28. Februar 2023

Ich las zuletzt zwei Bücher, die ich schon vor 50 bzw. 100 Jah­ren hät­te lesen sol­len: „Wie­der­se­hen mit Bri­des­head” („Bri­des­head Revi­si­ted“) von Eve­lyn Waugh und „Gegen den Strich” („À Rebours“) von Jor­is-Karl Huys­mans. Bei­des sind lite­ra­ri­sche Meis­ter­wer­ke, bei­de spie­len in der Welt exzen­tri­scher Aris­to­kra­ten – dar­über hin­aus hal­ten sich die Gemein­sam­kei­ten in Gren­zen (die Gemein­sam­kei­ten von „À Rebours“ mit jedem ande­ren Roman hal­ten sich in Gren­zen). Doch bei­de trös­te­ten mich bei der Lek­tü­re über ein zeit­ge­nös­si­sches Phä­no­men hin­weg, wel­ches sie zugleich ver­deut­li­chen: das Ver­schwin­den ori­gi­nel­ler, splee­ni­ger, unter­halt­sa­mer oder auf geist­vol­le Wei­se heik­ler Cha­rak­te­re in den Zei­ten der Diver­si­ty. Es han­delt sich um Roma­ne, deren Per­so­nal prak­tisch aus­ge­stor­ben ist.

Waughs 1945 erschie­ne­nes Opus, das auf der Insel eine ver­gleich­ba­re Popu­la­ri­tät genießt (oder genoss) wie hier­zu­lan­de (frü­her ein­mal) die „Bud­den­brooks“ und das der „Clock­work Orange“-Verfasser Antho­ny Bur­gess nach eige­ner Aus­kunft „min­des­tens ein Dut­zend mal“ gele­sen hat, han­delt vom Ver­fall einer Adels­fa­mi­lie, in die sich Charles Ryder, der Ich-Erzäh­ler, ver­liebt. Bri­des­head ist eine Art bri­ti­sches Gegen­stück zu Lam­pe­du­sas Don­na­fu­ga­ta; wie das Geschlecht der Sali­na im „Gat­to­par­do“ ver­liert auch die Fami­lie Fly­te – das Ober­haupt ist Mar­quess of March­main und Earl of Bri­des­head, lebt aber mit einer Gelieb­ten in Vene­dig – in den Kata­rak­ten der Moder­ne ihre gesell­schaft­li­che Stel­lung, ihre Repu­ta­ti­on und ihr Vermögen.

Von Mis­ter Waugh stammt der ent­zü­cken­de Aus­spruch: „Ein Künst­ler muss reak­tio­när sein.“ In allem, was er bevor­zug­te oder ablehn­te, war der gebür­ti­ge Lon­do­ner – Ver­le­ger­sohn, Oxford-Stu­dent (Geschich­te), Fall­schirm­jä­ger, sechs­fa­cher Vater, Katho­lik, erfolg­rei­cher Schrift­stel­ler, Land­haus­be­sit­zer – vor­bild­lich: Er lieb­te die Aris­to­kra­tie, die Kunst, die geis­ti­gen Geträn­ke und die geist­li­chen The­men, er ver­ach­te­te die Pres­se, das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil und die Moder­ne. Die Tories waren ihm zu links. Über sein lite­ra­ri­sches Alter ego im Roman „Gil­bert Pin­folds Höl­len­fahrt“ heißt es: „Er ver­ab­scheu­te Plas­tik, Picas­so, Son­nen­ba­den und Jazz – eigent­lich alles, was sich im Lau­fe sei­nes Lebens ent­wi­ckelt hat­te und bekannt gewor­den war.“

Waugh erlag, 62jährig, am 10. April 1966 einem Schlag­an­fall. In sei­nem Nach­ruf schrieb der bri­ti­sche Jour­na­list Mal­colm Mug­ge­ridge: „Eve­lyn Waugh, wie ich ihn sehe, war ein anti­kes Stück auf der Suche nach einem pas­sen­den Zeit­al­ter, ein Snob auf der Suche nach einer Klas­se, und schließ­lich ein Mys­ti­ker auf der Suche nach einer selig­ma­chen­den Vision.“

Wel­che Vor­lie­ben und Aver­sio­nen die­ser fröh­li­che Reak­tio­när heg­te, wäre aller­dings ziem­lich egal, wenn er nicht so stil­si­cher, unter­halt­sam, lie­be­voll und bos­haft hät­te schrei­ben kön­nen. Allein für den Satz „Es gab kei­ner­lei Anzei­chen von Cock­tails“ möch­te man ihn knud­deln (was er sich ver­bit­ten wür­de). Eines jener Wie­der­se­hen, von denen der Roman voll ist (und zwi­schen dem Jah­re lie­gen), schil­dert er so: „Es war das kras­se Gegen­teil des­sen, was man sonst bei der­ar­ti­gen Begeg­nun­gen emp­fin­det, wenn man merkt, dass die Zeit ihre Ver­tei­di­gungs­li­ni­en ange­legt, wun­de Punk­te getarnt und alle Wege, bis auf weni­ge, gut aus­ge­tre­te­ne, ver­mint hat, so dass man sich höchs­tens über einen Draht­ver­hau zuwin­ken kann.“ Ein Mäd­chen, das plötz­lich zur Frau her­an­ge­reift ist, beschreibt er als „ein Wesen, das sich unver­se­hens bewaff­net sieht“. Das ist glänzend.

Die teil­wei­se auto­bio­gra­phisch inspi­rier­te Hand­lung des Romans soll hier nicht wei­ter inter­es­sie­ren, umso mehr aber die han­deln­den Per­so­nen. Zunächst Sebas­ti­an Fly­te, der jün­ge­re der bei­den Söh­ne von Lady March­main – sie hat noch zwei Töch­ter –, den Ryder im ers­ten Jahr in Oxford ken­nen­lernt und mit dem ihn bald eine inni­ge Freund­schaft ver­bin­det, von der man heu­te sagt (und die Ver­fil­mung von 2008 führt es bis zum Kuss so vor), dass sie homo­ero­tisch grun­diert sei, was mir und even­tu­ell auch Waugh nicht auf­ge­fal­len ist (oder dar­an liegt, dass zwi­schen homo­ero­tisch und homo­se­xu­ell ein erheb­li­cher Unter­schied besteht). Sebas­ti­an läuft immer mit einem gro­ßen Ted­dy­bä­ren her­um, stu­diert im eigent­li­chen Sin­ne kaum, redet ver­gnüg­li­chen Unsinn, der ihn intel­li­gent wir­ken lässt, und ist ein maß­lo­ser Trin­ker, was er mit sei­nem außer­ge­wöhn­li­chen Charme lan­ge Zeit zu über­spie­len ver­mag. Dass aus sei­nem Mund, vom Erbro­che­nen bei der Ken­nen­lern­sze­ne ganz abge­se­hen, nur Belang­lo­sig­kei­ten kom­men, bemer­ken Ryder und der Leser aber erst so rich­tig, als Antho­ny Blan­che, das nächs­te Ori­gi­nal, die­se befremd­li­che Tat­sa­che ein­fach aus­spricht. Blan­che ist ein stot­tern­der homo­se­xu­el­ler Dan­dy, der eben­falls in Oxford stu­diert, und er hat zwei gro­ße mono­lo­gi­sche Auf­trit­te. Im ers­ten zer­stört er des Ich-Erzäh­lers (und des Lesers) Illu­si­on, Sebas­ti­an sei eine irgend­wie geist­vol­le Per­son, der im wei­te­ren Ver­lauf des Buches eine sei­ne Trin­ke­rei über­stei­gen­de Rol­le zukom­men könn­te. Beim zwei­ten Auf­tritt macht Blan­che wie­der eine Illu­si­on zunich­te (des Lesers, womög­lich nicht des Erzäh­lers), näm­lich jene, dass Ryder ein talen­tier­ter Maler sei.

Er platzt in des­sen ers­te gro­ße Ver­nis­sa­ge mit den Wor­ten: „‚Ich bin erst ges­tern in Lon­don ange­kom­men und hör­te heu­te beim Lunch zufäl­lig von dei­ner Aus­stel­lung, da eil­te ich natür­lich augen­blick­lich zum Schrein, um dir mei­ne Ehr­erbie­tung zu erwei­sen. Habe ich mich ver­än­dert? Hät­test Du mich wie­der­erkannt? Wo sind die Bil­der? Ich möch­te sie dir erklären.‘
Dann sah er sich alle Gemäl­de in den bei­den Räu­men an, seufz­te ein- oder zwei­mal tief auf und blieb ansons­ten stumm. Als er fer­tig war, seufz­te er erneut, noch tie­fer als zuvor, und sag­te: ‚Aber wie man hört, bist du glück­lich ver­liebt, mein Lie­ber. Das wiegt alles auf, nicht wahr, oder fast alles.‘
‚Sind sie so schlimm?‘
Antho­ny dämpf­te die Stim­me zu einem durch­drin­gen­den Flüs­tern. ‚Lass uns dei­ne klei­ne Hoch­sta­pe­lei nicht vor die­sen bra­ven, ein­fa­chen Leu­ten erör­tern, mein Lie­ber.‘ Damit warf einen ver­schwö­re­ri­schen Blick auf die letz­ten Über­res­te der Men­ge. ‚Wir wol­len ihnen doch nicht ihre unschul­di­ge Freu­de ver­der­ben. Wir bei­de, du und ich, wis­sen, dass es schreck­li­cher Schund ist. Gehen wir lie­ber, bevor wir die Kin­der vor den Kopf sto­ßen. Ich ken­ne eine ver­ru­fe­ne klei­ne Bar gleich hier um die Ecke.‘“

Das nächs­te Ori­gi­nal ist der Vater des Ich-Erzäh­lers: „Er war zu der Zeit Ende 50, aber es gehört zu sei­nen Eigen­hei­ten, dass er viel älter wirk­te, als er tat­säch­lich war. Er sah aus wie 70; hör­te man ihn spre­chen, schätz­te man ihn an die 80.“ Der Herr Papa lebt im Gehäu­se sei­nes Arbeits­zim­mers wie ein Ein­sied­ler­krebs: „So gut gelaunt hat­te ich mei­nen Vater zum letz­ten Mal gese­hen, als er zwi­schen den Sei­ten eines lom­bar­di­schen Kir­chen­bre­viers zwei Papy­rus­blät­ter aus dem zwei­ten Jahr­hun­dert gefun­den hat­te.“ Eines Tages eröff­net er Charles: „Ich habe heu­te von dir gere­det, als ich im Athe­nä­um dei­nem zukünf­ti­gen Haus­va­ter begeg­ne­te. Ich woll­te mich über die Vor­stel­lung der Etrus­ker von Unsterb­lich­keit unter­hal­ten, er hin­ge­gen über zusätz­li­che Vor­le­sun­gen für die Arbei­ter­klas­se, daher mach­ten wir einen Kom­pro­miss und spra­chen über dich.“ Die­sen Wor­ten folgt die Aus­kunft, mit wel­cher jähr­li­chen Sum­me er das Stu­di­um des Soh­nes zu unter­stüt­zen gedenkt. Charles’ mehr­mo­na­ti­ge Abwe­sen­heit von daheim fällt ihm kaum auf; wel­ches Fach der Fili­us stu­diert, ist ihm zwi­schen­zeit­lich ent­fal­len. Auf die Fra­ge des Soh­nes, ob er es läs­tig fin­den wür­de, wenn er die Feri­en daheim ver­brin­ge, ant­wor­tet die­se zeit­ver­setz­te Dickens-Figur: „Ich hof­fe, dass ich ein sol­ches Gefühl nicht zei­gen wür­de, selbst wenn ich es emp­fän­de“, um sich nach die­sen Wor­ten sofort wie­der sei­nem Buch zuzuwenden.

Über den ältes­ten Sohn der Fami­lie Fly­te, genannt Bri­dey, erfährt der Leser: „Er war eigent­lich immer gro­tesk, wahr­te jedoch eine gewis­se Wür­de durch sei­ne unnah­ba­re Art und sei­ne Alters­lo­sig­keit. Er war halb Kind, halb Vete­ran, schien kei­nen Fun­ken moder­nen Lebens zu besit­zen, dafür aber so etwas wie gedie­ge­ne Recht­schaf­fen­heit, Undurch­dring­lich­keit und eine Gleich­gül­tig­keit gegen­über der Welt, die Respekt ver­lang­ten. Obwohl wir oft über ihn lach­ten, war er nie wirk­lich lächer­lich und manch­mal sogar beein­dru­ckend.“ Bri­dey ist pas­sio­nier­ter Samm­ler von Streich­holz­schach­teln. Als er sei­ner Fami­lie erklärt, dass er sich ver­lobt habe und hei­ra­ten wol­le, gibt er auf die Fra­ge, wie er sei­ne Zukünf­ti­ge ken­nen­ge­lernt habe, die Aus­kunft, ihr ver­stor­be­ner Mann, ein Admi­ral übri­gens, habe eben­falls Streich­holz­schach­teln gesammelt…

Wie im „Gat­to­par­do“ taucht auch in Bri­des­head der bür­ger­li­che Empor­kömm­ling auf, der sich groß­spu­rig und pein­lich benimmt, bespöt­telt wird, aber den­noch das Ren­nen bei Julia, der älte­ren Toch­ter, macht. Er heißt Rex Mot­tram und ver­kör­pert die Ablö­sung einer Klas­se durch die ande­re, wobei die auf­stei­gen­de Klas­se in ihrer geschäfts­tüch­ti­gen Vul­ga­ri­tät tat­säch­lich einen kul­tu­rel­len Nie­der­gang dar­stellt. Das eigent­li­che The­ma von „Wie­der­se­hen mit Bri­des­head“ ist frei­lich der Katho­li­zis­mus der Flytes. Die dar­aus resul­tie­ren­den mora­li­schen Kon­flik­te lädt der Autor vor­nehm­lich den Frau­en auf, die den tra­gi­schen Hand­lungs­ver­lauf bestim­men. Das Erstaun­lichs­te an die­sem Werk ist, dass ein der­ma­ßen trau­ri­ger Roman so amü­sant sein kann.

PS: „Bri­des­head” ist, wie gesagt, ver­filmt wor­den, zwei­mal  – Huys­mans befin­det sich mit „À Rebours“ in Sicher­heit; das ist unver­film­bar –, ich habe mir ges­tern den Film (nicht die Serie) ange­schaut und hät­te ihn ent­täu­schend gefun­den, wenn ich mich zuvor irgend­wel­chen Täu­schun­gen hin­ge­ge­ben haben wür­de. Die Hand­lung ist durch chro­no­lo­gi­sche Ver­sim­pe­lun­gen publi­kums­wirk­sam geän­dert wor­den. Aus­stat­tung und Kos­tü­me waren aber toll.

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In Eve­lyn Waughs Fami­li­en­dra­ma geht es um Moral. In Huys­mans 1884 erschie­ne­nem  Roman „À Rebours” betritt der Immo­ra­lis­mus die Sze­ne­rie. Neben dem in höhe­ren gesell­schaft­li­chen Rän­gen ange­sie­del­ten Per­so­nal besteht eine moti­vi­sche Ver­bin­dung zwi­schen Bri­des­head und der Klau­se von Huys­mans ele­gan­tem Out­law: Durch bei­de Anwe­sen kriecht eine Schild­krö­te, in deren Pan­zer Juwe­len ein­ge­ar­bei­tet sind (ob es sich bei Waugh um ein Zitat han­delt, weiß ich nicht). Wäh­rend der Her­zog Jean Flo­res­sas Des Esse­in­tes, ein déca­dent und der Letz­te sei­nes Geschlechts, sich das Tier anschafft, um einen sei­ner Tep­pi­che damit zu schmü­cken, wes­halb er den Rücken­schild mit Edel­stei­nen beset­zen lässt (wor­an die Schild­krö­te stirbt), han­delt es sich bei dem in Schloss Bri­des­head umher­krab­beln­den Zier­rep­til um ein Geschenk des ange­be­ri­schen Frei­ers Rex, das, wie wir einem Brief der jün­ge­ren Toch­ter des Hau­ses ent­neh­men, irgend­wann ein­fach ver­schwun­den ist.

Des Esse­in­tes ist ein Mann ohne Ange­hö­ri­ge und Freun­de. Er wur­de in einer Jesui­ten­schu­le erzo­gen, stürz­te sich, wie man sagt, danach in die Ver­gnü­gun­gen der bes­se­ren Gesell­schaft, und zieht sich eines Tages, ent­täuscht von die­ser Exis­tenz – „Er betrach­te­te vol­ler Ekel und Bestür­zung das Defi­lee der Jah­re sei­nes geleb­ten Lebens“ – in ein Haus vor den Toren von Paris zurück, das ganz nach sei­nen Vor­stel­lun­gen für ein ein­zel­gän­ge­ri­sches Leben als Gegen-Welt aus­ge­stat­tet wur­de. In die­ser sple­ndid iso­la­ti­on wid­met er sich sei­nen – kapi­tel­wei­se vor­ge­stell­ten – Lieb­ha­be­rei­en: einer Biblio­thek erle­sen gebun­de­ner, vor allem latei­ni­scher Autoren; der Male­rei; einer Samm­lung exo­ti­scher, mög­lichst unna­tür­lich wir­ken­der Pflan­zen; sei­nen Blu­men, Möbeln, Edel­stei­nen, Par­füms, Wei­nen und Likören.

Im Spei­se­zim­mer gibt es einen eigens für die Likör­fäss­chen ange­fer­tig­ten Schrank, deren Ver­samm­lung er sei­ne „Mund­or­gel“ nennt. „Ihm zufol­ge ent­sprach näm­lich der Geschmack eines jeden Likörs dem Klang eines Instru­ments.“ Die Ana­lo­gien setz­ten sich fort; in der Musik der Likö­re ent­deckt Des Esse­in­tes Ton­ge­schlech­ter, Ober- und Unter­tö­ne. „Nun, da er die­se Geset­ze auf­ge­stellt hat­te, war es ihm dank gelehr­ter Ver­su­che gelun­gen, sich auf der Zun­ge stum­me Melo­dien und schwei­gen­de, pom­pö­se Trau­er­mär­sche zu spie­len und in sei­nem Mund Pfef­fer­minz­li­kör­so­li und Magen­bit­ter- und Rum­du­et­te zu hören. Es glück­te ihm sogar, wirk­li­che Musik­stü­cke in sei­nen Gau­men zu übertragen…“

Des Her­zogs ästhe­ti­scher Anspruch besteht dar­in, „die Wirk­lich­keit durch den Traum der Wirk­lich­keit zu erset­zen“. Nach sei­ner Mei­nung hat „die Künst­lich­keit das Erken­nungs­zei­chen des mensch­li­chen Genies zu sein“. Die Natur habe „ihre Zeit gehabt. Durch die absto­ßen­de Ein­för­mig­keit ihrer Land­schaf­ten und Him­mel hat sie die Auf­merk­sam­keit und Geduld der Men­schen mit ver­fei­ner­tem Geschmack end­gül­tig erschöpft. Der Augen­blick ist gekom­men, da man sie, wo irgend mög­lich, durch Künst­lich­keit erset­zen muss.“ Das ist die Stim­mung des Fin de Siècle. 

Das­je­ni­ge der Natur­wer­ke, wel­ches „als das erle­sens­te gilt“, sei die Frau, über­legt Des Esse­in­tes an einer Stel­le – doch habe der Mann nicht ein „künst­li­ches Wesen geschaf­fen, das ihr an plas­ti­scher Schön­heit nicht nach­steht? Wo gibt es hie­nie­den ein in der Freu­de des Flei­sches gezeug­tes und unter Schmer­zen dem Mut­ter­leib ent­sprun­ge­nes Wesen, des­sen Modell, des­sen Typus betö­ren­der und herr­li­cher wäre als jener der bei­den Loko­mo­ti­ven, die auf der Stre­cke der Nord­ei­sen­bahn ver­keh­ren? Die eine, die Cramp­ton, ist eine anbe­tungs­wür­di­ge, zar­te, hoch­ge­wach­se­ne Blon­di­ne mit schril­ler Stim­me, ein­ge­zwängt in ein fun­keln­des Kup­fer­kor­sett und über die bieg­sa­me, ner­vö­se Gestreckt­heit einer Kat­ze ver­fü­gend (…) Die ande­re ist die Engerth, eine gewal­ti­ge, düs­te­re Brü­net­te mit dump­fen, rau­hen Schrei­en und stäm­mi­gen, in einem guss­ei­ser­nen Har­nisch gepress­ten Len­den, ein Unge­tüm von einem Tier mit einer wil­den Mäh­ne aus schwar­zem Rauch und sechs nied­ri­gen, anein­an­der gekup­pel­ten Rädern…“ 25 Jah­re spä­ter wird Mari­net­ti in sei­nem „Mani­fest des Futu­ris­mus” sta­tu­ie­ren, dass „ein Renn­wa­gen, des­sen Karos­se­rie gro­ße Roh­re schmü­cken, die Schlan­gen mit explo­si­vem Atem glei­chen”, schö­ner sei „als die Nike von Samothrake”.

Oscar Wil­de bezeich­ne­te „À Rebours“ als „das selt­sams­te Buch, das ich je gele­sen habe. Ein Buch vol­ler Gift“. Oh ja. Eine tie­fe Men­schen­ver­ach­tung – aber was soll man sonst ver­ach­ten, wenn nicht Men­schen? – durch­zieht den Text wie der Bas­so con­ti­nuo ein Barock­kon­zert, und er erreicht im berüch­tig­ten VI. Kapi­tel, wo Des Esse­in­tes einen Stra­ßen­jun­gen auf dem Umwe­ge der sexu­el­len Abhän­gig­keit von einer Hure zum Mör­der machen will, eine sata­ni­sche Gehäs­sig­keit. Moti­visch weist das vor­an­ge­hen­de Kapi­tel dar­auf hin, in wel­chem sich der luxu­riö­se Ere­mit für die bei­den „Salome”-Gemälde von Gust­ave Moreau begeis­tert (im Buch besitzt er sie sogar), weil es ihn „nach einer sub­ti­len, erle­se­nen Male­rei ver­lang­te, die, unse­ren Sit­ten und Tagen ent­rückt, hin­ab­ge­taucht war in einen alten Traum, in anti­ke Ver­derbt­heit”. Er sitzt näch­te­lang vor den Bil­dern und betrach­tet sie: „Dia­man­ten blit­zen auf der feucht­glän­zen­den Haut; Arm­bän­der, Gür­tel und Rin­ge spei­en Fun­ken; auf ihrem per­len­be­setz­ten, sil­ber­ber­ank­ten, gold­durch­wirk­ten Prunk­ge­wand ent­flammt das Ket­ten­hemd aus Geschmei­de, des­sen Maschen Juwe­len sind: gleich herr­li­chen Insek­ten mit kar­me­sin­ge­äder­ten, mor­gen­rot­gel­b­über­tupf­ten, stahl­blau­ge­spren­kel­ten, pfau­en­grün­ge­ti­ger­ten Flü­geln, deren Glanz blen­det, irr­lich­tert es über das mat­te Fleisch, die tee­ro­sen­far­be­ne Haut, zün­gelt es wie eine Feuerschlange.“

Wenn ich vor­hin schrieb, die Gemein­sam­kei­ten mit jedem ande­ren Roman hiel­ten sich in Gren­zen, stimmt das inso­fern nicht ganz, als es einen Autor gibt, der eine ver­gleich­ba­re Kon­stel­la­ti­on – ein ein­sa­mer, über­fei­ner­ter, lebens­un­tüch­ti­ger, ego­zen­trisch um sich selbst krei­sen­der, mit der Welt hadern­der, sui­zid­ge­fähr­de­ter Geis­tes­mensch ver­sucht ver­zwei­felt, sei­ne Tage her­um­zu­brin­gen – in vie­len sei­ner Bücher the­ma­ti­siert hat: Tho­mas Bernhard.

Im Grun­de ist „Gegen den Strich” ein vor­weg­ge­nom­me­ner Tho­mas-Bern­hard-Stoff. Das fiel mir beson­ders beim Kapi­tel III auf, das von Des Esse­in­tes Beschäf­ti­gung mit den Latei­nern han­delt. Ich muss jetzt ein­fach ein biss­chen zitie­ren (über­flie­gen Sie es, stei­gen Sie aus, aber am bes­ten, lesen Sie wei­ter): „Unter ande­rem schien ihm der sanf­te Ver­gil einer der schreck­lichs­ten Schul­meis­ter, einer der fins­ters­ten und ödes­ten Schwät­zer zu sein, den die Anti­ke jemals her­vor­ge­bracht hat­te; sei­ne sau­ber gewa­sche­nen und her­aus­ge­putz­ten Schä­fer, die sich gegen­sei­tig eimer­wei­se sen­ten­ziö­se und eis­kal­te Ver­se über dem Kopf aus­lee­ren, … sein Äne­as, die­se unent­schlos­se­ne und flie­ßen­de, wie aus einem Schat­ten­spiel stam­men­de Gestalt mit höl­zer­nen Gebär­den erbit­ter­ten ihn. Aber er hät­te sie noch hin­ge­nom­men, die­se lang­wei­li­gen Albern­hei­ten, die die­se Mario­net­ten wech­sel­sei­tig in die Kulis­sen spre­chen; er hät­te auch die scham­lo­sen Anlei­hen bei Homer, Theo­krit, Enni­us und Lukrez hin­ge­nom­men und den unver­hoh­le­nen Dieb­stahl, den uns Mar­cro­bi­us im zwei­ten Gesang der ‚Äneis‘ nach­wies, wor­in fast wort­wört­lich ein Gedicht Pisan­ders wie­der­ge­ge­ben wird, kurz: die gan­ze unaus­sprech­li­che Platt­heit die­ses Hau­fens von Gesän­gen, wäre da nicht die Mach­art der Hexa­me­ter gewe­sen, von denen ihn noch mehr schau­der­te: ble­chern klan­gen sie und schep­per­ten und dehn­ten ihre mit dem Liter­maß abge­mes­se­nen Wort­men­gen nach den star­ren Vor­schrif­ten einer pedan­ti­schen und tro­cke­nen Pro­so­die … Die­se der per­fek­tio­nier­ten Schmie­de des Catull ent­lehn­te, ewig glei­che Metrik ohne Phan­ta­sie und Erbar­men, die über­quoll vor Phra­sen, Füll­seln und Flick­wör­tern, deren Ver­zie­run­gen alle ähn­lich und vor­aus­seh­bar waren, die­ses Elend des home­ri­schen Epi­the­tons, das unent­wegt vor­kam, um nichts zu bezeich­nen, nichts anschau­lich zu machen, die­ses gan­ze arm­se­li­ge Voka­bu­lar mit sei­nen ton­lo­sen und faden Far­ben: all das war eine Mar­ter für ihn.“

Und wei­ter geht es mit sei­nem „Abscheu vor der ele­fan­ten­haf­ten Gra­zie eines Horaz“ oder: „Eben­so­we­nig wie Cice­ro begeis­ter­te ihn der für sei­ne lako­ni­sche Kür­ze berühm­te Cae­sar, denn hier zeig­te sich das ande­re Extrem: die Dür­re eines Tro­cken­fur­zers, die Ste­ri­li­tät eines Notiz­zet­tels, eine unglaub­li­che und unge­bühr­li­che Verstopfung.“

Das könn­te von Bern­hard stam­men, wenn, ja wenn die­ser Bern­hard von irgend­ei­ner Sache tat­säch­lich Ahnung beses­sen hät­te und nicht die so kennt­nis­ar­me wie ste­reo­ty­pe Rohr­spat­zia­de zur Atti­tü­de sei­nes Schrei­bens gemacht hät­te. Huys­mans dage­gen ver­fügt nicht allein über ein bemer­kens­wer­tes sprach­li­ches Reper­toire, son­dern auch über erstaun­li­che lite­ra­ri­sche, ästhe­ti­sche, bota­ni­sche und kuli­na­ri­sche Kennt­nis­se. Und olfaktorische!

Es gibt anti­ke Autoren, die der Her­zog mag, und einen, den er „wirk­lich lieb­te”: Petro­ni­us. „Die­ser rea­lis­ti­sche Roman, die­se aus dem nack­ten römi­schen Leben her­aus­ge­schnit­te­ne Schei­be”, die „in einer strah­len­den, wie vom Gold­schmied bear­bei­te­ten Spra­che die Las­ter einer abge­leb­ten Zivi­li­sa­ti­on, eines zer­brö­ckeln­den Rei­ches schil­der­te, ohne dass der Ver­fas­ser auch nur ein­mal her­vor­trä­te, ohne dass er auch nur den gerings­ten Kom­men­tar abgä­be, ohne dass er das Tun oder Den­ken sei­ner Figu­ren bil­lig­te oder ver­damm­te, die­se Geschich­te fes­sel­te Des Esse­in­tes.“ Den eigent­li­chen Grund sei­ner Zunei­gung zum Autor des „Saty­ricon” aber fand er in des­sen „eigen­ar­tig kru­dem, farb­si­che­ren Stil, einem Stil, der aller Dia­lek­te mäch­tig ist, sich Aus­drü­cke aus allen in Rom ver­tre­te­nen Spra­chen holt, der alle Gren­zen, alle Fes­seln des soge­nann­ten gro­ßen Jahr­hun­derts auf­hebt, indem er jeden sein Idi­om spre­chen lässt“.

Der Her­zog (bzw. sein Erfin­der) ist, bei aller Eigen­wil­lig­keit sei­nes Urteils, ersicht­lich ein Ken­ner der Latei­ner. „Ein ein­zi­ger christ­li­cher Dich­ter, Com­mo­di­an von Gaza, ver­trat in sei­ner Biblio­thek die Dicht­kunst des 3. Jahr­hun­derts”, lesen wir. „Die­se geschraub­ten, dunk­len, nach Raub­tier rie­chen­den Ver­se vol­ler Begrif­fe aus der Umgangs­spra­che, vol­ler Wör­ter, deren ursprüng­li­che Bedeu­tung ver­dreht wur­de, for­der­ten und inter­es­sier­ten ihn sogar mehr als der über­rei­fe und bereits grün­span­be­zo­ge­ne Stil der Geschichts­schrei­ber Ammi­a­nus Mar­cel­li­nus und Aure­li­us Vic­tor, des Brief­schrei­bers Sym­ma­chus und des Samm­lers und Gram­ma­ti­kers Macro­bi­us. Er zog sie sogar den ech­ten, skan­dier­ten Ver­sen der gespren­kel­ten und herr­li­chen Spra­che vor, die Clau­dia­nus, Ruti­li­us und Aus­o­ni­us spra­chen. Sie waren damals die gro­ßen Meis­ter der Dicht­kunst, sie füll­ten das ster­ben­de Impe­ri­um mit ihren Schrei­en.“ – Und so geht es immer wei­ter hin­ein ins Latein der Spätantike.

Die bevor­zug­ten zeit­ge­nös­si­schen Autoren des Her­zogs sind Mall­ar­mé, Bau­de­lai­re, Flau­bert, Poe und über­ra­schend auch Zola – Huys­mans war mit dem Schöp­fer der Rou­gon Mac­quart und Begrün­der des fran­zö­si­schen Natu­ra­lis­mus befreun­det, und bei Tages­licht bese­hen ist „À Rebours” nicht nur ein Mani­fest der déca­dence, son­dern auch die pas­sa­gen­wei­se halb­wegs natu­ra­lis­ti­sche Dar­stel­lung einer erb­lich beding­ten neu­ro­ti­schen Zer­rüt­tung. (Bezeich­nen­der­wei­se wird im Buch die für Zolas Werk eher unty­pi­sche Roman­phan­ta­sie „Die Sün­de des Abbé Mour­et” erwähnt, die ich vor vie­len Jah­ren nur des­halb las, weil eine schwarz­lo­cki­ge Schö­ne mir riet, ich möge sie als jene Albi­ne sehen, die dar­in den Geist­li­chen ver­führt – ich schwei­fe ab…)

Ein ama­zon-Rezen­sent bemän­gelt in „Gegen den Strich” die „ermü­den­de Anein­an­der­rei­hung von Schil­de­run­gen, wie der Her­zog ver­sucht, dem Leben soet­was wie einen Kick zu ent­rin­gen” – er schreibt von „irgend­wel­chen Hob­bys” –, „und die Ent­täu­schung, dass es nie das zu sein scheint, was er sich in sei­ner Fan­ta­sie hat­te aus­ma­len kön­nen. Also das ganz natür­li­che Dilem­ma aller, die hin­ter die Illu­si­on zu bli­cken wagen. Heu­te ist der beschrie­be­ne Zustand des Her­zogs der Nor­mal­zu­stand eines durch­schnitt­lich gelang­weil­ten Ber­li­ners. Und man­ches Tech­no­kid hat es in Sachen Deka­denz mit 21 wei­ter gebracht, als der Her­zog im Roman.” Aus die­ser Rezen­si­on spricht ent­we­der eine inti­me Kennt­nis sub­tils­ter, kaum zu beschrei­ben­der und des­halb auch nicht ein­mal ange­deu­te­ter Ver­gnü­gun­gen und Sti­mu­li – oder eben der ent­setz­li­che Stumpf­sinn unse­res Epöch­leins. Aber natür­lich haben auch Cho­pin und H. P. Baxx­ter gewis­se exis­ten­ti­el­le Gemeinsamkeiten.

Huys­mans ist zuletzt durch eine – mehr oder weni­ger indi­rek­te – Emp­feh­lung Michel Hou­el­le­becqs wie­der ins Gespräch und zu Ehren gekom­men. Das ers­te Kapi­tel von Hou­el­le­becqs 2015 erschie­ne­nem Best­sel­ler „Unter­wer­fung“ beginnt mit dem Bekennt­nis des Ich-Erzäh­lers Fran­çois, eines Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lers, in all den Jah­ren sei­ner „trau­ri­gen Jugend” sei der Pari­ser Roman­cier sein „Gefähr­te” und „treu­er Freund” gewe­sen, und so habe er denn sein Lite­ra­tur­stu­di­um an der Sor­bon­ne mit einer Dok­tor­ar­beit über ihn abge­schlos­sen. Fran­çois und sein Schöp­fer inter­es­sie­ren sich aber nicht pri­mär für den Ästhe­ti­zis­mus Huys­mans, son­dern für des­sen Wen­dung zum Katho­li­zis­mus. Der Ästhe­ti­zis­mus war dabei nur ein Zwi­schen­schritt. Am Ende des Vor­worts zur Neu­auf­la­ge von „À rebours“ von 1903, zwan­zig Jah­re nach dem Erschei­nen des Romans geschrie­ben, zitier­te Huys­mans eine Kri­tik aus dem Jahr 1884, die mit der Fest­stel­lung ende­te, dass nach einem sol­chen Buch dem Ver­fas­ser „nur noch die Wahl zwi­schen der Mün­dung einer Pis­to­le und den Füßen des Kreu­zes“ blei­be, und schloss lako­nisch: „Das ist geschehen.“

Von der Sache mit Gott han­delt auch „Wie­der­se­hen mit Bri­des­head”. Ryder, der als Agnos­ti­ker ein­ge­führt wur­de und der katho­li­schen Fami­lie in Glau­bens­din­gen immer ein Frem­der bleibt, spricht am Ende allein in der Kapel­le von Bri­des­head „uralte, neu erlern­te Wor­te“: ein Gebet.

 

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