17. Juni 2023

Heu­te möch­te ich dar­über spre­chen, war­um der 17. Juni in der offi­zi­el­len deut­schen Erin­ne­rungs­po­li­tik prak­tisch kei­ne Rol­le mehr spielt (und auch im Wes­ten schon lan­ge vor der Wie­der­ver­ei­ni­gung nicht mehr spiel­te). Im Übri­gen gilt die­se Fest­stel­lung auch für den 9. Novem­ber 1989, und zwar aus dem­sel­ben Grund.

Las­sen Sie sich nicht täu­schen von dem biss­chen Gedöns, das der Bun­des­tag zum 70. Jah­res­tag des Auf­stan­des ver­an­stal­tet hat, und den sal­bungs­vol­len Wor­ten, die Herr Stein­mei­er in der Fei­er­stun­de am Frei­tag im Bun­des­tag sag­te. Der 17. Juni ist und bleibt für die soge­nann­ten Eli­ten die­ses Lan­des ein Tag zum Ver­ges­sen. Nichts ist ihnen unan­ge­neh­mer und pein­li­cher als ein Volk, das sich laut­stark artikuliert.

Natür­lich ver­ein­nahm­te der Bun­des­prä­si­dent die Auf­stän­di­schen von vor 70 Jah­ren als „Vor­kämp­fer unse­rer heu­ti­gen Demo­kra­tie”. Die Wor­te „unser“ oder „wir“ ver­wan­deln sich aller­dings in ein wenig ein­la­den­des Gehe­ge, wenn ein Lin­ker sie aus­spricht. Stein­mei­er ist Mit­glied einer sozia­lis­ti­schen Par­tei. Die ein­zi­ge logi­sche Kon­se­quenz, die aus dem 17. Juni zu zie­hen ist – Nie wie­der Sozia­lis­mus! –, wer­den Sie von ihm nie­mals hören. Für die­sen Mann endet „unse­re Demo­kra­tie“, wenn sie kei­ne lin­ken Mehr­hei­ten hervorbringt.

Bun­des­tags­prä­si­den­tin Bär­bel Bas, eben­falls SPD, bezeich­ne­te den Tag als „ein Schlüs­sel­er­eig­nis” der deut­schen Geschich­te: „Was 1953 mit bra­chia­ler Gewalt unter­drückt wur­de, fand 1989 eine spä­te Voll­endung – in der fried­li­chen Revo­lu­ti­on.” Das stimmt. Der 17. Juni 1953 gehört zum 9. Novem­ber 1989 wie die ande­re Sei­te der Medail­le. Zwi­schen den bei­den Ereig­nis­sen exis­tiert gleich­sam eine unter­ir­di­sche his­to­ri­sche Was­ser­ader. Der 9. Novem­ber 1989 – prä­zi­ser gesagt: die Ereig­nis­se, die seit dem 7. Okto­ber zu ihm führ­ten – lös­te das Frei­heits­ver­spre­chen des 17. Juni ein. Erich Miel­ke hat das geahnt. „Ist mor­gen der 17. Juni?“, frag­te er in einer Lage­be­spre­chung im August 1989, in den spä­ten Tagen des vor­letz­ten Lebens­jah­res der DDR.

So omni­prä­sent der 17. Juni als ste­te Dro­hung zu Häup­ten des Regimes schweb­te, so nicht­exis­tent war die­ses Datum in der DDR-Öffent­lich­keit. Im Geschichts­un­ter­richt hat­te der 17. Juni nicht statt­ge­fun­den. Kein Wort war je über die­sen Tag gefal­len. Offi­zi­ell war damals näm­lich über­haupt nichts gesche­hen. Schon sich als Schü­ler nach die­sem Datum zu erkun­di­gen, hät­te bedeu­tet, dass der Fra­ger ein­ge­stand, sei­ne Infor­ma­ti­on aus obsku­ren Quel­len zu bezie­hen, dass er ihnen zudem Glau­ben schenk­te und der DDR-Geschichts­schrei­bung miss­trau­te, denn wenn die schwieg, konn­te ja nichts Erwäh­nens­wer­tes pas­siert sein. Hät­te der Fra­ger noch die Imper­ti­nenz beses­sen, den im Wes­ten kur­sie­ren­den Ter­mi­nus „Volks­auf­stand“ zu benut­zen, wäre er erle­digt gewe­sen. Denn – das Phä­no­men „kogni­ti­ve Dis­so­nanz“ gab es bereits in der DDR – es waren vom Wes­ten bezahl­te Sabo­teu­re, Row­dys und Aso­zia­le, die damals, als offi­zi­ell nichts pas­siert war, in Ber­lin und anders­wo ran­da­liert hät­ten, bis die Rote Armee dem Spuk ein Ende bereitete.

Zur Über­ra­schung eines wie­der­ver­ei­nig­ten DDRlers mit unter­ent­wi­ckel­ter Sym­pa­thie für den Sozia­lis­mus war der 17. Juni auch in der west­deut­schen Öffent­lich­keit mehr oder weni­ger inexis­tent. Es gab zwar die „Stra­ße des 17. Juni“ auf der ande­ren Sei­te des Bran­den­bur­ger Tores, aber dort stand ein sowje­ti­sches Ehren­mal mit zwei Pan­zern jenes Typs, der damals bei der Nie­der­schla­gung des Auf­stan­des ein­ge­setzt wor­den war. Mit Hil­fe sol­cher Pan­zer war zuvor angeb­lich Deutsch­land „befreit“, also die Pest mit der Cho­le­ra the­ra­piert wor­den – die ver­korks­te deut­sche Geschich­te en minia­tu­re.

Zum Fei­er­tag der deut­schen Ein­heit wur­de bekannt­lich der Ter­min eines blut­lee­ren Ver­wal­tungs­ak­tes gewählt. Auch im Kohl­schen Bie­der­mei­er hiel­ten die Poli­ti­ker sich und ihre Taten für bedeu­ten­der als das Volk. Die bei­den emo­tio­na­le­ren und bedeu­tungs­vol­le­ren Daten, eben der 17. Juni und der 9. Novem­ber, waren der Bun­des­re­gie­rung bereits damals nicht geheu­er, und den Wort­füh­rern des Lan­des ohne­hin nicht. Bei den meis­ten Lin­ken auf bei­den Sei­ten der Mau­er, die heu­te wie­der ver­eint sind, wur­de der 17. Juni ver­drängt, klein­ge­re­det, ignoriert.

Der Schrift­stel­ler Patrick Süs­kind schrieb am 16. Sep­tem­ber 1990 im Spie­gel – und er sei hier ledig­lich als pro­mi­nen­tes Pars pro toto zitiert – Folgendes:

„Frei­lich hat­te man uns in der Schu­le bei­gebracht, daß die Tei­lung Deutsch­lands nicht von Dau­er sei, daß die Prä­am­bel des Grund­ge­set­zes jeden bun­des­deut­schen Poli­ti­ker ver­pflich­te­te, auf ihre Über­win­dung hin­zu­ar­bei­ten, daß die Bun­des­re­pu­blik und ihre Haupt­stadt Bonn nur ein Pro­vi­so­ri­um dar­stell­ten. Aber das haben wir schon damals nicht geglaubt und glaub­ten es mit den Jah­ren immer weni­ger. Man lebt nicht jahr­zehn­te­lang in einem Pro­vi­so­ri­um – schon gar nicht in einem so präch­tig gedei­hen­den, schon gar nicht als jun­ger Mensch –, und wenn in den Sonn­tags­an­spra­chen von ‚unse­ren Brü­dern und Schwes­tern in der Zone‘ die Rede war oder man uns nach dem Bau der Ber­li­ner Mau­er auf­for­der­te, zum Zei­chen der natio­na­len Soli­da­ri­tät näch­tens ein Advents­licht­lein ins Fens­ter zu stel­len, so kam uns das eben­so lächer­lich und ver­lo­gen vor, als wür­de man von uns Her­an­wach­sen­den im Ernst ver­lan­gen, einen Stie­fel in den Kamin zu stel­len, damit der Niko­laus uns Scho­ko­la­de hin­ein­wür­fe. Nein, die Ein­heit der Nati­on, das Natio­na­le über­haupt war unse­re Sache nicht. Wir hiel­ten es für eine voll­kom­men über­hol­te und von der Geschich­te wider­leg­te Idee aus dem 19. Jahr­hun­dert, auf die man getrost ver­zich­ten konn­te. Ob die Deut­schen in zwei, drei, vier oder einem Dut­zend Staa­ten leb­ten, war uns schnup­pe. Am 17. Juni gin­gen wir segeln.“

Am 17. Juni gin­gen wir segeln – das war die Ein­stel­lung einer Gene­ra­ti­on, die nicht mehr an die deut­sche Nati­on glaub­te und auch nicht dar­an, dass Recht und Frei­heit den Natio­nal­staat zur Vor­aus­set­zung haben könn­ten. Im Gegen­teil: Sie hat­ten „Angst vor Deutsch­land“. So lau­te­te der Titel eines Sam­mel­ban­des, in dem der eben zitier­te Text von Süß­kind erschien. Es han­del­te sich um eine im Bewusst­sein der Tei­lung auf­ge­wach­se­ne Gene­ra­ti­on, der die Lands­leu­te hin­ter der Mau­er schlech­ter­dings gleich­gül­tig waren. Zumin­dest die intel­lek­tu­el­len Wort­füh­rer die­ser Gene­ra­ti­on – Süs­kind sag­te es in sei­nen wei­te­ren Aus­füh­run­gen – woll­ten nicht län­ger Deut­sche sein, son­dern statt­des­sen Euro­pä­er, Kos­mo­po­li­ten, „Any­whe­res“. Der Osten war ihnen unbe­kannt, allen­falls pein­lich, in jedem Fall aber: egal. Die­sem Phä­no­men der natio­na­len Ent­so­li­da­ri­sie­rung folg­te spä­ter, in unse­ren Tagen, aber im iden­ti­schen Milieu, die sozia­le Ent­so­li­da­ri­sie­rung. Die grü­ne, lin­ke, woke Schi­cke­ria in den bes­se­ren Stadt­tei­len inter­es­siert sich kei­ne Sekun­de für ihre Lands­leu­te in den pre­kä­ren Gegen­den, die den Haupt­stoß der von ihnen her­bei­ge­schrie­be­nen und ‑poli­ti­sier­ten Mas­sen­mi­gra­ti­on auf­fan­gen müs­sen. Das scheint auf den ers­ten Blick nichts mit dem 17. Juni zu tun zu haben, auf den zwei­ten aber schon. Ich kom­me noch darauf.

Die deut­sche Tei­lung war die Stra­fe für Ausch­witz, sta­tu­ier­te der Schrift­stel­ler Gün­ter Grass, dem lan­ge ent­fal­len war, wel­chem mili­tä­ri­schen Orden er einst selbst ange­hört hat­te; viel­leicht trän­ten ihm auch die Augen beim Häu­ten sei­ner auto­bio­gra­phi­schen Zwie­bel zu sehr, bis er end­lich bei der letz­ten Schicht ange­kom­men war. Das Pech der Ost- bzw. his­to­risch gese­hen Mit­tel­deut­schen bestand dar­in, dass sie, anders als Grass und Süs­kind, die­se Stra­fe unter der sowje­ti­schen Knu­te ganz allein erdul­den muss­ten. Als die Nach­richt vom Mau­er­fall den Bun­des­tag erreich­te, erho­ben sich die meis­ten Abge­ord­ne­ten und san­gen die Natio­nal­hym­ne. Die grü­nen Sie­ger der Geschich­te blie­ben sit­zen – und sicher­lich auch Grass daheim vor sei­nem Täter­volks­emp­fän­ger. Dass die Demons­tran­ten „Wir sind das Volk!“ und spä­ter „Wir sind ein Volk!“ rie­fen, klang in den Ohren der Grü­nen wie ein Geis­ter­chor aus der Ver­gan­gen­heit, die bekannt­lich für den Pro­gres­sis­ten immer etwas Schlim­mes ist. Ein Zom­bie ging um und auf die Stra­ße: das deut­sche Volk.

Der aktu­el­le grü­ne Wirt­schafts­mi­nis­ter und eigent­li­che Chef der Par­tei – sofern man einer Ten­ta­kel des glo­ba­lis­ti­schen Kra­ken irgend­ei­ne Chef­rol­le zuspre­chen mag – fand „Vater­lands­lie­be stets zum Kot­zen“ und „wuss­te mit Deutsch­land noch nie etwas anzu­fan­gen und weiß es bis heu­te nicht“. Man hat es an sei­nem ver­knif­fe­nen Beneh­men bei der Fei­er­stun­de im Bun­des­tag wie­der stu­die­ren kön­nen, wie unan­ge­nehm ihm die Natio­nal­hym­ne ist. Wenigs­tens hat er nicht gezittert.

„Volks­ver­rä­ter“, erklär­te Habeck bei ande­rer Gele­gen­heit, „ist ein Nazi­be­griff. Es gibt kein Volk, und es gibt des­we­gen auch kei­nen Ver­rat am Volk.“ Zumin­dest wenn es um Deut­sche geht, also Nazi­be­griffs­ver­wen­der. Das ukrai­ni­sche Volk darf sei­ne Hei­mat ver­tei­di­gen. Das tibe­ti­sche Volk darf sich gegen sei­ne Sini­sie­rung weh­ren. Zwar wer­den wegen „Volks­ver­het­zung“ im bes­ten Deutsch­land aller Zei­ten immer mehr Haus­durch­su­chun­gen ver­an­stal­tet und Ankla­gen erho­ben, seit die Grü­nen ihre Leu­te in Poli­zei und Jus­tiz unter­ge­bracht haben, aber ein deut­sches Volk im Sin­ne einer eth­nisch-kul­tu­rel­len Abstam­mungs­ge­mein­schaft und immer noch größ­ten Teils des Staats­vol­kes darf es nicht geben.

Dann gibt es natür­lich auch kei­nen Volksaufstand.

Wer vom 9. Novem­ber geschockt war, ist es nach­träg­lich auch vom 17. Juni. An bei­den his­to­ri­schen Tagen erho­ben sich Men­schen gegen die sozia­lis­ti­sche Tyran­nei. Sie stan­den auf gegen staat­li­che Bevor­mun­dung, Gesin­nungs­ter­ror, poli­ti­sche Ver­fol­gung, Unfrei­heit und die jeder sozia­lis­ti­schen Herr­schaft wie der Don­ner dem Blitz fol­gen­de Verelendung.

Ist Ihnen auf­ge­fal­len, mei­ne Damen und Her­ren, dass in vie­len Medi­en­be­rich­ten zu den Jah­res­ta­gen von Mau­er­bau und Mau­er­fall prak­tisch nicht mehr erwähnt wur­de, wer eigent­lich die­se Mau­er gebaut hat­te und zu wel­chem Zweck? Und war­um so vie­le DDR-Bür­ger ihren Staat ver­las­sen woll­ten? Haben Sie irgend­wo gele­sen, dass die Men­schen vor dem Sozia­lis­mus davon­ge­lau­fen sind? Ist irgend­wo beklagt wor­den, dass die direk­te Nach­fol­ge­rin der Mau­er­bau­er­par­tei heu­te im Bun­des­tag sitzt, in Län­der­par­la­men­ten mit­re­giert und in Thü­rin­gen sogar den Minis­ter­prä­si­den­ten stellt? Dass sie in den soge­nann­ten neu­en Bun­des­län­dern als Koali­ti­ons­part­ner der CDU im Gespräch ist? Im Gegen­teil. Das neue „Nar­ra­tiv“ lau­tet, dass 1989 die Men­schen in der DDR für Welt­of­fen­heit und gegen die Abschot­tung ihres Lan­des durch Gren­zen auf die Stra­ße gingen.

Auf ver­gleich­ba­re Wei­se wird man ver­su­chen, aus dem 17. Juni 1953 für die Geschichts­bü­cher einen Tag zu machen, an dem die Ost­deut­schen erst­mals nach einer bun­ten welt­of­fe­nen Gesell­schaft mit femi­nis­ti­scher Außen­po­li­tik ver­lang­ten. Die Deutsch­land­fah­nen, die die Demons­tran­ten tru­gen, wird man als Vor­läu­fer der Regen­bo­gen- und Euro­pa­fah­nen beschrei­ben, ihr Ver­lan­gen nach frei­en Wah­len als Vor­stu­fe der frei­en Wahl sei­nes Geschlechts. Und man wird dar­an erin­nern, dass womög­lich auch que­e­re Men­schen Stei­ne auf Pan­zer war­fen und weib­lich gele­se­ne Per­so­nen Flug­blät­ter verteilten.

„Hun­dert­tau­sen­de hat­ten im Juni 1953 den Mut, der SED-Dik­ta­tur die Stirn zu bie­ten. Sie ris­kier­ten ihr Leben”, erklär­te Stein­mei­er. Wofür? Dafür, dass ihre Kin­der und Enkel ein­mal gen­dern und end­lich ihre hete­ro­nor­ma­ti­ven Geschlech­ter­rol­len able­gen kön­nen? Dafür, dass ihre Kin­der und Enkel ein­mal das Welt­kli­ma ret­ten und einen öko­so­zia­lis­ti­schen Maß­nah­me­staat errich­ten dür­fen? Dafür, dass ihre Kin­der und Enkel sich, von kri­ti­schen Weiß­seins­for­schen­den belehrt, als wei­ße Ras­sis­ten begrei­fen ler­nen, die in einem viel smar­te­ren Gesin­nungs­staat als der DDR wegen eines fal­schen Wor­tes oder fal­scher Par­tei­mit­glied­schaft ihren Job ver­lie­ren kön­nen, aber in einem Sied­lungs­ge­biet ohne Gren­zen leben dür­fen, wo „Alman“, „Jude“ und „Kar­tof­fel“ belieb­te Kose­na­men auf den Schul­hö­fen sind? Na wofür denn sonst!

Übri­gens: Stein­mei­er kam drei Jah­re nach der Nie­der­schla­gung des Auf­stan­des zur Welt und stu­dier­te Ende der 1970er in Gie­ßen Rechts- und Poli­tik­wis­sen­schaf­ten. Wäh­rend sei­ner Stu­di­en­zeit gehör­te er zur Redak­ti­on der lin­ken Quar­tals­zeit­schrift Demo­kra­tie und Recht, die vom Ver­fas­sungs­schutz beob­ach­tet wur­de, als der noch die Ver­fas­sung und nicht die Regie­rung schütz­te. Die Zeit­schrift erschien im Pahl-Rugen­stein-Ver­lag, der von der DDR finan­ziert wur­de, was sei­nem Pro­gramm durch­aus anzu­mer­ken war. Als der Herr Pahl-Rugen­stein­mei­er anfing, sich Gedan­ken über „unse­re“ Demo­kra­tie zu machen, waren also jene Genos­sen mit im Spiel, die den 17. Juni nie­der­ge­schla­gen hat­ten. Der aktu­el­le Bun­des­kanz­ler war als Juso ja auch ein gern gese­he­ner Gast in der DDR. Wie gesagt, von sol­chen Leu­ten wer­den Sie die Wor­te „Nie wie­der Sozia­lis­mus!“ nie­mals hören. Und von den grü­nen Öko­so­zia­lis­ten erst recht nicht.

Was aber war der 17. Juni?

Ein Volks­auf­stand, sagt man heu­te so dahin. Das ist nicht ganz rich­tig. Das Volk stand nicht auf. Es waren ein paar hun­dert­tau­send Arbei­ter, die im soge­nann­ten Arbei­ter- und Bau­ern­staat auf­stan­den. Sie for­der­ten freie Wah­len und Frei­las­sung der poli­ti­schen Gefan­ge­nen; Aus­gangs­punkt der Unru­hen waren aller­dings Preis­er­hö­hun­gen im Ein­zel­han­del und eine maß­lo­se Stei­ge­rung der Arbeits­nor­men. Die Öff­nung der Archi­ve habe erge­ben, schreibt der His­to­ri­ker Huber­tus Kna­be, dass es „ganz nor­ma­le Bür­ger waren“, die vor 70 Jah­ren auf die Stra­ße gingen.

1989 ver­hielt es sich nicht anders. „Wir sind das Volk!“ war der Ruf einer Min­der­heit. Der Otto-Nor­mal-Deut­sche ver­an­stal­tet kei­ne Auf­stän­de – er ist ja kein Fran­zo­se. Er war­tet daheim hin­ter der Gar­di­ne und schaut, was pas­siert. Einem Auf­stand schließt er sich erst an, wenn er prak­tisch offi­zi­ell geneh­migt ist.

„Die SED war schon am 17. Juni mit ihrem Latein am Ende“, erklär­ten die Ost­ber­li­ner His­to­ri­ker Armin Mit­ter und Ste­fan Wol­le – sie gehör­ten zu den ers­ten, die SED- und Sta­si-Akten aus­wer­ten konn­ten – in einem Inter­view am 17. Juni 1990. Nach der Nie­der­schla­gung des Auf­stands begann der Auf­bau des DDR-Sozia­lis­mus durch den Aus­bau der Staats­si­cher­heit. Die Sta­si ver­such­te, „nazis­ti­sche Kräf­te“ als Ver­ant­wort­li­che für die Schü­rung der Unru­hen aus­fin­dig zu machen. Tat­säch­lich hat­ten die Gewerk­schaf­ten die Streiks und Demons­tra­ti­on orga­ni­siert. Nach dem 17. Juni wur­den sie gleichgeschaltet.

Da die Sta­si sich ver­geb­lich um den Nach­weis bemüht hat­te, es habe sich um einen faschis­ti­schen Putsch gehan­delt, hat es die SED-Füh­rung spä­ter ein­fach behaup­tet. Vie­le pro­mi­nen­te Intel­lek­tu­el­le und Schrift­stel­ler der DDR über­nah­men, oft wider bes­se­res Wis­sen, die­se offi­zi­el­le Dar­stel­lung, Ber­tolt Brecht etwa, Ste­fan Heym, Ste­phan Herm­lin, Robert Have­mann, Erich Loest. „Für Faschis­ten darf es kei­ne Gna­de geben“, schrieb Brecht im Neu­en Deutsch­land. Und wenn die Ver­sor­gung mit „Faschis­ten“ zu wün­schen übrig lässt, müs­sen sie eben her­bei­phan­ta­siert werden.

Zwei der genann­ten Autoren, Have­mann und Loest, hat schnell die Neme­sis ereilt, Have­mann wur­de von der Sta­si jah­re­lang unter Haus­ar­rest gestellt, Loest ging 1957 wegen „kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­rer Grup­pen­bil­dung“ für sie­ben Jah­re ins Gefängnis.

Was DDR-Intel­lek­tu­el­le 1953 über die angeb­li­chen faschis­ti­schen Pro­vo­ka­teu­re vor­tru­gen, die nur ihre Bür­ger­rech­te ein­for­der­ten, ähnelt im Sprach­duk­tus und Dif­fa­mie­rungs­fu­ror ver­blüf­fend dem, was deut­sche Öffent­lich­keits­ar­bei­ter heu­te über die Rechts­po­pu­lis­ten sagen. Heu­te darf ein ehe­ma­li­ger Sta­si-Spit­zel wie Anet­ta Kaha­ne an der Spit­ze einer Stif­tung und im Kura­to­ri­um eines soge­nann­ten Insti­tuts, geför­dert mit Steu­er­mil­lio­nen, der rech­ten Oppo­si­ti­on unter­stel­len, einen faschis­ti­schen Umsturz anzu­stre­ben und deren Ver­bot fordern.

Ich wie­der­ho­le: 1953 und 1989 erho­ben sich Men­schen für ihre Frei­heit, für die deut­sche Ein­heit und gegen den Sozia­lis­mus. Sozia­lis­ten mögen kei­ne Frei­hei­ten für die ande­ren, sie wol­len nicht, dass Bür­ger auf die Stra­ße gehen für ihre Rech­te. Das ver­su­chen sie zu ver­hin­dern. Und am meis­ten stört sie, dass es ein Volk gibt, dass es einen Sou­ve­rän gibt, der auf sei­ne Rech­te pocht. Sie wol­len das Volk in „Men­schen da drau­ßen im Land“ ver­wan­deln, wie das Ver­häng­nis im Hosen­an­zug for­mu­lier­te. Sie wol­len, dass mög­lichst vie­le dis­pa­ra­te Grup­pen exis­tie­ren, die sie gegen­ein­an­der aus­spie­len und so bes­ser beherr­schen kön­nen. Des­we­gen ernen­nen – oder impor­tie­ren – sie unent­wegt immer neue unter­drück­te Min­der­hei­ten, als deren Anwäl­te sie sich aus­ge­ben, um die Mehr­heits­ge­sell­schaft mora­lisch unter Druck zu set­zen und via Umver­tei­lung zu ent­eig­nen. Des­we­gen redet heu­te übri­gens auch kein Offi­zi­el­ler mehr von Inte­gra­ti­on. Divi­de et impe­ra, das heißt: Des­in­te­gra­ti­on ist erwünscht. Aus­län­der, die sich wirk­lich inte­grie­ren, könn­ten schon in der nächs­ten Gene­ra­ti­on auf die ver­rück­te Idee kom­men, Deut­sche zu sein und „Wir sind das Volk!“ zu rufen, bloß weil sie mit der Regie­rung unzu­frie­den sind. Ich sage das hier expli­zit, damit die Leser und Lau­scher in der Hal­den­wang-Com­bo mir nicht unter­stel­len kön­nen, ich besä­ße ein „völ­ki­sches Volksverständnis”.

Die Wie­der­ge­burt der deut­schen Nati­on, die sie für tot, zumin­dest für his­to­risch über­holt hiel­ten, haben die Lin­ken spe­zi­ell den Ossis nicht ver­zie­hen. Des­halb erklä­ren sie die Bun­des­län­der im Osten sum­ma­risch zu unauf­ge­klär­ten Gebie­ten, ja zu Schand­fle­cken, in denen dump­fe, viel­falts­feind­li­che Hin­ter­wäld­ler sie­deln. In Thü­rin­gen, wo seit Dezem­ber 2014 die SED regiert – die Lin­ke ist nicht der Nach­fol­ger der SED, sie ist rechts­iden­tisch mit der Mau­er­par­tei –, droht heu­te angeb­lich die Gefahr von rechts. Thü­rin­gens herr­schen­de Neo-SED­ler kün­di­gen ein „Lan­des­pro­gramm gegen Neo­na­zis­mus und für Demo­kra­tie“ an. Genau­so klan­gen ihre poli­ti­schen Vor­gän­ger anno 1953. Die War­nung vor einem auf­kom­men­den Faschis­mus ist das kon­stan­te Begleit­ge­räusch der Errich­tung eines sozia­lis­ti­schen Staa­tes. Mit einer gewis­sen pole­mi­schen Über­spit­zung lässt sich sagen: Tei­le der heu­ti­gen Bun­des­re­gie­rung ste­hen im Nach­hin­ein eher auf der Sei­te von Ulb­richts SED als auf jener der Volks­auf­stän­di­schen. Die Sicht von Miel­ke und Krenz auf die Demons­tran­ten von 1953 und 1989 dürf­te jeden­falls gewis­se Über­schnei­dun­gen mit jener von Habeck und Trit­tin aufweisen.

Man kann die Poli­tik der momen­ta­nen Koali­ti­on, aber auch schon der Mer­kel-Kabi­net­te und der Regie­rung Schrö­der-Fischer – Schröfisch, wie ein Freund die Chi­mä­re tauf­te –  geschichts­sym­bo­lisch in zwei Paro­len zusam­men­fas­sen: Nie wie­der 17. Juni! Nie wie­der 9. Novem­ber 1989!

Nie wie­der sol­len Men­schen in Deutsch­land mit dem Ruf „Wir sind das Volk!“ gegen eine auto­ri­tä­re Links­re­gie­rung auf die Stra­ße gehen.

Brecht, der Feig­ling – Feig­heit ist das ers­te aller Men­schen­rech­te, aber hät­test du geschwie­gen, wärest du ein Dich­ter geblie­ben –, Brecht sen­de­te nach der Nie­der­schla­gung des Auf­stands öffent­li­che Erge­ben­heits­adres­sen an die SED-Obe­ren. Für sich pri­vat notier­te er in sei­nem spä­ter berühmt gewor­de­nen Gedicht „Die Lösung“ die Fra­ge der Epoche:

„Wäre es da
Nicht doch ein­fa­cher, die Regierung
Lös­te das Volk auf und
Wähl­te ein anderes?“

Als die rot­grü­ne Koali­ti­on Schrö­der-Fischer an die Macht kam, begann die Suche mit dem Sou­ve­rän unzu­frie­de­ner deut­scher Regie­run­gen nach einem ande­ren Volk. Sie sind, wie jeder begreift, der sich auf deut­schen Stra­ßen und in deut­schen Schu­len umsieht, inzwi­schen weit gekom­men. Eine hegel­sche List der Ver­nunft besteht frei­lich dar­in, dass vie­le die­ser Ande­ren heu­te die Oppo­si­ti­on wäh­len. Und es wer­den immer mehr.

„Ist mor­gen der 17. Juni?“, graus­te es Erich Miel­ke, den alten Men­schen­freund. Es wür­de mich nicht im Min­des­ten stö­ren, wenn die­se Sor­ge auch über der aktu­el­len Bun­des­re­gie­rung und allen sozia­lis­ti­schen Nach­fol­ge­re­gie­run­gen schwebte.

***

Das war die Rede, die ich hielt
Bei der Stif­tung D. Erasmus.
Es heißt, Frau Göring-Eckardt zart
Erlitt drob einen Spasmus.

 

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