö­ßig, als sei­en sie in einem Mäd­chen­pen­sio­nat abge­rich­tet wor­den, da freut man sich doch gera­de­zu, wenn mal einer wie auf­’m Platz spricht. Inwie­weit Rüdi­ger unter Ras­sis­mus zu lei­den hat, ver­mag ich nicht zu beur­tei­len, auch der ntv-Arti­kel bringt kei­ne Auf­schlüs­se. Der Mann ver­dient Mil­lio­nen, ihm ste­hen alle Medi­en offen, er spielt in der Natio­nal­mann­schaft und ist beim Publi­kum sowie bei den Mit­spie­lern beliebt, es kann also nicht ganz so schlimm sein. Jeden­falls wird er im All­tag sehr viel weni­ger dis­kri­mi­niert als bei­spiels­wei­se AfD-Funk­tio­nä­re oder Mar­tin Sell­ner. Mit acht Jah­ren, notiert der Jour­na­list erschüt­tert, habe Rüdi­ger sei­nen Vater fra­gen müs­sen, was das Wort „Neger” bedeu­tet. Nun ja, Kin­der unter sich sind nicht zim­per­lich, das erfah­ren die Almans, Kuf­far bzw. Kar­tof­feln inzwi­schen eben­falls auf ihren bun­ten Schul­hö­fen, alle fünf­zig oder hun­dert Jah­re wer­den die Spie­ße umge­dreht, und dass es geschla­ge­ne acht Umläu­fe dau­er­te, bis sich der klei­ne Anto­nio erst­mals mit dem „N‑Wort” kon­fron­tiert sah, wür­de ich eher als einen Erfolg der wohl­mei­nen­den Päd­ago­gik werten.

„Sei­ne gesam­te Kar­rie­re beglei­tet Rüdi­ger, des­sen Mut­ter in Sier­ra Leo­ne gebo­ren ist, Ras­sis­mus”, seufzt der ntv-Jour­na­list. Sei­ne „schwie­rigs­te Erfah­rung” (da steht wirk­lich „schwie­rigs­te”) habe der schwar­ze Deut­sche als Spie­ler bei Chel­sea Lon­don gemacht, „2019, kurz vor Weih­nach­ten. Bei einer Ecke mach­ten Fans von Tot­ten­ham Hot­spur Affen­lau­te in sei­ner Nähe. Die Schmä­hun­gen tra­fen ihn tief. Er habe sich gefühlt, ‚als wäre ich kein Mensch, als wäre ich ein Tier. Ein Affe’, erzähl­te er damals dem Spie­gel. ‚Ich glau­be, dass sich nie­mand in die­se Situa­ti­on rein­füh­len kann, der das noch nie erlebt hat.’ In die­sem Moment habe er sich unfass­bar allein gefühlt.”

Selbst­ver­ständ­lich fin­de ich das Beneh­men die­ser soge­nann­ten Fans unap­pe­tit­lich und tadelns­wert, will aber ein­mal mehr dar­auf hin­wei­sen, dass nicht Ras­sis­mus das Pri­märm­o­tiv dafür ist, son­dern rigi­de Par­tei­nah­me; der Schwar­ze in der geg­ne­ri­schen Mann­schaft wird belei­digt – wie über­haupt jeder geg­ne­ri­sche Spie­ler –, der Mohr in der eige­nen Trup­pe beju­belt. Der­je­ni­ge Spie­ler, der vom Publi­kum am exzes­sivs­ten mit Affen­lau­ten akkom­pa­gniert und oben­drein mit Bana­nen bewor­fen wur­de, war übri­gens blü­ten­weiß und blond: Oli­ver Kahn. Der Bay­ern-Kee­per steck­te dies aber in aller Gemüts­ru­he weg, ja er schien es sogar zu genie­ßen, wenn das gan­ze Sta­di­on gegen ihn war. Wie die hür­nene Haut den Sieg­fried vor feind­li­chen Waf­fen schütz­te ihn näm­lich sein Bleich­ge­sicht vor Ras­sis­mus, wäh­rend er ihn zugleich – wir neh­men mal zu Ollis Guns­ten an: nolens volensstruk­tu­rell ausübte.
Als nächs­tes Exem­pel für den zeit­le­bens auf Rüdi­ger nie­der­pras­seln­den Ras­sis­mus muss Nius auf der ntv-Ankla­ge­bank Platz neh­men, „das rechts­po­pu­lis­ti­sche Por­tal des Ex-‚Bild’-Chefs Juli­an Rei­chelt”, wel­ches sich „seit Mona­ten” an ihm „abar­bei­te”, was im Wahr­heits- und Qua­li­täts­jour­na­lis­mus aber ledig­lich gegen­über Schwe­fel­par­tei­bu­ben als erlaubt bzw. gebo­ten gilt. „Alles fing im März mit einem Insta­gram-Bild zu Beginn des Fas­ten­mo­nats Rama­dan an, das mitt­ler­wei­le Mil­lio­nen Likes hat. Rüdi­ger hob dar­auf den rech­ten Zei­ge­fin­ger. Rei­chelt woll­te dar­in einen ‚Isla­mis­ten-Gruß’ erken­nen, Rüdi­ger stell­te klar, dass es sich um den ‚Tau­hid-Fin­ger’ han­de­le. Im Islam sym­bo­li­sie­re das ‚Ein­heit und die Ein­zig­ar­tig­keit Got­tes’, erklär­te der DFB-Star. Und schob eini­ge Tage spä­ter hin­ter­her: ‚Ich las­se mich nicht belei­di­gen und als Isla­mist verunglimpfen.’ ”
So sehr mir es auf der Zun­ge brennt, Gott­fried Curi­os Sen­tenz zu zitie­ren, Isla­mis­mus sei ledig­lich „ange­wand­ter Islam”, füh­le ich mich doch in Sachen Rüdi­ger zur Unschulds­ver­mu­tung ver­pflich­tet. Aller­dings nicht gegen­über dem „Nach­rich­ten­ka­nal”, denn die Sache mit dem Fin­ger hat ja mit der Haut­far­be des Kickers und Ras­sis­mus nichts zu tun, son­dern mit sei­nem Glau­bens­be­kennt­nis – die von inter­es­sier­ter Sei­te ins Spiel gebrach­te Kate­go­rie „anti­mus­li­mi­scher Ras­sis­mus” wird sich kein Zurech­nungs­fä­hi­ger auf­nö­ti­gen las­sen. Bemer­kens­wert ist der Hin­weis auf die „Mil­lio­nen Likes” für Rüdi­gers pikan­te Ges­te: Woher die wohl stam­men? Die legen­dä­ren rus­si­schen Hacker und Putin-Bots schei­nen dies­mal ja nicht invol­viert zu sein.
War das schon alles? Nein, der „Nach­rich­ten­ka­nal” hat ein letz­tes Ass im Ärmel: „Wie tief der Ras­sis­mus noch immer ver­wur­zelt ist, zeig­te vor der EM eine WDR-Umfra­ge. Jeder Fünf­te (21 Pro­zent) gab dar­in an, dass er es bes­ser fin­den wür­de, wenn die deut­sche Fuß­ball-Natio­nal­mann­schaft wie­der ‚wei­ßer’ wäre.”

Aller­dings ist auch das kein Beleg für Ras­sis­mus. Ras­sis­mus ist Abwer­tung des Frem­den oder Anders­ar­ti­gen. Die Bevor­zu­gung des Eige­nen im Sin­ne des eth­nisch Ähn­li­chen aber ist eine evo­lu­tio­nä­re Grund­tat­sa­che und nichts Schlim­mes oder Böses. Ein­zig der Zeit­geist (im Wes­ten) gebie­tet es, Fremd­heit grund­sätz­lich als Berei­che­rung zu wer­ten und die­je­ni­gen, die sich nicht dar­ein fügen wol­len, zu kri­mi­na­li­sie­ren. Der Wunsch nach einer „wei­ße­ren” Mann­schaft ist aber genau­so legi­tim wie der nach einer „bun­te­ren”. Es han­delt sich außer­dem um eine deut­li­che Min­der­heit, die die­sen Wunsch ver­spürt, womit die Ras­sis­mus-Unter­stel­lung auch im quan­ti­ta­ti­ven Sin­ne eher wider­legt als bestä­tigt wäre. Völ­ker, die so wenig ras­sis­tisch sind wie die Deut­schen, muss man im Jam­mer­tal der Erde wohl mit der Later­ne suchen, wes­halb man uns mit ver­gleich­ba­ren Umfra­gen aus ande­ren Län­dern nicht behelligt.

(Netz­fund)

Fas­sen wir zusam­men: Ras­sis­mus ist empö­rend, aber kei­nes­wegs alles ist Ras­sis­mus, was die Viel­falts­pro­pa­gan­dis­ten dafür hal­ten bzw. zu hal­ten fin­gie­ren. Der Ras­sist will sein Gegen­über ernied­ri­gen, ihm die Zuge­hö­rig­keit zur Gesell­schaft abspre­chen und ihn aus dem Dis­kurs aus­schlie­ßen; genau das­sel­be will der „Anti­ras­sist” auch.

Und über­haupt apro­pos Ras­sis­mus: War­um soll man sich, mit Nietz­sche gespro­chen, Begrif­fe auf­zwin­gen las­sen, denen von vorn­her­ein eine ver­leum­de­ri­sche Absicht ein­ge­prägt ist?

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„Wir”.

Lie­be Bür­ger und Wäh­ler in der DDR: Wer mit Kat­rin Göring-Eckardt ein Wir hat, den müs­sen Sie lei­der­lei­der auch wie Kat­rin Göring-Eckardt behandeln.

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Dani­el Kehl­mann, Autor geho­be­ner und nicht ohne Talent fabri­zier­ter Unter­hal­tungs­li­te­ra­tur, agiert, wenn er sich poli­tisch äußert, stets so zeit­geist­kon­form und ver­gan­gen­heits­dienst­be­flis­sen, dass man glau­ben könn­te, er bewer­be sich um ein staat­li­ches Kul­tur­sti­pen­di­um oder sei­nen aller­ers­ten Lite­ra­tur­preis. Dabei ver­kauft sich sein Kunst­ge­wer­be wie geschnit­ten Brot, und man hat ihn mit Aus­zeich­nun­gen behängt wie einen Weih­nachts­baum mit Lamet­ta: Er ist, unter ande­rem, Trä­ger des Kleist‑, Hölderlin‑, Hei­mi­to-von-Dor­de­rer- und Tho­mas-Mann-Prei­ses. (Dass er die bei­den Erst­ge­nann­ten ange­nom­men hat, zeugt, wie auch die Tat­sa­che, dass er sich auf dem Rücken eines Essay-Bänd­chens mit Proust und Nabo­kov auf eine lite­ra­ri­sche Ebe­ne hie­ven ließ, von einer gewis­sen betriebs­nu­del­haf­ten Scham­fer­ne, aber was soll’s, der Mensch ist schwach und Eitel­keit ein immer­hin gesel­li­ges Las­ter.) Er hät­te es also nicht nötig, sich beim Estab­lish­ment anzu­die­nen. Den Schluss, dass Über­zeu­gung aus ihm spricht, hiel­te ich aller­dings für nicht zwin­gend, letzt­lich geht es den Buben meis­tens dar­um, ein­ge­la­den zu wer­den, dazu­zu­ge­hö­ren und aus­schließ­lich in Gefil­den zu ver­keh­ren, wo soge­nann­te sozia­le Pro­ble­me – tat­säch­lich han­delt es sich ja meist um Pro­ble­me mit Aso­zia­len – allen­falls in Gestalt eines bereits gefil­ter­ten Hören­sa­gens vor­stel­lig werden.

Nun hat Kehl­mann den Lud­wig-Bör­ne-Preis erhal­ten. Ein Preis­trä­ger hält gemein­hin eine Dan­kes­re­de, und jene (hin­ter der Bezahl­schran­ke ver­bor­ge­ne) ver­dient eine Notiz in mei­ner peni­blen Chro­nik des best- und bes­ser­deut­schen Epöchleins.

Kehl­mann wan­delt in der Nach­fol­ge von Robert „dem Nach­denk­li­chen”, der im ver­gan­ge­nen Jahr deko­riert wur­de, denn die Aus­zeich­nung soll schließ­lich „deutsch­spra­chi­ge Autoren ehren, die im Bereich des Essays, der Kri­tik und der Repor­ta­ge Her­vor­ra­gen­des geleis­tet haben” (unser Wirt­schafts­trans­for­ma­ti­ons­mi­nis­ter Habeck war nomi­niert für die Kate­go­rie „Her­vor­ra­gen­des”). Ich fin­de es völ­lig ange­mes­sen, wenn Autoren des deut­schen Vor­märz als Namens­ge­ber für aktu­el­le Lite­ra­tur­prei­se fun­gie­ren – fir­mie­ren? jeden­falls die­nen –, mei­net­we­gen auch für in die Poli­tik ent­sprun­ge­ne Kin­der­buch-Coau­to­ren, von denen vor­schlags­be­rech­tig­te FAZ-Her­aus­ge­ber im Gegen­zug ein biss­chen staat­li­ches Spon­so­ring erhof­fen; das passt schon zusam­men, auch im Sin­ne der sprach­li­chen Rei­se­flug­hö­he. (Wie alle Soli­tä­re gehört Hei­ne nir­gend­wo hin, und Goe­the ist nur des­halb „Klas­sik”, weil er sie qua­si allein ver­kör­pert.) Was die Sache mit dem aktu­el­len Namens­pa­tron betrifft, steht unser Preis­trä­ger vor dem Pro­blem, dass Bör­ne, man hal­te von ihm, was man will, sich sei­ner­zeit gegen die Obrig­keit gestellt hat­te und ins Exil gegan­gen war, wäh­rend Kehl­mann ihr nach dem Mun­de redet wie nur je eine Hof- oder Bun­des­tags­schran­ze. Aller­dings pflegt man die­se Dis­so­nanz gemein­hin mit der Behaup­tung weg­zu­mo­de­rie­ren, dass die Obrig­keit im bes­ten Deutsch­land aller Zei­ten – das Bes­te kommt bekannt­lich immer zuletzt – kei­ne mehr sei, son­dern als demo­kra­tisch gewähl­te Regie­rung den Wil­len aller Deut­schen, nein, aller Bür­ger, nein, auch nicht, der Men­schen da drau­ßen im Land und aller, die noch kom­men wol­len, ver­tre­te. Und über­dies das Ver­mächt­nis aller Obrig­keits­be­kämp­fer, par­don: ‑bekämp­fen­den, und Stan­des­schran­ken­schlei­fen­den der deut­schen Geschich­te erfül­le. Mit einem Wort: Zu Bör­nes Zei­ten war die Obrig­keit böse, und heu­te ist sie gut, wes­halb heu­te Oppo­si­ti­on gegen die Obrig­keit so ver­werf­lich ist, wie sie wei­land ange­zeigt war.

Der „deutsch-öster­rei­chi­sche Schrift­stel­ler” (Wiki­pe­dia) Kehl­mann hält den Vor­märz und den Bör­ne mit­ten­mang für so etwas wie die geis­ti­ge Grün­dung der Bun­des­re­pu­blik oder jeden­falls „unse­rer” Demo­kra­tie. In sei­nem kind­li­chen Ver­ständ­nis gibt es am Vor­märz nichts Ambi­va­len­tes oder Tie­fen­däm­li­ches, außer viel­leicht in Gestalt Hei­nes, wel­cher, „aus­ge­stat­tet mit grö­ße­rem Genie und schlech­te­rem Cha­rak­ter”, für Bör­nes „Nach­ruhm­ka­ta­stro­phe” ver­ant­wort­lich war, die er mit „zuwei­len ver­leum­de­ri­schen Mit­teln” her­bei­ge­führt bzw., wie es heu­te hie­ße, -gehetzt hat­te, obwohl er doch eigent­lich Bör­nes „poli­ti­scher Bun­des­ge­nos­se” gewe­sen sei.

Also, lie­be Kin­der, merkt euch: Vor­märz gut, Bör­ne toll, Hei­li­ge Alli­anz gaanz schlecht, weil reak­tio­när (was mich betrifft: einen Met­ter­nich-Preis thät’ ich anneh­men), Hei­ne so lala, aber ins­ge­samt auf der rich­ti­gen Sei­te. In Kehl­manns ober­stu­fen­taug­li­chen Wor­ten: „Wir ver­wen­den ger­ne das Geschichts­buch­la­bel Restau­ra­ti­on, aber was heißt das? Es heißt Fol­gen­des: Die Welt hat eine gewal­ti­ge Revo­lu­ti­on gese­hen und dann einen Herr­scher, der deren Errun­gen­schaf­ten mit sieg­rei­chen Hee­ren durch Euro­pa getra­gen hat: Der ‚Code Napo­le­on’ hat die Gleich­stel­lung der Juden bewirkt, hat auf­ge­klär­te­re Geset­ze gebracht, und er hat vor allem end­lich die feu­da­len Fürsten ent­mach­tet. Und jetzt – wird die Uhr zurückgestellt. Ein­fach so. Es wird erklärt, dass nichts von dem, was gesche­hen ist, gesche­hen ist. (…) Der Fort­schritt kann ein­fach so auf­ge­ho­ben wer­den, von einem Tag zum nächs­ten; wenn man will und die Macht hat, dann geht das.”

Gevat­ter Kehl­mann gehört näm­lich selbst zum Fort­schritt – Nacht­bu­ben, ick hör euch schon trap­sen –, wes­halb er eine Peti­tes­se wie das Preu­ßi­sche Juden­edikt von 1812 mal eben igno­rie­ren kann, denn wo fort­schritts­the­sen­taug­lich geho­belt wird, da fal­len auch schon mal die Gleich­stel­lungs­edik­te der Fal­schen als Spä­ne. Wer an die­ser Stel­le der Rede ange­kom­men ist, kann sich ohne Mühe aus­ma­len, wie es wei­ter­geht. Wie­der will eine fins­te­re Macht, prak­tisch eine neue Hei­li­ge Alli­anz – und zwar kei­nes­wegs jene mit dem Zen­trum Mek­ka (bzw. dem Blick dort­hin) –, den Fort­schritt ein­fach auf­he­ben, die Zen­sur wie­der­ein­füh­ren, Mei­nungs­kor­ri­do­re ver­en­gen, aktu­el­le Vor­märz­ler, Deka­b­ris­ten u.ä. can­celn, ent­rech­ten, ver­fol­gen, womög­lich ein­sper­ren. Den Fort­schritt ver­kör­pern heu­te offen­bar die Ampel­par­tei­en (in allen euro­päi­schen Län­dern), die EU, die UNO, die WHO, bestimmt auch Phil­an­thro­pen und Mensch­heits­trä­nen­trock­ner wie der Schwab­klaus, Bil­ly­boy und Gevat­ter Sor­os. Wer aber sind die Fins­ter­män­ner und reak­tio­nä­ren Auf­hal­ter (Kat­echon­ten) der ande­ren Seite?

Bei Kehl­mann liest sich das so: „Kurz vor sei­nem Tod schreibt der kran­ke Exi­lant in Paris die Schrift, von der er weiß, dass sie sein Ver­mächt­nis sein wird und sei­ne abschlie­ßen­de Bot­schaft an die Zukunft. Selbst Hei­ne nennt sie ‚einen kla­ren See, wor­in der Him­mel mit allen Ster­nen spie­gelt, und Bör­nes Geist taucht hier auf und unter wie ein schö­ner Schwan.’ Tat­säch­lich schleu­dert die­se letz­te Schrift, so wie­der Bör­ne selbst, ‚eine Fackel unter die Nacht­bu­ben’ in Deutsch­land – und man soll­te sich die­ses Wort ‚Nacht­bu­ben’ mer­ken, soll­te es heu­te wie­der so häu­fig ver­wen­den, dass ihm Flügel wach­sen: Ste­ve Ban­non, Roger Köp­pel, Alex Jones, Jürgen Elsäs­ser, Tucker Carlson, Götz Kubit­schek und natürlich die viel­ge­stal­ti­gen Frat­zen von Rupert Mur­dochs Lügenarmeen, all die stol­zen Wort­hel­fer von Unrecht und Kor­rup­ti­on, nen­nen wir sie doch auch ‚Nacht­bu­ben’, und dan­ken wir Lud­wig Bör­ne für die­se schö­ne Prägung.”

Ste­ve Ban­non, Roger Köp­pel, Tucker Carlson und Götz Kubit­schek: Man sieht, Kehl­manns Welt­bild ist unge­fähr so manich­ä­isch wie das des Preis­na­mens­ge­bers (aber auch sei­nes Preis­trä­ger­vor­gän­gers), wes­halb er kein Pro­blem damit hat, Bör­ne als Strei­ter gegen Fürs­ten­herr­schaft, Will­kür und Zen­sur zu prei­sen, zugleich aber ver­mit­tels eines recht belie­bi­gen Name drop­pings Publi­zis­ten als dunk­le Gestal­ten anzu­pran­gern, von denen sich die meis­ten gegen die Zen­so­ren der Gegen­wart, den Import ata­vis­ti­scher reli­giö­ser Sit­ten und die olig­ar­chisch-neo­feu­da­le Ver­krus­tung gera­de in den west­li­chen Län­dern wen­den, wo sich eine glo­ba­lis­ti­sche Klas­se zur Welt­be­pla­nung rüs­tet und ein durch­aus feu­da­lis­tisch orga­ni­sier­tes Sinn­stif­ter­mi­lieu ihnen zuarbeitet.

Ich gestat­te mir eine klei­ne sach­dien­li­che Abschwei­fung. „Zu den öffent­lich am wenigs­ten bespro­che­nen gesell­schafts­prä­gen­den Phä­no­me­nen gehört die Tat­sa­che, dass gera­de in der Sinn­pro­duk­ti­on eine feu­da­le Klas­sen­ge­sell­schaft herrscht”, notiert Alex­an­der Wendt in sei­nem Buch „Ver­ach­tung nach unten. Wie eine Morale­li­te die Bürgergesellschaft bedroht – und wie wir sie ver­tei­di­gen kön­nen”, einer auf­klä­re­ri­schen Streit­schrift (mei­ne Rezen­si­on fin­den Sie hier). „Ob Hoch­schu­len, öffent­lich-recht­li­che Sen­de­an­stal­ten oder gro­ße Medi­en­häu­ser all­ge­mein, im Poli­tik­zu­ar­bei­ter­be­trieb oder in den NGOs, überall bestimmt eine Drei­tei­lung die Struk­tur des Gan­zen. Hoch oben, gewis­ser­ma­ßen auf dem Son­nen­deck, befin­det sich die Fürstenklasse, ob nun die Lei­tungs­ebe­ne der Sen­der, die Chef­re­dak­tio­nen der Medi­en, die Pro­fes­so­rene­be­ne der Hoch­schu­len, die Häup­ter der gro­ßen Kir­chen oder die Spit­zen gro­ßer, mit staat­li­chen und pri­va­ten Gel­dern durch­fi­nan­zier­ten Stif­tun­gen. Wer zu die­sem Kreis gehört, erfreut sich meist lang­fris­ti­ger, hoch bezahl­ter Ver­trä­ge mit diver­sen Extras, genießt einen fast unbe­schränk­ten Zugang zu öffent­li­chen Podi­en, im Fall von beam­te­ten Pro­fes­so­ren nahe­zu voll­stän­di­gen Kündigungsschutz, in den ande­ren zumin­dest die Sicher­heit, bei einem Sturz finan­zi­ell sehr weich zu fal­len. Kein Beam­ter, kein Inten­dant und kein Bischof hängt außer­dem – auch das gehört zu den struk­tur­bil­den­den Bedin­gun­gen – in sei­nem Alters­wohl­stand von der staat­li­chen Ren­ten­kas­se ab. Für sie exis­tie­ren ungleich bes­ser aus­ge­stat­te­te Sondersysteme.

Unter dem Son­nen­deck lie­gen die Kabi­nen der ange­stell­ten Dozen­ten, Ver­wal­tungs­mit­ar­bei­ter, Redak­teu­re, Kir­chen­be­diens­te­te, fest ange­stell­te NGO-Mit­ar­bei­ter, gewis­ser­ma­ßen die Klein­ad­li­gen. Hier gibt es zwar kei­ne üppige, aber meist eini­ger­ma­ßen aus­kömm­li­che Bezah­lung und nicht immer, aber meist län­ger lau­fen­de Arbeits­ver­trä­ge, die den mate­ri­el­len Druck mil­dern. Dar­un­ter begin­nen die Abtei­le der drit­ten Klas­se. Hier wer­keln Mit­ar­bei­ter des aka­de­mi­schen Unter­baus streng befris­tet auf hal­ben, manch­mal sogar auf Vier­tel­stel­len, bie­ten freie Jour­na­lis­ten ihre Erzeug­nis­se zu demütigenden Prei­sen an, han­geln sich Spea­k­er von einer schlecht bezahl­ten Ein­la­dung zu einer Kon­fe­renz zur nächs­ten. Bei vie­len reicht es nur mit ergän­zen­den staat­li­chen Trans­fer­leis­tun­gen zu einem Leben, das ihnen – da es sich bei die­sem Milieu mög­lichst in einer Groß­stadt abspie­len muss – nicht die kleins­te Frei­heit lässt. Nicht finan­zi­ell, erst recht nicht im Verhalten.”

Und drau­ßen – der Rest. Ende der Abschweifung.

„War Deutsch­land je Bör­nes würdig?”, fragt unser Börn­e­preis­ge­wür­dig­ter. Die Ant­wort gibt er nicht direkt, aber sie liegt auf der streb­sam geöff­ne­ten Hand: Ers­tens nein, zwei­tens: Däch­te in Deutsch­land jeder­mensch so wie die Mon­dia­lis­ten in Brüs­sel, Washing­ton und dem Sili­con Val­ley, wie die Grü­nen, Haber­mas und Kehl­mann, dann könn­te man die­se Fra­ge end­lich beja­hen und Bör­ne pos­tum aus sei­nem Exil heim ins woke Reich holen. Die „Nacht­bu­ben” und „wir” lau­tet die Über­schrift, die­ses „wir” sind dann wohl die Tag­bu­ben, ver­sam­melt unter der auto­ri­tä­ren Flos­kel „unse­re Demo­kra­tie”. Hell­deutsch­land ver­sus Dun­kel­deutsch­land, man kennt das, gera­de als Höl­der­lin­preis­trä­ger. Dabei ist es kei­nes­wegs sicher, auf wel­cher Sei­te Bör­ne – und erst recht Hei­ne – heu­te stün­den, gera­de in ihrer Eigen­schaft als Juden und ange­sichts will­kom­mens­kul­tu­rel­ler Anti­se­mi­ten­im­port­ex­zes­se. Schwer vor­stell­bar, dass die bei­den den woken Neo­ras­sis­mus und Neo­tri­ba­lis­mus gebil­ligt hät­ten, das Nie­der­brül­len von Pro­fes­so­ren, die Sprach­zen­sur, das Umschrei­ben von Klas­si­kern wegen böser Wor­te, die Anpran­ge­rung der west­li­chen Kul­tur als ras­sis­tisch, sexis­tisch, ableis­tisch, die För­de­rung von Dumm­köp­fen im Namen ihrer Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit und das Heros­tra­ten­tum all­über­all. Womög­lich wären die bei­den wei­ßen Män­ner heu­te gro­ße Fans des Ben­zi­ners (Cabrio) und noch grö­ße­re Ver­spot­ter der Isla­mis­ten, der Femi­nis­ten und – Hei­ne! – der LGBTQ-Wich­tig­tu­er. Und wenn Kehl­mann den „Uni­ver­sa­lis­mus” auf dem Grun­de von Bör­nes (und Hei­nes) Gesin­nung fin­det, sähe man den bra­ven Baruch doch gern mal im Gespräch mit Uni­ver­sa­lis­ten wie Uschi von der Ley­en oder Hun­ter Biden und den Hei­ne zu Gast bei den Moral­gi­gan­ten auf den WEF-Tref­fen zu Davos. Was der gro­ße Wei­ber­an­har­fer aus Düs­sel­dorf zu einem Deutsch­land gesagt hät­te, in des­sen Städt­chen jeden Tag im Schnitt zwei Mädels von Gäs­ten der Fort­schritts­re­gie­rung grup­pen­ver­ge­wal­tigt wer­den, male sich jeder selbst aus.

Ich will dem Kehl­mann zuletzt noch anhand von eini­gen zufäl­lig aus­ge­wähl­ten Exem­peln erklä­ren, wer heu­te die wirk­li­chen „Nacht­bu­ben” sind.

„Nacht­bu­ben”, das sind zum Bei­spiel die Spit­zel und Ruf­mör­der von Cor­rec­tiv, die von der Obrig­keit dafür bezahlt wer­den, dass sie Oppo­si­tio­nel­le denun­zie­ren und deren beruf­li­che Exis­tenz ver­nich­ten, zum Bei­spiel indem sie ein kon­ser­va­ti­ves Aller­weltstref­fen mit nach­rich­ten­dienst­li­chen Mit­teln aus­leuch­ten, zum „Geheim­tref­fen” und zur „Wann­see­kon­fe­renz 2.0” umlü­gen, volks­ver­het­zen­de Falsch­in­for­ma­tio­nen über dort angeb­lich bespro­che­ne Depor­ta­ti­ons­plä­ne ver­brei­ten, sie in einer kon­zer­tier­ten Akti­on unter Benut­zung sämt­li­cher Medi­en­ka­nä­le und ein aus Lügen­ge­spins­ten fabri­zier­tes Thea­ter­stück über das gan­ze Land ver­brei­ten, was dazu führt, dass Hun­dert­tau­sen­de Mani­pu­lier­te gegen einen Popanz wie von der FDJ orga­ni­siert auf die Stra­ße gehen, die meis­ten Teil­neh­mer die­ses Tref­fens ihre Jobs ver­lie­ren, atta­ckiert wer­den etc. und das Hotel kei­ne Besu­cher mehr hat. Inzwi­schen sind nahe­zu alle Anschul­di­gun­gen wider­legt wor­den, und eini­ge Gäs­te der inkri­mi­nier­ten Gesprächs­run­de haben sich vor Gericht erfolg­reich gegen ihre Kün­di­gung gewehrt.

„Nacht­bu­ben” sind jene Mimen des Ber­li­ner Ensem­bles, die bei dem Ruf­mord mit­ge­macht haben – „Hit­ler sprach zu Goeb­bels das:/Auf die Küns­te ist Ver­lass!” (Peter Hacks). „Nacht­bu­ben” waren jene, die in den Coro­na­jah­ren über die Imp­f­un­wil­li­gen Sät­ze wie „Möge die gan­ze Repu­blik mit dem Fin­ger auf sie zei­gen” schrie­ben, und eine ganz spe­zi­el­le Nacht­bü­bin – Nacht­schwes­ter wäre die fal­sche Asso­zia­ti­on – dar­un­ter ist jene Frau Boset­ti, die sämt­li­che Kri­ti­ker der Coro­na­dik­ta­tur mit Blind­där­men – „über­flüs­sig und rechts unten” – ver­glich. Ein „Nacht­bu­be” par excel­lence ist der Uni­ons­ab­ge­ord­ne­te Mar­co „run­ning gag” Wan­der­witz, ein knall­deutsch-auto­ri­tä­rer Cha­rak­ter, der gern die anti­au­to­ri­tä­re Oppo­si­ti­on ver­bie­ten, ent­eig­nen, ja „aus­lö­schen” wür­de, weil er kei­ne Argu­men­te gegen sie vor­zu­brin­gen vermag.

„Nacht­bu­ben” sind jene Lemu­ren, die sol­che Denun­zia­ti­ons­por­ta­le betrei­ben, sol­che „Visi­ten­kar­ten” ver­tei­len und die gan­ze Cho­se „Demo­kra­tie leben” nennen:

„Demo­kra­tie leben” hieß frü­her „Schild und Schwert der Par­tei”. Das weiß unser preis­be­häng­ter Tag­bu­be natür­lich selbst.

Kehl­mann beginnt sei­ne Rede mit dem Frank­fur­ter Zen­sor Johann Joseph Sever, der mit Bör­ne sym­pa­thi­sier­te und des­halb sei­nen Job hin­schmiss (man hat das damals anders fomu­liert), eine Ges­te, die heu­te wohl auf Rechts­po­pu­lis­mus hin­aus­lie­fe. Wenn man der­mal­einst als wie­der­holt auf­fäl­lig gewor­de­ner Falsch­mei­ner ein­fach nur noch gelöscht und mit­samt sei­nem vir­tu­el­len Ali­as für immer aus dem Netz getilgt wird, dann wer­den einem die Zen­so­ren aus der Zeit der Restau­ra­ti­on wie tem­pe­rier­te, mit­füh­len­de Wesen erscheinen.

Sela, Psal­me­n­en­de.

***

Apro­pos tat­säch­li­che „Nacht­bu­ben” bzw. sozia­le Pro­ble­me bzw. Pro­ble­me mit Aso­zia­len (und den Aus­weg, der sie vor­sätz­lich und amts­eid­brü­chig impor­tie­ren­den Obrig­keit so nach dem Mund zu reden, dass man selbst davon einst­wei­len noch ver­schont bleibt): Bei Danisch stieß ich auf den Brief einer jun­gen Fran­zö­sin, der gera­de­wegs aus der Zukunft kommt und beschreibt, was vie­len wei­ßen west­li­chen Frau­en bevor­steht, wenn die fal­schen „Nacht­bu­ben” nicht bald an die Macht gelan­gen und die­ser Ent­wick­lung ein Ende set­zen. Ich zitiere:

„Ich bin 26 Jah­re alt, Fran­zö­sin, blond und hell­äu­gig. Ich habe immer in Lyon 6eme gewohnt, dem soge­nann­ten bür­ger­lichs­ten Vier­tel von Lyon, und mein All­tag in die­ser Stadt ist immer uner­träg­li­cher gewor­den. Ich erzäh­le Ihnen das, weil ich vor zehn Jah­ren abends zu jeder Stun­de mit mei­nen Freun­den aus­ge­hen konn­te, ohne ange­pö­belt, belei­digt, ver­folgt oder mit einem Mes­ser ange­grif­fen zu wer­den. Ich erwäh­ne das Mes­ser, weil mein Freund und zwei sei­ner Freun­de vor drei Jah­ren auf dem Heim­weg von einer Män­ner­ban­de ange­pö­belt, umzin­gelt und einem der drei das Han­dy geklaut wur­de. Sie wehr­ten sich, und mein Freund, der vom Kör­per­bau wie ein Rug­by­spie­ler aus­sah, wur­de mit einem Mes­ser in den Arm gesto­chen, mit wel­chem er sei­nen Hals schütz­te. Man hat ver­sucht, ihm die Keh­le durchzuschneiden.

Ich mei­ner­seits wer­de sehr regel­mä­ßig ver­folgt und beschimpft, weil ich nicht ant­wor­te oder weil ich ant­wor­te, dass ich einen Freund habe. Ein­mal wur­de ich sogar ange­spuckt. Immer häu­fi­ger wer­de ich ange­pfif­fen, wie man nach Hun­den pfeift (…). Vor sechs Mona­ten haben wir ein Hun­de­ba­by adop­tiert. Eines Abends ging mein Freund um 21 Uhr mit ihm spa­zie­ren, und drei Jugend­li­che ver­such­ten, das Tier zu steh­len. Seit­dem gehen wir nur noch zu zweit abends mit ihm raus, wobei ich immer ein Pfef­fer­spray in der Tasche habe. Um unser Haus her­um wird unun­ter­bro­chen gedealt. Am Tag und in der Nacht. Das hat zur Fol­ge, dass Män­ner in unse­rem Haus her­um­lun­gern, schrei­en, meis­tens unter Dro­gen, und sich an Leu­te, vor allem an Frau­en, her­an­ma­chen. All die­se Aktio­nen (es ist nur ein Teil des­sen, was wir erle­ben) gehen von Män­nern aus, die ein­ge­wan­dert sind oder einen afri­ka­ni­schen oder nord­afri­ka­ni­schen Migra­ti­ons­hin­ter­grund haben. Noch nie hat sich ein wei­ßer Mann mir gegen­über so ver­hal­ten wie sie.

Ist es ras­sis­tisch, wenn ich anpran­ge­re, wie der All­tag auf­grund der Ein­wan­de­rung für eine Frau gewor­den ist? Ist mei­ne Rea­li­tät, mein All­tag ras­sis­tisch? Bin ich nicht legi­ti­miert wie jede ande­re Per­son, all die­se erlit­te­ne und trau­ma­ti­sie­ren­de Gewalt anzu­pran­gern, nur weil sie von aus­län­di­schen Män­nern oder Män­nern mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund aus­ge­übt wird? Ich wei­se dar­auf hin, dass ich nicht von Män­nern im All­ge­mei­nen spre­che, son­dern von Män­nern und manch­mal Min­der­jäh­ri­gen, die ein­ge­wan­dert sind oder einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund haben.

Jetzt, und das seit mitt­ler­wei­le etwa vier Jah­ren, habe ich mei­ne Lebens­wei­se, ob Zuhau­se oder drau­ßen, ver­än­dert und an die­se Unsi­cher­heit ange­passt. Ich lebe mit einem Pfef­fer­spray, einem Elek­tro­scho­cker und einer Pis­to­len­at­trap­pe, die ich nach einem ver­such­ten Ein­bruch erhal­ten habe. Wir haben unse­re Haus­tür mit einem Dop­pel­schloss nach­rüs­ten las­sen. In unse­rer Woh­nung gibt es eine Über­wa­chungs­ka­me­ra. In mei­ner Hand­ta­sche habe ich ein zwei­tes Pfef­fer­spray und einen Schlag­ring, der an mei­nen Schlüs­seln hängt. Ich betre­te nie ein Gebäu­de, ohne zu über­prü­fen, ob mir ein Mann folgt. Ich ver­wei­ge­re Augen­kon­takt mit Sie-wis­sen-schon-wem. Ich wechs­le stän­dig den Bür­ger­steig. Ich gehe nach 21 Uhr nicht mehr allein aus dem Haus oder las­se mich nach Hau­se brin­gen. Ich benut­ze kei­ne öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­tel mehr. Ich wei­ge­re mich, einen Fuß in bestimm­te Vier­tel von Lyon zu set­zen. Ich habe Angst, wenn ich allein zu Hau­se bin. Ich habe Angst, wenn ich drau­ßen bin. Ich habe stän­dig Angst.

Ich will die­se Zukunft nicht für mei­ne Kin­der, die zum Glück noch nicht da sind, und ich ver­ste­he die­je­ni­gen nicht, die nicht sehen, dass Frank­reich wegen der männ­li­chen Ein­wan­de­rer zur Wie­ge der Unsi­cher­heit wird. Für die Frau­en, aber auch für die Männer.

Also für Ihre Zukunft und die Ihrer Kin­der oder zukünf­ti­gen Kin­der: Stim­men Sie gut ab.”

Hier ist das Ori­gi­nal.

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Einen Netz­fund hab’ ich noch.

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Der wohl- und hoch­e­del­ge­lahr­te David Engels hat ein vier­tei­li­ges Gespräch mit mir geführt, das auf der Web­sei­te Der Sand­wirt erscheint, im Wochen­ab­stand, wenn ich recht infor­miert bin. Der ers­te Teil ist jetzt online – hier –; wenn die drei wei­te­ren fol­gen, wer­de ich jeweils dar­auf hinweisen.

 

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