Invasive Beatmung und die Versöhnung zweier Lager

Ein Brief einer Ärz­tin an den Ver­fas­ser der „Acta diur­na” vom 4. März 2023


„Sämt­li­che Dis­kus­sio­nen über medi­zi­ni­sche Behand­lungs­feh­ler bei schwer erkrank­ten COVID-19 Pati­en­ten wäh­rend der Pan­de­mie, ob dies nun die inva­si­ve Beatmung, in poten­ti­ell töd­li­cher Absicht ver­ab­reich­te, falsch dosier­te, angeb­lich unter­schla­ge­ne oder falsch ein­ge­setz­te Medi­ka­men­te betrifft, der Streit um die Gleich­stel­lung des COVID-19-Virus mit dem Influ­en­za­vi­rus, wer­den geführt von gan­ze Arm­a­den aus Medi­zi­nern, Hob­by­me­di­zi­nern, Poli­ti­kern, Sta­tis­ti­kern und sons­ti­gen selbst­er­nann­ten oder beru­fe­nen ‚Exper­ten’, die sich seit nun mehr drei Jah­ren bekämp­fen und in zwei Lager gespal­ten sind.

Die gen­the­ra­peu­ti­sche ‚Imp­fung’ wer­de ich an die­ser Stel­le noch kurz außen vor las­sen, sie ist jedoch ein äußerst wür­di­ger Ver­tre­ter der Ankla­ge­bank, auf der sich nun auch inva­si­ve Beatmun­gen wiederfinden.

In ihren jewei­li­gen Posi­tio­nen möch­ten sich die­se bei­den Frak­tio­nen kei­nen Zen­ti­me­ter Raum geben. Jede neue Infor­ma­ti­on aus dem Bekann­ten- und Freun­des­kreis, jeder Fach­ar­ti­kel, jedes Gerücht aus den tra­di­tio­nel­len und sozia­len Medi­en, jede medi­zi­ni­sche Aus­sa­ge von Regie­rungs­exper­ten (das sind sie lei­der nur aus­schließ­lich im wort­wört­li­chen Sin­ne), sämt­li­che Medi­zi­ner aller ver­füg­ba­ren Fach­rich­tun­gen aus dem Fern­se­hen, aus den Nach­rich­ten, den Talk­shows, frag­wür­di­ge Stu­di­en­ergeb­nis­se, seriö­se Stu­di­en­ergeb­nis­se, frag­wür­di­ge Sta­tis­ti­ken, seriö­se Sta­tis­ti­ken, jedes State­ment von über Nacht zu Inten­siv­me­di­zi­nern gereif­ten Poli­ti­kern wur­de und wird mehr oder weni­ger bewusst dazu genutzt, die eige­ne Über­zeu­gung zu bestä­ti­gen und das jeweils geg­ne­ri­sche Lager wie­der ein­mal in die Schran­ken zu weisen.

Wie kam es zu die­sen bei­den ver­här­te­ten Fron­ten, die sich nicht nur auf medi­zi­ni­scher Ebe­ne, son­dern genau­so rapi­de in der Bevöl­ke­rung bil­de­ten? Blei­ben wir zur Beant­wor­tung die­ser Fra­ge noch kurz bei den medi­zi­ni­schen Lagern.
Das eine medi­zi­ni­sche Lager begeg­ne­te dem neu auf­ge­tauch­ten, mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit einem Labor ent­stam­men­den Virus, mit dem anfäng­lich not­wen­di­gen Respekt gegen­über einer bis dato unbe­kann­ten Vari­an­te eines SARS- (Sud­den Acu­te Respi­ra­to­ry Syndrom)-Coronavirus. Man ver­folg­te vor­wie­gend die welt­wei­ten Live-Berich­te der behan­deln­den Ärz­te aus den betrof­fe­nen Kli­ni­ken, man­che Ärz­te erleb­ten schwe­re Sars-Cov19-Ver­läu­fe im beruf­li­chen oder nahen kol­le­gia­len Umfeld persönlich.
Es ist von emi­nen­ter Bedeu­tung, zu Beginn einer welt­weit neu­ar­ti­gen Infek­ti­ons­krank­heit mit hohem Über­tra­gungs­po­ten­ti­al, die theo­re­tisch jeden Men­schen mit dem Leben bedro­hen könn­te, den Fokus auf die Berich­te der behan­deln­den Ärz­te zu rich­ten. Dies war die ein­zi­ge Mög­lich­keit, sich ein rea­lis­ti­sches Bild vom schwe­ren kli­ni­schen Ver­lauf die­ses neu­ar­ti­gen Virus zu ver­schaf­fen. Nie­mand (!) kann zu Beginn einer Pan­de­mie ‚Exper­te’ einer neu­en Virus­va­ri­an­te sein.
Viro­lo­gen, die grund­sätz­lich kei­nen direk­ten Pati­en­ten­kon­takt haben, erfor­schen neue Viren struk­tu­rell im Labor und sind zur Beant­wor­tung aller Fra­gen, was das neue Virus denn im Kör­per eines Pati­en­ten ver­ur­sa­che, auf die behan­deln­den Medi­zi­ner und Inten­siv­me­di­zi­ner ange­wie­sen. Die ein­zi­gen, die in der Lage sind, schwe­re und sta­tio­när behand­lungs­be­dürf­ti­ge Ver­läu­fe einer neu­en (!) Virus­va­ri­an­te kli­nisch beur­tei­len zu kön­nen, sind dem­entspre­chend die behan­deln­den Ärz­te die­ser Patienten.
Bedau­er­li­cher­wei­se blieb die­se Tat­sa­che den meis­ten Men­schen ver­bor­gen, so dass theo­re­tisch jeder Pro­fes­sor, For­scher, inne­re Medi­zi­ner, Viro­lo­ge, Assis­tenz­arzt, Ober­arzt, jeder nie­der­ge­las­se­ne oder unter­neh­me­risch täti­ge Arzt, prin­zi­pi­ell jeder Arzt jeden Ran­ges und jeder Fach­rich­tung zu Beginn der Pan­de­mie umge­hend zum Sars-Cov19-Exper­ten dekla­riert wer­den konn­te oder sich alter­na­tiv selbst dazu ernann­te, ohne auf nen­nens­wer­te Skep­sis der Bevöl­ke­rung zu stoßen.
Der Aus­bruch der COVID-19 Pan­de­mie stell­te somit für Medi­zi­ner mit uner­füll­tem Drang zu Höhe­rem ein ver­lo­cken­des, plötz­lich auf­ge­tauch­tes Kar­rie­re­sprung­brett dar, wel­ches von einer nicht gerin­gen Anzahl auch genutzt wur­de. Die Fron­ten­bil­dung ver­stärk­te die­sen Effekt. Die jewei­li­ge Sei­te ver­lang­te nach öffent­li­chen Identifikationsfiguren.
Ich möch­te an die­ser Stel­le kei­nen sich in der Öffent­lich­keit posi­tio­nie­ren­den Medi­zi­ner bei­der Sei­ten per­sön­lich dis­kre­di­tie­ren, sie alle aber haben eines gemein­sam, sie tru­gen, bewusst oder unbe­wusst, zur immensen Spal­tung der Gesell­schaft bei und zemen­tier­ten diese.
Das SARS-COV‑2 Virus befällt nicht jeden Men­schen mit einem grund­sätz­lich wei­test­ge­hend ähn­li­chen kli­ni­schen Ver­lauf, wie dies bei Ebo­la oder HIV der Fall ist. Die kli­ni­sche Brei­te von SARS-CoV‑2 war groß. Von kaum merk­ba­ren Sym­pto­men bis hin zum rapi­de ver­lau­fen­den schwe­ren Ver­lauf, in nahe­zu allen Alters­klas­sen, konn­te rein theo­re­tisch das gesam­te Spek­trum des Virus kli­nisch beob­ach­tet wer­den. Die­se Tat­sa­che soll­te die Spal­tung in zwei Lager enorm befeuern.
Zur Ver­tei­lung ließ sich rela­tiv zügig ein­schät­zen, dass es sich zu Beginn der Pan­de­mie bei cir­ca 95% der Infi­zier­ten um leich­te bis mit­tel­schwe­re Ver­läu­fe han­del­te. Das weni­ger an der Viru­lenz des Erre­gers und der Patho­ge­ne­se schwe­rer Ver­läu­fe inter­es­sier­te medi­zi­ni­sche Lager mach­te sich die­se Ver­tei­lung zunut­ze und fokus­sier­te auf die gro­ße Grup­pe der nicht sta­tio­när behand­lungs­be­dürf­ti­gen Infi­zier­ten. Dass zwar die Gefähr­lich­keit eines SARS-Virus bekannt war, die­ser aber zur Fami­lie der Coro­na­vi­ren gehört, deren hohe Varia­bi­li­tät fach­lich bekannt ist und die eben­so harm­lo­se Coro­na-Erkäl­tungs­vi­ren beinhal­tet, ver­kom­pli­zier­te die Ange­le­gen­heit für den fach­li­chen Lai­en und wur­de eben­falls sei­tens des unbe­sorg­te­ren medi­zi­ni­schen Lagers genutzt.
Das Virus ‚eig­ne­te’ sich medi­zi­nisch sozu­sa­gen her­vor­ra­gend zur Spal­tung in zwei Lager. Den­noch wäre nicht ein­mal ein Bruch­teil die­ser Spal­tung ent­stan­den, leb­ten wir noch in Zei­ten vor Ange­la Mer­kels Amts­an­tritt. Zei­ten, in denen es tat­säch­lich noch eine Aus­zeich­nung für jun­ge Stu­den­ten und Unter­neh­mer war, vom World Eco­no­mic Forum oder der WHO als hoff­nungs­vol­ler Nach­wuchs ein­ge­la­den zu wer­den, ohne in den Ver­dacht zu gera­ten, Teil einer welt­weit gera­de­zu ver­schmol­zen wir­ken­den Ein­heit von Regie­run­gen, Medi­en, Tech und Kapi­tal zu sein, die ganz offen­sicht­lich eine gemein­sa­me ideo­lo­gi­sche Linie ver­folgt, poli­tisch und wirt­schaft­lich ziel­ge­rich­tet zusam­men­ar­bei­tet, die kaum Abwei­chun­gen die­ser gemein­sa­men Linie dul­det und die auch die COVID-19 Pan­de­mie betref­fend ver­such­te, die Regeln vorzugeben.
Links­ideo­lo­gisch moti­vier­tes Han­deln einer Regie­rung hebelt auch medi­zi­nisch gese­hen das Leis­tungs­prin­zip aus und führt zu Qua­li­täts­ver­lust, Still­stand und Des­in­for­ma­ti­on. Die Regie­rung Deutsch­lands unter Ange­la Mer­kels Füh­rung ging auch hier mit leuch­ten­dem Bei­spiel voran.
Über­all dort, wo wäh­rend eines uner­forsch­ten und bis dato unbe­kann­ten dyna­mi­schen Gesche­hens wie dem einer medi­zi­ni­schen Viruspan­de­mie von vorn­her­ein Fle­xi­bi­li­tät und Hand­lungs­spiel­räu­me ein­ge­engt wer­den, indem man die Maß­nah­men und Stra­te­gien zur Bewäl­ti­gung einer sol­chen Situa­ti­on starr von vorn­her­ein fest­legt, unter­gräbt man den mei­ner Ansicht nach ein­zig rich­ti­gen Weg, eine sol­che medi­zi­ni­sche Pan­de­mie zu bewäl­ti­gen, näm­lich indem die von der Regie­rung ergrif­fe­nen Maß­nah­men fort­lau­fend neu­en evi­denz­ba­sier­ten medi­zi­ni­schen Erkennt­nis­sen ange­passt wer­den müssen.
Die deut­sche Regie­rung benutz­te selbst­re­dend den hoch viru­len­ten Teil der Erst­va­ri­an­ten des SARS-COV-2-Virus sowie die teils dra­ma­ti­schen Zustän­de in stark betrof­fe­nen Regio­nen wie in Chi­na, Ber­ga­mo, New York City und Por­tu­gal, die durch eine sehr hohe Virus­last begrün­det waren. Kur­ze Erklä­rung zu den tat­säch­lich dra­ma­tisch betrof­fe­nen Regio­nen: je höher die Virus­last, des­to schwe­rer der Verlauf.
Konn­te sich das Virus unter idea­len Bedin­gun­gen unge­bremst über län­ge­re Zeit in einer Bevöl­ke­rung mit hoher Wohn­dich­te aus­brei­ten, so kam es dem­entspre­chend zu einer deut­li­chen Zunah­me schwe­rer Ver­läu­fe. In die­sen Regio­nen star­ben aus die­sem Grund auch die meis­ten behan­deln­den Ärz­te an ihrer Infek­ti­on mit dem SARS-COV‑2 Virus. Allein die­se schwer betrof­fe­nen Gebie­te konn­ten medi­zi­nisch gese­hen die Maß­nah­me eines regio­na­len und zeit­lich eng befris­te­ten Lock­downs recht­fer­ti­gen. Alle ande­ren Lock­downs waren unbe­grün­det und zogen ledig­lich schwe­re wirt­schaft­li­che Schä­den nach sich.
Es war gewis­ser­ma­ßen tra­gisch für die Opfer des gesund­heit­lich ernst­zu­neh­men­den Teils der SARS-COV-2-Pan­de­mie, dass die deut­sche Regie­rung selbst­ver­ständ­lich aus­schließ­lich den schwe­ren Ver­lauf des Virus nutz­te, um ihre ideo­lo­gisch moti­vier­ten Zwangs­maß­nah­men zu instal­lie­ren und den 95% nicht hos­pi­ta­li­sier­ten infi­zier­ten Pati­en­ten hin­sicht­lich aller getrof­fe­nen Maß­nah­men kei­ne wei­te­re Beach­tung schenkte.
Man stel­le sich einen Mann in der Mit­te des Lebens vor, kuli­na­ri­schen Genüs­sen nicht abge­neigt und zu leich­tem Über­ge­wicht nei­gend, der auf­grund sei­ner Infek­ti­on mit dem SARS-COV-2-Virus inner­halb weni­ger Tage intu­ba­ti­ons­pflich­tig wird und eini­ge Tage spä­ter ver­stirbt. Sei­ne scho­ckier­ten Ange­hö­ri­gen tref­fen nun auf Demons­tran­ten, mit Grund­rechts­schil­dern bewaff­net, ‚es gibt kei­ne Pan­de­mie’ skan­die­rend, die fel­sen­fest davon über­zeugt sind, dass ohne­hin alle Pati­en­ten nicht am, son­dern mit dem Virus versterben.
Ich sage nicht, dass die­se Demons­tran­ten hin­sicht­lich ihrer Grund­rech­te unrecht hat­ten, ganz im Gegen­teil. Selbst­ver­ständ­lich sind sowohl zahl­rei­che Pati­en­ten mit, als auch am Virus ver­stor­ben. Es beschreibt aber das bizar­re Ergeb­nis der ein­sei­ti­gen Pan­de­mie­füh­rung der Bun­des­re­gie­rung. Dadurch wur­de die Regie­rung auch medi­zi­nisch betrach­tet zum größ­ten Motor der Spal­tung der Bevöl­ke­rung. Es ging ihnen ja auch in Wahr­heit nicht um die Eigen­ar­ten des Virus oder den gesund­heit­li­chen Schutz der Bevöl­ke­rung. Von gewis­sen wirt­schaft­li­chen Ver­lo­ckun­gen abge­se­hen, die wohl jede Pan­de­mie mit sich brin­gen wür­de, wäre die­se Pan­de­mie vor 20–30 Jah­ren poli­tisch sicher nicht in solch einem Aus­maß dazu benutzt wor­den, sinn­lo­se irra­tio­na­le Maß­nah­men zu instal­lie­ren, die unter dem Vor­wand des Schut­zes der Bevöl­ke­rung ledig­lich dazu dien­ten, die Men­schen zu kon­trol­lie­ren, zu bevor­mun­den, gegen­ein­an­der auf­zu­het­zen, sie zu spal­ten, ein­sei­tig infor­mie­rend zu ängs­ti­gen, kon­trol­lie­rend ein­zu­en­gen und ein­zu­sper­ren, und die in der Demü­ti­gung gip­fel­te, ihr Recht auf kör­per­li­che Unver­sehrt­heit unter Zuhil­fe­nah­me der 2G-Regeln auszuhebeln.
Der skan­da­lö­se und ent­wür­di­gen­de Impf­zwang mit einem nicht regu­lär zuge­las­se­nen Gen­the­ra­peu­ti­kum lei­te­te die nächs­te Spal­tung der Bevöl­ke­rung ein und soll­te sich als Maß­nah­me mit gesund­heit­lich ver­hee­ren­den Fol­gen für einen nicht gerin­gen Teil der Teil­neh­mer die­ses Expe­ri­men­tes erwei­sen. Die mRNA-Imp­fung hät­te welt­weit längst für alle Alters­grup­pen vom Markt genom­men wer­den müssen!
Anstatt aus­schließ­lich sinn­vol­le Maß­nah­men zu ergrei­fen und sie den aktu­el­len medi­zi­ni­schen Erkennt­nis­sen und For­schungs­er­geb­nis­sen anzu­pas­sen, sie so bald wie mög­lich wie­der abzu­schaf­fen (aller­spä­tes­tens ! seit der ent­schärf­ten Omi­kron-Vari­an­te), lenk­te man die Bevöl­ke­rung mit per­ma­nen­ten sinn­lo­sen Dis­kus­sio­nen über den Nut­zen von Lock­downs, Tests und Gesichts­mas­ken ab, ohne die gerings­te Ver­än­de­rung an die­sen Zwangs­maß­nah­men vorzunehmen.
Selbst­ver­ständ­lich wür­de kein Arzt eine hoch infek­tiö­se Kran­ken­haus­ab­tei­lung ohne geeig­ne­te Schutz­maß­nah­men betre­ten, die Covid-Mas­ken­ver­ord­nung aber war so skur­ril, wei­test­ge­hend nutz­los und so wider­sin­nig, dass sie sich einer gewis­sen Komik nicht ent­zie­hen konn­te. Der über­wie­gend regie­rungs­from­me Teil der Bevöl­ke­rung Deutsch­lands hin­ter­frag­te die Maß­nah­men und Zwän­ge der Regie­rung nicht. Der ande­re Teil, fol­ge­rich­tig ange­führt von der ein­zi­gen Oppo­si­ti­ons­par­tei und Medi­zi­nern des zuvor beschrie­be­nen ‚unbe­sorg­te­ren’ Lagers, tat das genaue Gegen­teil der Regierung.
Die­ses Lager igno­rier­te den cir­ca 5%igen Anteil inten­siv­pflich­ti­ger Pati­en­ten, kein gerin­ger Anteil ver­höhn­te oder leug­ne­te die Opfer aller Alters­grup­pen der Pan­de­mie, auch die­je­ni­gen, die tat­säch­lich am Virus ver­stor­ben waren, ent­ris­sen SARS-COV‑2 der Klas­si­fi­zie­rung als SARS-Coro­na­vi­rus und ord­ne­ten es fort­an der Grup­pe der Ortho­myxo­vi­ren, der Influ­en­za zu. Der ‚Coro­na-Leug­ner’ war gebo­ren. Nun war es voll­bracht. Die Gesell­schaft war zutiefst gespal­ten. Die Pan­de­mie spie­gel­te fol­ge­rich­tig die poli­ti­sche Situa­ti­on des Lan­des wieder.
Dabei wäre eine Ver­söh­nung bei­der Lager so ein­fach, so sim­pel gewe­sen. War­um? Weil bei­de recht hat­ten. Weil es in Wahr­heit auch bei den Erst­va­ri­an­ten des SARS-COV-2-Virus kei­ne zwei medi­zi­ni­schen Lager gab. Weil bei­de Sei­ten kli­nisch vor­han­den waren. Vom leich­ten bis mit­tel­schwe­ren Ver­lauf mit grip­pe­ähn­li­cher Sym­pto­ma­tik bis hin zum schwe­ren Ver­lauf mit patho­phy­sio­lo­gisch ein­zig­ar­ti­gen Mecha­nis­men, die noch nie in die­ser Form beob­ach­tet wor­den waren. Weil das Virus trotz man­nig­fa­cher sym­pto­ma­ti­scher Gemein­sam­kei­ten gar nicht erst zur neu­en Influ­en­za umge­tauft wor­den wäre, hät­te man die erstaun­li­che kli­ni­sche Brei­te und Beson­der­hei­ten der Erst­va­ri­an­ten von SARS-COV‑2 der Bevöl­ke­rung in ver­ständ­li­cher und anschau­li­cher Art und Wei­se erklärt, anstatt sie poli­tisch zu instru­men­ta­li­sie­ren. Weil man die dem SARS-COV‑2 Virus eige­ne Iden­ti­tät, die es ohne jeden Zwei­fel besitzt, hät­te bewah­ren müs­sen, anstatt zuzu­las­sen, dass der leich­te bis mit­tel­schwe­re Ver­lauf, der auch bei der Ursprungs sowie der Del­ta-Vari­an­te weit über 90% der Infi­zier­ten betraf, gegen den kli­nisch schwe­ren Ver­lauf aus­ge­spielt wur­de, um die Spal­tung der Gesell­schaft zu fixieren.
Um die Unter­schie­de und Gemein­sam­kei­ten des SARS-COV-2-Virus im Ver­gleich zur Influ­en­za genau zu ver­deut­li­chen, gestat­te ich mir jedoch an die­ser Stel­le aus­nahms­wei­se selbst den all­seits bekann­ten Ver­gleich mit der Influ­en­za, in sowohl kli­ni­scher als auch patho­phy­sio­lo­gi­scher Hinsicht.
Die weit­rei­chen­den patho­phy­sio­lo­gi­schen Unter­schie­de zwi­schen der SARS-COV2 und der Influ­en­za-Infek­ti­on sind Gegen­stand zahl­rei­cher For­schungs­ar­bei­ten der welt­weit füh­ren­den Uni­ver­si­tä­ten. Cave: Die Patho­phy­sio­lo­gie (Ent­ste­hung krank­haf­ter Ver­än­de­run­gen) ist nicht gleich­zu­set­zen mit der kli­ni­schen Sym­pto­ma­tik! Die patho­phy­sio­lo­gi­schen Beson­der­hei­ten des SARS-COV-2-Virus umfas­sen das Volu­men unzäh­li­ger Dissertationen.
Ich möch­te mich an die­ser Stel­le in kom­pak­ter Form nur den auf­fäl­ligs­ten kli­ni­schen und patho­phy­sio­lo­gi­schen Unter­schie­den zur Influ­en­za wid­men, die sich nicht nur auf patho­phy­sio­lo­gi­scher Ebe­ne nach­wei­sen lie­ßen, son­dern, ins­be­son­de­re den schwe­ren Ver­lauf der Erst­va­ri­an­ten betref­fend, auch kli­nisch in einer Art Wei­se mani­fes­tier­ten, die man zuvor so noch nie bei der Influ­en­za oder sons­ti­gen ARDS-Acu­te Respi­ra­to­ry Distress Syn­dro­me-For­men beob­ach­tet hatte.
Zunächst eine kli­ni­sche Gemein­sam­keit zur Influ­en­za. Die geschil­der­ten Sym­pto­me der leicht bis mit­tel­schwer erkrank­ten, nicht hos­pi­ta­li­sier­ten COVID-19 Pati­en­ten, deck­ten sich wei­test­ge­hend in der kli­ni­schen Aus­prä­gung mit dem brei­ten Spek­trum der Krank­heits­zei­chen eines grip­pa­len Infek­tes. Der Ver­lust des Geruchs­sin­nes (Anos­mie) mani­fes­tier­te sich häu­fig als Erst­sym­ptom einer Infek­ti­on mit dem SARS-COV‑2 Virus. Die Anos­mie ist ein wun­der­bar anschau­li­ches Bei­spiel für ein gemein­sa­mes kli­ni­sches ‚End­ergeb­nis’, dem Sym­ptom des Ver­lus­tes der intak­ten Riech­fä­hig­keit, wel­ches aber durch zwei voll­kom­men ver­schie­de­ne Ent­ste­hungs­me­cha­nis­men ver­ur­sacht wird. Im Gegen­satz zum grip­pa­len Infekt ist nicht die ver­stopf­te Nase ursäch­lich für die­sen Ver­lust. Bei solch einem Schnup­fen ent­zün­det und ver­dickt sich die Nasen­schleim­haut, somit ist der Weg der ein­ge­at­me­ten Luft zur Riech­schleim­haut blo­ckiert. Der Ver­lust des Geruchs­sinns beim SARS-COV-2-Virus ent­steht unab­hän­gig davon, ob der Pati­ent einen Schnup­fen hat. Neu­es­ten Ergeb­nis­sen der John Hop­kins Uni­ver­si­ty zufol­ge ist der Ver­lust des Geruchs­sin­nes eine sekun­dä­re Fol­ge einer sowohl neu­ro­na­len als auch vas­ku­lä­ren hämor­rha­gi­schen Schädigung.
Eine SARS-COV-2-Infek­ti­on greift über einen inflamm­a­to­ri­schen Mecha­nis­mus die Ner­ven­zel­len an, was zu einer nach­weis­lich signi­fi­kan­ten Reduk­ti­on ihrer Axo­ne (Ner­ven­endi­gun­gen) führt. Die Anos­mie betref­fend, wur­den bei obdu­zier­ten Pati­en­ten neben zer­stör­ten Ner­ven­zel­len auch vas­ku­lä­re hämor­rha­gi­sche Läsio­nen im Gehirn gefun­den (Loka­li­sa­ti­on für fach­lich Inter­es­sier­te: Hip­po­cam­pus, Tem­po­ral­lap­pen und orbi­t­o­fron­ta­ler Kon­text). Offen­bar kommt es hier durch ver­schie­dens­te patho­phy­sio­lo­gi­sche Mecha­nis­men zur Beein­träch­ti­gung des Riechvermögens.
Eine Infek­ti­on mit SARS-COV‑2 wird in der stän­dig aktua­li­sier­ten Fach­li­te­ra­tur immer mehr als eine Erkran­kung gese­hen, die alle Sys­te­me betrifft. Die Ver­min­de­rung kogni­ti­ver Leis­tungs­fä­hig­keit ist eines der häu­figs­ten kli­ni­schen Sym­pto­me bei einer Infek­ti­on mit dem SARS-COV-2-Virus. Unge­fähr 70% der Infi­zier­ten berich­ten über kogni­ti­ve Beein­träch­ti­gun­gen. Am häu­figs­ten wur­de der Gedächt­nis­ver­lust genannt, gefolgt von ‚brain fog’ und Kon­zen­tra­ti­ons­schwie­rig­kei­ten. Es gibt offen­bar ver­schie­de­ne patho­phy­sio­lo­gi­sche Mecha­nis­men, durch die SARS-COV‑2 die kogni­ti­ven Leis­tun­gen beein­träch­ti­gen kann.
Das olfak­to­ri­sche Sys­tem scheint dabei die vira­le Ein­tritts­pfor­te des Virus in das Gehirn des Infi­zier­ten zu sein und weist eine hohe Kon­nek­ti­vi­tät zur dem­je­ni­gen Teil der grau­en Sub­stanz auf, der laut aktu­el­ler Stu­di­en­la­ge nach­weis­lich Struk­tur­ver­lus­te auf­weist (Loka­li­sa­ti­on der struk­tu­rel­len Defek­te für fach­lich Inter­es­sier­te: Para­hip­po­cam­pus, late­ra­ler orbi­t­o­fron­ta­ler Kor­tex und Insu­la). Die kogni­ti­ven Beein­träch­ti­gun­gen sind kei­nes­wegs Ein­bil­dun­gen der Pati­en­ten, das SARS-COV‑2 Virus hat nach­weis­lich Zugang zum ZNS und in abseh­ba­rer Zeit wird man die Mecha­nis­men wahr­schein­lich auch in ihrer gesam­ten Kom­ple­xi­tät ver­stan­den und erforscht haben.
Die­se Häu­fung kogni­ti­ver Beein­träch­ti­gun­gen ist bei der klas­si­schen Influ­en­za nicht ein­mal ansatz­wei­se zu fin­den. Neu­ro­lo­gi­sche Sym­pto­me bei einer aku­ten Influ­en­za Infek­ti­on sind sehr sel­ten. Das ist auch nicht wei­ter ver­wun­der­lich, denn die typi­schen sai­so­na­len Influ­en­za­vi­ren wie das H1N1 oder das H3N2 Virus, sind nicht in der Lage, das Gehirn zu infi­zie­ren. Nur hoch­pa­tho­ge­ne Influ­en­za-Stäm­me wie bei­spiels­wei­se H5N1 (Vogel­grip­pe) oder H7N7 (Avi­an Influ­en­za) kön­nen wäh­rend der Infek­ti­on nach­weis­lich die Blut-Hirn Schran­ke über­win­den und neu­ro­lo­gi­sche Schä­den verursachen.
Die gute Nach­richt für alle kogni­tiv vom SARS-COV-2-Virus betrof­fe­nen Pati­en­ten ist, dass die­se Beein­träch­ti­gun­gen zwar über meh­re­re Mona­te per­sis­tie­ren kön­nen, sich jedoch die aller­meis­ten Pati­en­ten wie­der davon erholen.
Zum schwe­ren Ver­lauf und der kli­ni­schen Ein­zig­ar­tig­keit des SARS-COV-2-Virus: Grund­sätz­lich lässt sich fest­hal­ten, dass eine rein vira­le Influ­en­zapneu­mo­nie im kli­ni­schen All­tag eher sel­te­ner anzu­tref­fen ist. Bei der Grip­pe ver­stirbt der schwer erkrank­te Pati­ent fast immer an einer Lun­gen­ent­zün­dung, ver­ur­sacht durch eine bak­te­ri­el­le Super­in­fek­ti­on. Der meist hoch­be­tag­te und mul­ti­mor­bi­de Pati­ent ist durch das Grip­pe­vi­rus extrem geschwächt und zieht sich dann sehr leicht eine töd­li­che Lun­gen­in­fek­ti­on mit den im Kran­ken­haus zahl­reich vor­han­de­nen Bak­te­ri­en zu. Man ver­stirbt dann streng genom­men nicht am rei­nen Influ­en­za­vi­rus, son­dern an der bak­te­ri­el­len Lun­gen­ent­zün­dung. Sta­tis­tisch wird ‚Tod durch Influ­en­za’ eingetragen.
Das SARS-COV-2-Virus töte­te ganz ohne bak­te­ri­el­le Hil­fe. Welt­weit kam es zu Beginn der COVID-19-Pan­de­mie zu einer in die­ser Form noch nie dage­we­se­nen Häu­fung von hypo­xä­mi­schen (<94% Sau­er­stoff­sät­ti­gung) Pati­en­ten, die inten­siv­sta­tio­när behan­delt wer­den muss­ten. Eine Infek­ti­on der Atem­we­ge mit dem SARS-CoV‑2 führ­te bei schwe­ren Ver­laufs­for­men des Virus zum aku­ten Atem­not­syn­drom (ARDS – Acu­te Respi­ra­to­ry Distress Syn­drom), das bei cir­ca 20 % aller hos­pi­ta­li­sier­ten COVID-19-Pati­en­ten eine inva­si­ve Beatmung erfor­der­lich mach­te. Ein ARDS ist durch akut ein­set­zen­de, schwe­re Luft­not, Sau­er­stoff­man­gel sowie dif­fu­se Infil­tra­te im Rönt­gen­bild gekenn­zeich­net. Das ARDS kann im Rah­men zahl­rei­cher Erkran­kun­gen auf­tre­ten. Eine der häu­figs­ten Ursa­chen vor der COVID-19-Pan­de­mie war die bak­te­ri­el­le Pneu­mo­nie und die Sepsis.
Es kommt beim klas­si­schen ARDS zur mas­si­ven Aus­schüt­tung von Ent­zün­dungs­me­dia­to­ren und einer Akti­vie­rung des Gerin­nungs­sys­tems. In der Fol­ge bil­det sich ein inters­ti­ti­el­les Lun­gen­ödem. Ver­ein­facht aus­ge­drückt dringt Flüs­sig­keit in die Lun­gen ein. Dies führt zu ver­min­der­tem Lun­gen­vo­lu­men und zu ver­rin­ger­ter Dehn­bar­keit (Com­pli­ance) der Lun­ge, somit  kommt es zu einer schwe­ren Stö­rung zwi­schen der Belüf­tung (Ven­ti­la­ti­on) und der Durch­blu­tung (Per­fu­si­on) der Lun­ge. In der Fol­ge tritt der Tod des Pati­en­ten durch respi­ra­to­ri­sches Ver­sa­gen ein.
Obwohl das SARS-COV‑2 ARDS mit dem klas­si­schen ARDS ver­gli­chen wer­den kann, stim­men den­noch nur eini­ge Merk­ma­le von Covid-19 mit dem ‚typi­schen’ ARDS über­ein. Im Ver­gleich zum klas­si­schen ARDS weist COVID-19 neben den typi­schen, dif­fu­sen, alveo­lä­ren Schä­di­gun­gen der Lun­ge ein­zig­ar­ti­ge patho­lo­gi­sche und patho­phy­sio­lo­gi­sche Merk­ma­le auf. Ein New Yor­ker Not­arzt und Inten­siv­me­di­zi­ner, der in der Anfangs­pha­se sta­tio­när auf­ge­nom­me­ne COVID-19-Pati­en­ten nahe­zu jeden Alters behan­del­te, beschrieb die­ses Para­do­xon: ‚Die­se Pati­en­ten ver­spü­ren trotz viel zu nied­ri­ger Sau­er­stoff­sät­ti­gungs­wer­te kei­ne (!) Luft­not. Man­che wol­len sich sogar ’noch ein Cola holen’, wäh­rend sie sich schon längst in kri­ti­schen hypo­xi­schen Berei­chen befin­den (<70% Sau­er­stoff­sät­ti­gung). Er fuhr fort: ‚Mich erin­nert die kli­ni­sche Sym­pto­ma­tik an die Höhen­krank­heit, ich glau­be, wir haben es bei die­ser SARS-COV-2-Pan­de­mie nicht nur mit einer klas­si­schen ARDS zu tun, son­dern hier liegt eine Kom­bi­na­ti­on mit einer Son­der­form vor, die wahr­schein­lich eine aus­ge­präg­te Krank­heits­be­tei­li­gung der Blut­ge­fä­ße beinhal­tet, was zu die­sem Phä­no­men füh­ren könn­te.’ Der klu­ge Mann soll­te recht behalten.
Die kli­ni­schen ARDS-Merk­ma­le von SARS-COV-2-Pati­en­ten lie­ßen sich somit in zwei Grup­pen unter­tei­len. Die eine SARS-COV-2-ARDS-Grup­pe litt klas­sisch unter fort­schrei­ten­der Atem­not, die ande­re Pati­en­ten­grup­pe zeig­te eine bis dato noch nicht gekann­te, ein­zig­ar­ti­ge Hypo­xä­mie, auch ’silent’ oder ‚hap­py hypo­xe­mia’ genannt.
Zur Patho­phy­sio­lo­gie die­ses Phä­no­mens: Das SARS-COV-2-Virus gelangt vor allem in Zel­len, die an ihrer Ober­flä­che ACE-Rezep­to­ren auf­wei­sen. Es nutzt die­se Rezep­to­ren als Andock­stel­le, um in die Zel­le ein­zu­drin­gen und sich dort zu ver­viel­fäl­ti­gen. ACE-Rezep­to­ren fin­den sich in den Gewebs­zel­len prin­zi­pi­ell aller Orga­ne, den Gefäß­zel­len (Endo­thel­zel­len) sowie in den Immun­zel­len. Alle drei Zell­ty­pen kön­nen somit vom SARS-COV-2-Virus befal­len und schwer geschä­digt wer­den. Beim SARS-COV-2-Virus kommt es somit zu aus­ge­präg­ten Gefäß­zell­schä­den (Endo­thel­schä­den). Das kli­ni­sche ARDS-Bild der ’silent Hypo­xe­mia’ führ­te, genau wie die klas­si­sche ARDS, eben­falls zu respi­ra­to­ri­schem Ver­sa­gen und somit zum Tod.
Bei die­sem ARDS-Typus fehl­te aber selt­sa­mer­wei­se das klas­sisch ver­rin­ger­te Lun­gen­vo­lu­men einer typi­schen ARDS, und auch die Dehn­bar­keit (Com­pli­ance) der Lun­ge war bei die­sen Pati­en­ten nicht ver­min­dert. Dies pass­te über­haupt nicht zum Schwe­re­grad der Hypo­xie die­ser Pati­en­ten (Sau­er­stoff­sät­ti­gungs­wer­te <70%). Wel­cher patho­phy­sio­lo­gi­sche Mecha­nis­mus lag dem zugrunde?
Das SARS-COV-2-Virus greift über den ACE-Rezep­tor an. Aus die­sem Grun­de kön­nen im Ver­gleich zum klas­si­schen ARDS-Com­pli­ance und Lun­gen­funk­ti­on nor­ma­le Wer­te auf­wei­sen, obwohl sich der Pati­ent auf dem Weg in ein respi­ra­to­ri­sches Ver­sa­gen befin­det. Das Lun­ge­nen­do­thel kann sich durch die SARS-COV‑2 beding­ten Schä­di­gun­gen nicht mehr zusam­men­zie­hen. Dies führt zu einem Ver­lust der nor­ma­len Regu­la­ti­on der Durch­blu­tung der Lun­ge und ver­ur­sacht eine Art intra­pul­mo­n­a­len Shunt. In den Gefäß­wand­zel­len (Endo­thel­zel­len) selbst bil­den sich zahl­rei­che Mikro­throm­ben, der nicht belüf­te­te Tot­raum der Lun­ge wird auf die­se Wei­se immer wei­ter vergrößert.
In der Lite­ra­tur wird die­ser spe­zi­el­le SARS-COV-2-ARDS-Typ als L‑Typus bezeich­net. Der L‑Typus betraf den über­wie­gen­den Teil (70%)  der sta­tio­när auf­ge­nom­me­nen SARS-COV-2-Pati­en­ten. Vie­le Pati­en­ten zeig­ten auch eine ‚gemein­sa­me End­stre­cke’ des klas­si­schen ARDS-Typus (H‑Typus) in Kom­bi­na­ti­on mit dem L‑Typus. Die­se mas­si­ven Schä­di­gun­gen der Gefäß­wän­de (Endo­thel) erklä­ren nicht nur die ein­zig­ar­ti­gen ARDS-Merk­ma­le beim SARS-COV-2-Virus, es macht auch ver­ständ­lich, war­um die Risi­ko­grup­pen im Ver­gleich zur Influ­en­za auch Men­schen mit Gefäß­er­kran­kun­gen wie Dia­be­tes oder Blut­hoch­druck ein­schlos­sen. Die­se ein­zig­ar­ti­gen Mecha­nis­men des SARS-COV‑2 Virus erklä­ren wahr­schein­lich auch, war­um eine nicht gerin­ge Anzahl jun­ger und gesun­der Men­schen prin­zi­pi­ell aller Alters­klas­sen vom schwe­ren Ver­lauf die­ses Virus betrof­fen sein konnten.
Man muss­te theo­re­tisch gese­hen nicht mul­ti­mor­bi­de und immun­ge­schwächt sein, um von solch einem schwe­ren Ver­lauf getrof­fen zu wer­den. Der beson­de­re patho­phy­sio­lo­gi­sche Mecha­nis­mus mach­te dies wohl mög­lich. Betag­te und mul­ti­mor­bi­de Men­schen haben grund­sätz­lich ein erhöh­tes Risi­ko, einen schwe­ren Krank­heits­ver­lauf zu bekommen,ob dies nun SARS-COV‑2 oder Influ­en­za A betrifft.
Der bei ‚Ach­gut’ erschie­ne­ne Arti­kel von A. Zim­mer­man ‚Coro­na: Wur­den die Alten zu Tode behan­delt?’ impli­ziert nicht nur, dass Mid­azo­lam eine signi­fi­kan­te Rol­le beim Tod inten­siv­pflicht­ger ARDS-Pati­en­ten gespielt habe, son­dern schlägt eben­falls vor, dass eine zu frü­he inva­si­ve Beatmung den Tod die­ser Pati­en­ten ver­ur­sacht habe. Der Vor­wurf einer ’stra­te­gi­schen Früh­in­tu­ba­ti­on’ wird in den Raum gestellt. ‚Wohl in Kom­bi­na­ti­on mit Mid­azo­lam’ sei es das Ziel gewe­sen, die schwer Erkrank­ten SARS-COV2-Pati­en­ten zu töten. Die­ser Vor­wurf ist genau­so absurd wie beim Midazolam.
Zu Beginn der Pan­de­mie exis­tier­ten kei­ne spe­zi­el­len evi­denz­ba­sier­ten Leit­li­ni­en für die Beatmung intu­ba­ti­ons­pflich­ti­ger ARDS-COVID-19-Pati­en­ten. Das war auch nicht unbe­dingt not­wen­dig, führt man sich das kli­ni­sche Bild die­ser Pati­en­ten vor Augen. Inten­siv­me­di­zi­nisch ori­en­tiert man sich an den bekann­ten ARDS-Leit­li­ni­en zur non­in­va­si­ven und inva­si­ven Beatmung hypo­xi­scher Pati­en­ten, sowie vor allem auch am kli­ni­schen Gesamt­bild des Pati­en­ten. Nicht nur die Sau­er­stoff­sät­ti­gung ist hier von Bedeu­tung. Hat der Pati­ent Atem­not (Dys­pnoe)? Zeigt der Pati­ent Zei­chen einer Über­an­stren­gung der Atem­mus­ku­la­tur, benutzt er bereits die Atem­hilf­mus­ku­la­tur? All die­se Para­me­ter müs­sen berück­sich­tigt werden.
Hypo­xi­sche Pati­en­ten wer­den, sofern der All­ge­mein­zu­stand des Pati­en­ten es zulässt, zunächst mit nicht-inva­si­ven Beatmungs­for­men bei der Oxy­ge­nie­rung unter­stützt (NIV- Non Inva­si­ve Ven­ti­la­ti­on). Bei der NIV besteht die Mög­lich­keit einer Oxy­ge­nie­rung durch eine Nasen­son­de, der soge­nann­ten High-Flow-Sau­er­stoff-The­ra­pie (HFNO – High Flow Nasal Oxy­gena­ti­on). Des­wei­te­ren kann man die hypo­xi­schen Pati­en­ten eben­falls non­in­va­siv mit einer druck­kon­trol­lier­ten Sau­er­stoff­mas­ke beatmen (CPAP- Con­ti­nuous Posi­ti­ve Air­way Pres­su­re). Das Ziel besteht immer dar­in, die aus­rei­chen­de Oxy­ge­nie­rung eines hypo­xi­schen Pati­en­ten sicher­zu­stel­len. Wenn sich die Sym­pto­me inner­halb einer kur­zen Zeit (1–2 Stun­den) nicht ver­bes­sern oder sogar ver­schlech­tern, soll­te umge­hend eine endo­tra­chea­le Intu­ba­ti­on und inva­si­ve mecha­ni­sche Beatmung erfolgen.
Wenn die Oxy­ge­nie­rung also mit Hil­fe die­ser non inva­si­ven Beatmungs­for­men nicht auf­recht­erhal­ten wer­den kann, und/oder der Pati­ent star­ke Atem­an­stren­gun­gen zeigt, muss eine inva­si­ve mecha­ni­sche Beatmung, eine Intu­ba­ti­on mit Anal­go­se­die­rung erfol­gen. Der Pati­ent muss dann intu­biert wer­den, um über­haupt die Chan­ce zu haben, sein Leben zu ret­ten. Unter­blie­be in solch kri­ti­schen Situa­tio­nen die Intu­ba­ti­on, wür­de der Pati­ent an respi­ra­to­ri­schem Ver­sa­gen in kur­zer Zeit versterben.
Es wur­den ver­schie­de­ne Stu­di­en ver­öf­fent­licht, die man hin­sicht­lich unter­schied­li­cher Fra­ge­stel­lun­gen initi­iert hat. Bei­spiels­wei­se unter­such­te man, ob es ein bes­se­res Out­co­me der Pati­en­ten gege­ben hät­te, wenn man anstel­le der non­in­va­si­ven Mas­ken­be­atmung die nasa­le high flow the­ra­py ange­wandt hät­te. In man­chen Stu­di­en schnitt die Nasen­son­de gering­fü­gig bes­ser ab als die Mas­ken­be­atmung, in ande­ren Stu­di­en­ergeb­nis­sen war es genau anders­her­um. Man strei­tet hier ein wenig um Spitz­fin­dig­kei­ten, die kei­nen schwer­wie­gen­den Ein­fluss auf das Gesamt­über­le­ben der Pati­en­ten gehabt hätten.
Auch der im ‚Achgut’-Artikel beschrie­be­ne ‚Todes­ur­sa­che durch zu frü­he Intubation’-Vorwurf war längst unter­sucht wor­den. Das Ergeb­nis lau­te­te wie folgt: Der Ein­satz von nasa­lem High-Flow-Sau­er­stoff (HFNO) kann bei der Auf­nah­me in die Inten­siv­sta­ti­on bei erwach­se­nen Pati­en­ten mit COVID-19-beding­tem hypo­xä­mi­schem ARDS im Ver­gleich zur frü­hen Intu­ba­ti­on zu einer Erhö­hung (!) der beatmungs­frei­en Tage und einer Ver­kür­zung (!) der Auf­ent­halts­dau­er auf der Inten­siv­sta­ti­on geführt, die Gesamt­mor­ta­li­tät (!) jedoch änder­te sich nicht durch die­se Maßnahme.
Es lässt sich also zusam­men­fas­sen, dass das Gesamt­über­le­ben ver­hält­nis­mä­ßig gleich geblie­ben wäre, die Dau­er der inva­si­ven Beatmung jedoch leicht ver­kürzt gewe­sen wäre, wie auch die ver­kürz­te Auf­ent­halts­dau­er auf der Intensivstation.
In den Anfangs­zei­ten der Pan­de­mie intu­bier­te man auch des­halb rela­tiv früh­zei­tig, da man ver­ständ­li­cher­wei­se eine wei­te­re Ver­dich­tung von SARS-CoV2 Viren in der Atem­luft ver­mei­den woll­te. Man ver­such­te, die Virus­last so gering wie mög­lich hal­ten. Je höher die ein­ge­at­me­te Viren­men­ge, des­to schwe­rer waren die Ver­läu­fe. Man woll­te die Behand­ler nicht mit einer extrem hohen Virus­kon­zen­tra­ti­on in der Atem­luft gefähr­den. Auch das wur­de von eini­gen Medi­en als wei­te­rer Tötungs­vor­wurf interpretiert.
Offen­bar möch­te man dem SARS-COV-2-Virus mit eiser­nem Wil­len den schwe­ren und mit einer hohen Sterb­lich­keit behaf­te­ten ARDS-Ver­lauf abspre­chen und erklärt eine lebens­ret­ten­de inten­siv­me­di­zi­ni­sche Mass­nah­me nach der ande­ren zu Mord­ver­su­chen. Die­se Behaup­tun­gen sind medi­zi­nisch nicht haltbar.
Eine sol­che Pan­de­mie ist ein sehr dyna­mi­sches Gesche­hen. Nicht immer ist die Aus­rüs­tung oder das Per­so­nal vor­han­den, jeden Pati­en­ten auf aller­höchs­ter Qua­li­täts­stu­fe ver­sor­gen zu kön­nen. Nicht immer bekommt ein Pati­ent eine solch her­aus­ra­gen­de Behand­lung wie der ehe­ma­li­ge US-Prä­si­dent Donald Trump. Der ehe­ma­li­ge US-Prä­si­dent ist auch ein Bei­spiel des für SARS-COV‑2 so typi­schen schnel­len Abfalls der Sau­er­stoff­sät­ti­gung bei begin­nen­dem schwe­rem Ver­lauf. Nur einen Tag nach Bekannt­ga­be sei­ner Infek­ti­on beschlos­sen sei­ne behan­deln­den Ärz­te, ihn auf­grund der bedroh­lich sin­ken­den Sät­ti­gungs­wer­te mit dem damals noch nicht regu­lär zuge­las­se­nen Medi­ka­ment Regene­ron zu behan­deln und sta­tio­när ein­zu­wei­sen. Regene­ron ist eine intra­ve­nö­se Infu­si­on mit Anti­kör­pern, die sich in vor­an­ge­gan­ge­nen Stu­di­en als aus­ge­spro­chen neben­wir­kungs­arm und, früh ein­ge­setzt, als äußerst wir­kungs­voll zur Ver­hin­de­rung begin­nen­der schwe­rer Ver­läu­fe erwie­sen hat­te. Es ver­hin­der­te auch bei Donald Trump mit gro­ßer Sicher­heit ein voll aus­ge­präg­tes ARDS. Wäre er nicht so früh mit die­sen Anti­kör­pern behan­delt wor­den und wäre er nicht Donald Trump, son­dern ein nor­ma­ler Durch­schnitts­bür­ger, wäre auch er erst eini­ge Tage spä­ter mit einem weit fort­ge­schrit­te­nen schwe­ren Ver­lauf ins Kran­ken­haus ein­ge­lie­fert wor­den. Ob man ihn dann sofort intu­biert hät­te oder nicht, sei­ne Über­le­bens­chan­cen hät­ten im schwe­ren Ver­lauf mit aus­ge­präg­ter ARDS bei 50% gelegen.
Lei­der hät­te man die­ses Medi­ka­ment nicht wirk­lich flä­chen­de­ckend ein­set­zen kön­nen, da es intra­ve­nös ver­ab­reicht wer­den muss­te, was den Haus­ge­brauch wei­test­ge­hend aus­schloss, sehr teu­er in der Her­stel­lung war und bei Ver­dacht auf einen schwe­ren Ver­lauf rela­tiv zügig ange­wandt wer­den muss­te. Den­noch hät­te man es deut­lich stär­ker in den Fokus rücken und die Zusam­men­ar­beit mit nie­der­ge­las­se­nen Ärz­ten anstre­ben sol­len, um es mög­lichst vie­len Risi­ko­grup­pen im Not­fall zur Ver­fü­gung stel­len zu kön­nen. Die­sem wert­vol­len Medi­ka­ment wur­de in der hie­si­gen Medi­en­land­schaft selbst­ver­ständ­lich so gut wie kei­ne Beach­tung geschenkt, die Bun­des­re­gie­rung bestell­te jedoch nach­weis­lich aus­rei­chend Vor­rat für die ‚Eli­te’ die­ses Landes.
Das heuch­le­ri­sche Ver­hal­ten der Regie­rung in nahe­zu jeder poli­ti­schen Hin­sicht ist auch medi­zi­nisch gese­hen ein Spie­gel­bild ihrer gesam­ten Politik.
Ich wür­de mich sehr freu­en, wenn ich ein wenig dazu bei­tra­gen konn­te, bei­den Sei­ten einen ver­ständ­li­chen Zugang zur jeweils ande­ren Sei­te zu ermög­li­chen. Es wäre falsch, die­se gewoll­te und künst­lich erzeug­te Spal­tung immer wei­ter zuzu­las­sen und aufrechtzuerhalten.”
Vorheriger Beitrag

2. März 2023

Nächster Beitrag

5. März 2023

Ebenfalls lesenswert

Pfui aufs Einstecktuch!

Lite­ra­tur­kri­tik als Gesin­nungs­mob­bing: Sig­rid Löff­ler will nicht, dass Mar­tin Mose­bach den Büch­nerpreis bekommt