1. August 2022

Ges­tern habe ich es doch getan und mir zumin­dest die Ver­län­ge­rung des End­spiels der Fuß­ball-Euro­pa­meis­ter­schaft der Damen ange­schaut. Ich wur­de nicht ent­täuscht. Ent-täuscht wer­den kann ja nur, wer sich ge-täuscht bzw. täu­schen las­sen hat. Man muss in den Ligen der Män­ner ziem­lich tief hin­ab­stei­gen, in Regio­nen, wo mit guten Grün­den kei­ne Kame­ras mehr lau­fen, viel­leicht in die Ober­li­ga (aber ich will den Kickern dort kei­nes­wegs zu nahe tre­ten), um der­glei­chen zu sehen zu bekom­men. In einer hal­ben Stun­de kei­ne ein­zi­ge nen­nens­wer­te Tor­chan­ce, von einer her­aus­ge­spiel­ten zu schwei­gen, über­haupt waren Spiel­zü­ge über sechs, sie­ben Sta­tio­nen so gut wie nicht zu beob­ach­ten, das Tem­po war beschei­den, die Ball­be­hand­lung vie­ler Mädels erin­ner­te eher an einen Flip­per, und obwohl es sich um die Ver­län­ge­rung eines Fina­les han­del­te, kam so gut wie kei­ne Span­nung auf, da nach dem Sie­ges­tor der Eng­län­de­rin­nen, das die Schüt­zin bezeich­nen­der­wei­se ins Netz sto­cher­te, nach­dem sie vor­her über den Ball geschla­gen hat­te (ist Lewan­dow­ski 2013 bei Schacht­jor Donezk auch pas­siert, ich weiß), die Deut­schen nur wenig Anstal­ten mach­ten bzw. Fähig­kei­ten erken­nen lie­ßen, noch ein­mal vor das geg­ne­ri­sche Tor zu kommen.

Ich beschrei­be ledig­lich, was ich gese­hen habe.

Für die­se limi­tier­te Dar­bie­tung waren nun 80.000 Men­schen ins Sta­di­on gekom­men. Die wochen­lan­ge Pro­pa­gan­da hat Wir­kung gezeigt. Aber gut, das ist die Sache des Publi­kum; es soll jeder selbst ent­schei­den, was er mit sei­ner Zeit anfängt. Je mehr Men­schen sol­che Spie­le gese­hen haben, des­to weni­ger wer­den es künf­tig tun.

Zwi­schen Frau­en­fuß­ball und Fuß­ball lie­gen Welten.

Kurz­um: Man muss sich die­se Art Sport nicht auf­nö­ti­gen las­sen, erst recht nicht als mora­lisch erwünsch­tes State­ment. Offen­bar taten dies hin­rei­chend vie­le bra­ve Michels und Miche­li­nen den­noch unter dem Druck zivil­ge­sell­schaft­lich-staats­me­dia­len PR-Furors, aber: sie­he oben. Ihre Sache. Um gewis­sen mit paw­low­scher Reflex­haf­tig­keit vor­ge­tra­ge­nen Unter­stel­lun­gen sogleich den, wie eine Meta­phern­sa­lat­mam­sell for­mu­lie­ren könn­te, Wind aus den Segeln zu neh­men, sei hier ein­ge­streut, dass ich die Leicht­ath­le­tik­wett­be­wer­be der Mädels gern schaue oder, um eine Mann­schafts­sport­art zu nen­nen, Damen-Vol­ley­ball, und auch die Tour de Fran­ce Femmes habe ich ver­folgt. Aus sexis­ti­scher War­te lie­ßen sich mei­ne Prä­fe­ren­zen wohl am bes­ten damit begrün­den, dass mich gar nicht der eigent­li­che Sport, son­dern die Schön­heit der Kör­per, die Gra­zie der Bewe­gun­gen, die Sexi­ness des Kamp­fes und des Schwit­zens enthu­si­as­mie­ren. Einverstanden.

Doch theo­re­tisch müss­ten das auch die Kicke­rin­nen bie­ten. Tun sie aber nicht. Obwohl dort eini­ge apar­te Mädels her­um­lau­fen. Aber die­ser Lei­bes­übung eig­net etwas, das sie für Frau­en unpas­send macht.

Viel­leicht liegt es dar­an, dass sich im Fuß­ball zwei kon­kur­rie­ren­de (männ­li­che) Jagd­ru­del gegen­über­ste­hen, dass der Platz zu groß ist für die Pass­schlag­kraft des weib­li­chen Bei­nes – von Tor­schüs­sen aus bereits mitt­le­rer Distanz wol­len wir nicht reden –, dass über­haupt der gesam­te Bewe­gungs­ab­lauf unweib­lich ist. Ich kann es nicht erklä­ren. Nur konstatieren.

Wenn die Qua­li­tät des­sen, was Frau­en fabri­zie­ren, im Ver­gleich mit den Toxi­schen nicht beson­ders viel taugt, sind bekannt­lich nicht die Frau­en dafür ver­ant­wort­lich, son­dern ihre Dis­kri­mie­rung durch die Letztgenannten.

Da kön­nen nur Quo­ten hel­fen, Gleich­stel­lung, Pri­vi­le­gie­rung durch „posi­ti­ve Dis­kri­mi­nie­rung”. Die For­de­run­gen nach mög­lichst publi­kums­an­drangsun­ab­hän­gi­ger Bezah­lung und gleich hohen Sie­ges­prä­mi­en wie bei den Män­nern sind so ein­leuch­tend wie der eigent­lich logi­sche Wunsch, Schwes­tern soll­ten das­sel­be ver­die­nen wie Chirurgen.

Wäh­rend Män­ner frei auf­spie­len und unge­niert die Bei­ne sprei­zen kön­nen, äch­zen die Kicke­rin­nen unter der Bür­de sexis­ti­schen Prä­sen­tiert­wer­dens. Aber viel­leicht bekommt bald jeder Sozi­al­punk­te, der zu einem Frau­en­fuß­ball­spiel geht, dort sen­si­bel die Knie zusam­men­drückt und von „tem­po­rä­ren Kon­kur­ren­tin­nen unterm gemein­sa­men Dach der Diver­si­vi­tät” spricht?

Jeden­falls waren wir alle ange­hal­ten, die­se Euro­pa­meis­ter­schaft groß­ar­tig und epo­chal zu fin­den. Ob nun von den Öffentlich-Rechtlichen:

Vom stern:

Oder von den bis in die Band­schei­ben­schä­den durch­trai­nier­ten Gra­zi­en bei­der­lei (!) Geschlechts (!) bei der Zeit:

Die neue Viel­falt, soso. Ist jeman­dem auf­ge­fal­len, dass sich im End­spiel zwei bis zu den Aus­wech­sel­bän­ken nahe­zu kom­plett blü­ten­wei­ße Mann­schaf­ten gegen­über­stan­den? „Selbst den wokes­ten ‚Nur-Men­schen-Sehern’ an mei­ner Sofa­sei­te ent­fleuch­te unre­flek­tiert ein ’so vie­le Blon­di­nen!’ ”, schreibt Leser ***, und fügt hin­zu: „Lächelnd ver­schwieg ich in dem Moment den wah­ren Grund mei­ner Auf­merk­sam­keit für das Treiben.”

Erin­nert sich noch jemand?
Selt­sam, dass dies­mal die weiß­seins­kri­ti­schen Laut­spre­cher stumm blie­ben. Übri­gens sahen wir auch kei­ne Trans­frau bei der EM, oder? Und haben die Kar­tof­fel­wei­ber eigent­lich vor dem Anpfiff gekniet, oder glau­ben sie viel­leicht, weil sie Frau­en (= Opfer) und zu erheb­li­chen Tei­len les­bisch (= Dop­pel­op­fer) sei­en, hät­ten sie das nicht nötig?
Kann es sein, dass hier gera­de mul­ti­me­di­al ein ras­sis­ti­sches, dis­kri­mi­nie­ren­des, trans­pho­bes Spek­ta­kel als „neue Viel­falt” abge­fei­ert wird?

PS: Und ich hat­te mich so auf das Elf­me­ter­schie­ßen geschadenfreut …

PPS: „Sie haben nur den Schluss des Spiels gese­hen. Viel inter­es­san­ter” fand Leser ***, „was vor dem Anpfiff gezeigt wur­de – oder eben nicht gezeigt wur­de. Nicht nur tru­gen bei­de Kapi­tä­nin­nen pflicht­ge­mäß ihre Regen­bo­gen-Bin­den (um den Ober­arm), nicht nur wur­de der Ball von einem fern­ge­lenk­ten Regen­bo­gen­au­to zum Mit­tel­kreis gefah­ren (‚auf die ange­mes­se­ne Art und Wei­se für so ein gro­ßes Spiel’, kom­men­tier­te die BBC-Kom­men­teu­se). Nein, die Mädels Eng­lands und der Nie-wie­der-Nati­on fie­len natür­lich auch wie ein Mann für Black Lives Mat­ter aufs Knie. Aber genau an dem Punkt wur­de ich in mei­nen mitt­ler­wei­le ein­ge­üb­ten Seh­ge­wohn­hei­ten irri­tiert: Live im staat­li­chen Bri­ten-TV sah man den Knie­fall gar nicht, weil gera­de da die Bild­re­gie zum Über­flug einer Kampf­jet-For­ma­ti­on über Wem­bley schnitt (BBC: ‚Ange­führt von einer rein weib­li­chen Besat­zung’). Heißt das, der Sieg gegen Putin ist wich­ti­ger als der Sieg gegen den Ras­sis­mus? Ent­hielt man uns den Anblick des Duck­mäu­ser­tums des­halb vor, weil knien­de Frau­en eher das Gegen­teil von Empower­ment ver­mit­teln könn­ten, also das Nie­der­drü­cken­de des Patri­ar­chats? Hat­ten gar männ­lich-hete­ro­nor­ma­ti­ve UEFA-Funk­tio­nä­re instinkt­los den Befehl zur Fäl­lung eines gan­zen Geschlechts gegeben?

Ach ja, eine Art Fuß­ball wur­de dann ges­tern auch noch gespielt. Aber dazu haben Sie ja schon alles gesagt.”

PPPS: „Lei­der muss ich sagen, dass Sie das mit dem soge­nann­ten Frau­en­fuß­ball noch nicht rich­tig erfasst haben”, setzt Leser *** hin­zu. „Die Mädels spie­len gar nicht Fuß­ball. Sie spie­len nur, dass sie Fuß­ball spielen.”

Ah, geehr­ter Herr, das haben Sie aus der „Tan­te Jolesch”, nicht wahr? Dort wird ein „Apho­ris­ti­ker des Kar­ten­tischs” mit der Sen­tenz zitiert: „Frau­en spie­len nicht Bridge, sie spie­len Brid­ge­spie­len.” (Ich hät­te sel­ber drauf kom­men müs­sen, da ich das Buch neu­lich aus­führ­lich emp­foh­len habe.)

 

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