Wie ein Indianer am Marterpfahl

Den Titel „der Gro­ße“ erwarb sich Preu­ßens Fried­rich als Feld­herr in drei Krie­gen, mit denen er das euro­päi­sche Macht­ge­fü­ge ver­än­der­te – und mit einer Armee, die kei­nes­wegs dem Kli­schee von Kor­po­rals­stock und Spieß­ru­ten­lauf ent­sprach.


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Ein sehr erregt wir­ken­der und nach Whis­ky rie­chen­der iri­scher Offi­zier in öster­rei­chi­schen Diens­ten kreuz­te am 14. August 1760 bei Lie­gnitz im preu­ßi­schen Lager auf und begehr­te, den König zu spre­chen. Die Öster­rei­cher, erklär­te er, wür­den heu­te Nacht angrei­fen. Er sei ein sport­li­cher Bewun­de­rer des preu­ßi­schen Königs und hal­te es für unfair, dass 124 000 Mann nachts heim­lich einen Ein­zi­gen angrif­fen (die ande­ren cir­ca 29 999 Preu­ßen zähl­te er nicht mit). Fried­rich ließ sei­ne Armee aus­rü­cken – und gewann die Schlacht.

Die Anek­do­te, über­lie­fert von Fried­richs Vor­le­ser Hen­ri de Catt, illus­triert den Nim­bus, den der König sogar bei sei­nen Geg­nern genoss. Als Herr­scher eines unbe­deu­ten­den klei­nen Staa­tes und ein­zi­ger „Roi-Con­né­ta­ble“ sei­ner Zeit (König und Feld­herr in Per­so­nal­uni­on) war er ins euro­päi­sche Macht­ge­fü­ge ein­ge­bro­chen, hat­te den Öster­rei­chern 1740 Schle­si­en weg­ge­nom­men und ver­tei­dig­te nun zäh sei­ne Beu­te gegen eine erdrü­cken­de Über­macht von Feinden.

Spe­zi­ell den Sie­ben­jäh­ri­gen Krieg (1756–63) konn­te Fried­rich im Grun­de nicht gewin­nen. Mit Öster­reich, Frank­reich und Russ­land stan­den ihm drei Mäch­te gegen­über, die an Men­schen und Mate­ri­al bereits jeweils ein­zeln über­le­gen waren. Zur Feind­ko­ali­ti­on gehör­ten außer­dem Schwe­den und, wegen Fried­richs Ein­fall ins neu­tra­le Sach­sen, die Reichs­ar­mee. Eng­land, das in Über­see Krieg mit Frank­reich führ­te und an des­sen Schwä­chung inter­es­siert war, unter­stütz­te Preu­ßen als ein­zi­ger Ver­bün­de­ter vor allem mit Geld. „Ich bin in der Lage eines Wil­des, das über­all umstellt wird und kei­ne gro­ße Wahl hat als den ihm Nächs­ten anzu­fal­len“, erklär­te Fried­rich gegen­über de Catt.

Und wie er sie anfiel, gegen alle Regeln und Erwar­tun­gen. Bei Roß­bach anno 1757 atta­ckier­ten 22 000 Preu­ßen die dop­pel­te Anzahl Fran­zo­sen und Reichs­deut­sche und schlu­gen sie in die Flucht, einen Monat spä­ter bei Leu­then waren es gar 29 000 Preu­ßen gegen 66 000 Öster­rei­cher, mit dem­sel­ben Ergeb­nis, und bei Zorn­dorf 1758 besieg­ten 37 000 Preu­ßen 45 000 Rus­sen. Mit die­sen Tri­um­phen avan­cier­te Fried­rich zum Natio­nal­hel­den einer (noch) gar nicht vor­han­de­nen Nati­on; auch der jun­ge Goe­the fühl­te sich „frit­zisch gesinnt“.

Die Sie­ge konn­ten frei­lich nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass Fried­richs Kon­zept des schnel­len, ent­schei­den­den Schla­ges bereits im ers­ten Kriegs­jahr bei Prag geschei­tert war und nun geschah, was nicht gesche­hen durf­te: ein Abnut­zungs­krieg, den er eigent­lich nur ver­lie­ren konn­te. Nach der schwe­ren Nie­der­la­ge bei Kun­ers­dorf (1759) stand er die Jah­re bis zum Zer­fall der Feind­ko­ali­ti­on, von Gicht, Fie­ber, Hämor­rhoi­den, Koli­ken, Zahn­schmer­zen und Selbst­mord­ge­dan­ken geplagt, mit der „Hal­tung eines India­ners am Mar­ter­pfahl“ durch, wie Sebas­ti­an Haff­ner schrieb.

Und das Heer hielt klag­los mit durch. Das ist über­ra­schend, wenn man sich die gän­gi­gen Kli­schees über preu­ßi­sches Mili­tär im Zeit­al­ter des Abso­lu­tis­mus vor Augen hält: Zwangs­re­kru­tie­rung, unbarm­her­zi­ger Drill, dra­ko­ni­sche Stra­fen, mehr Angst vor dem Unter­of­fi­zier als vor dem Feind, und wenn es sich um einen beson­ders tap­fe­ren Trup­pen­teil han­del­te, unter­stellt der pro­gres­si­ve His­to­ri­ker gern „Kada­ver­ge­hor­sam“.

Preu­ßen besaß in die­sem Krieg nicht nur den bes­ten Feld­her­ren, son­dern auch die bes­ten Sol­da­ten. Sie waren gut geschult, dis­zi­pli­niert, schier end­los belast­bar, erge­ben und mutig. Die mili­tä­ri­sche Qua­li­tät die­ser von Anfang an kleins­ten Armee unter den Haupt­be­tei­lig­ten des Krie­ges hat im Lau­fe der Jah­re durch die Ver­lus­te und Neu­re­kru­tie­run­gen natür­lich gelit­ten – nicht aber ihre Moral und ihr Schneid. Sie ertrug mör­de­ri­sche Schlach­ten mit für die­se Zeit uner­hör­ten Ver­lus­ten eben­so wie die unent­weg­ten Gewalt­mär­sche, mit denen Fried­rich sei­ne Fein­de aus­ma­nö­vrier­te. Den Win­ter 1759/60 über­stan­den Tei­le der Armee auf der Schle­si­schen Hoch­ebe­ne sogar in Zelten.

Fried­richs Armee „ver­ließ sich, was ihre Effek­ti­vi­tät betraf, viel mehr auf ihren Kamp­fes­geist als auf ihre for­mel­le Dis­zi­plin“, notiert der ame­ri­ka­ni­sche His­to­ri­ker Den­nis Show­al­ter. „Was in den Arme­en des 20. Jahr­hun­derts Schlei­fe­rei genannt wird, war in einem preu­ßi­schen Heer­la­ger erstaun­li­cher­wei­se nicht zu fin­den.“ Zumin­dest in den aus Lan­des­kin­dern bestehen­den Trup­pen­tei­len gab es auch kaum Deserteure. 

Ein wei­te­rer Grund für die gute Moral war, dass König und Offi­ziers­korps die Stra­pa­zen der ein­fa­chen Sol­da­ten teil­ten und in den Kämp­fen kein Risi­ko scheu­ten, wie die hohen Ver­lus­te inner­halb der Gene­ra­li­tät zeig­ten. Die fran­zö­si­sche Füh­rung etwa zog mit dem gan­zen Luxus der Roko­ko­ge­sell­schaft ins Feld. Ein fran­zö­si­scher Offi­zier erklär­te nach sei­ner Gefan­gen­nah­me bei Roß­bach einem preu­ßi­schen Kol­le­gen: „Sire, Sie sind eine Armee, wir ein rei­sen­des Bordell.“ 

Der Gro­ße: Wie ein India­ner am Mar­ter­pfahl – wei­ter lesen auf FOCUS Online: http://www.focus.de/panorama/reportage/der-grosse-wie-ein-indianer-am-marterpfahl_aid_702707.html

 

 

Erschie­nen in: Focus 3/2012

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