Der frühe Vogel fängt die Katze

Eine ras­pel­kur­ze Anmer­kung pro domo zu Herrn Mar­cus Pretzell


Wer sich mit frem­den Federn schmückt, soll­te immer­hin nicht behaup­ten, der Vogel, von dem sie stam­men, exis­tie­re gar nicht – oder, wie unse­re Kanz­le­rin for­mu­lie­ren wür­de: Wer im Glas­haus sitzt, fällt selbst hin­ein. Der Euro­pa-Abge­ord­ne­te und NRW-Spit­zen­kan­di­dat der AfD Mar­cus Pret­zell (Beto­nung auf dem zwei­ten e) behaup­tet aus Grün­den, über die momen­tan in den Medi­en spe­ku­liert wird, ich hät­te nie für ihn gear­bei­tet. Bei einer solch ein­deu­ti­gen Aus­sa­ge genügt ein Gegen­bei­spiel, und um nie­man­den zu lang­wei­len, will ich es bei einem Exem­pel belas­sen. (Ein­schal­tung für Esel: Die­ser Ein­trag ver­folgt kei­ner­lei unlau­te­re Absich­ten gegen­über der AfD, sie möge gedei­hen, son­dern rich­tet sich ein­zig und allein gegen den in Rede ste­hen Her­ren, der sei­ne Hans­wurstia­den lei­der Got­tes in die­ser Par­tei auf­führt. Was aber kein Natur­ge­setz ist.) 

Zum Tag der deut­schen Ein­heit hielt Pret­zell die­se rund­um hörens­wer­te und amü­san­te Rede, die durch­aus ein grö­ße­res Publi­kum ver­dien­te als das wei­land zu Bad Can­statt versammelte. 

Ange­hängt folgt das Ori­gi­nal der Rede, diret­tis­si­mo ein­ko­piert von mei­ner gedächt­nis­star­ken Fest­plat­te. Bin gespannt, ob Sie die zehn ver­steck­ten Unter­schie­de fin­den. Viel Vergnügen!

Mei­ne Damen und Herren,

der Tag der deut­schen Ein­heit ist ein Fei­er­tag der Selbst­be­frei­ung. Die Völ­ker Ost­eu­ro­pas und die Men­schen in Ost­deutsch­land haben damals ein Gewalt­re­gime abge­schüt­telt, das wie ein rie­si­ger Para­sit auf ihnen lag. Die­ses Regime lähm­te die Eigen­in­itia­ti­ve, ver­bot das freie Den­ken, bespit­zel­te die Men­schen, ver­höhn­te das Recht und saug­te die Res­sour­cen der Län­der in zukunfts­blin­der Rück­sichts­lo­sig­keit aus. Und wäh­rend sie einen Teil Euro­pas in den Ruin wirt­schaf­te­ten und den Men­schen dort das Recht auf ein frei­es, selbst­be­stimm­tes Leben nah­men, ver­kün­de­ten die füh­ren­den Ver­tre­ter die­ses Regimes, sie besä­ßen das Man­dat der Geschich­te. Sie ver­kör­per­ten den Mensch­heits­fort­schritt. Ihnen gehö­re die Zukunft. Wenn die Völ­ker ihrer wei­sen Len­kung folg­ten – und man alle die­je­ni­gen, die dies nicht tun, ein­fach umer­zieht –, stün­de der idea­len Gesell­schaft nichts mehr im Wege. 

Mei­ne Damen und Her­ren, hal­ten wir uns, auch wenn der Anlass es gebie­tet, nicht lan­ge mit der Erin­ne­rung an ein Gesell­schafts­sys­tem auf, das völ­lig ver­dient auf dem Müll­hau­fen der Geschich­te gelan­det ist. Ich möch­te nur eine For­mu­lie­rung wie­der­ho­len, die Sie mir eben als rei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit durch­ge­hen lie­ßen, obwohl sie so selbst­ver­ständ­lich über­haupt nicht ist. Ich sprach vom „Recht auf ein frei­es, selbst­be­stimm­tes Leben“. Wie Sie alle wis­sen, exis­tiert ein sol­ches Recht in wei­ten Tei­len der Welt über­haupt nicht – in jenem Welt­teil etwa, aus wel­chem heu­te die meis­ten Ein­wan­de­rer nach Euro­pa kom­men, exis­tiert es nicht ein­mal als Ide­al. Und auch in der Welt­ge­schich­te war jahr­tau­sen­de­lang von einem sol­chen Recht nicht die Rede.

Woher stammt die Idee, dass der Mensch so groß und stolz und ver­we­gen sein könn­te, ein selbst­be­stimm­tes Leben zu füh­ren? Sie stammt aus Euro­pa. Es ist die Idee des Indi­vi­du­ums. Sie wur­de gebo­ren in Grie­chen­land, wo uns im Mensch­heits­früh­ling der Anti­ke erst­mals das euro­päi­sche Indi­vi­du­um ent­ge­gen­tritt. Sie lud sich auf mit der christ­li­chen Ver­kün­di­gung, dass jeder Mensch eine unsterb­li­che See­le besitzt. Sie ver­schmolz mit dem römi­schen Recht, das die Insti­tu­ti­on des Eigen­tums ver­kün­de­te, ohne die es kei­ne Frei­heit geben kann. Die Rechts­ord­nun­gen, die ab der frü­hen Neu­zeit auf dem euro­päi­schen Kon­ti­nent gal­ten, darf man bis heu­te getrost als römi­sches Recht bezeich­nen. Die Idee des frei­en Indi­vi­du­ums erblüh­te in der ita­lie­ni­schen Renais­sance, und sie erhielt ihr phi­lo­so­phi­sches Fun­da­ment durch die Den­ker der Auf­klä­rung. Das waren über­wie­gend Fran­zo­sen, Eng­län­der und Deut­sche. Sie sehen, mei­ne Damen und Her­ren, die Indi­vi­dua­li­sie­rung des Men­schen, sei­ne Befrei­ung zum selbst­be­stimm­ten Leben, ist ein gesamt­eu­ro­päi­sches Pro­jekt. Und es wur­de ab dem 18. Jahr­hun­dert zum euro­päi­schen Exportschlager.

Und heu­te? Heu­te erle­ben wir genau die gegen­tei­li­ge Ten­denz. Die Frei­heit des Indi­vi­du­ums, das Recht auf ein selbst­be­stimm­tes Leben, sind bedroht wie seit real­so­zia­lis­ti­schen Tagen nicht mehr. Im Gegen­satz zur plum­pen und unver­hoh­le­nen Unter­drü­ckung der Men­schen im Ost­block naht die moder­ne Knecht­schaft gleich­sam auf Tau­ben­fü­ßen. Die heu­ti­ge Gehirn­wä­sche ist smar­ter als die SED-Pro­pa­gan­da, und wie­der behaup­ten ihre Agen­ten, dem Mensch­heits­fort­schritt zu dienen. 

Wäh­rend Tech­no­kra­ten und Sozi­al­inge­nieu­re die Macht über unser Den­ken und Füh­len über­neh­men und die Men­schen zu bin­dungs­lo­sen, belie­big ver­schieb­ba­ren Figu­ren auf dem glo­ba­len Spiel­brett ernied­ri­gen wol­len, sin­gen uns ihre ange­stell­ten Sire­nen from­me Lie­der von „Teil­ha­be“ und „Diver­si­ty“. Sie behaup­ten, es sei gest­rig und unmo­dern, an sei­nen Sit­ten und Tra­di­tio­nen fest­zu­hal­ten, zumin­dest sofern man ein wei­ßer Euro­pä­er ist. Sie wol­len uns ein­re­den, dass die soge­nann­te tra­di­tio­nel­le Fami­lie ein Gefäng­nis ist, aus dem der moder­ne Kar­rie­re­mensch jeder­zeit aus­bre­chen kann. Wäh­rend hun­dert­tau­sen­de meist analpha­be­ti­sche jun­ge Män­ner aus einer fer­nen und in Tei­len gewalt­tä­ti­gen Kul­tur unse­ren Kon­ti­nent inva­die­ren, pre­di­gen Poli­tik und Medi­en in einem fort „Will­kom­men“ und „Tole­ranz“. Der Wider­spruch, dass gera­de die­se Ein­wan­de­rer beharr­lich an ihren vor­mo­der­nen Tra­di­tio­nen und Fami­li­en­wer­ten fest­hal­ten, scheint ihnen nicht auf­zu­fal­len. Die mas­sen­haf­te Ein­wan­de­rung von Men­schen, denen unse­re Wer­te voll­kom­men egal sind, wird bizar­r­er­wei­se mit der Uni­ver­sa­li­tät die­ser Wer­te begrün­det. Dar­auf wäre doch kein Mar­xist gekom­men! Nach die­ser Logik ist es auch kei­ne Über­ra­schung mehr, dass man uns die schritt­wei­se Schlei­fung aller Unter­schie­de zwi­schen den euro­päi­schen Kul­tu­ren – unter Indienst­nah­me eben jener Mas­sen­ein­wan­de­rung, aber vor allem als Fol­ge von Tech­no­kra­ten­träu­men in Brüs­se­ler Büros – als „Viel­falt“ verkauft. 

Ich will Ihnen also von der euro­päi­schen Frei­heit spre­chen. Damit ste­hen wir unwei­ger­lich vor der Fra­ge: Wer bedroht die euro­päi­sche Frei­heit? Und wie kön­nen wir sie zurückgewinnen?

Zunächst ein­mal: Euro­pa bedeu­tet seit Jahr­hun­der­ten „Viel­falt“. Was die­ser Kon­ti­nent an kul­tu­rel­ler, sprach­li­cher, geis­ti­ger, lebens­art­li­cher und, ja, auch kuli­na­ri­scher Viel­falt zu bie­ten hat, ist in die­ser Kom­bi­na­ti­on welt­weit völ­lig ein­zig­ar­tig. Die gesam­te Neu­zeit ist von drei Ein­flüs­sen geprägt: der euro­päi­schen Art zu wirt­schaf­ten, der euro­päi­schen Tech­nik und vom euro­päi­schen Den­ken. Zusam­men erge­ben sie den euro­päi­schen Men­schen. Eben weil Euro­pa ein Kon­ti­nent der Viel­falt, des Wett­ei­ferns, der Kon­kur­renz war, blüh­te der euro­päi­sche Geist. Eben weil kei­ne Zen­tral­macht es unter sei­ne läh­men­de Herr­schaft zwang, brach­te Euro­pa die­se prä­gen­den Ideen her­vor. „Viel­falt“ ist wirk­lich das Letz­te, was Good Old Euro­pe ler­nen müsste.

Aber Euro­pa war immer auch ein Erd­teil der Alli­an­zen. Die alt­eu­ro­päi­sche Diplo­ma­tie ach­te­te peni­bel dar­auf, dass ein Gleich­ge­wicht zwi­schen den Mäch­ten herrsch­te. Euro­pa hat nie lan­ge eine eine Vor­macht gedul­det, weder das napo­leo­ni­sche Frank­reich, noch Nazi-Deutsch­land, noch Sowjet­russ­land – und es wird auch die EU nicht lan­ge dulden.

Ich höre schon den Vor­wurf: Sie wol­len doch nicht etwa Nazi-Deutsch­land oder das kom­mu­nis­ti­sche Russ­land mit der EU ver­glei­chen? Ich will sie kei­nes­wegs gleich­set­zen. Aber was spricht gegen Ver­glei­che? Bol­sche­wis­mus und Natio­nal­so­zia­lis­mus waren ver­bre­che­ri­sche, mas­sen­mör­de­ri­sche Regime, inso­fern sind sie natür­lich mit der EU nicht im Ansatz ver­gleich­bar. Aber wenn wir als ein­zi­ges Kri­te­ri­um die Fra­ge neh­men, wer den Bür­gern Euro­pas, wer Ihnen, mei­ne Damen und Her­ren, heu­te das Recht auf ein frei­es, selbst­be­stimm­tes Leben strei­tig macht, dann sind sie es auf ein­mal doch.

Weder die deut­sche Kanz­le­rin noch die Grü­nen noch die EU-Vög­te und ‑Kom­mis­sa­re wür­den sich doch für ein sol­ches Recht ein­set­zen. Ich kann mich nicht erin­nern, dass eine euro­päi­sche Füh­rungs­fi­gur in letz­ter Zeit davon auch nur gespro­chen hät­te. Der ein­zi­ge Anlass, für den das Recht auf Selbst­be­stim­mung noch regel­mä­ßig rekla­miert wird, ist beim Recht auf Abtrei­bung. Oder beim Recht der Ukrai­ne, sich gegen den rus­si­schen Ein­fluss zu behaup­ten. Ansons­ten ist die west­eu­ro­päi­sche und spe­zi­ell deut­sche poli­ti­sche Öffent­lich­keit gera­de­zu durch­drun­gen von Miss­trau­en gegen jede Art von Selbst­be­stim­mung, sei es nun die indi­vi­du­el­le und die der euro­päi­schen Völ­ker. Wenn der unga­ri­sche Staats­chef Vic­tor Orban eine Volks­ab­stim­mung zur Ein­wan­de­rung ankün­digt, behan­deln ihn die Medi­en des euro­päi­schen Wes­tens, als habe er einen Feld­zug gegen ihre hei­ligs­ten Wer­te angekündigt. 

Sozi­al­inge­nieu­re – höhe­re Kin­der­gärt­ner – wol­len näm­lich nicht, dass ihre Betreu­ungs­ob­jek­te selbst­be­stimmt han­deln. Ihr Ide­al ist der gelenk­te, ent­mün­dig­te, mate­ri­ell halb­wegs gesät­tig­te Mensch, der sich für frei hält. Sie wol­len kei­ne Völ­ker, son­dern nur Bevöl­ke­run­gen, lose, bin­dungs­lo­se Ein­zel­ne, die allen ande­ren gleich fremd sind und sich belie­big ver­mi­schen las­sen. Sozi­al­inge­nieu­re träu­men vom Nan­ny-Staat, der den Men­schen nicht direkt dik­tiert, was sie zu tun haben, son­dern sie in die gewünsch­te Rich­tung schubst. „Nudge“ heißt ein neu­es sozio­lo­gi­sches Trend­wort dafür. „Nud­ging“ dik­tiert das poli­tisch kor­rek­te Ver­hal­ten: Du sollst kei­nen Alko­hol trin­ken, nicht zu viel Fett und Zucker und vor allem nur wenig Fleisch essen. Du sollst eine Ries­ter-Ren­te abschlie­ßen, regel­mä­ßig zur Vor­sor­ge­un­ter­su­chung gehen und dei­ne Orga­ne spen­den. Du sollst dei­nen Müll tren­nen und Ener­gie spa­ren. Du sollst dich von Rech­ten, Ras­sis­ten, EU-Geg­nern, Leug­nern der men­schen­ge­mach­ten Erd­er­wär­mung, Wind­kraft­geg­nern und Sexis­ten fern­hal­ten und sie auf Face­book mel­den. Du sollst nicht die fal­schen Bücher lesen und dich nicht auf den fal­schen Web­sei­ten her­um­trei­ben. Du sollst dir genau über­le­gen, was du bei Face­book in die Tas­ten haust. Du sollst kein teuf­li­sches Koh­len­di­oxid frei­set­zen. Du sollst dich in regel­mä­ßi­gen Abstän­den für die Unta­ten dei­ner Vor­fah­ren schä­men. Du sollst nicht glau­ben, dass du klü­ger bist als die Par­tei. Du sollst Ein­wan­de­rern und ihren Sit­ten gegen­über tole­rant sein und ihnen auch dann kul­tur­sen­si­bel begeg­nen, wenn sie dir aggres­siv und for­dernd ent­ge­gen­tre­ten. Du sollst Frau­en nicht anstar­ren als wüss­test du nicht, dass es nur ein sozia­les Kon­strukt ist, was du anstarrst. Und so weiter. 

„Nud­ging“ bedeu­tet: Die Leu­te wis­sen eh nicht, was gut für sie ist, des­we­gen brau­chen sie kom­pe­ten­te Vor­mün­der, die ihre Ent­schei­dun­gen in die rich­ti­ge Rich­tung len­ken. Der eins­ti­ge Vater Staat ist inzwi­schen ein müt­ter­li­cher, ein bemut­tern­der Staat gewor­den, wor­auf zuletzt der Schrift­stel­ler Michel Hou­el­le­becq in sei­ner Rede zur Über­rei­chung des Schirr­ma­cher-Prei­ses hin­ge­wie­sen hat. Er schreibt: „Die Bür­ger wer­den in einem Zustand fort­ge­setz­ter Kind­heit gehal­ten, und der ers­te Feind, den unse­re west­li­che Gesell­schaft ver­sucht aus­zu­rot­ten, ist das männ­li­che Zeit­al­ter, ist die Männ­lich­keit selbst.“

Die­ser Staat will sei­nen Unter­ta­nen die Sor­gen des Den­kens abneh­men und die Mühen der Ent­schei­dun­gen. In die­sem moder­nen Pater­na­lis­mus, der eigent­lich Mater­na­lis­mus hei­ßen müss­te, ver­ei­nen sich die neo­li­be­ra­len Ideo­lo­gen des One-World-Kapi­ta­lis­mus mit den lin­ken Ideo­lo­gen des One-World-Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus zu einem bizar­ren Paar­lauf. Der Ein­zel­ne ist für die einen nur noch ein Pro­du­zent und Kon­su­ment, für die ande­ren nur noch ein Betreu­ungs- und Eman­zi­pa­ti­ons­ob­jekt. Aber kein Wesen mehr, das aus einer Tra­di­ti­on wächst, sich einem Volk, einer Hei­mat, einer Kul­tur zuge­hö­rig fühlt. Kein Wesen mehr, das sein Leben selbst in die Hand neh­men will und weit mehr Ansprü­che hat, als ein blo­ßer Markt­teil­neh­mer oder Gleich­stel­lungs­fall zu sein. Mit einem Wort: Sie bekämp­fen den frei­en Men­schen als frei­en Ent­schei­der über sein Schicksal. 

Der tech­no­kra­ti­sche Men­schen­schlag domi­niert längst die meis­ten Ent­schei­dun­gen in den EU-Gre­mi­en und in den west­eu­ro­päi­schen Regie­run­gen. Die­ser Men­schen­schlag hat für Kul­tu­ren und regio­na­le Eigen­ar­ten über­haupt kein Organ mehr, weil er aus­schließ­lich in den Kri­te­ri­en der Mach­bar­keit und der Bere­chen­bar­keit denkt. Er will die Bür­ger nicht ver­schie­de­ner und viel­fäl­ti­ger machen, son­dern immer ähn­li­cher, ver­wech­sel­ba­rer, aus­tausch­ba­rer, und er hat die gewal­ti­gen Kräf­te der wirt­schaft­li­chen und media­len Glo­ba­li­sie­rung auf sei­ner Seite. 

Die Ant­wort der heu­ti­gen EU auf die drän­gen­den Fra­gen ist immer die­sel­be: Ver­ein­heit­li­chung. Ver­ein­heit­li­chung der Wäh­rung, Ver­ein­heit­li­chung der Bil­dung, Ver­ein­heit­li­chung der Uni­ver­si­tä­ten, Ver­ein­heit­li­chung der Spra­che, Ver­ein­heit­li­chung der Ein­wan­de­rungs­be­stim­mun­gen. Heu­te steht die Homo­ge­ni­sie­rung der Völ­ker, ihre Umwand­lung in Bevöl­ke­run­gen auf dem Plan. Übri­gens nur im Wes­ten – nie­mand for­dert, dass Ägyp­ter, Sau­dis oder Nige­ria­ner ihre Kul­tur able­gen und „bunt“ wer­den soll­ten. Am Anfang haben die EU-Kom­mis­sa­re die Krüm­mung der Gur­ken nor­miert, und am Ende nor­mie­ren sie die Gedanken.

Die­ser Men­schen­schlag möch­te die Viel­falt und Eigen­art der euro­päi­schen Kul­tu­ren über­win­den. Es sind Anti-Euro­pä­er, die mit glü­hen­den Wan­gen „Euro­pa!“ rufen. 

Mei­ne Damen und Her­ren, wenn Sie an den euro­päi­schen Geist den­ken, wel­che Gesich­ter ste­hen Ihnen da vor Augen? Viel­leicht Eras­mus von Rot­ter­dam, Leo­nar­do da Vin­ci, Beet­ho­ven? Viel­leicht Kon­rad Ade­nau­er, Charles de Gaul­le? Oder Mar­tin Schulz, José-Manu­el Bar­ro­so, Vivia­ne Reding und Jean-Clau­de Juncker? Nein, mei­ne Damen und Her­ren, das ist nicht Euro­pa, und das wird es hof­fent­lich nie­mals sein!

Ich habe gefragt, wer die euro­päi­sche Frei­heit bedroht, und die ers­ten Kol­lek­ti­ve genannt: die der­zei­ti­ge Füh­rung der EU, die Tech­no­kra­ten in den Büro­tür­men und die euro­päi­sche Gleich­stel­lungs-Lin­ke. Zusam­men mit zahl­lo­sen NGOs, Stif­tun­gen, Ver­bän­den, Lob­by­grup­pen und unter dem Dau­er­feu­er der Medi­en ver­mischt sich das alles zu einem ver­wir­ren­den Gan­zen. Es gibt am Ende aber eine ver­gleichs­wei­se kla­re Schei­dung der Gesell­schaft, näm­lich in Geschröpf­te und Ali­men­tier­te, in Betreu­er und Betreu­te. Frei und selbst­be­stimmt ist kei­ner von ihnen.

Jetzt kommt die Mas­sen­mi­gra­ti­on ins Spiel. Vor 500 Jah­ren bra­chen die Euro­pä­er auf, die Welt zu erobern und zu kolo­nia­li­sie­ren. Dabei sind vie­le Grau­sam­kei­ten gesche­hen, die kein ver­nünf­ti­ger Mensch weg­dis­ku­tie­ren möch­te. Doch es gab noch die ande­re Sei­te der Medail­le. Ich möch­te dazu eine Stel­le aus dem Mon­ty Python-Film „Das Leben des Bri­an“ zitieren. 

Dort zürnt ein jüdi­scher Rebell: „Die Römer haben uns aus­blu­ten las­sen, sie haben uns alles genom­men, was wir hat­ten. Und unse­ren Vätern! Was haben sie dafür als Gegen­leis­tung erbracht?“

Nach einer kur­zen Pau­se kom­men die Ant­wor­ten: „Den Aquä­dukt. – Und die sani­tä­ren Ein­rich­tun­gen. Weißt Du noch, wie es frü­her in der Stadt stank? – Und die schö­nen Stra­ßen. –Medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung. – Schul­we­sen. – Und den Wein. – Die öffent­li­chen Bäder. – Und jede Frau kann es wagen, nachts die Stra­ße zu über­que­ren. Die kön­nen Ord­nung schaf­fen, denn wie es hier vor­her aus­ge­se­hen hat, davon wol­len wir ja gar nicht reden.“

Heu­te ist die gro­ße Kolo­ni­al- und Aus­strah­lungs­macht Euro­pa dabei, sich sel­ber kolo­nia­li­sie­ren zu las­sen. Und zwar von Men­schen, die zu erheb­li­chen Tei­len die Geset­ze ihrer Reli­gi­on für bin­den­der hal­ten als die Geset­ze der Staa­ten, in die sie ein­ge­wan­dert sind. Zehn­tau­sen­de von ihnen leben geis­tig im 7. Jahr­hun­dert. Von Demo­kra­tie, Rechts­staat­lich­keit, Frau­engleich­stel­lung, Reli­gi­ons­frei­heit und Frei­heit der Rede hal­ten vie­le der Ein­wan­de­rer aus der ori­en­ta­li­schen Welt­ge­gend nichts. Den west­li­chen Lebens­stil fin­den die meis­ten deka­dent. Ein Bil­dungs- und Leis­tungs­ethos ken­nen die meis­ten nicht. Sie brin­gen weder Aquä­duk­te noch Wein, dafür aber Analpha­be­tis­mus, ver­schlei­er­te Frau­en und den Dschi­had nach Europa. 

Und nun pas­siert das Merk­wür­di­ge: Euro­pa – und Deutsch­land an der Spit­ze – seufzt ihnen ent­ge­gen. Alle Bun­des­tags­par­tei­en mit der Kanz­le­rin vor­an hei­ßen die Ein­wan­de­rer will­kom­men und for­dern nicht etwa von ihnen, dass sie sich inte­grie­ren, son­dern ver­lan­gen von den Deut­schen, dass sie die­se Leis­tung zu erbrin­gen haben. Vie­le Ferns­ten­lie­ben­de, die kei­ne Nächs­ten mehr haben, die sie lie­ben kön­nen, begrü­ßen die Frem­den mit Ted­dys, und die auf Steu­er­zah­ler­kos­ten uner­bitt­lich täti­ge Sozi­al­in­dus­trie streckt gie­rig die Hän­de nach den neu­en Betreu­ungs­fäl­len aus. Unter­neh­mer­ver­bän­de applau­die­ren dem Mas­sen­zu­strom, weil er angeb­lich der Wirt­schaft nutzt; einen Beleg dafür blei­ben sie schul­dig, spe­zi­ell die Dax-Kon­zer­ne stel­len nie­man­den ein, weil sie für Analpha­be­ten kei­ne Plan­stel­len haben. 

Die euro­päi­sche eman­zi­pa­to­ri­sche Lin­ke ent­deckt plötz­lich ihr Herz für die Reli­gi­ons­frei­heit, in wel­ches sie die Voll­ver­schleie­rung von Frau­en als Aus­druck der Viel­falt ein­schließt. Es fin­den sich wil­li­ge Intel­lek­tu­el­le, die in Leit­ar­ti­keln dar­auf hin­wei­sen, dass es im 9. Jahr­hun­dert in der ara­bi­schen Welt hygie­ni­scher zuging als in Euro­pa, und wir den Ara­bern heu­te noch dafür dank­bar sein müss­ten, dass sie die anti­ken Autoren für uns bewahrt haben. 

Was sich hier tat­säch­lich aus­tobt, ist der west­li­che kul­tu­rel­le Selbst­hass. Auch er ist ein ori­gi­när euro­päi­sches Phä­no­men. Kei­ne ande­re Welt­kul­tur hat die Fähig­keit zur Selbst­kri­tik in einem sol­chen Maße ent­wi­ckelt wie die abend­län­di­sche, und irgend­wann, ich wür­de sagen um 1968 her­um, ist sie ins Maß­lo­se umge­schla­gen. Es ist hier nicht der Platz, dar­über nach­zu­grü­beln, woher die­ser Selbst­hass sei­ne Kraft bezieht, inwie­weit der Kul­tur­pro­tes­tan­tis­mus invol­viert ist, der Mar­xis­mus, inwie­fern er sich in Deutsch­land spe­zi­ell als Reak­ti­on auf die Unta­ten der Nazis ver­steht und wie­der in ande­ren Län­dern als Reak­ti­on auf den Kolo­nia­lis­mus – es genügt, ihn zu konstatieren. 

Wir befin­den uns in einem Zan­gen­griff. Die einen wol­len uns ent­mün­di­gen, weil wir im tiefs­ten Wesen schlecht sind und angeb­lich jeder­zeit ein Rück­fall in die Exzes­se des Natio­na­lis­mus und der Selbst­sucht droht, die ande­ren wol­len uns nach und nach infil­trie­ren, uns ihre Sit­ten auf­zwin­gen und uns schließ­lich erobern. 

Die Leu­te, die heu­te Tole­ranz rufen, mei­nen ja nicht die Frei­heit. Die Leu­te, die Diver­si­ty for­dern, mei­nen ja nicht Frei­heit. Die nach sozia­ler Gerech­tig­keit rufen, eben­so­we­nig. Sie wol­len den euro­päi­schen Men­schen „sozia­li­sie­ren“, das Indi­vi­du­um mit sei­nen unver­schäm­tem Frei­heits­wunsch abschaf­fen. Und die­je­ni­gen, die „Alla­hu akbar“ rufen, wol­len uns unterwerfen. 

Wäh­rend die Ost­eu­ro­pä­er aus ihrer leid­vol­len Erfah­rung mit Sozia­li­sie­rung und Unter­wer­fung ver­ste­hen, was die Stun­de geschla­gen hat, ist West­eu­ro­pa eine Anstalt zur Ali­men­tie­rung von immer mehr unselb­stän­di­gen Men­schen gewor­den. Wäh­rend die Ost­eu­ro­pä­er ihren Selbst­er­hal­tungs­wil­len wie­der­ent­de­cken, hal­ten vie­le West­eu­ro­pä­er das ele­men­tars­te Bestre­ben eines Vol­kes, näm­lich sich im Leben zu hal­ten, für Ras­sis­mus. Natür­lich nur, wenn es sich um ein west­li­ches Volk han­delt. Fra­gen Sie mich nicht nach dem Sinn die­ses Pro­zes­ses, ich ver­ste­he ihn nicht. Nie­mand, der kla­ren Sin­nes ist, ver­steht Men­schen, die an dem Ast sägen, auf dem sie sit­zen. Die suk­zes­si­ve Zer­stö­rung der west­li­chen Fami­lie mag mit den zen­tri­fu­ga­len Kräf­ten des Mark­tes, der Eman­zi­pa­ti­on und der Mobi­li­tät zu tun haben, doch die Gleich­gül­tig­keit, mit wel­cher vie­le West­ler ihrer eige­nen Ver­drän­gung zuse­hen, ist im höchs­ten Gra­de dekadent. 

Ich zitie­re noch ein­mal aus Hou­el­le­becqs Rede, die von deut­schen Feuil­le­to­nis­ten gera­de­zu reflex­haft ver­ris­sen und mit den übli­chen Voka­beln bedacht wur­de: „Der Dji­ha­dis­mus wird ein Ende fin­den, denn die mensch­li­chen Wesen wer­den des Gemet­zels und des Opfers müde wer­den. Aber das Vor­drin­gen des Islams beginnt gera­de erst, denn die Demo­gra­phie ist auf sei­ner Sei­te und Euro­pa hat sich, indem es auf­hört, Kin­der zu bekom­men, in einen Pro­zess des Selbst­mords bege­ben. Und das ist nicht wirk­lich ein lang­sa­mer Selbst­mord. Wenn man erst ein­mal bei einer Gebur­ten­ra­te von 1,3 oder 1,4 ange­kom­men ist, dann geht die Sache in Wirk­lich­keit sehr schnell.“

Mei­ne Damen und Her­ren, als sich vor 26 Jah­ren der eine Teil Euro­pas von der Knecht­schaft befrei­te, waren im ande­ren Teil Euro­pas die Wei­chen für den Weg in eine neue Knecht­schaft bereits gestellt. Der wüs­tes­te Zen­tra­lis­mus in der Geschich­te unse­res Kon­ti­nents hat­te sein Pla­nungs­sta­di­um längst ver­las­sen. Die Tech­no­kra­ten hat­ten die Ideen der 68er im Kopf, und zwar nicht, weil sie deren Pam­phle­te gele­sen hat­ten, son­dern weil sie alle­samt in der Brü­he gegart wor­den sind, die die­se Gesell­schafts­um­stür­zer ange­rührt haben. Es genügt auf solch „über­zeug­te Euro­pä­er“ wie Bar­ro­so oder Joseph Fischer hin­zu­wei­sen, ein über­zeug­ter Mao­ist der eine, ein deutsch­land­hassen­der Links­ra­di­ka­ler der ande­re, um zu ver­ste­hen, wohin die Rei­se gehen würde. 

Wir haben gefragt: Wer bedroht die euro­päi­sche Freiheit?

Und jetzt fra­gen wir: Wer ver­tei­digt sie?

Die Ant­wort liegt auf der Hand: Wir müs­sen es sel­ber tun. Wir alle, die wir gute Euro­pä­er sind, aber zugleich wis­sen, dass der Natio­nal­staat auf abseh­ba­re Zeit der Rah­men blei­ben wird, in dem Recht und Gesetz – und damit die Frei­heit des ein­zel­nen – wirk­lich durch­ge­setzt wer­den kön­nen. Wir, die wir die Viel­falt der euro­päi­schen Kul­tu­ren für einen Wert an sich hal­ten, und davon aus­ge­hen, dass die­ser Viel­falt der ein­zi­ge Weg ist, um wie­der neue Viel­falt zu produzieren.

Der Staat muss sei­nen Bür­gern ein siche­res Leben ermög­li­chen, also ihre kör­per­li­che Unver­sehrt­heit und Rechts­si­cher­heit garan­tie­ren sowie ihr Eigen­tum schüt­zen. Das ist alles. Sobald er anfängt, vor­mund­schaft­lich zu wer­den, sobald er zu dik­tie­ren ver­sucht, was Men­schen den­ken und tun sol­len, sobald er beginnt, Zen­sur aus­zu­üben, Geset­ze zu bre­chen, den Fol­ge­ge­nera­tio­nen im gro­ßen Stil Staatschul­den zu hin­ter­las­sen und die Zustim­mung zu einer unkon­trol­lier­ba­ren Bevöl­ke­rungs­um­schich­tung zu for­dern, muss man ihm Wider­stand leis­ten. Wenn er das Recht und die Unver­sehrt­heit nicht mehr garan­tie­ren kann, tritt das Natur­recht der Selbst­ver­tei­di­gung in Kraft.

Mei­ne Damen und Her­ren, noch ist Euro­pa nicht ver­lo­ren. Noch haben die Euro­pä­er ihr Schick­sal selbst in der Hand. Noch kön­nen sie den Zen­tra­lis­mus abschüt­teln und, jedes Land für sich, zuerst das eige­ne Haus in Ord­nung brin­gen und dann schau­en, wer Hil­fe braucht. Noch kön­nen sie die Euro­päi­sche Gemein­schaft neu defi­nie­ren und auf eine Grund­la­ge stel­len, in der das Gemein­sa­me und das Tren­nen­de bes­ser aus­ba­lan­ciert sind. Noch kön­nen sie die Inte­gra­ti­on der mus­li­mi­schen Ein­wan­de­rer erzwin­gen, die wei­te­re Ein­wan­de­rung stop­pen und die­je­ni­gen des Lan­des ver­wei­sen, die zu Unrecht hier sind. Noch kön­nen sie den Dschi­ha­dis­ten die Geschich­te erzäh­len, wie es den Natio­nal­so­zia­lis­ten und den Kom­mu­nis­ten ergan­gen ist, als sie Euro­pa unter ihr Joch zwin­gen woll­ten. Noch kann die euro­päi­sche Erfolgs­ge­schich­te, die auf die Geschich­te des frei­en, selbst­be­stimm­ten Indi­vi­du­ums hin­aus­läuft, fort­ge­schrie­ben werden.

Aber wir haben gewis­ser­ma­ßen die Schwer­kraft gegen uns, die immer auf Sei­ten der Sozia­lis­ten und der Frei­heits­be­schnei­der steht, weil vie­le Men­schen die Unselb­stän­dig­keit der Selbst­be­stim­mung vor­zie­hen. Aber es ist zugleich eine der vor­nehms­ten und reiz­volls­ten Auf­ga­ben, die sich Men­schen stel­len kön­nen: die Abschüt­te­lung von Knecht­schaft, das Zer­trüm­mern von Ideo­lo­gien und erstarr­ten Herr­schafts­sys­te­men, die Befrei­ung zur Selbst­stän­dig­keit. Las­sen wir uns unser gutes euro­päi­sches Recht auf ein frei­es, selbst­be­stimm­tes Leben von nie­man­dem nehmen!

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