19. Juli 2023

Ver­gli­chen mit dem Miss­brauch der Güte ist der Angriff auf sie ein Kavaliersdelikt.

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Erin­nern wir uns: Statt stur­deutsch ihrer tra­dio­nel­len Lei­bes­übung zu oblie­gen, tra­ten ’schlands Fuß­bal­ler bei der Welt­meis­ter­schaft in Katar anno 2022 als moder­ne, welt­of­fe­ne Beken­ner auf. Die Mann­schaft spal­te­te sich in einen rück­schritt­li­chen Teil, der nur „Fuß­ball spie­len” und die Geg­ner dis­kri­mi­nie­ren woll­te (mein Lieb­lings­spie­ler Ilkay Gün­do­gan gehör­te wohl dazu), und einen Fort­schritts-Flü­gel um die Bay­ern-Kicker Manu­el Neu­er und Leon Goretz­ka, der Zei­chen set­zen woll­te, wobei vor allem der Letz­te­re bei jedem Medi­en­kon­takt sei­ne Woke­ness so offen her­aus­streicht wie frü­her ein ver­dien­ter DDR-Sport­ler sei­ne Treue zur Staatsführung.

Das Bild der elf mil­lio­nen­schwe­ren deut­schen Kicker, die sich beim Mann­schafts­fo­to brav den Mund zuhiel­ten, um danach, von ihrem Mut erschöpft, gegen Japan zu ver­lie­ren, wur­de der iko­no­gra­phi­sche run­ning gag des WM-Tur­niers. Eine sym­pa­thi­sche deut­sche Innen­mi­nis­te­rin mit der One-love-Bin­de am makel­lo­sen Ober­arm ver­moch­te das fol­gen­de Unheil nicht abzu­wen­den. Die Deut­schen muss­ten nach der Vor­run­de ihr poli­ti­sches Mis­si­ons­werk been­den und als Welt­meis­ter der woken Her­zen heim­rei­sen. Die Häme und der Spott der ras­sis­ti­schen, sexis­ti­schen, trans‑, homo‑, gyno- und xeno­pho­ben ande­ren Sport­na­tio­nen ent­schä­dig­ten die Kicker dafür in rei­chem Maße. In der Moral­ta­bel­le füh­ren sie seit­her unein­hol­bar, mag der Engel­län­der auch für­der­hin vor jedem Anpfiff sein zuwei­len noch blei­ches Knie enga­giert in den Rasen rammen.

Die­sen ers­ten Platz sol­len die DFB-Spie­ler nun bei der Euro­pa­meis­ter­schaft daheim verteidigen.

Die UEFA und der DFB haben für die Fuß­ball-EM im kom­men­den Jahr ihre „Stra­te­gie” vor­ge­stellt. Frü­her, als die Welt noch unvoll­kom­me­ner, patri­ar­cha­li­scher und supre­ma­tis­tisch wei­ßer war, bedurf­ten Groß­tur­nie­re kei­ner „Stra­te­gie”, son­dern allen­falls einer gewis­sen Logis­tik, um einen gere­gel­ten und ver­gnüg­li­chen Ver­lauf zu gewähr­leis­ten. Die EM 2024 indes soll die „nach­hal­tigs­te aller Zei­ten“ werden.

„Um das Ziel zu errei­chen”, refe­riert die Jun­ge Frei­heit das 15-sei­ti­ge Papier vol­ler muti­ger Visio­nen und ori­gi­nel­ler For­mu­lie­run­gen, „haben sich die Fuß­ball­ver­bän­de soge­nann­te ‚Inter­es­sen­trä­ger’ aus der ‚Zivil­ge­sell­schaft’ ins Boot geholt – zahl­rei­che lin­ke Orga­ni­sa­tio­nen sind dabei.” In dem Papier benen­nen die bei­den Ver­bän­de als stra­te­gi­sche Zie­le „Min­der­hei­ten- und Kli­ma­schutz, Kampf gegen Ras­sis­mus und Nach­hal­tig­keit”. Wo Sozia­lis­ten eine Par­tei­stra­te­gie ent­wer­fen, ist die Tak­tik nicht weit, in die­sem Fal­le gehö­ren bei­spiels­wei­se der „Bau zusätz­li­cher Uni­sex-Toi­let­ten“ in den Sta­di­en sowie „Rauch­ver­bo­te und Richt­li­ni­en zu Tabak­frei­heit“ und eine „gesun­de Ver­pfle­gung (alko­hol­freie, vega­ne, gluten‑, lak­to­se- bzw. nuss­freie Spei­sen)” dazu.

Bei der EM gehe es um „Ver­tre­tung von Min­der­hei­ten, För­de­rung der Geschlech­ter­gleich­stel­lung und Vor­beu­gung von Dis­kri­mi­nie­rung und Ras­sis­mus“, heißt es im Stra­te­gie­pa­pier. Falls jemand meint, es gin­ge um Fuß­ball und Pokal­em­por­stem­men als End­ziel. Mit die­sem Kon­zept wer­de „die EURO 2024 einen ein­zig­ar­ti­gen Platz in der Geschich­te des Tur­niers einnehmen”.

Ja, dar­auf wird es wohl hinauslaufen.

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Zum Vori­gen.

„Beim ‚Som­mer­mär­chen’ anno 2006 stand die WM unter dem Mot­to ‚Die Welt zu Gast bei Freun­den’. Wie sehr das Ver­gan­gen­heit ist, erkennt man aus dem Posi­ti­ons­pa­pier von UEFA und DFB zur EM 2024. ‚Die Welt zu Gast bei Ober­leh­rern’ könn­te man es nen­nen”, notiert Leser ***. „Sie mer­ken nicht, daß sie 99 Pro­zent der Fuß­ball­fans außer­halb ihrer eige­nen Bla­se nur auf die Ner­ven gehen mit die­sem elen­den Gou­ver­nan­ten­ge­tue. Beson­ders die eng­li­schen Fans wer­den sich über Alko­hol- und Rauch­ver­bo­te beson­ders freu­en. Und über vega­nes Essen sowie­so. Und Unis­ex­toi­let­ten im Sta­di­on. Aber wahr­schein­lich muss die­ser Wahn noch ein­mal sich rich­tig aus­to­ben, damit er zu einem Ende kommt. Ich ver­mu­te, das könn­te die Schrau­be sein, die am Ende zu oft ange­zo­gen wur­de, und nun fällt alles auseinander.

Der ein­zig sicht­ba­re Effekt wird sein, daß wesent­lich weni­ger Fans anrei­sen wer­den als erhofft. Wäre ich ein aus­län­di­scher Fan und mir wäre bekannt, daß mir die Rei­se in eine Erzie­hungs­dik­ta­tur bevor­steht, wür­de ich lie­ber zu Hau­se blei­ben. In Katar haben sie sich auf­ge­regt, daß man dort auf der Stra­ße kein Bier aus­ge­schenkt bekommt und händ­chen­hal­ten­de Schwu­le in der Öffent­lich­keit nicht gese­hen wur­den. Das ist nun mal deren Kul­tur, und der Fuß­ball als sol­cher hat in die­sen Kul­tu­ren kei­ne Tra­di­ti­on. Der dient der Image­pfle­ge und dem Geschäft.

Die deut­sche Fuß­ball­kul­tur hin­ge­gen hat eine lan­ge Tra­di­ti­on und lässt sich nicht mit der ver­krampf­ten Bes­ser­wis­se­rei der obers­ten Tugend­hü­ter in Deckung brin­gen. Aber offen­bar soll es genau dar­um gehen: die letz­ten Rest­be­stän­de einer unver­krampf­ten und poli­tisch nicht kor­rek­ten Fan­kul­tur abzu­räu­men. Wahr­schein­lich wer­den wir mit die­ser EM – wie bei der Ener­gie- und der Ver­kehrs­wen­de sowie unse­rer pro­fes­sio­nel­len Außen­po­li­tik mit Sank­tio­nen, die uns nur selbst scha­den – zur Lach­num­mer Euro­pas und der Welt. Die Welt zu Gast bei Vollpfosten.”

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Immer noch zum Vorigen.

Natür­lich könn­te man mei­nen, die Ver­ant­wort­li­chen im DFB und in deut­schen Sport­funk­tio­närs­zir­keln hät­ten erkannt, was bei den letz­ten Tur­nie­ren schief gelau­fen ist, und kon­zen­trier­ten sich wie­der aufs Sport­li­che. Das hie­ße aber, den Mut­wil­len der Bol­sche­wo­ken zu unter­schät­zen. Ich mei­ne, das alles geschieht mit der Absicht, dem deut­schen Fuß­ball, der nach dem Ver­lust der D‑Mark der letz­te kol­lek­ti­ve Iden­ti­täts­stif­ter war, samt Natio­nal­far­ben, Hym­ne und all dem tümeln­den Tam­tam, end­lich den Gar­aus zu berei­ten. Der natio­nal­stol­ze Tau­mel von 1954, 1974 weni­ger, aber dann 1990, auch 2006 und ein biss­chen noch 2014, soll so wenig wie­der­keh­ren wie „Wir sind das Volk!”-Rufe in den deut­schen Gren­zen von 1989. Wer das deut­sche Volk, das deut­sche Staats­ge­biet, die deut­sche Indus­trie, die deut­sche Kul­tur­tra­di­ti­on abräu­men will, hat mit einer nicht uner­heb­li­chen Logik auch kein Inter­es­se am Fort­be­stand des Lieb­lings­sports der Almans, zumal sich nicht garan­tie­ren lässt, dass eine Mehr­heit der Spie­ler mit dem berühm­ten Hin­ter­grund die Hym­ne am Ende nicht doch mitsingt.

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Die Poli­ti­sie­rung des Sports war den real- wie natio­nal­so­zia­lis­ti­schen und faschis­ti­schen Dik­ta­tu­ren eigen­tüm­lich. Wir erle­ben seit eini­ger Zeit eine Wie­der­be­le­bung die­ser Indienst­nah­me, mit „Respect”- und Anti­ras­sis­mus-Kam­pa­gnen (oder sind Sie Ras­sist?), dem erzwun­ge­nen Nie­der­knien der Natio­nal­spie­ler vor dem Anpfiff aus „Soli­da­ri­tät” mit ran­da­lie­ren­den Schwar­zen in Über­see und ähn­li­chen Bekennt­nis­fa­xen. Ver­ei­ne über­bie­ten sich mit lini­en­treu­em Gefuch­tel, zum Bei­spiel die schwarz-gel­ben Schnee­flöck­chen, die auf­’m Platz fürs Gewin­nen viel zu sen­si­bel sind und sich, da sie weder gegen die Bay­ern noch gegen eine Trup­pe wie Chel­sea Lon­don eine Chan­ce haben, statt­des­sen voll rein­hau­en in den viel erfolg­ver­spre­chen­de­ren „Kampf” gegen „rechts”.

Sei­nem Neu­zu­gang Felix Nme­cha, der in der Ver­gan­gen­heit, wie die Wahr­heits- und Qua­li­täts­pres­se mel­de­te, durch „homo­pho­be” bzw. „que­er- und trans­feind­li­che” Äuße­run­gen auf­ge­fal­len war und gegen den schö­nen Brauch der Abtrei­bung eben­falls irgend­was gesagt haben soll, angeb­lich weil er als Christ gele­sen wer­den will, hat der Tole­ranz­ver­ein nun einen Maul­korb ver­passt, der sich offi­zi­ell ein Ver­bot zu mis­sio­nie­ren nennt, was in die­ser mis­sio­na­rischs­ten aller Sport­bran­chen durch­aus komisch anmu­tet. Man­chen von den Medi­en als „Fans” Gele­se­nen genügt das aller­dings noch nicht.

Nme­cha ist übri­gens auch deut­scher Natio­nal- bzw., wie man sie inzwi­schen nennt, Vor­run­den­spie­ler. Er wird noch öfter die Gele­gen­heit bekom­men, sei­nen Mund zu halten.

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Ange­fan­gen hat die­se Poli­ti­sie­rung, so weit ich mich erin­ne­re, damit, dass man unbe­dingt schwu­le Fuß­bal­ler zur Selbst­of­fen­ba­rung nöti­gen woll­te, als ob das irgend­wen auf den Rän­gen je inter­es­siert hätte.

„Unse­re Volks­päd­ago­gen haben ein neu­es Betä­ti­gungs­feld ent­deckt: das Fuß­ball­sta­di­on”, erlaub­te ich mir im Herbst 2012 im Focus zu kom­men­tie­ren (mit der Fol­ge eines nicht uner­heb­li­chen Begleit­ge­heuls aus der schwu­len Com­mu­ni­ty – wer bei­des nach­le­sen mag: hier). „Nur: Wem soll das Bekennt­nis eines Fuß­bal­lers, er sei schwul, etwas nüt­zen? Den Schieds­rich­tern? Möch­te­gern-Spie­ler­frau­en auf dem zeit­wei­li­gen Holz­weg? Dem Bun­des­trai­ner? Den Betrof­fe­nen wohl am aller­we­nigs­ten. Das hat einen ein­fa­chen Grund: Es gibt ins­ge­samt deut­lich mehr geg­ne­ri­sche Fans als eige­ne. Spie­ler kön­nen von einer Selbst­of­fen­ba­rung nicht pro­fi­tie­ren. Des­halb wol­len sie auch nicht.”

Die Begrün­dung – auch für die Moti­ve der Erzie­her – gilt heu­te um kein Iota weni­ger als weiland:

„Das Fuß­ball­sta­di­on aber ist eine archai­sche Sphä­re. Auf dem Platz imi­tie­ren Män­ner das Jagd­ru­del von ehe­dem und kämp­fen gegen ein ande­res Rudel. Die Rän­ge bil­den den Ort der Par­tei­nah­me, der emo­tio­na­len Auf­wal­lung, der Ent­hem­mung, der Trieb­ab­fuhr. Das Sta­di­on gehört zu den raren Klau­su­ren, wo der von Ver­hal­tens­vor­schrif­ten und Tabus umstell­te moder­ne Mensch sich noch gehen las­sen kann. Die Fan­kur­ve ist die letz­te Bas­ti­on gegen den Tota­li­ta­ris­mus der Tole­ranz­er­zwin­ger. Hier hüten von den Medi­en sonst gern über­se­he­ne Nor­ma­los das hei­li­ge Feu­er des tem­po­rä­ren Men­schen­rechts, sich dane­ben­zu­be­neh­men, zu flu­chen, zu höh­nen, sich maß­los zu echauf­fie­ren und dem Geg­ner unzi­vi­li­sier­te Belei­di­gun­gen zuzubrüllen.

Wer dort in irgend­ei­ner Wei­se hin­ein­maß­re­geln will, kann sich dar­auf ver­las­sen, dass unan­ge­mes­se­ne, ja pöbel­haf­te Reak­tio­nen aus dem Publi­kum fol­gen. Und damit wäre wohl auch die Fra­ge beant­wor­tet, wem beken­nend schwu­le Fuß­bal­ler etwas nüt­zen wür­den. Es gibt eine gewis­se Kli­en­tel, deren Lebens­glück und oft auch ‑unter­halt davon abhän­gen, dass sie Dis­kri­mi­nie­run­gen auf­spürt und anpran­gert. Die­se Lob­by will ihre Auf­ga­be bestä­tigt sehen, indem sie nach­weist, dass die Fan­kur­ve ‚homo­phob’ ist (so wie die ‚Mit­te’ angeb­lich ‚extre­mis­tisch’) und noch unend­lich viel erzie­he­ri­sche Arbeit zu tun bleibt.”

Der Kom­men­tar schloss mit den geflü­gel­ten Worten:

„Die Gren­zen der gebo­te­nen Tole­ranz sind erreicht, wenn sie in Beläs­ti­gung umzu­schla­gen beginnt.”

Ich ken­ne eine Rei­he nicht­lin­ker und total unwo­ker Schwu­ler, denen das Geze­ter der Homo-Lob­by immer pein­lich gewe­sen ist, aber man wird ihnen dem­nächst wohl ihre Homo­se­xua­li­tät ein­fach aberken­nen. Bekannt­lich haben Schwu­le heu­te in vie­len Städ­ten und Frei­bä­dern Angst, als sol­che erkannt zu wer­den, weil die Par­tei­en, denen sie die Wah­rung ihrer Inter­es­sen naiv anver­trau­ten, in statt­li­cher Zahl eine Kli­en­tel impor­tier­ten und wei­ter­hin impor­tie­ren, die Homo­se­xua­li­tät nicht beson­ders lei­den mag. Da die besag­ten Par­tei­en die­se Kli­en­tel als ein, ver­gli­chen mit den Homo­se­xu­el­len, weit wir­kungs­mäch­ti­ge­res Betreuungs‑, Deho­mo­ge­nie­rungs- und Droh­kol­lek­tiv iden­ti­fi­ziert haben, läuft die Isla­mo­pho­bie der Homo­pho­bie so sou­ve­rän den Rang ab wie Sam­bi­as Fuß­ball­el­fe Bar­bra Ban­da den DFB-Spie­le­rin­nen. Die Femi­nis­tin­nen wie­der­um, und die Les­ben als deren Kern­trup­pe, wer­den momen­tan von den Trans­se­xu­el­len aus Wahr­neh­mung und Dis­kurs ver­drängt. Die Revo­lu­ti­on frisst, wie gewöhn­lich, ihre Kinder.

Mal sehen, wie lan­ge es den Ver­ei­nen gelingt, ihre mus­li­mi­schen Spie­ler, die ja (fast) aus­nahms­los so den­ken bzw. emp­fin­den wie Nme­cha, den Regeln der LGBTQ-Omer­tá zu unter­wer­fen. Schließ­lich ist Gen­der gegen Allah, und des­halb ist Allah gegen Gender.

Dar­auf schon mal einen Dujardin!

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Der ehe­ma­li­ge Bild-Chef­re­dak­teur Juli­an Rei­chelt hat erklärt, in der Geschich­te sei immer das­sel­be pas­siert, wenn poli­ti­sche Flag­gen vor den Gebäu­den der Poli­zei  auf­ge­hängt wur­den: Es habe poli­ti­sche Ver­fol­gung begonnen.

Die­ser Gedan­ken­gang leuch­te­te Ber­lins soge­nann­tem Que­er­be­auf­trag­ten Alfon­so Pan­tis­a­no der­ma­ßen ein, dass er ihm umge­hend mit einer Straf­an­zei­ge gegen Rei­chelt sekundierte.

In einem Tweet hat­te Rei­chelt dar­über mokiert, dass vor dem Ber­li­ner Poli­zei­prä­si­di­um die Regen­bo­gen­fah­ne auf­ge­zo­gen wur­de; es soll­ten, schrieb er, „vor der Poli­zei und vor den düs­ters­ten Fas­sa­den unse­rer Geschich­te nie wie­der die Flag­gen einer poli­ti­schen Bewe­gung gehisst” wer­den. Das, fuhr es Pan­tis­a­no durchs Gedan­ken­fach, könn­te, zumin­dest im bes­ten Deutsch­land ever, eine Anzei­ge wegen Volks­ver­het­zung recht­fer­ti­gen. „Wenn wir uns gegen Hass und Gewalt gegen que­e­re Men­schen aus­spre­chen, dann ist es unse­re Auf­ga­be, sol­che Vor­fäl­le zu ahn­den“, schrieb der Spe­zi­al­de­mo­krat auf Face­book. „Ich ver­traue sehr auf unse­re Sicher­heits- und Ermitt­lungs­be­hör­den, die sich nun mit die­sen Straf­tat­be­stän­den aus­ein­an­der­set­zen werden.“

Man sieht: Das Ver­trau­en auf die Sicher­heits- und Ermitt­lungs­be­hör­den im Grü­nen Reich schwankt je nach Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit bzw. ‑prä­fe­renz.

Dem Tages­spie­gel sag­te Pan­tis­a­no, Rei­chelt brin­ge „die que­e­re Com­mu­ni­ty in die Nähe der Natio­nal­so­zia­lis­ten, was ich eine geschichts­ver­ges­se­ne Unge­heu­er­lich­keit fin­de“. Und was macht ein ech­ter Que­er­den­ker, wenn er etwas unge­heu­er­lich fin­det? Melden!

Man soll­te den Volks­ver­het­zungs­pa­ra­gra­phen um ein Ver­gleichs- und Asso­zia­ti­ons­ver­bot erwei­tern und das „Zei­gen ver­fas­sungs­feind­li­cher Sym­bo­le” um das „Zie­hen ver­fas­sung­feind­li­cher Ver­glei­che” als Straf­tat­be­stand ergän­zen. Damit a Ruh’ is!

Nur Bös­wil­li­ge kön­nen auf die Idee kom­men, die Regen­bo­gen­be­flag­gung ähne­le jener in der DDR, der Sowjet­uni­on oder im Drit­ten Reich. Sie ist doch bunt!

Und die Haupt­stadt der Bewe­gung ist München.

Also ich kann beim bes­ten Wil­len kein Haken­kreuz entdecken.

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Amü­sant, wenn einer aus der eige­nen Bla­se das „Nar­ra­tiv” zerschießt.

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Zum Klima-„Narrativ” gehört bekannt­lich die Sto­ry, die Hit­ze stei­ge­re bei unse­ren ori­en­ta­li­schen Eski­mos den ansons­ten erfreu­lich unter­ent­wi­ckel­ten Aggres­si­ons­drang ins nahe­zu Bio­deut­sche und sei auch für die jüngs­ten Vor- und Zwi­schen­fäl­le in Frei­bä­dern ver­ant­wort­lich. Was bei star­kem Son­nen­lich­te bese­hen ja nichts ande­res heißt als: Erst machen sie mit ihrem CO2-Aus­stoß das Kli­ma kaputt, dann regen sie sich auf, wenn als direk­te Fol­ge ihrer Umweltsaue­rei mal einem deut­schen Mädel im Schwimm­be­cken die Brust lieb­kost oder ein Bade­meis­ter scherz­haft zu Boden geboxt wird.

Leser *** erin­nert in die­sem Zusam­men­hang an einen Spie­gel-Arti­kel aus dem Juli 1964 über ähn­li­che kli­ma­be­ding­te Zwi­schen­fäl­le in fran­zö­si­schen Bade­an­stal­ten – ich habe ihn hier schon vor ein paar Jah­ren zitiert, aber man kann vor men­schen­ge­mach­ten  Ent­wick­lun­gen ja gar nicht oft genug war­nen –, in dem es u.a. heißt:

„Den Pari­se­rin­nen wird das Plät­schern ver­gällt. Wo ein ver­ein­zel­ter Biki­ni im Frei-Bas­sin pad­delt, ist er bald von bräun­li­chen Schwim­mern ein­ge­kreist und ange­taucht. Zehn, zwan­zig Alge­ri­er-Hän­de zer­ren an den Ver­schlüs­sen des Bade­kos­tüms und rau­ben der Trä­ge­rin das Tex­til. (…) In den haupt­städ­ti­schen Schwimm­was­sern wer­den die Brau­nen sich wei­ter­hin tum­meln, um die Bai­gneu­sen anzu­tau­chen und abzu­tas­ten. Der für Musel­ma­nen unge­wohn­te Anblick knap­per Biki­nis läßt die Schwim­mer Freu­den ahnen, die sie sonst schwer fin­den: Unter den 600 000 Frank­reich-Alge­ri­ern sind nur 40 000 Frauen.”
Das wirkt zwar einer­seits erstaun­lich aktu­ell, doch ande­rer­seits fragt sich der kri­ti­sche Leser ange­sichts einer so offen­kun­di­gen Täter-Opfer-Umkehr, wann die Brü­der und Schwes­tern vom beschä­dig­ten Kli­ma an der Ham­bur­ger Relo­ti­us­spit­ze die­sen ultra­ras­sis­ti­schen Arti­kel end­lich einem Win­s­ton Smith zum Vapo­ri­sie­ren über­ant­wor­ten wollen.
Zumal dort oben­drein noch eine Selek­ti­on künf­ti­ger Kli­ma­flücht­lin­ge ange­deu­tet wird: „Um Alge­ri­en vor der Ent­völ­ke­rung und Frank­reich vor wei­te­rem Zustrom eini­ger­ma­ßen zu bewah­ren, ver­ein­bar­ten Paris und Algier jedoch Mit­te April, die Aus­wan­de­rer künf­tig schon in der Hei­mat zu sie­ben: Ein in den alge­ri­schen Groß­städ­ten ein­ge­rich­te­ter Gesund­heits-Ser­vice wird die Frank­reich-Fah­rer ab 1. Juli auf Tuber­ku­lo­se und Geschlechts­krank­hei­ten prü­fen. So ent­fällt die Fra­ge des Rück­trans­ports abge­wie­se­ner, oft mit­tel­lo­ser Ein­wan­de­rer, und Frank­reich erspart sich das Odi­um, arme Unter­ent­wi­ckel­te von sei­nen Küs­ten ins Meer zu stoßen.”
Hélas!

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Die­ser Ein­wand scheint mir nicht unbe­rech­tigt zu sein.

Ich sag­te unlängst zu der inzwi­schen legen­dä­ren – und von den Medi­en in pro­pa­gan­da­schul­mä­ßi­ger Per­fi­die ver­dreh­ten – For­mu­lie­rung, Gau­land habe zum Aus­druck brin­gen wol­len, dass die Nazis schei­ße sind – ein Scheiß­hau­fen in der deut­schen Geschich­te –, sich aller­dings bei der Wahl der Meta­pher in der Dimen­si­on des besag­ten Hau­fens ver­grif­fen. Stell­te der Red­ner indes ein­zig die Zeit­stre­cken ein­an­der gegen­über, dann sind zwölf Jah­re inmit­ten von tau­send tat­säch­lich nur ein „Vogel­schiss”.

Ob nun so oder so, Gau­land hat die­ses Gleich­nis nicht im Ansatz auf die Ver­bre­chen des NS-Staa­tes bezo­gen. Trotz­dem hat sich die­se Lüge durch­ge­setzt wie die Chem­nit­zer „Hetzjagden”-Lüge und all die ande­ren offi­zi­el­len Propagandalügen.

PS: „Ihre The­se”, notiert Leser ***, „die berühm­ten zwölf Jah­re der deut­schen Geschich­te sei­en mör­de­ri­scher als die ander­wei­ti­gen tau­send gewe­sen (1,2 Pro­zent), ruft schon aus quan­ti­ta­ti­ven Grün­den nicht nur begrün­de­te Zwei­fel her­vor, das auch aber nicht nur aus rhe­to­ri­schen Grün­den sar­kas­ti­sches, womög­lich gar sar­do­ni­sches Lachen begleitet.”

Wenn man die Toten aller Krie­ge addiert, kön­nen die tau­send mit den zwöl­fen halb­wegs kon­kur­rie­ren, ja. Die Fra­ge ist zum einen, wie man den Begriff „mör­de­ri­scher” aus­legt – was den pro­zen­tua­len Anteil der Opfer an der Gesamt­be­völ­ke­rung angeht, war der Drei­ßig­jäh­ri­ge Krieg der mör­de­rischs­te, den Deutsch­land erlebt hat –, zum ande­ren, wem man wel­che Opfer anlas­tet. Ich win­de mich jetzt aus der Sache her­aus mit der Fest­stel­lung, dass alle deut­schen Herr­scher der tau­send Jah­re nicht so vie­le Opfer pro­du­ziert oder ver­schul­det haben wie der eine Füh­rer in den zwölfen.

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Die Son­ne bringt es an den Tag. Der deut­sche Mensch von unge­fähr fünf­und­vier­zig Jah­ren abwärts ist inzwi­schen vor allem eins: täto­wiert. Ins­be­son­de­re in Ber­lin regis­trie­re ich scha­ren­wei­se Täto­wier­te bei­der­lei Geschlechts, bei denen wenig Haut­flä­che mehr frei ist, dar­un­ter sol­che, die nur ein hart­ge­sot­te­ner Sexist wie ich noch als weib­lich zu lesen ver­mag – das Scham­ge­fühl ver­wehrt mir, die Bil­der genau­er zu betrach­ten. Unlängst lief mir dort eine jun­ge, üppi­ge Maid ent­ge­gen, bei der ich wähn­te, sie trü­ge blaue Leg­gins, bis sich aus der Nähe her­aus­stell­te, dass die Stamp­fer­chen durch­gän­gig blau­ge­sto­chen waren. Und immer frü­her fan­gen sie damit an, sich irgend­ein exis­ten­ti­el­les Zwi­schen­fa­zit ste­chen zu las­sen! Wenn ich mir über­le­ge, ich hät­te das, was mir mit neun­zehn, zwan­zig Jah­ren im Kopf her­um­ging, auf mei­ner Haut ver­ewigt, wird mir ganz blü­mer­ant zumute.

Aber damals war es gott­lob noch kein Trend. In mei­ner Teen­ager­zeit gal­ten die blau­en Stig­ma­ta als Erken­nungs­merk­mal von Män­nern, die im Knast geses­sen hat­ten (Frau­en tru­gen so etwas nicht, jeden­falls nicht an all­ge­mein sicht­ba­ren Stel­len). See­leu­te und Eth­ni­en mit Tat­too-Tra­di­ti­on gab es in der „Ehe­ma­li­gen” ja kaum bzw. gar nicht. Aber alle bedeu­ten­den Schlä­ger, die ich kann­te, waren täto­wiert. Man las die­se Bema­lun­gen also wie Warn­si­gna­le. Sie blie­ben auf spe­zi­el­le Milieus beschränkt, zwi­schen­zeit­lich hat­te ich ihrer nicht mehr geach­tet, und nun, drei­ßig Jah­re spä­ter, wim­melt die kol­lek­ti­ve deut­sche Epi­der­mis nur so von Tat­toos. Warum?

Eine prak­ti­sche Erklä­rung lie­fer­te ein Freund, der sag­te: Erst habe der Sport im All­ge­mei­nen und der Body-Buil­ding-Trend im Beson­de­ren die Kör­per geformt, danach habe man sich die Haa­re vom trai­nier­ten Kör­per rasiert und plötz­lich ent­deckt, dass die frei­ge­leg­te Lein­wand einer Bema­lung bedür­fe. Jetzt sei­en eben die Maler am Werk. Das leuch­tet ein. Ich ver­mu­te über­dies, dass stark täto­wier­te Frau­en (auch) eine ero­ti­sche Bot­schaft sen­den: Mich kannst du hart her­neh­men, ich hal­te was aus.

Aber das sind nur Sekun­där­phä­no­me­ne. Pri­mär mar­kie­ren die Bema­lun­gen einen Para­dig­men­wech­sel. Täto­wie­ren ist eigent­lich ein Brauch der Unter­schich­ten. Wir erle­ben seit Jah­ren eine Umkeh­rung des kul­tu­rel­len Ein­flus­ses; statt dass die obe­ren Klas­sen oder Schich­ten mit ihren Sit­ten die unte­ren beein­flus­sen, über­neh­men sie deren Gepflo­gen­hei­ten und hal­ten das für „authen­tisch”. Es ist ein Kul­tur­ver­falls­sym­ptom sui gene­ris: Oben und unten wer­den habi­tu­ell unun­ter­scheid­bar. Die Luxus­vor­stel­lun­gen eines Fir­men­chefs oder Poli­ti­kers ähneln inzwi­schen denen eines Gangs­ta-Rap­pers. Über die gesam­te west­li­che Welt ist die Kul­tur der Unter­schicht hereingebrochen.

Die­ser Pro­zess ist eine logi­sche Fol­ge des 1968er Destruk­ti­ons­thea­ters; die Befrei­ung des Men­schen von den „bür­ger­li­chen Zwän­gen” lief natur­ge­mäß dar­auf hin­aus, dass er sei­nen ani­ma­li­schen Trie­ben mehr Aus­lauf ver­schaf­fen durf­te. Am signi­fi­kan­tes­ten ver­kör­per­ten die soge­nann­te sexu­el­le Revo­lu­ti­on, der explo­die­ren­de Dro­gen­kon­sum und die Rock­mu­sik den neu­en Trend. Der ame­ri­ka­ni­sche Kul­tur­his­to­ri­ker Paul Fus­sell hat dafür den Begriff pro­le drift geprägt. Die Umkeh­rung der kul­tur­prä­gen­den Fließ­rich­tung von unten nach oben sei in tra­di­tio­nel­len Zivi­li­sa­tio­nen unvor­stell­bar gewesen.

Zur pro­le drift gehört auch die Schlei­fung der Umgangs­for­men, wovon heu­te vor­nehm­lich die all­ge­gen­wär­ti­ge Duze­rei zeugt. Die Res­te der aus der aris­to­kra­ti­schen Kul­tur gewach­se­nen bür­ger­li­chen wan­dern der­weil ins Muse­um; Oper, klas­si­sches Kon­zert, Haus­mu­sik, Salon, Tisch­sit­ten, Kon­ven­tio­nen, Kon­ver­sa­ti­on, Bil­dungs­ka­non, all das sind nur noch von distink­ten Käu­zen gepfleg­te Über­bleib­sel einer ver­schwin­den­den Epo­che. Wer einen Pro­zess namens pro­le drift über­haupt bemerkt, gehört schon zur Min­der­heit sol­cher Käuze.

Das Phä­no­men pro­le drift mani­fes­tiert sich auch in der Vor­lie­be für Mas­sen­ver­an­stal­tun­gen, Mas­sen­par­tys, Mas­sen­tou­ris­mus, Mas­sen­strän­de, Mas­sen­ski­pis­ten, über­haupt alles Mas­sen­haf­te; Box­kämp­fe, Fuß­ball­spie­le, über­haupt Sport­er­eig­nis­se als der zen­tra­le Kult unse­rer Zeit zäh­len eben­falls dazu. Wer das Publi­kum die­ser Mas­sen­ver­an­stal­tun­gen betrach­tet, wird bei des­sen Klei­dung einen Wan­del ins Funk­tio­na­le, Prak­ti­sche, Stil­lo­se, Beque­me, Belie­bi­ge, aber in ihrer Belie­big­keit ent­setz­lich Uni­for­me fest­stel­len. Womit wir wie­der bei den Täto­wie­run­gen wären.

***

Schau an, eine im Zuge des Per­so­nal­wech­sels hier­zu­lan­de in den Gemein­platz­rang auf­ge­stie­ge­ne Zote war bereits im bol­sche­wis­ti­schen Russ­land bekannt.

„Die bei­den Sol­da­ten (bei­de hat­ten sie selt­sa­mer­wei­se pocken­nar­bi­ge Gesich­ter) frag­ten, soviel ver­stand Krug, nach sei­nen (Krugs) Papie­ren. Er tas­te­te sei­ne Taschen nach dem Paß ab, wäh­rend sie ihn zur Eile trie­ben und eine flüch­ti­ge Lieb­schaft mit sei­ner Mut­ter erwähn­ten, die sie gehabt hat­ten oder zu haben gedach­ten oder zu der sie ihn einluden.

‚Ich bezweif­le’, sag­te Krug, immer noch damit beschäf­tigt, sei­ne Taschen zu durch­su­chen, ‚daß der­lei Wunsch­vor­stel­lun­gen, die wie Maden aus uralten Tabus her­vor­ge­kro­chen sind, wirk­lich in die Tat umge­setzt wer­den können –’ ”

Aus: Vla­di­mir Nabo­bov, „Das Bastardzeichen”.

Apro­pos.

Wuss­ten Sie nicht, dass Mike Tyson mit sei­nem Stil vor allem Axel Schulz und Regi­na Hal­mich beein­flusst hat?

 

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